Leseprobe

Hans Ulrich Abshagen
Generation Ahnungslos
Momentaufnahmen eines 17-Jährigen ´44

112 Seiten, gebunden
Reihe Zeitgut Schicksale
Zeitgut Verlag, Berlin
ISBN: 978-3-933336-43-9
Euro 9,80



Meine Kameraden (von links nach rechts)
oben: Gaida, Masuch, Höfer; Mitte: Krause, Albrecht, Abshagen,
unten: Strehlow, Malbrang, Bandow, in Freizeit-Klamotten in der Abendsonne auf dem Gelände der Infanterie-Kaserne in Deutsch Krone. Alle zehn wurden wir nach der Grundausbildung Offiziersbewerber.



aus dem Kapitel
Der Marsch nach Arnsfelde

... Für jeden Bewerber gab es ein Einzelgespräch mit dem NS-Führungsoffizier, einem Hauptmann, Glatzkopf, so um die 40 Jahre, hager, mit einer unangenehmen Stimme. Immer so von oben herab. Alle Kandidaten wussten, was jetzt schon wieder drankommt: Weltanschauung. Bestimmt soll man irgendwas sagen zum Thema »sicherer Endsieg«.
Ich will nicht durchfallen. Trotzdem habe ich mir vorgenommen, was Eigenständiges zu sagen. Mir wird die Frage gestellt, was ich zum Endsieg beitragen könne. Sicher ist der Glatzkopf so einfallslos und stellt jedem Bewerber die gleiche Frage.
»Herr Hauptmann«, antworte ich, »wir sollten in der Ausbildung etwas von der Mentalität der Amerikaner und der Russen lernen. Wenn ich einen Gegner kenne, kann ich ihn besser bekämpfen!«
»Wo haben Sie denn den Gedanken her, Bewerber ...«, er findet in den Papieren auf seinem Schreibtisch schließlich meinen Namen, »... Bewerber Abshagen?«
»Hat mir keiner gesagt, Herr Hauptmann. Ich denke, es ist richtig.«
»Und was denken Sie sonst noch zur Ausbildung? Sie wollen doch Offizier werden?«
»Die Ausbildung soll intensiv sein; sie soll aber nicht lange dauern, Herr Hauptmann. Unser Land ist in Gefahr. Ich will in den Kampf! Möglichst bald!«
»Sie werden den Eid ablegen für Führer, Volk und Vaterland?«
»Ich werde schwören: ›Für Führer, Volk und Vaterland!‹«

Am Schluss hieß es: »Bewerber Abshagen hat bestanden.«


Foto aus meinem Soldbuch, ausgestellt am 6. Juni 1944 in Deutsch Krone, Westpreußen. Damals ahnte ich nicht, dass ich über die Monate meiner militärischen Ausbildung in Westpreußen ein Buch schreiben würde. Auch von den dramatischen Ereignissen, die mein Leben völlig verändern würden, ahnte ich nichts. Ich war 17 Jahre alt, blauäugig und wollte nur eins: kämpfen und siegen.


aus dem Kapitel
Die Wache

... Ich hatte mir für die heutige Wache vorgenommen, an Rose zu denken, mir auszumalen ...
Plötzlich höre ich hinter mir ein Knacken im Unterholz. Ich drehe mich nicht um, entsichere aber meine Waffe. Mit schussbereitem Gewehr wende ich mich langsam um.
»Dein Gewehr kannste wieder sichern«, sagt der vom GR 572. »Sag’ mal, haste gepennt? Haben die angehenden Herren Offiziere keine Ahnung, was Wache heißt?«
»Sie haben Recht, Herr Obergefreiter, ich war für einen Augenblick nicht ganz aufmerksam. Wir haben übrigens beide nicht drauf geachtet, dass wir Blickverbindung halten sollten.«
»Seid ihr Offiziersbewerber immer so förmlich? Bald sind die Russen hier! Dann ist’s aus mit den Förmlichkeiten!«
»Die Russen werden das Reichsgebiet nie erreichen!«, erwidere ich. »Dafür sorgen wir, dafür sorgt ihr vom GR fünf-zweiundsiebzig und viele andere. Übrigens: Quatschen auf Wache ist verboten!«
Er geht zurück, wir halten aber Blickverbindung und geben uns ab und zu durch Zeichen zu verstehen, dass nichts los ist – wie immer auf Wache. Als die Dämmerung hereinbricht, erscheint es mir völlig unwahrscheinlich, dass sich noch irgend etwas Besonderes ereignen könnte.

