Alle Jahre wieder suchen Sie schöne, anrührende Weihnachtsgeschichten zur Veröffentlichung - hier finden Sie die authentischen Geschichten, die das Leben geschrieben hat.
Aus den nachstehenden vier Bänden bieten wir Ihnen Texte zum kostenfreien Abdruck an.

Unvergessene Weihnachten
Band 1: 1918–1959, ISBN 978-3-933336-73-6
Band 2: 1922–1988, ISBN 978-3-86614-103-2
Band 3: 1914–1994, ISBN 978-3-86614-122-3
Band 4: 1914–1989, ISBN 978-3-86614-135-3
Neu: Band 1+ 3 in einem Buch: gebundene Jubiläumsausgabe, ISBN 978-3-86614-149-0

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Unvergessene Weihnachten
Band 1, 2, 3 und 4

Auswahl-Taschenbücher,
jeder Band 192 Seiten,
viele Abbildungen, Ortsregister. je 4,90 Euro,
Zeitgut Verlag, Berlin,

Folgende Geschichten stehen zum Abdruck bereit
Adventsgeschichten sind mit einem roten Sternchen gekennzeichnet*

Neu aus "Unvergessene Weihnachten" Band 1 + 3 (Doppelband)
Der Kaufladen, Elisabeth Kirch-Schuster (3.901 Zeichen, 2 Fotos)
Das Tretauto, Hans Engels (3.809 Zeichen, Foto)
*
Mein Weihnachtswunsch: Ein Vater, Ernst Haß (4.213 Zeichen)
Klare Anweisungen, Maike Gretenkord 1.742 Zeichen
*


Retter in der Not, aus Band 1 (3.938 Zeichen)*
Die Annonce, aus Band 1 (5.374 Zeichen), 1 Abbildung
Später Besuch, aus Band 1 (5.189 Zeichen)
Die Schüssel auf dem Schrank, aus Band 1 (2.656 Zeichen)*
Warten auf das Christkind, aus Band 1 (7.000 Zeichen)
Willis Heimkehr, aus Band 1 (8.761 Zeichen)*

O Tannenbaum, o Tannenbaum, aus Band 2 (4.024 Zeichen), 1 Abbildung*
Der Traum vom Puppenhaus, aus Band 2 (2.733 Zeichen), 2 Abbildungen
Die Weihnachtsgans im Rucksack, aus Band 2 (5.415 Zeichen)
Alle Jahre wieder - dieser verflixte Weihnachtsbaumkauf, aus Band 2 (6.345 Z.)*

Die Puppen im Schrank, aus Band 3 (3.306 Zeichen), 2 Abbildungen
Zuhause, aus Band 3 (5.263 Zeichen)
Das Weihnachtsgeschenk, aus Band 3 (4.061 Zeichen)
Nachricht für den Weihnachtsmann, aus Band 3 (2.215 Zeichen)
Meine Rosa, aus Band 3 (2.805 Zeichen)
Meine erste Friedensweihnacht (2.267 Zeichen)
Unheimlich groß und dünn, aus Band 3 (4.000 Zeichen)*

„Det Christkind is der Palast-Maxe, aus Band 4 (7.031 Zeichen)
Der Weihnachtshase, aus Band 4 (6.284 Zeichen)
Für kurze Zeit dem Krieg entflohen, aus Band 4 (8.070 Zeichen)

Wie wir Weihnachtsbäume organisierten, Band 4 (3.891 Zeichen) 2 Abb.*
Holz für Weihnachten, Band 4, (3.417 Zeichen), 1 Abbildung *
Mein Weihnachtsvergnügen, Band 4, (4.694 Zeichen)*
Die große Enttäuschung, Band 4, (6.989 Zeichen)
3 Fotos: Weihnachten 1928, Weihnachten 1937, Weihnachten 1944

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Lydia Beier, Öffentlichkeitsarbeit
Zeitgut Verlag GmbH, Berlin
E-Mail: lydia.beier@zeitgut.com
Tel. 030 - 70 20 93 14

