L e s e p r o b e n


Unvergessene Weihnachten
. Band 3
Erinnerungen aus guten und aus schlechten Zeiten. 1914-1994
192 Seiten mit vielen Abbildungen,
Ortsregister, Taschenbuch.
Zeitgut Verlag, Berlin.
4,90 Euro

ISBN:
3-86614-122-X



 


Christkindchens Auge
Maike Gretencord
Unheimlich groß und dünn - mein Vati! Renate Dziemba
Die Puppen im Schrank Gisela Schoon



Christkindchens Auge
Maike Gretencord

Die Weihnachtszeit ist nicht nur eine Zeit des Wünschens und der Heimlichkeiten, sondern auch die Zeit der Entfaltung höchster kindlicher Neugierde. Ich selber war als Kind zur Weihnachtszeit immer von ganz besonderem Forscherdrang beseelt, wobei meine Entdeckungsreisen zuweilen durchaus erfolgreich waren.

So fand ich einmal - unbemerkt von den Erwachsenen - oben auf dem Bücherschrank des Wohnzimmers ein Bändchen mit den Streichen von "Max und Moritz", die ich damals geradezu verehrte. Ich verschlang die Aufzeichnungen ihrer Streiche, und nach gehabten Lesefreuden legte ich das Büchlein fein säuberlich zurück, damit der Weihnachtsmann es auch gleich wiederfinde.

Ein anderes Mal entdeckte ich im Kleiderschrank in Puppenstubengröße eine kleine Gartenlaube mit weißen Möbelchen. Oh, wie war die Vorfreude auf das weihnachtliche Spiel mit dieser kleinen Laube nun groß!

Und wieder ein anderes Mal spielte ich gar schon vor dem Fest ganz öffentlich mit der mir zugedachten weihnachtlichen Gabe. Es war ein großes Puppenbett mit rosa Stoffbespannung, das inzwischen als Erinnerungsstück in unserem Keller im Regal steht.

Trotz all dieser vorzeitigen Entdeckungen rüttelte das nicht an meinem Glauben hinsichtlich der Existenz des Weihnachtsmannes. Im Gegenteil: Sie festigten meinen Kinderglauben!

Auch die Kinder weit späteren Geburtsdatums frönen selig diesem weihnachtlichen Forscherdrang und kommen gern diesem heimlichen Treiben auf die Spur, so daß modernste kindliche Forschungsergebnisse die Existenz himmlischer Gabenbringer ebenfalls bestätigen.

So zog sich die Oma von Bettina und ihrem Bruder am letzten Adventswochenende ins Gästezimmer zurück, das schon seit Wochen unter Verschluß stand. Ahnend, daß dieses etwas mit dem Weihnachtsfest zu tun habe, schlichen ihr die Kinder hinterher. Es knackte und raschelte hinter der Tür, und die Spannung bei den Kleinen stieg. Da konnte die vorwitzige Bettina nicht länger an sich halten, und sie schaute durchs Schlüsselloch. Irgendwie muß die Oma einen siebten Sinn gehabt oder aber das Wispern vor der Tür richtig gedeutet haben, denn sie schaute just in diesem Moment ihrerseits durchs Schlüsselloch.

Bettina erschrak, wohlig erschauernd, als sie in Omas Auge blickte, und erklärte dann ihrem Bruder ergriffen: "Ich habe das Auge vom Christkindchen gesehen!"


Unheimlich groß und dünn - mein Vati!
Renate Dziemba

Es wurde schon dunkel an diesem Nachmittag des 5. Dezember 1945. Ich war allein zu Hause. Zu Hause?

