Leseprobe

Mauer-Passagen
Grenzgänge, Fluchten und Reisen
1961-1989

46 Geschichten und Berichte von Zeitzeugen
368 Seiten, viele Abbildungen, Mauer-Chronologie, Ortsregister
Reihe Zeitgut Band 19
ungekürzte Taschenbuchausgabe
ISBN 978-3-86614-171-1
9,90 EUR

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[West-Berlin; 12./13. August 1961]

Hermann Meyn
Allein auf weiten Fluren

Es war die Nacht der Nächte, jedenfalls für einen 26jährigen, der einige Wochen zuvor auf Honorarbasis für 60 Mark pro Schicht in der Nachrichtenredaktion des RIAS angeheuert hatte. Kurz vor zwei Uhr stürzte an diesem 13. August 1961 ein spärlich bekleideter Amerikaner in den Nachrichtenraum, in dem ich mutterseelenallein versuchte, vier unablässig klingelnde Telefonapparate zu bedienen, und fragte mich in gebrochenem Deutsch: "Sind die Verbindungswege betroffen?"
Ich antwortete: "Nein, es geht um die Abriegelung Ost-Berlins."
"Dann ist alles okay", sagte er sichtlich erleichtert und verschwand so schnell, wie er gekommen war.

Ich war fassungslos. So hatte ich mir das Engagement der größten westlichen Weltmacht für die Freiheit Berlins nicht vorgestellt. Aber zu längerem Nachdenken blieb mir keine Zeit. Seit einer reichlichen halben Stunde bemühte ich mich bereits ebenso verzweifelt wie vergeblich, die US-Mission, die Chefredaktion des Senders, den Leiter der Nachrichtenredaktion und Kolleginnen und Kollegen zu erreichen. Diese Reihenfolge sah der Alarmplan vor, nach dem ich im Falle eines Falles handeln sollte. Meine Schicht begann um Mitternacht. Normalerweise ein ruhiger Sechs-Stunden-Job bis zum nächsten Morgen. Damals strahlte der RIAS, der Rundfunk im amerikanischen Sektor, stündlich Nachrichten aus, die während dieser Schicht nur selten verändert wurden. Nun war allerdings in den letzten Wochen der Strom von DDR-Flüchtlingen nach West-Berlin sprunghaft gestiegen. Tag für Tag berichteten die Westmedien triumphierend über neue Rekorde der Abstimmung mit den Füßen. Die Reaktion des SED-Regimes auf diese Fluchtwelle war unklar. Der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht hatte noch vor kurzem anläßlich einer Pressekonferenz auf die Frage einer westdeutschen Korrespondentin geantwortet, niemand denke daran, eine Mauer zu errichten. Dennoch blieb die politische Hochspannung in Berlin spürbar, es lag etwas in der Luft.

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier, im RIAS-Funkhaus in der Kufsteiner Straße in Berlin-Schöneberg, hatte ich in der Nacht zum 13. August 1961 Dienst und versuchte verzweifelt, die US-Mission und die Chefredaktion des Senders zu erreichen. Hörer hatten mich über die Einstellung des S-Bahnverkehrs und Absperrungen an der Grenze zu Ost-Berlin informiert.

Als ich an diesem Sonnabend kurz vor 24 Uhr in der Nachrichtenredaktion erschienen war, fragte ich routinemäßig die Kolleginnen und Kollegen von der Spätschicht, ob es irgendetwas Besonderes gäbe.
"Alles ruhig", lautete die Antwort, "wir wünschen eine ruhige Nacht." Sagten's und verschwanden.

Von nun an war ich der einzige Journalist im Haus, allein auf weiten Fluren, auf denen ich höchstens einmal einen Nachrichtensprecher traf, der für den Fall Bereitschaftsdienst hatte, daß tatsächlich einmal nachts die Nachrichten neu gesprochen werden mußten. Außer uns wachte noch jemand in der Telefonzentrale. Die Technik war ebenfalls besetzt. Und im Nebenraum harrte eine Mitarbeiterin aus, die mir die eventuell eingehenden Agenturmeldungen vorlegte.
Kurz nach Mitternacht klingelte das Telefon. Ein Hörer teilte mit, die S-Bahn, die damals den östlichen mit dem westlichen Teil Berlins verband, verkehre nicht mehr. Ich hielt das für eine individuelle Beobachtung ohne Nachrichtenwert und beruhigte den Anrufer, er möge nicht so ungeduldig sein. Nachts seien eben die Fahrabstände ein wenig größer. Aber die Anrufe häuften sich - der RIAS galt damals als eine der wichtigsten Informationsquellen, wurde aber auch nachts gelegentlich als Seelsorgestation benutzt. Da ich zu diesem Zeitpunkt der einzige war, der Auskünfte geben konnte, stellte die Zentrale sämtliche Anrufe zu mir in die Nachrichtenredaktion durch. Vollauf damit beschäftigt, gleichzeitig vier Telefonapparate zu bedienen, die unglücklicherweise auch noch so weit voneinander entfernt standen, daß ich ständig um mehrere zusammengestellte Schreibtische herumrennen mußte, hörte ich dennoch, daß plötzlich nebenan der Nachrichtenticker lief. Nichts als unverständliche Nachrichten.