Fax 030 - 70 20 93 22


aus: "Unvergessene Weihnachten", Band 1

Retter in der Not (3938 Zeichen)
von Margot Linke

[Berlin-Reinickendorf; 1943]

Auf Weihnachten freuten wir sechs Geschwister uns immer ganz besonders. Große Gaben hatten wir nicht zu erwarten, aber es gab immer einen Weihnachtsbaum, einen bunten Teller, etwas Praktisches und ein unerwartetes kleines Geschenk. Meine kleineren Schwestern träumten stets von allerlei schönen Dingen, die, obwohl wir schon im vierten Kriegsjahr waren, noch in den Spielwaren-Geschäften ausgestellt wurden. Diesmal hatten sie niedliche Püppchen gesehen, die ihnen der Weihnachtsmann bringen sollte.

Da das Geld immer sehr knapp war, kaufte meine Mutter oft schon im Herbst einige Kleinigkeiten für den Weihnachtstisch. Sie fing auch früh an, Nüsse, Marzipan und andere Süßigkeiten für den bunten Teller zu sammeln.

Eines Tages stellte Schwester Edith fest, daß die mittlere Schublade der großen Kommode verschlossen war. Nun ging die Raterei los, jede wüßte zu gerne, was da wohl schon versteckt sei. Ich war damals elf Jahre alt und nicht weniger neugierig als die Kleinen. Als meine Eltern einmal nicht zu Hause waren, überlegten wir, ob man nicht die obere nicht verschlossene Lade herausziehen könnte, um einen Blick in die untere zu werfen. Es war schwierig, das klobige Ding überhaupt zu bewegen. Schließlich gelang es uns, den Kasten auf den Fußboden zu bugsieren. Und nun konnte man sogar in die andere hineinfassen!

Große Freude bei uns allen, denn darin lagen vier Püppchen, wie sie sich meine Schwestern wünschten. Jede hatte ein andersfarbiges Kleid an. Trudchen, Erika, Elfriede und Mohrchen entschieden sich gleich für eine bestimmte Farbe. Sie wurden gedrückt und geknutscht und keine wollte das Püppchen wieder hergeben. Aber das ging ja nicht, die Zeit verstrich, und wir mußten ja die alte Ordnung wiederherstellen. Das war jedoch leichter gedacht als getan. Der schreckliche Kasten war so schwer, daß er sich kaum bewegen ließ. Und nun klingelte es auch noch!

Vor der Tür stand unser Nachbar, der bei uns in der Residenzstraße das wichtige Amt eines Blockwartes bekleidete. So richtig leise war es bei uns sehr selten, aber diesmal mußten wir wohl übertrieben haben, daß es den Ordnungshüter auf den Plan brachte. Er kannte alles und jeden im Haus, außergewöhnliche Dinge blieben ihm nicht verborgen. Mit den Worten: "Ist was passiert?", schritt er schnurstracks ins Zimmer - und übersah die schwierige Situation sofort.

Ohne auf unsere Erklärungsversuche einzugehen, wuchtete er die Schublade in die Höhe und schob sie wieder in die Kommode! Wir hätten ihm jetzt vor lauter Dankbarkeit alles versprochen, mußten ihn aber doch inständig bitten, unseren Eltern nichts zu verraten. Wir haben nie erfahren, ob er dichtgehalten hat - rausgekommen ist letzten Endes doch alles.

Endlich war Weihnachten. Das Wohnzimmer, meistens etwas kühl, war am Heiligen Abend gut geheizt, der Baum wunderschön geschmückt. Kugeln und Lametta wurden von Jahr zu Jahr aufgehoben, und aus Resten hatten wir sogar Kerzen gegossen. Nach der Bescherung saß jedes Kind auf dem ihm zugewiesenen Platz am Tisch, als sich plötzlich ein fürchterliches Geschrei erhob. Die Kleinen zankten und schrien: "Ich will rosa!", "Ich will grün!" und gerieten sich fast in die Haare.