Unsere Wohnung war gleich nach Kriegsende von den Amerikanern beschlagnahmt worden, Mutti und ich mußten sie innerhalb weniger Stunden verlassen. Wir besaßen fast nichts mehr. In ein winziges Zimmer wurden wir einquartiert. Hier wohnten wir jetzt schon fast ein halbes Jahr. Im Vergleich zu anderen Familien hatten wir großes Glück: Unsere Wirtin, die uns das Zimmer hatte abgeben müssen, war freundlich, sauber und hilfsbereit. So half sie uns zum Beispiel, zwei Luftschutzbetten, die sich noch im Keller befanden, übereinander aufzustellen. Wir hätten sonst auf der Erde schlafen müssen.
In dem viel zu engen Zimmer konnte man kaum treten. Gleich rechts neben der Tür war der Ofen. Daneben stand ein Klavier, das nur Platz wegnahm und von niemandem benutzt wurde. Die ganze linke Wandseite nahmen die Luftschutzbetten ein. Vor dem Fenster war gerade noch Platz für einen riesigen Schreibtisch und einen Ledersessel.

Ich saß in dem viel zu großen Sessel an dem viel zu großen Schreibtisch und machte meine Hausaufgaben. Joachim, der zwei Jahre ältere Sohn der Wirtin, war schon damit fertig und spielte mit anderen Kindern draußen im Gang vor den Häusern. Sie spielten wohl Verstecken. Das machte in der Dunkelheit besonders viel Spaß. Ab und an sah ich einzelne Gestalten den Gang entlanghuschen. Wo Mutti wohl so lange bleibt? Sie wollte doch nur zum Einkaufen in die Berliner Straße. Ob sie noch bis zum Teltower Damm gegangen ist? Oder hat sie vielleicht Bekannte getroffen?

In diesem Augenblick klingelte es. Ich hatte ein bißchen Angst. Wer konnte das sein? Mutti nimmt doch immer ihre Schlüssel mit. Da hörte ich Joachims Stimme: "Renate, mach mal auf, dein Vati ist da!"

Das wollte ich nun gar nicht glauben. Ich wußte von Mutti, daß er in einem Kriegsgefangenenlager war.

Ganz leise schlich ich zur Wohnungstür. Vorsichtig hob ich die Briefklappe hoch. Ich sah nur Beine. Da bückte sich Joachim auf der anderen Seite der Tür, so daß ich sein Gesicht sehen konnte, und wiederholte noch einmal: "Mach doch endlich auf, dein Vati ist da!"

Wenn doch bloß Mutti da wäre! Zögernd öffnete ich die Tür. Vor mir stand ein Soldat mit einem Holzkoffer in der Hand und einem Rucksack auf dem Rücken. Was ich sah, konnte ich nicht begreifen ... Zwar erkannte ich meinen Vati noch, und er sag-te auch meinen Namen, aber er wirkte recht fremd auf mich. Er war so unheimlich groß und so unheimlich dünn. Und dann fiel mir ein, daß wir in dem kleinen Zimmer, das für Mutti und mich schon zu eng war, überhaupt keinen Platz für ihn hatten.

"Mutti ist nicht da ...," waren meine ersten Worte.

Aber plötzlich begriff ich, daß da mein Vati vor mir stand, mein Vati, auf den ich so lange gewartet hatte. Ich umarmte ihn stürmisch und zog ihn in das kleine Zimmer. "Schau mal, Vati, ich kann schon schreiben und rechnen!"

Mit diesen Worten zeigte ich ihm meine Schulhefte, die noch immer auf dem Schreibtisch lagen. Er nahm mich hoch und drückte mich fest an sich.
In diesem Moment riß Mutti die Tür auf. Sie war völlig außer Atem und lachte und weinte und weinte und lachte. Im Milchladen hatte man ihr erzählt, daß in der Drogerie am S-Bahnhof ein Soldat nach einer Familie mit unserem Namen gefragt hatte. Dort lagen auch Listen mit den neuen Adressen der ausquartierten Familien aus. So hatte Vati uns gefunden. Was für ein Glück! Er war erst am 3. Dezember aus dem amerikanischen Kriegsgefangenenlager Heilbronn entlassen worden. Mutti war den ganzen Weg vom Milchladen zurück nach Hause gerannt. Sie war so glücklich. Jetzt waren wir wieder eine richtige Familie!

Noch am Abend räumten wir mit Hilfe der Wirtin das Klavier aus dem Zimmer, stattdessen kam eine Chaiselongue an den Platz. Darauf schlief von nun an Mutti und mein Vati kletterte zum Schlafen auf das obere Luftschutzbett.
Den 5. Dezember haben meine Eltern von da an immer als Gedenktag gefeiert und sich gegenseitig mit kleinen Geschenken überrascht.