Es war die amerikanische Nachrichtenagentur AP, die gegen ein Uhr über ein Kommuniqué der Warschauer Paktstaaten berichtete. Minutenlang bemühte ich mich, den Text zu verstehen. Darin war von "Maßnahmen" die Rede, ohne daß gesagt wurde, was damit konkret gemeint war - von Hinweisen auf die Teilung Berlins durch Stacheldraht und Sperren keine Spur. Eine Sekretärin war nicht zur Stelle, die Dame von nebenan konnte mit der Schreibmaschine nicht umgehen. Ich mußte mich also selbst ans Werk machen, ausnahmsweise, denn Nachrichten wurden damals im RIAS anhand von Agenturmeldungen grundsätzlich einer Sekretärin diktiert. Sobald ich einen Halbsatz getippt hatte, mußte ich wieder aufspringen, weil die Telefone klingelten. Nachtdienst zu dieser Zeit hieß, das hatte mir der RIAS-Nachrichten-Chef Hans-Werner Schwarze eingebläut, in erster Linie Telefonbedienung und im Notfall nach Plan Alarmierung der Verantwortlichen.

Bevor ich beim Sender in der Kufsteiner Straße in Schöneberg begann, arbeitete ich bereits zwei Jahre lang nebenbei als Korrespondent für den Südwestfunk. Zu meiner täglichen Lektüre gehörte deshalb das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland". Ich hatte also Übung darin, Parteichinesisch in die Alltagssprache zu übersetzen. Aber diese AP-Meldung über das Kommuniqué der Warschauer Paktstaaten überforderte mich schlichtweg. Ich konnte sie nicht entschlüsseln, erkannte nicht ihre politische Tragweite. Ich schaffte es nicht, für die Nachrichtensendung um ein Uhr eine Meldung zu formulieren, die klar zum Ausdruck brachte, worum es tatsächlich ging. Ja, es kam mit Ach und Krach eine Meldung zustande, aber sie war weitgehend unverständlich, und deswegen sah ich auch davon ab, nach dem Alarmplan zu verfahren.
Kurz nach ein Uhr lief eine knappe Meldung der Deutschen Presse-Agentur über den Ticker, in der zum ersten Mal konkret von Abriegelungsmaßnahmen am Brandenburger Tor die Rede war. Nun begann mein Kampf gegen vier Telefonapparate, die laufend klingelten, und mein Versuch, die Verantwortlichen zu alarmieren. Kostbare Minuten verrannen, bis endlich eine Leitung frei wurde. Ich kam durch, aber am anderen Ende der Leitung meldete sich niemand, weder die US-Mission noch die obersten Verantwortlichen auf deutscher Seite - es war zum Verzweifeln!

Das Schweigen der Schutzmacht

Gestützt auf mehrere Agenturen, vermittelten dann die Zwei-Uhr-Nachrichten, die ich trotz Telefonstreß formuliert habe, ein erstes realistisches Bild von der neuen Lage in Berlin. Irgendwie muß diese Meldung die RIAS-Spitzen in den Bars und auf den mitternächtlichen Sommerpartys erreicht haben. Allmählich füllte sich die Redaktion. Kolleginnen und Kollegen, die gar nicht auf dem Dienstplan standen, fanden sich ein. Das Programm wurde geändert, und nun informierte der RIAS praktisch pausenlos über die Geschehnisse mit Nachrichten pur rund um die Uhr.

Morgens um 6 Uhr war mein Dienst vorbei. Ich blieb noch eine Stunde länger, weil ich viel zu aufgewühlt von den nächtlichen Erlebnissen war und auch wissen wollte, wie die Schutzmächte reagieren würden. Daß sie nach längerem Schweigen nur protestieren würden, konnte ich mir an diesem Morgen nicht vorstellen, es hätte mir aber nach der nächtlichen Begegnung mit dem Vertreter der US-Mission klar sein müssen. Doch diese Fehleinschätzung teilte ich sicherlich mit vielen Berlinern, auch mit etlichen Kommentatoren in der Stadt, die in drastischer Form ihre Enttäuschung über die Amerikaner, Engländer und Franzosen zum Ausdruck brachten.

Um 7 Uhr bin ich mit einem Taxi zum Brandenburger Tor gefahren. Dort sah ich mit Wut und Trauer und Enttäuschung, wie Angehörige der Grenztruppen der DDR mit Preßlufthämmern den Asphalt vor dem Tor aufbohrten. Ich sah tatenlos zu und eine andere Verhaltensweise wäre wider alle Vernunft gewesen. Aber das Hämmern klingt mir noch heute in den Ohren, wenn ich an den 13. August 1961 denke.


Leipzig, Sachsen, damals DDR - Köln, Rheinland;
August 1973 - Frühjahr 1974]

Helga Brachmann
Angst

"Was für ein gemeiner Scherz", war mein erster Gedanke. Was hatte die Männerstimme eben am Telefon gesagt? - "Ihre Tochter Barbara ist in die Bundesrepublik geflüchtet."
Das konnte doch nicht wahr sein! Wie sollte ein junges Mädchen den Stacheldraht, die Selbstschußanlagen und die Mauer überwinden?

An der Grenze wurde doch scharf geschossen! Und ein Schlupfloch im Eisernen Vorhang gab es doch auch nicht! Republikflucht im Jahr 1973 - das war lebensgefährlich, das war strafbar, auch für Mitwisser und Helfer.