Unsere Eltern guckten erst etwas verstört, behielten zum Glück aber die Nerven und schlugen dann vor, sie sollten doch die Puppen tauschen.
Nun kehrte Frieden ein, Weihnachtslieder wurden gesungen, Gedichte aufgesagt und schon von den Köstlichkeiten des bunten Tellers genascht.

Als ich meine Mutter viel später einmal fragte, wieso sie bei dem Durcheinander Weihnachten nicht ausgerastet sei, meinte sie, längst hätte sie gemerkt, daß etwas im Busche war. Die Kinder bemühten sich ein paar Tage unerwartet freundlich miteinander umzugehen und auch artig zu sein. Der Clou war dann, daß sie beim Einteilen der Süßigkeiten für die Bunten Teller gemerkt hatte, daß eine einem Marzipan-Schweinchen den Kopf abgebissen hatte.

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Aus: "Unvergessene Weihnachten" Band 1

Die Annonce (5374 Zeichen)
von Georg Günther

[Magdeburg/Elbe; Sachsen-Anhalt; Advent 1945]

Es war in der Adventszeit des Jahres 1945. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war unsere fünfköpfige Familie endlich wieder beisammen. Kurz vor Kriegsende in unserer Heimatstadt Magdeburg total ausgebombt, bestand unser Hab und Gut nur noch aus zwei geretteten Koffern mit Kleidungsstücken. Wir waren sehr beengt in einer kleinen Wohnung vorübergehend untergebracht. Die eigentliche Mieterin war mit ihrem Kind während der Kriegszeit evakuiert worden und wohnte auf dem Lande. Natürlich wollte sie wieder zurückkommen, aber dies ging erst, nachdem wir etwas anderes gefunden hatten. Das Jahresende mußten wir noch dort verbringen.

Mein Bruder war, wenn auch verwundet, aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt; auch meine Schwester kam von der Seefahrt zurück. So sahen wir dem bevorstehenden Weihnachtsfest mit Dankbarkeit und Freude entgegen.
Dieses Fest sollte nun in unserer Familie nach all den Erlebnissen und Entbehrungen etwas Besonderes werden. Es sollte sich auch äußerlich, durch kleine Geschenke und Überraschungen, abheben von den anderen Tagen. Das war jedoch 1945 sehr schwer, es gab fast nichts. Da mußten die Erwachsenen verzichten. Meine Erwartungen - ich war damals 12 Jahre alt - sollten jedoch nicht gänzlich enttäuscht werden.

Meine Schwester hatte die Idee, eine Annonce aufzugeben. Wo und wie aber?
Eine Zeitung erschien noch nicht wieder. Anstelle dessen wurden Bretterplanken und Mauern genutzt, um auf selbstverfaßten Zetteln Such- oder Tauschwünsche zu veröffentlichen. Und so schrieb meine Schwester einen derartigen Zettel mit folgendem Text:

"Biete Lebensnotwendiges, suche Spielzeug für 12jährigen Jungen und Kaffee."

Mit letzterem gedachte sie, auch meiner Mutter eine Freude zu bereiten. Mit dem Zettel, Nägeln und Hammer bewaffnet machte sich meine Schwester also auf den Weg zu einer Hausruine an einer Straßenecke, wo sie die Annonce an eine Holzplanke nagelte. Davor stand immer eine Schar Menschen und las die Tauschangebote.

Ich erfuhr von dieser Sache natürlich nichts. Wie mir meine Schwester später erzählte, ist sie täglich zu der Annoncen-Planke gegangen, immer mit der Hoffnung auf ein Angebot. Dann endlich, ein paar Tage vor Heiligabend, stand eine Adresse unter der Anzeige. Auf die Nachfrage nach Spielzeug, meldete sich ein junges Ehepaar. Der Mann besaß noch einiges aus seiner Kinderzeit, das er gern gegen Lebensmittel eintauschen wollte. Den Leuten konnte mit etwas Fleisch geholfen werden, und meine Schwester erhielt dafür das gesuchte Spielzeug für ihren kleinen Bruder.

