Christkindchens Auge
Maike Gretencord
Unheimlich groß und dünn
- mein Vati! Renate Dziemba
Die Puppen im Schrank
Gisela Schoon
Christkindchens
Auge
Maike Gretencord
Die Weihnachtszeit
ist nicht nur eine Zeit des Wünschens und der Heimlichkeiten,
sondern auch die Zeit der Entfaltung höchster kindlicher Neugierde.
Ich selber war als Kind zur Weihnachtszeit immer von ganz besonderem
Forscherdrang beseelt, wobei meine Entdeckungsreisen zuweilen durchaus
erfolgreich waren.
So fand ich einmal - unbemerkt von den Erwachsenen - oben auf dem
Bücherschrank des Wohnzimmers ein Bändchen mit den Streichen
von "Max und Moritz", die ich damals geradezu verehrte.
Ich verschlang die Aufzeichnungen ihrer Streiche, und nach gehabten
Lesefreuden legte ich das Büchlein fein säuberlich zurück,
damit der Weihnachtsmann es auch gleich wiederfinde.
Ein anderes Mal entdeckte ich im Kleiderschrank in Puppenstubengröße
eine kleine Gartenlaube mit weißen Möbelchen. Oh, wie war
die Vorfreude auf das weihnachtliche Spiel mit dieser kleinen Laube
nun groß!
Und wieder ein anderes Mal spielte ich gar schon vor dem Fest ganz
öffentlich mit der mir zugedachten weihnachtlichen Gabe. Es war
ein großes Puppenbett mit rosa Stoffbespannung, das inzwischen
als Erinnerungsstück in unserem Keller im Regal steht.
Trotz all dieser vorzeitigen Entdeckungen rüttelte das nicht
an meinem Glauben hinsichtlich der Existenz des Weihnachtsmannes.
Im Gegenteil: Sie festigten meinen Kinderglauben!
Auch die Kinder weit späteren Geburtsdatums frönen selig
diesem weihnachtlichen Forscherdrang und kommen gern diesem heimlichen
Treiben auf die Spur, so daß modernste kindliche Forschungsergebnisse
die Existenz himmlischer Gabenbringer ebenfalls bestätigen.
So zog sich die Oma von Bettina und ihrem Bruder am letzten Adventswochenende
ins Gästezimmer zurück, das schon seit Wochen unter Verschluß
stand. Ahnend, daß dieses etwas mit dem Weihnachtsfest zu tun
habe, schlichen ihr die Kinder hinterher. Es knackte und raschelte
hinter der Tür, und die Spannung bei den Kleinen stieg. Da konnte
die vorwitzige Bettina nicht länger an sich halten, und sie schaute
durchs Schlüsselloch. Irgendwie muß die Oma einen siebten
Sinn gehabt oder aber das Wispern vor der Tür richtig gedeutet
haben, denn sie schaute just in diesem Moment ihrerseits durchs Schlüsselloch.
Bettina erschrak, wohlig erschauernd, als sie in Omas Auge blickte,
und erklärte dann ihrem Bruder ergriffen: "Ich habe das
Auge vom Christkindchen gesehen!"
Unheimlich
groß und dünn - mein Vati!
Renate Dziemba
Es wurde
schon dunkel an diesem Nachmittag des 5. Dezember 1945. Ich war allein
zu Hause. Zu Hause?
Unsere Wohnung war gleich nach Kriegsende von den Amerikanern beschlagnahmt
worden, Mutti und ich mußten sie innerhalb weniger Stunden verlassen.
Wir besaßen fast nichts mehr. In ein winziges Zimmer wurden
wir einquartiert. Hier wohnten wir jetzt schon fast ein halbes Jahr.
Im Vergleich zu anderen Familien hatten wir großes Glück:
Unsere Wirtin, die uns das Zimmer hatte abgeben müssen, war freundlich,
sauber und hilfsbereit. So half sie uns zum Beispiel, zwei Luftschutzbetten,
die sich noch im Keller befanden, übereinander aufzustellen.
Wir hätten sonst auf der Erde schlafen müssen.