Dann hatte der anonyme Anrufer hinzugefügt, Barbaras Freundin sei auch geflohen, ich solle der Mutter Bescheid geben, er wußte die Adresse. Ach ja - langsam konnte ich meine Gedanken ordnen -, ich hatte nach seinem Namen gefragt, er aber hatte stattdessen das Gespräch mit den Worten beendet: "Barbara läßt Sie grüßen, Sie sollen ihr nicht böse sein und sie hätte Sie sehr lieb!"
Das war eine typische Redewendung meiner Tochter, keine Frage. Wieder und wieder nahm ich die kurze Mitteilung zur Hand, die ich abends auf der Flurgarderobe gefunden hatte: "Bleibe übers Wochenende bei Joachim, komme übermorgen zurück. Tschüs! Babs."

Joachim war ihr Freund, er besaß kein Telefon. Hoffentlich war meine Tochter dort, am anderen Ende der Stadt!
Qualvolles Grübeln bis zum Morgen. Oder war Bärbel gar einem Verbrechen zum Opfer gefallen und der Täter wollte mich durch seinen Anruf auf eine falsche Spur führen?
Wie oft hatte ich meine Jüngste gebeten, sich nicht von Fremden im Auto mitnehmen zu lassen. Oder sollte gar dieser Rheinländer eine Flucht organisiert haben?

Barbara hatte mir von einem "tollen West-Mann" vorgeschwärmt, den sie in einer Gaststätte während der Leipziger Frühjahrsmesse flüchtig kennengelernt hatte. Aber der Mann sei katholisch und verheiratet, habe auch drei Kinder. Es war doch unmöglich, daß dieser Kaufmann ein junges Mädchen unterstützen, geschweige denn aufnehmen konnte! Was wollte Bärbel allein in einem anderen Land, ohne einen Pfennig Geld? Oder hatte sie ihr Sparbuch geplündert?

Aber der Umtausch brächte ja viel zuwenig‚ um sich eine Existenz aufbauen zu können! Und zu meinem Bruder konnte sie doch auch nicht gehen‚ die Wohnung war zu klein und mir wäre es schrecklich peinlich gewesen, wenn Bärbel meine Verwandten um Unterstützung gebeten hätte!

Hier war das Zuhause meiner Tochter, hier begann in wenigen Tagen das Medizinstudium‚ das sie so hartnäckig angestrebt hatte! Hier lebte ihr Freund, der junge Arzt Joachim! Und was würde diese Flucht für meine anderen Kinder und mich bedeuten? Berufliche Nachteile? Oder gar Haft?

Gut, ich hatte nichts geahnt‚ aber ob man mir das glauben würde? Brachte man gar den kurzen Besuch bei meinem schwerkranken Vater in Stuttgart mit Bärbels Verschwinden in Zusammenhang? Aber - da war keiner!

Fünf Monate waren seitdem vergangen. Konnte man mir daraus einen Strick drehen?
Und was würde nun aus meiner neuen und interessanten Tätigkeit an der Hochschule für Musik in Leipzig werden? Ich hatte nur die mündliche festversprochene Zusage. Wenn sich Barbaras Flucht als Tatsache erweisen würde‚ nähme mich kein staatliches Institut als Lehrkraft. Nur gut, daß ich die jetzige Stellung im Theater als Repetitorin noch nicht gekündigt hatte!

"Also doch, ich habe Babs schon seit einer Woche nicht gesehen", stieß Joachim am nächsten Morgen wütend hervor.
Verblüfft fragte ich: "Was heißt hier also doch?"
"Ein anderer Mann, natürlich! Hab ich's doch geahnt!" Mehr war aus dem jungen Mann nicht herauszubringen.
Was für ein Mann? Bärbel hatte viele Verehrer. Ob es der Rheinländer war, dieser "tolle West-Mann", dem ich damals beim Anruf zur Zeit der Frühjahrsmesse den Umgang mit meiner Tochter auszureden versucht hatte?

Barbara wußte doch, wie hart unerlaubter Grenzübertritt bestraft wurde! Ihr war auch klar, was diese Flucht für die übrige Familie bedeuten würde. Sie hatte mir ja selbst in allen Einzelheiten von der Verhaftung einer Kollegin erzählt, deren Freund in den Westen verschwunden war.

Wie mußte ich mich jetzt verhalten? Die Arbeit hatte meine Tochter gekündigt, da würde man so schnell nichts merken - aber sie war doch eingeschriebene Studentin! Es würde sehr auffallen, wenn jemand das Medizinstudium nicht antrat. Verheimlichte ich Bärbels Verschwinden, machte ich mich der ,Beihilfe zur Republikflucht' verdächtig.

Nach reiflichem Überlegen, etwa 24 Stunden nach dem anonymen Anruf, benachrichtigte ich das nächste Polizeirevier und beschrieb die Ereignisse.
"Da müssen Se 'ne Vermißtenmeldung aufgeben! Aber ich sag's Ihnen gleich, wenn wir jedes junge Mädchen suchen wollten, das mal nachts nicht heimkommt, hätten wir viel zu tun. Hab'n Se 'ne Garage? ... Ja? Sehen Sie dort nach! Hab'n Se 'nen Keller? ... Ja? Auch dort suchen! Schließlich gibt es ja auch bei uns Verbrechen. Hab'n Se noch mehr Kinder? ... Ach, alle erwachsen? Na, dann fahr'n Se hin und fragen dort erstmal, auch die Freunde der Vermißten fragen, dann könn' Se wieder anrufen!"
Es war am späten Nachmittag des Sonntags, da würde ich die jungen Leute kaum alle antreffen. So bestellte ich die Taxe für den nächsten Morgen 6 Uhr. Quer durch die Stadt fahrend, befragte ich Kinder und Schwiegerkinder, auch Bärbels Freundinnen. Nichts. Keiner wußte etwas.
Die Arbeit und die Konzentration darauf fielen mir schwer, immer wieder rollten mir Tränen aus den Augen - gegen meinen Willen. Endlich, am Abend, verschaffte mir ein Anruf meines Bruders aus Stuttgart etwas Erleichterung.
"Ich wollte es anfangs gar nicht glauben, aber deine Jüngste ist auf irgendeine geheimnisvolle Weise über die Grenze nach West-Berlin gelangt. Sie rief hier an, ich soll dir sagen, es ginge ihr gut, und sie ließe wieder von sich hören!"
"Hast du die Adresse?"
"Weiß ich auch nicht, hat sie nicht nennen wollen!"
Meine Tochter lebt! Kein Verbrechen! Doch - wie ging es jetzt weiter?

