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Getäuscht
und veraten 38 Geschichten und
Berichte von Zeitzeugen. |
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Leseproben
aus dem Buch
Neunhof nahe Nürnberg Immenstadt im Allgäu, Bayern; 19321939 Barfuß
in der Herbstsonne
(Auszug) ... Das Landleben hatte für uns Kinder jedoch auch Nachteile. Der Schulweg war sehr weit und umständlich. An einen Schulbus war nicht zu denken. Alle Kinder mußten zum Unterricht drei Kilometer bis ins nächste Dorf laufen. Dort gab es nur zwei Klassen. In der einen waren das erste bis vierte Schuljahr zusammengefaßt, in der anderen das fünfte bis achte. Wir drei
Oberschüler marschierten ebenfalls jeden Tag bis zu diesem Dorf,
um von dort mit dem Linienbus nach Nürnberg zu fahren. Die beiden
Jungen mußten dann noch die Straßenbahn in die Innenstadt
nehmen. Da mein Mädchen-Lyzeum nur zwei Straßenbahnhaltestellen
entfernt lag, hatte meine Mutter entschieden, daß ich zu Fuß
gehen sollte. Dadurch würden bei der Monatskarte zwei Reichsmark
eingespart. Ich mischte mich trotzdem immer frech unter die anderen
Schüler und hob, wenn der Schaffner kam, für einen kurzen
Moment meine Monatskarte hoch. Lange Zeit ging das gut, bis mich der
Schaffner letztlich doch erwischte. Er nahm mir die Karte ab und verlangte,
daß ich sie mir nach der Schule am Straßenbahndepot abholte.
Jetzt saß ich schön in der Falle, denn dort hatte mein
Vater sein Büro. Nicht auszudenken, wenn er mich gesehen und
den Grund meines Kommens erfahren hätte! Die Naziwelle schwappte 1933/34 auch in unser verschlafenes Dorf. Wir Kinder ab zehn Jahren wurden aufgefordert, in die NS-Jugendorganisation eintreten. (Ab 1939 war die Mitgliedschaft in den NS-Jugendorganisationen verbindlich). Mein Bruder war bald Jungscharführer und ich Jungmädelführerin. Wir waren begeistert und fanden es herrlich, gemeinsam Sport zu treiben, Lieder zu singen, nach Nachtmärschen müde am Lagerfeuer zu sitzen und Gespenstergeschichten zu erzählen. Wir waren überzeugt, daß wir das alles dem Führer zu verdanken hatten. Die eigentliche Politik interessierte uns weniger.
In meine
Klasse im Lyzeum gingen sechs jüdische Mitschülerinnen.
Wir hatten wenige Probleme miteinander. Sie bildeten immer eine Gruppe
für sich. Alle stammten aus sehr reichen Familien. Eine nach
der anderen kam dann nicht mehr zur Schule. Die Familien waren nach
Amerika oder in die Schweiz ausgewandert. Mit 14 Jahren wurden wir Mädchen in den BDM, den Bund Deutscher Mädel, übernommen. Als Sportwartin mußte ich in den umliegenden Dörfern einmal in der Woche am Abend eine Sportstunde abhalten. So war ich viermal in der Woche mit dem Fahrrad unterwegs. Ich erfüllte meine Aufgabe mit Begeisterung und war sehr stolz, als ich im Winter 1935 zur Belohnung für meine gute Arbeit zu einem dreiwöchigen Skikurs in den Alpen einberufen wurde. (Es hieß tatsächlich so!) Die Schulleitung mußte mich drei Wochen freistellen. Alle beneideten mich darum. ... In Immenstadt stiegen wir aus dem Zug, 15 Mädchen, alles BDM-Sportwartinnen. Keine von uns hatte vorher auf Skiern gestanden. Auf dem Rücken trugen wir einen schweren Tornister mit dem Schlafsack obenauf. Nun mußten wir die Skier anschnallen, und los ging es. Drei Stunden Aufstieg zur Alpe Gund. Wir rutschten ohne Felle mehr rückwärts als vorwärts. Der Skilehrer brüllte uns dauernd an: Macht schneller, schneller, wir müssen die Hütte noch vor Anbruch der Dunkelheit erreichen! Nach einer Stunde waren wir alle den Tränen nahe. Zum Glück überholte uns eine Gruppe Gebirgsjäger. Die Soldaten hatten Mitleid mit uns und übernahmen unsere schweren Tornister. Ein Soldat drückte mir eine dicke Schnur in die Hand und band diese um das Ende meiner Skier. Nun rutschte ich nicht mehr pausenlos rückwärts. Der Skilehrer brüllte weiter: Sportwartinnen wollt ihr sein, ihr lahmen Krücken? Dafür wirft der Führer sein Geld raus? In völliger Dunkelheit erreichten wir endlich die Hütte. Unsere Tornister lagen bereits da. Schon halb schlafend, schlüpften wir in die Betten und merkten nicht, daß der Raum, es war der Stall der Sennhütte, eiskalt war. Am anderen Morgen weckte uns der Skilehrer um 6 Uhr mit einer schrecklichen Trillerpfeife, deren Töne durch Mark und Bein gingen. Als wir nach dem Frühstück nach draußen liefen, waren wir überwältigt: herrlicher Sonnenschein, glitzernder Neuschnee und ringsum die Berge!