In dem viel zu engen Zimmer konnte man kaum treten. Gleich rechts
neben der Tür war der Ofen. Daneben stand ein Klavier, das nur
Platz wegnahm und von niemandem benutzt wurde. Die ganze linke Wandseite
nahmen die Luftschutzbetten ein. Vor dem Fenster war gerade noch Platz
für einen riesigen Schreibtisch und einen Ledersessel.
Ich saß in dem viel zu großen Sessel an dem viel zu großen
Schreibtisch und machte meine Hausaufgaben. Joachim, der zwei Jahre
ältere Sohn der Wirtin, war schon damit fertig und spielte mit
anderen Kindern draußen im Gang vor den Häusern. Sie spielten
wohl Verstecken. Das machte in der Dunkelheit besonders viel Spaß.
Ab und an sah ich einzelne Gestalten den Gang entlanghuschen. Wo Mutti
wohl so lange bleibt? Sie wollte doch nur zum Einkaufen in die Berliner
Straße. Ob sie noch bis zum Teltower Damm gegangen ist? Oder
hat sie vielleicht Bekannte getroffen?
In diesem Augenblick klingelte es. Ich hatte ein bißchen Angst.
Wer konnte das sein? Mutti nimmt doch immer ihre Schlüssel mit.
Da hörte ich Joachims Stimme: "Renate, mach mal auf, dein
Vati ist da!"
Das wollte ich nun gar nicht glauben. Ich wußte von Mutti, daß
er in einem Kriegsgefangenenlager war.
Ganz leise schlich ich zur Wohnungstür. Vorsichtig hob ich die
Briefklappe hoch. Ich sah nur Beine. Da bückte sich Joachim auf
der anderen Seite der Tür, so daß ich sein Gesicht sehen
konnte, und wiederholte noch einmal: "Mach doch endlich auf,
dein Vati ist da!"
Wenn doch bloß Mutti da wäre! Zögernd öffnete
ich die Tür. Vor mir stand ein Soldat mit einem Holzkoffer in
der Hand und einem Rucksack auf dem Rücken. Was ich sah, konnte
ich nicht begreifen ... Zwar erkannte ich meinen Vati noch, und er
sag-te auch meinen Namen, aber er wirkte recht fremd auf mich. Er
war so unheimlich groß und so unheimlich dünn. Und dann
fiel mir ein, daß wir in dem kleinen Zimmer, das für Mutti
und mich schon zu eng war, überhaupt keinen Platz für ihn
hatten.
"Mutti ist nicht da ...," waren meine ersten Worte.
Aber plötzlich begriff ich, daß da mein Vati vor mir stand,
mein Vati, auf den ich so lange gewartet hatte. Ich umarmte ihn stürmisch
und zog ihn in das kleine Zimmer. "Schau mal, Vati, ich kann
schon schreiben und rechnen!"
Mit diesen Worten zeigte ich ihm meine Schulhefte, die noch immer
auf dem Schreibtisch lagen. Er nahm mich hoch und drückte mich
fest an sich.
In diesem Moment riß Mutti die Tür auf. Sie war völlig
außer Atem und lachte und weinte und weinte und lachte. Im Milchladen
hatte man ihr erzählt, daß in der Drogerie am S-Bahnhof
ein Soldat nach einer Familie mit unserem Namen gefragt hatte. Dort
lagen auch Listen mit den neuen Adressen der ausquartierten Familien
aus. So hatte Vati uns gefunden. Was für ein Glück! Er war
erst am 3. Dezember aus dem amerikanischen Kriegsgefangenenlager Heilbronn
entlassen worden. Mutti war den ganzen Weg vom Milchladen zurück
nach Hause gerannt. Sie war so glücklich. Jetzt waren wir wieder
eine richtige Familie!
Noch am Abend räumten wir mit Hilfe der Wirtin das Klavier aus
dem Zimmer, stattdessen kam eine Chaiselongue an den Platz. Darauf
schlief von nun an Mutti und mein Vati kletterte zum Schlafen auf
das obere Luftschutzbett.
Den 5. Dezember haben meine Eltern von da an immer als Gedenktag gefeiert
und sich gegenseitig mit kleinen Geschenken überrascht.