Ich rief dieses Mal auf dem Polizeipräsidium an und meldete, was ich von meinem Bruder erfahren hatte. Bereits zwei Stunden später stand ein Eilbote vor der Tür, und ich wurde für den nächsten Vormittag zu einer Vernehmung bestellt.

Eine nicht endenwollende Fragerei und immerzu dasselbe in diesem kalten, grau-kahlen Raum! Als Mutter müßte ich doch wissen, mit wem meine Tochter Umgang hatte.
"Ich kontrolliere nicht eine 23jährige! Außerdem bin ich bei meinem Beruf oft abends nicht zu Hause!"
Aber dieses Argument beeindruckte den hartnäckigen Frager keineswegs. "Weshalb hat Ihre Tochter unsere Republik verlassen? Mit wem hatte sie im Westen Kontakt? Wer gab ihr die Anweisungen zur Flucht? Wer hat ihr geholfen? Wie war der Fluchtweg?"
Und immer wieder meine Antwort: "Ich weiß es doch auch nicht!"
Man drohte mir, vor Gericht würde man meine Mitwisserschaft schon herausfinden, und ich sei mir doch wohl im klaren darüber, was unerlaubter Grenzübergang, Landesverrat oder gar Spionage meiner Tochter für mich bedeutete?

In meiner Not äußerte ich die Vermutung‚ daß vielleicht der verheiratete West-Mann hinter der Flucht stecken könne. Ich erzählte, daß ich am Telefon den Rheinländer gebeten hatte, sich von meiner Tochter zurückzuziehen, und daß wenige Wochen später ein Päckchen aus Köln gekommen sei. Daraufhin hatte ich brieflich meine Bitte wiederholt, sich nicht mehr zu melden.
"Dann kennen Sie also den Mann! Wie heißt er? Wo wohnt er?"
"Ich habe den Mann nie gesehen, ich weiß es nicht!"


Meine Tochter Barbara mit ihrem "West-Mann" Silvester 1973/74.
Es war der erste Jahreswechsel, den sie nach ihrer geglückten Flucht im Westen erlebte.

"Das sagen Sie immerzu! Wie können Sie einen Brief geschrieben haben‚ wenn Sie Namen und Adresse des Mannes nicht kennen?"
"Ja, natürlich!" Zum Glück fiel mir ein, daß ich seinerzeit die Anschrift des Absenders auf dem Packbogen abgeschrieben hatte, um den Brief abschicken zu können.
"Und wo ist die Adresse?"
"Ich habe sie nicht aufgehoben! Barbaras Freund wollte sie heiraten. Da fand ich es nicht gut, wenn ich die Anschrift eines anderen Verehrers in unser Verzeichnis geschrieben hätte. Aber vielleicht ist das Packpapier noch im Keller?"
"Na, das haben wir gleich!"

Und nun fuhren zwei in Zivil gekleidete Männer mit mir in meine Wohnung. Der gesuchte Packbogen fand sich schnell. Fast gleichzeitig kam die Post, ein Eilbrief.
"Das ist Bärbels Schrift", entfuhr es mir. Ich mußte den Brief im Beisein der Fremden öffnen und lesen, dann nahmen sie mir das Schreiben weg. "Liebe Mama", hatte da gestanden, "sei mir nicht böse, ich hab' Dich sehr lieb. Mir geht es gut. Ich melde mich wieder! Babs!"
Der Poststempel ließ deutlich Köln erkennen, ein Absender fehlte. Nun wurde das Packpapier geglättet - und richtig, der Mann wohnte in einem kleinen Ort nahe Köln.

"Da haben wir ja den Jugendfreund", spottete einer der Männer. Mir war nun auch klar, daß der Verheiratete hinter Barbaras Flucht steckte. Wieder und wieder versuchte ich, die beiden herumstehenden Männer zu überzeugen, daß dieses Verschwinden doch nichts mit Politik zu tun hatte. Junge Mädchen seien zu allen Zeiten durchgebrannt, wenn es um die große Liebe ging.
"Das überprüfen wir noch! Von jetzt an übergeben Sie uns jeden Brief Ihrer Tochter! Sie dürfen ihn aber vorher öffnen und lesen!" Dann wurde Barbaras Zimmer versiegelt.
Endlich war ich allein! Vor Angst war ich kr
ank! Die Gerichtsverhandlung! Auch war mir der Gedanke, daß mein Kind sich nun wahrscheinlich als Geliebte aushalten ließe, entsetzlich. Angst hatte ich auch vor dem Gefängnis. Bestraft sollte ich werden für etwas, das ich weder gewußt noch veranlaßt hatte! Ich brachte keinen Bissen herunter, nachts fand ich keine Ruhe.