Auch für den Kaffee bekam sie ein Angebot. Es meldete sich eine alte Frau. Meine Schwester ging am Tag vor Heiligabend zu ihr und nahm ebenfalls etwas Fleisch mit, denn wir hatten durch eine Schlachtung, bei der mein Bruder half, ein größeres Stück als Lohn bekommen. Die Vorfreude meiner Schwester war so groß, daß sie den weiten Weg schnell zu Fuß zurücklegte. Dort angekommen, gab es aber eine Enttäuschung für sie: Die Frau bot nur Malzkaffee!

Dies meinte sie mit dem Wort Kaffee. Also ein Mißverständnis.

Meine Schwester entschloß sich, das Mitgebrachte dort zu lassen, den Malzkaffee auch. Als Gegenleistung entdeckte sie bei der alten Frau ein paar Freudentränen, und das war Dank genug. Es war wie ein Licht, das in schwerer Zeit angezündet war. Ihr Weihnachtsbraten war gesichert. Zu dem Bohnenkaffee sind die Frauen am Ende doch noch gekommen. Wie weiß ich nicht.

Was denkt wohl ein Kind, wenn es keinen Weihnachtsbaum zu Weihnachten geben soll?

Ich drießelte meinen Vater schon lange vor dem Fest nach einem Weihnachtsbaum. Zu kaufen gab es keinen, das wußte ich auch. Aber was sollte werden?

Ich konnte mir jetzt, wo wir doch alle wieder zusammen waren, Weihnachten ohne Baum einfach nicht vorstellen.

Mein Vater wußte Rat: "Dann gehe ich in den Wald - schließlich war er mal Familienbesitz - und hole selber eine Fichte!"

Sprach's und machte sich am anderen Morgen früh auf den Weg. Der Wald lag 25 Kilometer von uns entfernt, in östlicher Richtung über der Elbe. Die Brücken waren gesprengt, nur eine Holzbrücke war gebaut worden. Eisenbahnzüge verkehrten darüber jedoch nicht. Also mußte Vater zu Fuß, etwa 2 ½ Stunden bis zum nächsten Bahnhof auf der anderen Elbseite gehen.

Da fuhr auch kaum ein Zug. Kohlen für die Lokomotiven waren sehr knapp. Schließlich ging es doch los, kalt und voll waren die Wagen. Endlich erreichte der Zug den Ort, wo der Wald lag. Bäume gab es dort genug, so daß die Auswahl nicht schwerfiel, und er einen Weihnachtsbaum selbst schlagen konnte. Der Rückweg war genauso strapaziös wie der Hinweg. Am anderen Tag erst traf der Vater wieder zu Hause ein und berichtete uns von seinen Erlebnissen, aber es hatte sich gelohnt.




Endlich wieder beisammen: meine Eltern, meine Geschwister und ich Weihnachten 1945 in unserer Heimatstadt Magdeburg.

Am Heiligen Abend stand der Baum mit selbstgegossenen Kerzen und selbstgefertigtem Christbaumschmuck im Wohnzimmer. Darunter lagen für mich drei Kinderbücher und ein Fußballspiel.

So konnte die sich nach dem Zweiten Weltkrieg wiedergefundene Familie ein glückliches Weihnachtsfest feiern. Meine Schwester freute sich über die gelungene Überraschung für den kleinen Bruder und war überglücklich. In der heutigen Zeit bedarf es dazu weitaus größerer Geschenke - die Zeit ist eine andere.

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Aus: "Unvergessene Weihnachten" Band 2

O Tannenbaum, o Tannenbaum ... (4024 Zeichen)
von Joachim Weimar

[Gera, Thüringen; 1938]

Dieses schlichte Volkslied, das zur Weihnachtszeit gespielt und gesungen wird, hat einst ein Zimmermann aus Goldlauter im Thüringer Wald komponiert. Mich erinnert besonders dieses Lied an meine Kindheit, die ich bei meinen Großeltern in Gera verbrachte.