Der Skikurs war kein Honiglecken. Um 6 Uhr wecken, Morgentoilette am einzigen Wasserhahn, der meist eingefroren war. Ein Trost in dieser Zeit war uns die Köchin, im Sommer arbeitete sie als Sennerin auf der Alm. Sie hatte Mitleid mit uns und brachte aus der Küche einen großen Topf mit warmem Wasser und eine Wasserkanne zum Zähneputzen. Nun tauchte jedes Mädchen seinen Waschlappen in den großen Topf, damit war die Katzenwäsche erledigt. Für die abendliche Körperreinigung stellten wir mittags Eimer mit Schnee vor die Hütte, der in der Sonne schmolz. Nach
dem Skierwachsen und Frühstück ging es Punkt 8 Uhr bis 12
Uhr auf den Übungshang und nach einer Stunde Mittagspause bis
zum Dunkelwerden erneut dorthin. Der österreichische Skilehrer
schrie sich heiser: Das soll a Stemmbogn sei? Der Führer
jagert eich alle zum Teifi! Zu der
Zeit war Österreich noch nicht heim ins Reich geholt
worden. Mir kamen erste Zweifel am Sinn meiner Sportwartinnentätigkeit.
Doch als ich beim Abfahrtslauf am Ende als Siegerin hervorging und
eine Medaille erhielt, waren alle Bedenken vergessen. ... Einmal
nahm mich eine Freundin, deren Vater eine hohe Position bei der SA
hatte, zum Reichsparteitag nach Nürnberg mit. Wir standen am
Zeppelinfeld auf der Tribüne, unweit der Stelle, von der Hitler
sprach. Er nahm die Parade der Arbeitsdienstler ab, die in endlosen
Zwölferreihen einmarschierten. Ihre geschulterten Spaten blitzten
in der Sonne. Nachdem sie grüßend am Führer
vorbeigezogen waren, schwenkten sie auf das Zeppelinfeld ein. Wir
waren überwältigt und schrien aus Leibeskräften: Heil,
Heil!