Wochen vergingen‚ dann durchsuchten zwei Frauen Bärbels Zimmer. Sie beschlagnahmten die Möbel, die Bücher, die Kleidung, den Plattenspieler, das Radio. "Das wird alles von uns abgeholt!"
"Darf ich denn gar nichts behalten? Schließlich sind das die Sachen meiner Tochter, das meiste hat sie doch von mir!"
"Sie können die Möbel von uns kaufen! Alles andere kommt weg!" - So schrieb ich einen Scheck aus und "erwarb" dadurch die Schrankwand und den Couchtisch.

Dann begann das Durchwühlen der Einrichtung. Man fand Bärbels Adreßbüchlein, holte das noch unverbrannte Papier aus dem Ofen, leerte den Papierkorb aus. Jedes Zettelchen, jeder alte Briefumschlag, jede Notiz - alles wurde gelesen.
"Wer ist das? Was bedeutet diese Abkürzung? Von wem ist diese Postkarte? Wer ist Häschen?"
Eine qualvolle Fragerei!
Das Sparbuch wurde gefunden. Vor einem Monat war eine größere Summe abgehoben worden.
"Aha, da hat also Ihre Tochter ihr Geld abgehoben, um es im Westen zum Schwindelkurs umzutauschen!"
"Aber nein, Barbara hat das Geld ihrer ältesten Schwester zum Möbelkauf geborgt!"
"Das kann ja jeder behaupten! Beweise?"
Froh war ich, daß meine Tochter mir seinerzeit das formlose Blatt gegeben hatte, auf dem meine Älteste sich verpflichtete, monatlich 500 Mark zurückzuzahlen.
"Und jetzt zahlt Ihre große Tochter an uns die Raten. Uns gehört jetzt das Sparbuch! Name und Adresse?"
Endlich ging man, das Zimmer wurde erneut versiegelt. Meine Furcht blieb und quälte mich weiter.

Nach einiger Zeit wurde Barbaras Zimmer ausgeräumt‚ bis auf die Möbelstücke, die ich "gekauft" hatte. Zu meinem Schreck gaben mir die Männer den Schlüssel nicht, sondern schlossen ab und steckten ihn ein.

Ich protestierte. Barsch wurde ich zurechtgewiesen: "Nichts da, den Schlüssel müssen wir im Rathaus abliefern!"
Also, auf zum Wohnungsamt. Ich dachte, ich höre nicht recht: "Den Schlüssel behalten wir und weisen Ihnen eine Person in das freigewordene Zimmer ein!"

Das hatte mir noch gefehlt! Ein fremder Mensch in der kleinen 2-Zimmer-Wohnung! Ich führte an, daß ich täglich auf dem Instrument üben müsse, daß ich oft zu Hause mit Kollegen probte. Und da hatte ich Glück! Mein Gegenüber erinnerte sich jetzt, daß ich Pianistin war und nach einigem Hin und Her bekam ich dann Bärbels Zimmerschlüssel zurück.

Die versprochene Arbeit an der Hochschule erhielt ich nicht. "Wir wissen schon Bescheid!" So empfing mich der Prorektor. "Und im übrigen wird diese Stelle mit einem Gesellschaftswissenschaftler besetzt! Mit der Republikflucht Ihrer Tochter hat das nichts zu tun. Wir sind doch keine Nazis, bei uns gibt es keine Sippenhaft!"
Nun, ich wußte es besser ...
Herbst, Winter, Frühling verstrichen. Da flatterte mir Barbaras Heiratsannonce ins Haus. Aus Köln! Mit dem tollen West-Mann! Erstaunlich, wie schnell es mit der Scheidung gegangen war.
Ich schickte die Anzeige an das Polizeipräsidium mit der Bemerkung, nun sei es wohl erwiesen‚ daß es sich bei der Flucht meiner Tochter um Liebe gehandelt habe. Ich hörte nichts mehr! Ich begann aufzuatmen.

Nach neun Jahren machte eine Amnestie Bärbels Besuch hier möglich. Als junges Mädchen war sie fortgegangen, nun hatte sie zwei Kinder an der Hand!

Wie die aufregende Flucht im Kofferraum über die Grenze verlief, zugedeckt mit Stroh, das erfuhr ich erst nach dem Fall der Mauer.
Heute liegen die geschilderten Ereignisse 31 Jahre zurück. Aber wenn ich an die Zeit nach Barbaras Verschwinden denke, davon erzähle oder darüber schreibe, fühle ich immer noch die Beklemmung, die Sorge, die Furcht und die ANGST von damals.

(In "Mauer-Passagen" ist noch eine Geschichte von Helga Brachmann veröffentlicht. Darin schildert sie unter anderem, wie sie ihren Sohn Christian Kunert, genannt Kuno, Mitglied der Klaus Renft Combo in der "Magdalene", dem Staasi-Untersuchungsgefängnis in Berlin, besuchte. Nach sieben Monaten durfte sie ihn am 16. August 1977 zum ersten und einzigen Mal sehen und sprechen.)