Von meinem Posten aus kann ich in der Ferne hinter der Gronau-Kaserne den Bahnhof von Thorn sehen und das Rangieren der Züge hören. Als es dunkel wird, sind wegen der Verdunkelung natürlich keine Lichter zu sehen, aber die Geräusche werden deutlicher. Es ist sternenklar. Die Straße vom Bahnhof zum Fort liegt genau in meinem Blickfeld.
Jetzt kann ich endlich in meinen Gedanken an Rose schwelgen. Es ist immer die gleiche Abfolge. Ich spiele noch einmal die Szene unserer Bahnfahrt von Prenzlau nach Holzendorf durch. In meiner Phantasie sitze ich nicht wie ein dummer Tölpel im dunklen Abteil ihr gegenüber, nein, ich setze mich dicht neben sie und ergreife ganz selbstverständlich ihre Hand. Ich umschließe ihre Finger mit meiner Hand und spüre, dass sie diese Berührung genießt wie ich. Ich quatsche auch nicht auf sie ein, wie es in Wirklichkeit leider der Fall war. Wir schweigen beide und empfinden die körperliche Nähe. Unsere Fingerspitzen beginnen einander zu ertasten. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Ich wende ihr meinen Kopf zu, ich spüre ihren Atem und ihre Haare berühren mein Gesicht ...
Ein kurzer Pfiff mit der Trillerpfeife reißt mich aus meinem Traum. Das ist der Obergefreite. Unsere Trillerpfeife dürfen wir auf Wache nur benutzen, um unseren Wachkameraden auf etwas Unvorhergesehenes aufmerksam zu machen. Mit abgeblendeter Taschenlampe kommt jemand direkt auf mich zu. Ich halte meine Waffe in Bereitschaft, den Daumen am Sicherungsflügel. Gerade will ich rufen »Stehen bleiben oder ich schieße!«, als der Ankömmling seine Taschenlampe auf sein eigenes Gesicht richtet: Oberleutnant Junkmann!
Das hat es noch nie gegeben. Ich habe noch nie gehört, dass der Kompanieführer einzelne Posten während des Wachdienstes aufsucht. Ich nehme stramme Haltung an und melde:
»Grenadier Abshagen auf Wache. Keine besonderen Vorkommnisse!«
Dabei habe ich vor lauter Aufregung die alte Ehrenbezeigung durch Anlegen der rechten Hand an den Stahlhelm gemacht, anstatt mit dem Hitlergruß zu melden. Oberleutnant Junkmann dankt schmunzelnd gleichfalls regelwidrig mit dem alten Soldatengruß.
»Abshagen, stehen Sie bequem! Ich habe eine Nachricht für Sie, eine schlechte.«
»Herr Oberleutnant?«
»Seien Sie jetzt bitte nicht förmlich, Abshagen. Es ist etwas Privates.«
»Jawoll, ja, Herr Oberleutnant.«
»Ihr Vater, das ist doch Major Abshagen im OKW, Wolfgang Abshagen?«
»Jawoll, ja.«
»In der Abteilung Abwehr unter Admiral Canaris?«
»Ja, das ist er....«
»Ihr Vater wurde von der SS verhaftet. Wegen des Verdachts, Sie wissen schon: Attentat auf den Führer am 20. Juli. Er ist in Berlin im Gefängnis, in Moabit....«


aus dem Kapitel
Die Reise Berlin- Thorn

Vorgestern früh in Thorn beim Appell im Fort XV wurde ich zum Spieß beordert. In die Schreibstube.
»Grenadier Abshagen!«
»Herr Oberfeld?«
»Sie fahren heute Mittag nach Berlin!«
»??«
»Der beste Gewehrschütze! Das sind Sie doch?«
»Jawoll, Herr Oberfeld!«
»Hier ist Ihr Marschbefehl!«
Ich erhielt den begehrten weißen DIN-A5-Zettel mit dem hellblauen Streifen von links unten nach rechts oben. Ich werde nach Berlin geschickt. Und das zu einer Zeit, wo kein Mensch nach Hause fahren darf!
»Heereswaffenamt«, sagte Aust weiter, »das ist in Berlin. Am Bahnhof Zoo. Zwei Zielfernrohre abholen. Noch bessere als das, was Sie ausprobiert haben. Was für Scharfschützen. Also was für Sie. Verstanden?«
»Jawoll, Herr Oberfeld!«
»Sowie Sie zurück sind, melden Sie sich bei mir! Und jetzt – Herr Oberleutnant Junkmann will Sie sehen. Abtreten!« ...


aus dem Vorwort

Dieses Buch behandelt die Monate Juni bis November 1944 meiner Militärausbildung in Westpreußen und beschreibt die Welt von Heranwachsenden, die tüchtige Offiziere werden wollen. Es ist der Versuch, die Geschehnisse mit den Gedanken und der Sprache des damals Siebzehnjährigen darzustellen. Dabei helfen mir meine Briefe aus dieser Zeit, die ich im Nachlass meiner Mutter gefunden habe.

Alles, was ich schreibe hat so und nicht anders stattgefunden. Mein Vorgesetzter, Oberleutnant Junkmann, war ein Nazi-Gegner. Der Leser wird es merken. Der damals siebzehnjährige Verfasser hat es nicht gemerkt. Er war politisch ahnungslos.

Nach heutigen Maßstäben wurde ich streng erzogen; aber zwischen meinen Eltern, meiner Schwester und mir herrschte ein freier Umgang mit den Meinungen anderer, mit einer Ausnahme: Über den Nationalsozialismus wurde zu Hause nicht gesprochen. Außerhalb der Familie und in der Öffentlichkeit gab es nur Befehlen und Gehorchen, und es wäre töricht zu behaupten, dass dieses Umfeld mich damals nicht geprägt hätte.

Hans Ulrich Abshagen
Berlin, Mai 2003


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