[Bad
Pyrmont Hameln, Niedersachsen; Noch
ein Jahr Frieden Als Synagogen brannten, Juden verhaftet und verschleppt wurden, war ich 13 Jahre alt. Hitler holte Österreich Heim ins Reich. Deutsche Soldaten marschierten in die Tschechoslowakei ein. Die Reden des Führers tönten aus dem Radio, und immer jubelte das Volk ihm zu. Mein Leben verlief geordnet. Zwei Nachmittage in der Woche, Sonnabend und Mittwoch, waren mit Dienst bei den Jungmädeln belegt, an einem Nachmittag ging ich ins Gemeindehaus zum Konfirmandenunterricht, an einem anderen zur Klavierstunde. Dafür mußte ich jeden Tag üben. Unsere Zusammenkünfte bei den Jungmädeln verliefen inzwischen etwas anders als früher. Während wir sonst Lieder lernten und sangen, Geschichten und Gedichte lasen, sammelten wir jetzt Heilkräuter, die unsere Führerin in der Apotheke ablieferte. Auf diese Weise lernten wir die verschiedensten Blüten kennen, Huflattich und Kamille, Linden und Holunder. Dabei erzählten wir uns alles, was für Mädchen dieses Alters von Interesse ist. Wir blödelten mehr, als daß wir die richtigen Pflanzen fanden. Aber
im Winter taten wir wirklich unsere Pflicht. Wir sammelten Altkleider,
Papier, Aluminium, Eisen und Knochen. Eine von uns brachte einen hölzernen
Bollerwagen mit, in den wir alles hineinpackten. Mit einer Klingel
zogen wir durch die Straßen. Die Haustüren öffneten
sich, Frauen und Kinder reichten uns alte Töpfe, Eisenstangen,
Kleidungsstücke, Zeitungen, Zahnpastatuben oder Stanniolpapier
heraus. Wir nahmen einfach alles, wollten wir doch mithelfen, des
Führers Fünfjahrplan zu erfüllen! Mit einem Dankeschön
und Heil Hitler! zogen wir weiter, bis der Wagen voll
war. An der Sammelstelle lobte man uns ob des großen Fleißes. Meine Eltern hörten allabendlich sehr aufmerksam die Nachrichten. Ich hatte volles Vertrauen zu unserem Führer. Er wird es schon richtig machen, dachte ich in meiner kindlichen Einfalt. Den großdeutschen Himmel über mir und die Geborgenheit in unserer kleinen Familie, der arischen Abstammung gewiß, da brauchte ich keine Angst vor der Zukunft zu haben. Als ich
14 Jahre alt wurde, kam ich automatisch von den Jungmädeln zum
Bund Deutscher Mädel. Der Wechsel bedeutete für mich, den
Kinderschuhen entschlüpft zu sein. Außerdem wurde ich 1939
konfirmiert und erhielt in einem pompös ausgestatteten Saal zusätzlich
die Jugendweihe. Alle diese Ereignisse stärkten mein Selbstbewußtsein.
Ich fühlte mich groß, konnte jetzt Verantwortung übernehmen.
Meine früheren Freundinnen gingen inzwischen schon arbeiten. In den Sommerferien wurde mein Vater zu einer Reserveübung einberufen. Als er nach vier Wochen, zum Oberleutnant befördert, heimkam, äußerte er Bedenken über die Zukunft. Von nun an ließen wir keine Rede von Hitler, keine Nachrichten aus. Waren wir im Garten, liefen wir stündlich an das geöffnete Stubenfenster, in dem das Radio stand. Die Stimmung war bedrückend, immer wieder fragten sich die Leute: Gibt es Krieg? In der
Nacht zum 26. August 1939 klingelte es an unserer Haustür. Mein
Vater erhielt den Gestellungsbefehl. Wir Kinder schliefen, hörten
zunächst nichts davon. Gegen 4 Uhr wurde ich wach. Mein Vater
stand in Uniform an meinem Bett, nahm mich in den Arm und gab mir
einen Kuß. Er sprach dabei kein einziges Wort. Zum zweiten Mal
in seinem Leben würde er in den Krieg ziehen müssen. Der
Krieg hatte zwar offiziell noch nicht begonnen, die Offiziere wußten
jedoch Bescheid, daß es nur noch eine Frage von wenigen Tagen
war. Am Morgen
des l. September 1939, noch bevor wir zur Schule gingen, wurde im
Radio der Ausbruch des Krieges verkündet. Ab 5.45 Uhr wird
zurückgeschossen, sagte der Führer. Bis zum letzten
Augenblick hatten wir gehofft, daß es nicht dazu kommen würde.
Betroffen sahen wir uns an. Dann nahm Mutter uns Kinder in den Arm. Am Sonntag, dem 3. September, besuchten wir Vater in der Kaserne in Hameln. Wir liefen die langen, tristen Gänge entlang, in denen Soldaten mit Metallspänen das Parkett putzten. Einer schrie: Melde gehorsamst Herrn Oberleutnant den Besuch seiner Frau Gemahlin und seiner Kinder!
Ich war
erstaunt über die Präzision dieser Meldung. In einem
kleinen Lokal an der Weser tranken wir im Garten Kaffee. Meine Mutter
hatte wie immer zum Sonntag einen Kuchen gebacken, den sie bei solchen
Gelegenheiten stets mitnahm, denn das war billiger als welchen zu
kaufen. |
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