Ampfing, Bayern - Berlin-Friedrichstraße - Strausberg - Altreetz, Oderbruch, damals DDR;
Oktober 1983]

Irmgard Pondorf
Die ruhiggestellte Tante

Unsere Oma wollte 1983 wie jedes Jahr zu unseren Verwandten in den Oderbruch fahren, obwohl sie gerade erst eine Krankheit überstanden hatte. Wir Kinder waren sehr dagegen, weil die Strapazen der langen beschwerlichen Reise und die ständigen Aufregungen an der Grenze ihrem schwachen Herzen nicht gerade förderlich sein würden. Aber unsere Oma war willensstark und beharrte auf dieser Reise. Schon bald hatte sie die erforderliche Einreisegenehmigung.

Am Abreisetag brachten wir sie zum Bahnhof nach Ampfing. Sie lehnte es energisch ab, sich von uns bis nach München begleiten zu lassen, wo wir sie in den Interzonenzug setzen wollten. Mit einem Augenzwinkern meinte sie, sie werde schon einen jungen Kavalier finden. Wir machten noch ein Abschiedsfoto von ihr, dann lief der Zug ein. Oma bahnte sich den Weg in ein Abteil, wohin sie unsere Blicke begleiteten. Im Nu hatte sie ihren ersten Freund gefunden: Ein junger Mann hievte ihren Koffer ins Gepäcknetz. Fröhlich winkte sie uns zum Abschied durch das Fenster zu, während wir mit Sorge an ihr schwaches Herz dachten.
Was sich dann in Berlin ereignete, erzählte meine Cousine Gerda Voß aus dem Oderbruch später so:

Die Tante meines Mannes, Tante Lina, besuchte uns jedes Jahr, so auch im Oktober 1983. Sie hatte das Bedürfnis, ihre Verwandten wiederzusehen, die schon seit 1961 hinter Mauer und Stacheldraht eingesperrt waren. Weil Tante Lina allein aus Bayern anreiste, verabredeten wir, daß ich sie in Berlin am Bahnhof Friedrichstraße abholen würde, wo der Fernzug aus München ankam.

Also machte ich mich von Altreetz, unserem kleinen Dorf nahe der Oder, auf den Weg nach Berlin-Friedrichstraße, um die Tante in Empfang zu nehmen. Im Bahnhofsgebäude wimmelte es von Menschen, die ihre Lieben aus dem anderen Teil Deutschlands in die Arme schließen wollten. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, daß die Reisenden aus Westdeutschland, wenn sie im Bahnhof Friedrichstraße angekommen waren, durch einen regelrechten Irrgarten geleitet wurden. Die Räume waren durch hohe Wände und enge Gänge unterteilt, in denen die Pässe und die Kofferinhalte kontrolliert wurden. Nach einem unerfindlichen System gab es aber auch gründliche Durchsuchungen der Kleidung, die man trug, und sogar Leibesvisitationen. Das gesamte Gebäude war von Volkspolizisten bewacht und umstellt, die schwerbewaffnet und zum Teil von Hunden begleitet waren. Ein Fluchtversuch in den Westen war hier hoffnungslos.

Mit zunehmender Nervosität sah ich dem Wiedersehen mit Tante Lina entgegen. Endlich öffnete sich die Tür am Ende des Kontrollbereiches und sie war da. Unter Tränen fielen wir uns in die Arme. Die Halle glich einem Ameisenhaufen, deshalb wollte ich so schnell wie möglich zur S-Bahn, die uns nach Strausberg bringen sollte.



Vor der Abfahrt des Zuges in Ampfing machten wir noch ein Abschiedsfoto von unserer reisefreudigen Oma.


Doch Tante Lina schwankte auf eine Säule zu und klammerte sich daran fest. Erschrocken fragte ich sie, was mit ihr sei, doch sie sah mich nur mit glasigen Augen an und reagierte nicht. Ein Passant bot mir Hilfe an. Mit der einen Hand trug er den Koffer, mit der anderen umklammerte er den Arm meiner Tante. Ich stützte sie auf der anderen Seite, und so schleppten wir die alte Frau durch die endlose Halle und unzählige Stufen hinauf bis zum S-Bahnsteig. Als der Zug nach Strausberg einlief, setzte der junge Mann die Tante vorsichtig auf einen Eckplatz im Zug und verstaute den Koffer. Dankbar drückte ich meinem Helfer die Hände.

Ich setzte mich ganz dicht neben Tante Lina und rätselte, was wohl die Ursache ihrer Benommenheit sei. Plötzlich sackte sie in sich zusammen, der schicke Hut rutschte ihr vor das Gesicht, die Handtasche, die sie so lange krampfhaft festgehalten hatte, fiel zu Boden und der gesamte Inhalt kullerte unter die Sitzbank. Reisende, die uns gegenüber saßen, stützten und hielten die Ohnmächtige, und so konnte ich unter einigen Verrenkungen alle Utensilien einsammeln. Dabei fand ich auch eine angebrochene Packung mit Beruhigungstabletten. Waren die etwa die Ursache für Tante Linas Apathie? Mir schwante so etwas, als ich den Beipackzettel las.
Nach knapp einstündiger Fahrt erreichten wir Strausberg, Tante Lina schlief fest, sie hatte hin und wieder friedlich geschnarcht. Hilfsbereite Mitreisende halfen beim Aussteigen, und schon winkte uns mein Mann, der uns bereits erwartete. Mit vereinten Kräften schleppten wir Tante Lina ins Auto und schnallten sie fest. Zuhause hoben und schoben wir sie ins Schlafzimmer, entkleideten sie und legten sie unter das mollige Federbett.