Zum Weihnachtsabend versammelte sich die gesamte Familie in der kleinen, bescheidenen Wohnung. Zu Weihnachten gehörte natürlich auch ein mit Kerzen, Naschwerk, Glaskugeln und Lametta festlich geschmückter Tannenbaum.

Da die "gute Stube" der großelterlichen Wohnung nicht gerade geräumig war, wurde der stattliche Baum an die Decke gehängt. Das entlastete zwar die räumliche Enge, brachte aber andere Probleme mit sich. Ich erlebte es nie, daß der Weihnachtsbaum so hing, wie er sollte. Immer waren zusätzliche Stabilisierungsmaßnahmen erforderlich. Einmal wurde sogar ein in Silberpapier eingewickeltes Brikett als Ausgleichsgewicht eingesetzt. Ein anderes Mal wurde der Baum mit dünnen Fäden in eine senkrechte Lage gezurrt, so daß er im Prinzip eher einem Fesselballon ähnelte, zumal mein Onkel Rudel über diese Fäden Lametta hängte, um die Gleichgewichtsbemühungen deutlicher sichtbar zu machen.

Jedenfalls war unser Tannenbaum nicht nur Gegenstand festlicher Andacht, sondern auch Objekt mancher Frotzelei, was mein Großvater bis dahin immer gelassen hinnahm. Als sich aber auch noch meine Großmutter an den Sticheleien beteiligte, war das Maß voll. Nun legte Großvater ziemlich kategorisch fest: "Martha, nächstes Jahr kaufst du den Weihnachtsbaum!"

Als vor Jahresfrist Großmutter immer wieder den Weihnachtsbaumkauf anmahnte, bekam sie jedesmal zu hören: "Martha, dieses Jahr kaufst du das Bäumchen selber."

Es war höchste Zeit. Am letzten Tag des Weihnachtsmarktes machte Großmutter sich auf den Weg. Ich mußte sie begleiten, wohl eher als Lastesel denn als Gutachter.

In der Tat: Großmutter hatte einen Weihnachtsbaum von seltener Schönheit ausgewählt. Er war von geometrischer und ästhetischer Symmetrie - und auch nicht billig. Weil der Großmutter noch weitere Besorgungen einfielen, wurde der Baum in der Fahrradaufbewahrung nahe der Einkaufsstraße abgestellt.

Es dämmerte schon, als wir ihn dort wieder abholen wollten. Leider war unser Weihnachtsbaum inzwischen von einem Auto überrollt, das forstwirtschaftliche Prachtstück sozusagen zu Kleinholz gemacht worden. Wir bekamen zwar den Kaufpreis vom Betreiber der Fahrradaufbewahrung ersetzt, aber einen Weihnachtsbaum hatten wir nun nicht mehr.

So blieb uns nichts weiter übrig, als noch einmal auf den Markt zu gehen. Die Weihnachtsbaumhändler waren schon am Zusammenräumen, das Geschäft für dieses Jahr war gelaufen. Doch wir hatten Glück und erstanden noch einen Baum, sogar für den Spottpreis von 25 Pfennigen. Danach sah er auch aus. Der Händler entschuldigte sich fast dafür, daß er uns so einen Krüppel von Baum andrehen mußte. Aber was sollten wir machen?

Diesen oder keinen, so stand die Frage.

Zuhause angekommen mußte ich den Baum erst einmal im Waschhaus abstellen. Großvater erwartete uns mit sichtbarer Spannung und der von Neugier geladenen Frage:

"Wo habt ihr denn den Weihnachtsbaum?"

"Im Waschhaus", war Großmutters einsilbige und verlegene Antwort.

Mit den Worten: "Den muß ich sehen", zündete Großvater die Petroleumlampe an und ging unverzüglich ins Waschhaus. Noch in der zweiten Etage hörte ich sein schallendes Gelächter, von Großmutter kommentarlos hingenommen.