Die Puppen im Schrank

von Gisela Schoon

Meine zwei Jahre ältere Schwester Annelie und ich gingen noch nicht zur Schule. Wir wohnten in einem kleinen Dorf in Hinterpommern. Weil unsere Eltern immer viel Arbeit hatten, waren wir uns häufig selbst überlassen, was unserer fantasievollen und frohen Kinderzeit nicht schadete, im Gegenteil. Die Wochen vor Weihnachten waren besonders schön, geheimnisvoll und voller Vorfreude.
Eines Tages winkte mich Annelie in die gute Stube, die wir sonst nur zu Festtagen betraten. Der hohe Schrank, in dem unsere Eltern ihre Sonntagskleidung aufbewahrten, stand offen. "Komm, Gila, guck bloß mal!" flüsterte sie mit dem Finger auf dem Mund.

Ich sah in den Schrank und entdeckte hinter dunklen Mänteln zwei wunderschöne Puppengesichter. "Oh! Och!"

Wir standen ganz still vor freudigem Erschrecken und trauten uns nicht, sie zu berühren, und schon gar nicht, sie hervorzuholen. Wie kamen die Puppen da hinein? Ob sie wohl für uns waren? War etwa der Weihnachtsmann schon bei uns gewesen, und Mama hatte die Puppen verstecken sollen?

Etwas schuldbewußt ob unserer Entdeckung schlichen wir zurück in unsere Spielecke in der Eßstube. Am nächsten Tag zog es uns wieder zum Schrank. Der Schlüssel steckte, und wir standen wieder andächtig schauend vor unseren Puppen hinter den Mänteln. "Meine" Puppe, ich hatte mir die mit dem blonden Bubikopf ausgesucht, lächelte mich mit ihren strahlend blauen Augen schelmisch an. Ach, war ich glücklich! Ich taufte sie in Gedanken auf den Namen Susi.
Am dritten Tag standen wir vor einem verschlossenen Schrank ohne Schlüssel. Eifrig suchten wir nach ihm, jedoch vergeblich. Ob er wohl oben auf dem Schrank lag?

Das aber konnte Annelie auch mit einem herangezogenen Stuhl nicht nachprüfen, obwohl sie sich sehr streckte, sie reichte nicht hinauf. Enttäuscht gaben wir auf. Darüber zu sprechen wagten wir natürlich nicht.

Meine Schwester Annelie zieht mich auf dem Rodelschlitten. Im Hintergrund ist Opas Bienenhaus zu sehen.

Endlich war es Heiligabend. Als wir aus der Kirche kamen, liefen wir unseren Eltern voraus. Der Schnee knirschte unter den Stiefeln. Aber alle Eile half nichts, wir mußten warten. Der Weihnachtsmann brauchte in der guten Stube noch einige Zeit. Endlich, endlich öffnete Mama die Tür!

Der brennende Lichterbaum, buntgeschmückt, reichte vom Boden bis zur Decke. Und darunter lagen mit glänzendem Papier verpackte Pakete und Päckchen. Doch dafür hatte ich keinen Blick. Ich suchte die Puppen unter dem Baum und sah sie nicht. Tiefes Erschrecken erfaßte mich. Kaum gelang es mir, mein Gedichtchen aufzusagen. Dann durften wir die Geschenke auspacken. Ganz versteckt unter buntem Papier fand ich, was ich so sehnsüchtig gesucht hatte. Ich schloß meine Susi in die Arme, um sie den ganzen Abend nicht wieder loszulassen.

Die Weihnachtspuppen bekamen ein Jahr später Sportkarren, in denen wir sie hier vorführen. Meine Schwester Annelie, links, und ich vor dem Giebel unseres Elternhauses in Konikow, Hinterpommern.

Unsere Eltern sahen uns lächelnd zu. Heute denke ich, daß sie aufmerksam beobachtet haben, ob wir richtig überrascht waren. Die zufällige Entdeckung der Puppen im Schrank blieb unser Geheimnis.

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