In den frühen Morgenstunden erschien eine blasse schlaftrunkene Gestalt und jammerte: "Ich muß doch nach Altreetz, wo bin ich nur?"
Erleichtert nahmen wir unsere liebe alte Tante in die Arme und versicherten ihr, daß sie schon an Ort und Stelle sei. Nachdem sie noch einmal mehrere Stunden geschlafen hatte, war Tante Lina mit der ihr eigenen Mobilität wieder ganz sie selbst. Von der Fahrt vom Bahnhof Friedrichstraße bis nach Altreetz wußte sie nichts mehr.
Und die Tabletten in ihrer Handtasche?
Ja, die Tabletten ...
Die Ärztin hatte sie ihr zur Beruhigung vor der Reise verschrieben. Und um bei den Kontrollen der Vopos ruhig zu erscheinen, hatte Tante Lina viel zu viele davon auf einmal genommen. Die Tablette, die ihr auf der Fahrt nach Strausberg den Rest gab, hatte sie geschluckt, während ich neben ihr saß - und ich hatte es nicht bemerkt!

Wir verlebten noch schöne gemeinsame Tage. Die Geschichte ihrer Reise machte allerdings in der Familie die Runde. Bis heute gibt sie immer wieder Anlaß zum Schmunzeln und erinnert uns gleichzeitig an die traurigen politischen Verhältnisse damals.


[Berlin; 9./10. November 1989]

„Nun ist er endgültig kaputt!“
Erika Tappe

Das Jahr 1989 bescherte der DDR eine Massenflucht von mehr als 229000 ihrer Bürger über Ungarn und die Tschechoslowakei in den Westen. Unter dem Druck der anhaltenden Proteste der mit ihrer Regierung unzufriedenen Menschen und der massiven Ausreisewelle wurde Erich Honecker, Generalsekretär der SED, schließlich im Oktober entmachtet. Die in ihrer Reisefreiheit so eingeschränkten Ostdeutschen aber protestierten weiter und zwangen das Politbüro der SED zum Handeln. Am Abend des 9. November 1989 gab Politbüro-Mitglied Günter Schabowski versehentlich zu früh das erst im Entwurf vorliegende neue Reiserecht der DDR, welches den Bürgern mehr unbürokratische Reisefreiheit auch in den Westen zusicherte, über das Fernsehen bekannt. Sofort setzte ein ungeheurer Ansturm von Ost-Berlinern auf die Grenzübergänge ein. Den noch gar nicht instruierten Grenzorganen, der Staatssicherheit und dem Militär gelang es nicht mehr, die Menschenmassen in geordnete Bahnen zu lenken beziehungsweise überhaupt Papiere auszustellen. Sie wurden einfach überrollt. Am Brandenburger Tor, an und auf der Mauer begann ein gigantisches Wiedervereinigungsfest der Ost- und West-Berliner, das in den friedlichen Fall der Mauer mündete.

Am Abend des 10. November beschlossen mein Mann und ich, vom Lehrter Bahnhof aus zum Brandenburger Tor zu laufen. Wir wollten Augenzeugen der politischen Ereignisse sein, die alle Menschen plötzlich so überwältigten, die in der Stadt einen Freudentaumel und entlang der Mauer ein unbeschreibliches Chaos erzeugten.

Unseren drei Kindern hatten wir je 30 DM in die Hand gedrückt. Sie sollten Gelegenheit haben, Ost-Berliner Jugendliche zu Kebab, Coca Cola oder ähnlichem einzuladen.

Vor dem S-Bahnhof Lehrter Straße und an den Bushaltestellen standen Trauben von Menschen, und ein Strom von Fußgängern wälzte sich in Richtung Brandenburger Tor.
Ein Mann, etwa 40 Jahre alt, sprach uns an. Er war sehr aufgeregt, fragte, ob wir West-Berliner seien. Wir bejahten.
„Ich bin ja so durcheinander, es ist einfach verrückt! Zum Brandenburger Tor will ich, einmal von West-Berlin durch das Tor nach Ost-Berlin laufen! Das habe ich mir so viele Jahre gewünscht, aber jetzt trau’ ich mich nicht, ich trau’ mich nicht!“
Er bat uns: „Könnt ihr nicht mit mir gehen?“

Erfreut, daß wir so schnell einen Ost-Berliner kennenlernten, denn auch wir wollten unsere unbekannten Nachbarn einladen, stimmten wir sofort zu und machten uns mit ihm gemeinsam auf den Weg.
Ein neugieriger Austausch über Familie und Beruf ging hin und her. Er sei Beleuchter beim Berliner Ensemble, erzählte der Mann.
Kaum waren wir in Sichtweite des Brandenburger Tores, wurde unser Begleiter sehr nervös: „Bitte, nehmt mich in die Mitte und haltet mich ganz fest! Ich habe ja solche Angst!“
Wir hakten ihn rechts und links unter und redeten ihm beruhigend zu. Auf der Mauer war alles schwarz von Menschen. Vor allem junge Leute feierten dort oben mit Sektflaschen in den Händen. Die Reihen wogten gefährlich hin und her, während immer mehr Menschen heraufgezogen wurden.
Unser Freund riß sich abrupt los: „Ich muß auch da hinauf, ich muß unbedingt hinauf! Aber ihr dürft nicht weggehen, bitte versprecht mir, auf mich zu warten!“ Er zitterte und beruhigte sich erst, als wir versprachen, auf ihn aufzupassen. Nach kurzer Zeit rief er von oben: „Geht nicht weg, geht bloß nicht weg!“
Wir winkten ihm zu. Das Gedränge wurde immer größer. Wir sahen ihn nicht mehr, hatten schon Sorge, ihn verloren zu haben, als er plötzlich neben uns auftauchte.