Nie wieder habe ich ein so lustiges Weihnachtsfest, wie das nun anstehende, erlebt. Den ganzen Abend wurden immer wieder neue und skurrilere Vorschläge zur Richtungskorrektur des Weihnachtsbaumes unterbreitet und praktiziert. Aber, was wir auch unternahmen, jedes zusätzliche Gewicht löste zugleich eine Drallbewegung aus. Diesem Tannenbaum fehlte einfach die festliche Ruhe.

Möglicherweise hat dieses Erlebnis dazu beigetragen, daß ich später während meines Ingenieurstudiums sehr schnell die Gesetze einer Drehbewegung um eine freie Rotationsachse verstanden habe.

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Aus: "Unvergessene Weihnachten" Band 2

Der Traum vom Puppenhaus (2733)
von Astrid Gassen

[Berlin-Zehlendorf; 1940, 1942]

Jedes Weihnachtsfest war irgendwie das schönste Weihnachtsfest. Damals jedoch - das waren Kindheit und Jugend. Damals, das ist lange her. Damals hieß: Familie, Freunde, Zuhause, Heimat und vieles mehr. Damals war der Duft von Weihnachten, von Tannen und Kerzen, von Plätzchen, Schokolade, Marzipan und Gänsebraten.

Ich schaue auf das Foto und sehe meine Großmutter, bei der ich aufgewachsen bin. Meine Eltern ließen sich 1939 scheiden, und ich kam einen Tag nach meinem fünften Geburtstag, am 8. April 1939, zu meiner Omi, der Mutter meines Vaters. 17 Jahre blieb ich bei ihr, eine herrliche Zeit.

Ich sehe meinen Papi. Dahinter steht mein Kindermädchen Gretel, die Größere, genannt Deten, daneben das Hausmädchen Klara, die ich Pattra nannte, und die uns als erste verließ, um in den Arbeitsdienst zu gehen. Wir hatten Krieg. Und ich sehe mich, meine Puppenstube, das Puppenbett, die Spielsachen, unser Zuhause in Berlin-Zehlendorf. Das zweite Kriegsweihnachten 1940. Jenes Weihnachtsfest wird das schönste Weihnachtsfest bleiben, weil es Erinnerung ist, weil es meine Kindheit war.



Weihnachten 1940 war ich fünf Jahre alt. Neben mir kniet mein Vater, dahinter sitzt meine Oma. Dahinter stehen mein Kindermädchen Gretel und das Hausmädchen Klara.

Wir waren schon im dritten Kriegsjahr, als mein Papi mir versprach, zum Weihnachtsfest 1942 ein Puppenhaus für mich zu bauen. Nach der Trennung meiner Eltern lebte ich bei meiner Großmutter in einem herrlichen alten Haus in der Zehlendorfer Kleiststraße 15, mein Vater wohnte nebenan in der Nummer 11 in seinem modernen Haus. Dort befand sich ein für damalige Verhältnisse bombensicherer Luftschutzkeller, in den wir bei Angriffen auf Berlin gingen, zusammen mit vielen Nachbarn. Mein Vater fing in diesen Bombennächten mit dem Bau meines Puppenhauses an. Und nur in diesen, leider immer häufiger werdenden Bombennächten baute er an meinem Puppenhaus. Er ging dann in seinen Bastelraum, und mir war natürlich der Zugang verwehrt.

Weihnachten 1942 stand es dann vor dem großen Weihnachtsbaum im Haus meiner Großmutter. Meine Freude war riesengroß. Damals war ich sieben Jahre alt.

Ich konnte nicht ahnen, daß ich nur wenig Freude an diesem Puppenhaus haben würde. Im August 1943 verließen viele Frauen und Kinder Berlin, so auch meine Großmutter und ich. Wir haben damals Berlin für immer verlassen. Mein schönes Puppenhaus wird irgendwo geblieben sein. Als Erinnerung durch beinahe 60 Jahre blieb ein kleines Foto, dieses Bild Weihnachten 1942 in Berlin.



Weihnachten 1942 bekam ich dieses wunderschöne Puppenhaus geschenkt. Mein Vater hatte es in den Bombennächten für mich gebaut.

