368 Seiten, Klappenbroschur.
Zeitgut Verlag, Berlin.
ISBN: 3-86614-170-X, EURO 12,90 |
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Zum Buch:
Vor seinen Augen veränderte sich Deutschland
Ein westdeutscher Kameramann erlebt den Mauerfall in der DDR.
Im Herbst 1989 eskalierten die inneren Probleme der DDR. Hundertausende hatten inzwischen Ausreiseanträge gestellt. Der Druck, das Land verlassen zu wollen, ließ den Staat nun täglich hörbar lauter knirschen. Nichts klappte mehr richtig, überall fehlten nun erkennbar Fachleute, Ärzte, Pädagogen. Und gerade die Jungen wollten weg, auf die der Staat doch gesetzt hatte und mit denen er angeblich eine neue Zukunft aufbauen wollte.
Als Augenzeuge mitten im Geschehen
Kai von Westermans Reportagebuch "Letzte Bilder von der Mauer" schildert fesselnd die dramatische Stimmung in der maroden DDR unmittelbar vor ihrem Untergang. Der Autor ist im Herbst 1989 als freier Kameramann im Auftrag eines französischen Fernsehsenders in der DDR unterwegs und erlebt das weltverändernde Geschehen um den Fall der Mauer und in den Wochen danach hautnah mit. Er ist Augenzeuge der sich überschlagenden Geschehnisse in der ihrem Ende entgegentaumelnden SED-Diktatur, die durch die wachsenden Demonstrationen vor allem in Ost-Berlin und Leipzig zunehmend ins Wanken gerät. Die Montagsdemonstrationen in Leipzig, die Westerman ohne behördliche Genehmigung aus deren Mitte heraus filmt, bieten ihm Gelegenheit zu offenen Gesprächen mit Demonstranten, die zunehmend angstfrei ihre Empfindungen preisgeben. Dabei befinden sich beide Gesprächspartner in der ständigen Gefahr einer möglichen Verhaftung durch die Staatssicherheit und die Volkspolizei.
Angesichts der großen Bandbreite an spannenden Episoden fällt es nicht leicht, einzelne Erlebnisse und Begegnungen hervorzuheben: Für die Zeit unmittelbar vor dem Mauerfall seien an dieser Stelle das Zusammentreffen Westermans mit Flüchtlingen, die über Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik fliehen, und seine Beobachtungen als Kameramann am Rande des Gorbatschow-Besuchs in Ost-Berlin anlässlich des 40. Jahrestages der DDR-Gründung im Oktober 1989 genannt.
Ein Chefarzt erzählt die Wahrheit
Auch in den ersten Tagen und Wochen nach der Grenzöffnung bietet sich dem Autor mehrfach die Gelegenheit zu fast humorvoll geschilderten, aber inhaltlich ernsthaften Gesprächen: etwa mit einem Ost-Berliner Chefarzt, der sich zwar zurückhaltend, aber dennoch deutlich über die Missstände im sozialistischen Gesundheitswesen auslässt. Auch die Zusammenkunft mit einem jungen Pastor in Bitterfeld, der die besorgniserregenden Mengen der Industrieemissionen in der Chemieregion anprangert, stimmt nachdenklich: Wie lange soll dieser Raubzug an der Gesundheit der Menschen und an der Natur weiter gehen?
Ebenso aufschlussreich ist die Unterhaltung mit Bauarbeitern, die unter der Regie eines westdeutschen Unternehmens ein Luxushotel im Ostteil Berlins errichten und ihren westlichen Gesprächspartnern den zuvor geschilderten Arbeitskräftemangel und die Engpässe in der Materialversorgung dann vor der Kamera nicht so recht eingestehen wollen.
Westerman ist es gelungen, sowohl seine eigenen Eindrücke und Gefühle als auch die der unmittelbar Betroffenen beim Untergang des Honecker-Regimes festzuhalten. Obwohl dem geschulten Auge des Kameramanns kaum ein Detail zu entgehen scheint, wird auch er immer wieder von der Wucht der Veränderungen überrascht.
Weltgeschichtliche Momente vor der Kamera
Das Buch bezieht seinen Reiz aber auch aus dem fesselnden und zugleich erfrischend spritzigen Schreibstil des Autors, der alle geschilderten Ereignisse selbst und zur angegeben Zeit erlebt hat. Er gibt den Lesern regelrecht das Gefühl, als wären auch sie vor Ort gewesen. Im Aufbau eines Reportage-Diariums berichtet er von den wöchentlichen Protestaktionen der DDR-Bürger, die schließlich zum Fall der Mauer am 9. November 1989 führten. An diesem Tag von weltgeschichtlicher Bedeutung ist der Autor am Grenzübergang Invalidenstraße auf Ostberliner Seite und erlebt mit der Kamera auf der Schulter inmitten der jubelnden Menge die Öffnung der Grenze zum Westen. Wenige Wochen später ist er ebenso bei der Erstürmung und Besetzung der Stasi-Zentrale in Leipzig mitten zwischen den eindringenden Demonstranten und zeichnet auf, wie mutige Leipziger erstmals von Stasi-Generälen Antwort erheischen und ihnen frontal, aber höflich in der Form, erklären, dass ihre Zeit nun abgelaufen sei.
Aufarbeitung nach 20 Jahren
20 Jahre nach der Wende hat sich Westerman aufgemacht, seinen filmischen Dokumentationen von damals literarische Aufzeichnungen folgen zu lassen. Lebendig und tief taucht der Leser damit in die Zeit des Zusammenbruchs des Arbeiter- und Bauernstaates ein. Zum Autor: Kai von Westerman , geb. 1960 in Tübingen. Die Eltern - der Vater war Offizier, die Mutter Werbegrafikerin - mussten mit ihrem Sohn und seinen Geschwistern oft umziehen. Kai von Westerman besuchte das Vinzenz-Pallotti-Kolleg in Rheinbach bis zum Abitur. Seit 1988 arbeitet er als freiberuflicher Kameramann. Mit Frau und Sohn lebt er in Bonn. |