„Ich war oben! Ich war auf der Mauer!“ jubelte er. „Stellt euch vor, ein Vopo hat mir geholfen, hinaufzukommen. Ich faß’ es nicht, ich faß’ es nicht!“
Tränen standen in seinen Augen, wir umarmten uns. Langsam fiel die Spannung von ihm ab. Auf dem Weg zu seiner Wohnung, wohin wir ihn noch begleiteten, erzählte er uns, daß er einige Tage krank gewesen sei. Sein Fernsehgerät hätte einen Kurzschluß gehabt, daher habe er die Ereignisse der letzten Tage nicht recht mitbekommen. Am Abend des 9. November habe er den Apparat repariert und um ihn auszuprobieren, vorsichtig an die Steckdose angeschlossen.
„Der Fernseher ging an, und auf dem Bildschirm erschien der Schabowski“, meinte lachend unser Freund, „und als der sagte, wir dürften ab sofort in den Westen, da dachte ich, der Fernseher spinnt, nun ist er endgültig kaputt!“


[Göttingen, Harz ; November 1989]

Das Pannenschaf
Renate Grobe

Als die DDR ihre Grenze öffnet, halten wir alle den Atem an. Die ersten Trabis rollen an uns vorbei, wir winken heftig. Euphorie und eine Welle der Hilfsbereitschaft erfassen uns.
Eines Abends, im Novemberregen, steht eine Familie aus Halle vor unserer Tür. Sie hat mit ihrem westdeutschen Gebrauchtwagen eine Panne. Der herbeigerufene ADAC-Stadtpannendienst kann nicht helfen. Ein Ersatzteil müsse her. Wir erreichen den Abend-Notdienst einer Werkstatt und erfahren, daß dieses Teil in Kassel zu bestellen sei. Morgen früh um sieben, eher leider nicht, und abschleppen auch besser morgen früh, dann sei es billiger.

Was nun? Bei diesem Wetter eine Nacht im kalten Auto? In der warmen Küche sitzen wir alle am runden Tisch. Die nassen Haare und Jacken trocknen schnell. Unsere Gäste erzählen von ihrer alten Mühle bei Halle, die sie selbst bewohnbar gemacht haben, von langen Wartezeiten auf Baumaterial, von ihren Hoffnungen, daß nun alles anders und besser werde. Irgendwie schaffen wir es, vier Nachtlager herzurichten.

Am nächsten Morgen kommt ganz früh der Abschleppwagen. Die Reparatur wird sehr teuer, und das Geld reicht nicht. Ich schreibe einen Scheck aus und bekomme sofort den Autoschlüssel. – „So einfach ist das? O danke!“ Sie winken und fahren davon.

Wieder allein, diskutieren wir, ob ich zu leichtsinnig gewesen sei?

Zwei Tage später stehen sie – wie verabredet – vor der Tür, strahlen mich an: alles sei gutgegangen, diesmal ohne Panne. Zwei lange Mettwürste landen auf unserem Küchentisch, es duftet frisch geräuchert. Der Großvater sei Hausschlachter, erfahren wir. Gläser mit Schmalz und Leberwurst werden ausgepackt, Kostproben von Sülze und Kesselfleisch. Wir kochen Kaffee, holen Brötchen und vergessen unser cholesterinarmes Diätprogramm, genießen die Herrlichkeiten.

Sie erzählen von ihren Kindern, von langen Staus auf schlechten Straßen. Vor Weihnachten wollen sie uns noch einmal besuchen. Wir sollen ein Schaf geschenkt bekommen, sie hätten vier, eins sei für uns. Wir brauchten dann nicht mehr soviel Rasen und Wiese zu mähen. Ein Schaf?
O ein Schaf! Ich bin gerührt! Wolle vom eigenen Schaf!


Die innerdeutsche Grenzöffnung hätte uns zu Weihnachten 1989 fast ein Hallenser Schaf beschert.

Ich sehe mich dicke Pullover stricken für Mann und Sohn, Teppiche weben...
„Aber wo bleibt das Schaf nachts und im Winter?“ gibt mein Mann zu bedenken. Im Gartenhaus?
Vier Balkons sind gleich dahinter. Was werden unsere Nachbarn dazu sagen?
Es wird sich einsam fühlen, das Schaf, und nach den drei anderen rufen!
Oder in der Garage, angefüllt mit Heu und Stroh?
Und das Auto in Kälte und Schnee. Es wird morgens nicht anspringen, wenn der Sohn zum Bahnhof muß!
„Ihr könnt einen Stall bauen – wir helfen euch!“
„Ich glaube, es gibt einen Bebauungsplan“, werfe ich vorsichtig ein, „Schafställe sind da nicht vorgesehen!“
Und 200 Kilometer mit einem Schaf im Auto und im Stau?

Es wird nichts mit dem Schaf. Aber die neuen Freunde besuchen uns noch oft, laden uns ein in ihre alte Mühle bei Halle.
Wenn im Dezember der erste Schnee auf der Wiese im Garten liegt, dann wandert durch meine Träume ein Schaf, und aus seinem warmen Stall fällt ein heller Schein in unseren Advent.