Die Puppen im Schrank
von Gisela Schoon
Meine
zwei Jahre ältere Schwester Annelie und ich gingen noch nicht
zur Schule. Wir wohnten in einem kleinen Dorf in Hinterpommern. Weil
unsere Eltern immer viel Arbeit hatten, waren wir uns häufig
selbst überlassen, was unserer fantasievollen und frohen Kinderzeit
nicht schadete, im Gegenteil. Die Wochen vor Weihnachten waren besonders
schön, geheimnisvoll und voller Vorfreude.
Eines Tages winkte mich Annelie in die gute Stube, die wir sonst nur
zu Festtagen betraten. Der hohe Schrank, in dem unsere Eltern ihre
Sonntagskleidung aufbewahrten, stand offen. "Komm, Gila, guck
bloß mal!" flüsterte sie mit dem Finger auf dem Mund.
Ich sah in den Schrank und entdeckte hinter dunklen Mänteln zwei
wunderschöne Puppengesichter. "Oh! Och!"
Wir standen ganz still vor freudigem Erschrecken und trauten uns nicht,
sie zu berühren, und schon gar nicht, sie hervorzuholen. Wie
kamen die Puppen da hinein? Ob sie wohl für uns waren? War etwa
der Weihnachtsmann schon bei uns gewesen, und Mama hatte die Puppen
verstecken sollen?
Etwas schuldbewußt ob unserer Entdeckung schlichen wir zurück
in unsere Spielecke in der Eßstube. Am nächsten Tag zog
es uns wieder zum Schrank. Der Schlüssel steckte, und wir standen
wieder andächtig schauend vor unseren Puppen hinter den Mänteln.
"Meine" Puppe, ich hatte mir die mit dem blonden Bubikopf
ausgesucht, lächelte mich mit ihren strahlend blauen Augen schelmisch
an. Ach, war ich glücklich! Ich taufte sie in Gedanken auf den
Namen Susi.
Am dritten Tag standen wir vor einem verschlossenen Schrank ohne Schlüssel.
Eifrig suchten wir nach ihm, jedoch vergeblich. Ob er wohl oben auf
dem Schrank lag?
Das aber konnte Annelie auch mit einem herangezogenen Stuhl nicht
nachprüfen, obwohl sie sich sehr streckte, sie reichte nicht
hinauf. Enttäuscht gaben wir auf. Darüber zu sprechen wagten
wir natürlich nicht.

Meine
Schwester Annelie zieht mich auf dem Rodelschlitten. Im Hintergrund
ist Opas Bienenhaus zu sehen.
Endlich
war es Heiligabend. Als wir aus der Kirche kamen, liefen wir unseren
Eltern voraus. Der Schnee knirschte unter den Stiefeln. Aber alle
Eile half nichts, wir mußten warten. Der Weihnachtsmann brauchte
in der guten Stube noch einige Zeit. Endlich, endlich öffnete
Mama die Tür!
Der brennende
Lichterbaum, buntgeschmückt, reichte vom Boden bis zur Decke.
Und darunter lagen mit glänzendem Papier verpackte Pakete und
Päckchen. Doch dafür hatte ich keinen Blick. Ich suchte
die Puppen unter dem Baum und sah sie nicht. Tiefes Erschrecken erfaßte
mich. Kaum gelang es mir, mein Gedichtchen aufzusagen. Dann durften
wir die Geschenke auspacken. Ganz versteckt unter buntem Papier fand
ich, was ich so sehnsüchtig gesucht hatte. Ich schloß meine
Susi in die Arme, um sie den ganzen Abend nicht wieder loszulassen.

Die
Weihnachtspuppen bekamen ein Jahr später Sportkarren, in denen
wir sie hier vorführen. Meine Schwester Annelie, links, und ich
vor dem Giebel unseres Elternhauses in Konikow, Hinterpommern.
Unsere
Eltern sahen uns lächelnd zu. Heute denke ich, daß sie
aufmerksam beobachtet haben, ob wir richtig überrascht waren.
Die zufällige Entdeckung der Puppen im Schrank blieb unser Geheimnis.
[nach
oben]