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Aus: "Unvergessene Weihnachten" Band 3

Die Puppen im Schrank (4024 Zeichen)
von Gisela Schoon

[Konikow bei Köslin*), Hinterpommern; Dezember 1930]

Meine zwei Jahre ältere Schwester Annelie und ich gingen noch nicht zur Schule. Wir wohnten in einem kleinen Dorf in Hinterpommern. Weil unsere Eltern immer viel Arbeit hatten, waren wir uns häufig selbst überlassen, was unserer fantasievollen und frohen Kinderzeit nicht schadete, im Gegenteil. Die Wochen vor Weihnachten waren besonders schön, geheimnisvoll und voller Vorfreude.
Eines Tages winkte mich Annelie in die gute Stube, die wir sonst nur zu Festtagen betraten. Der hohe Schrank, in dem unsere Eltern ihre Sonntagskleidung aufbewahrten, stand offen. "Komm, Gila, guck bloß mal!" flüsterte sie mit dem Finger auf dem Mund.

Ich sah in den Schrank und entdeckte hinter dunklen Mänteln zwei wunderschöne Puppengesichter. "Oh! Och!"

Wir standen ganz still vor freudigem Erschrecken und trauten uns nicht, sie zu berühren, und schon gar nicht, sie hervorzuholen. Wie kamen die Puppen da hinein? Ob sie wohl für uns waren? War etwa der Weihnachtsmann schon bei uns gewesen, und Mama hatte die Puppen verstecken sollen?

Etwas schuldbewußt ob unserer Entdeckung schlichen wir zurück in unsere Spielecke in der Eßstube. Am nächsten Tag zog es uns wieder zum Schrank. Der Schlüssel steckte, und wir standen wieder andächtig schauend vor unseren Puppen hinter den Mänteln. "Meine" Puppe, ich hatte mir die mit dem blonden Bubikopf ausgesucht, lächelte mich mit ihren strahlend blauen Augen schelmisch an. Ach, war ich glücklich! Ich taufte sie in Gedanken auf den Namen Susi.
Am dritten Tag standen wir vor einem verschlossenen Schrank ohne Schlüssel. Eifrig suchten wir nach ihm, jedoch vergeblich. Ob er wohl oben auf dem Schrank lag?

Das aber konnte Annelie auch mit einem herangezogenen Stuhl nicht nachprüfen, obwohl sie sich sehr streckte, sie reichte nicht hinauf. Enttäuscht gaben wir auf. Darüber zu sprechen wagten wir natürlich nicht.

Meine Schwester Annelie zieht mich auf dem Rodelschlitten. Im Hintergrund ist Opas Bienenhaus zu sehen.

Endlich war es Heiligabend. Als wir aus der Kirche kamen, liefen wir unseren Eltern voraus. Der Schnee knirschte unter den Stiefeln. Aber alle Eile half nichts, wir mußten warten. Der Weihnachtsmann brauchte in der guten Stube noch einige Zeit. Endlich, endlich öffnete Mama die Tür!

Der brennende Lichterbaum, buntgeschmückt, reichte vom Boden bis zur Decke. Und darunter lagen mit glänzendem Papier verpackte Pakete und Päckchen. Doch dafür hatte ich keinen Blick. Ich suchte die Puppen unter dem Baum und sah sie nicht. Tiefes Erschrecken erfaßte mich. Kaum gelang es mir, mein Gedichtchen aufzusagen. Dann durften wir die Geschenke auspacken. Ganz versteckt unter buntem Papier fand ich, was ich so sehnsüchtig gesucht hatte. Ich schloß meine Susi in die Arme, um sie den ganzen Abend nicht wieder loszulassen.

Die Weihnachtspuppen bekamen ein Jahr später Sportkarren, in denen wir sie hier vorführen. Meine Schwester Annelie, links, und ich vor dem Giebel unseres Elternhauses in Konikow, Hinterpommern.

Unsere Eltern sahen uns lächelnd zu. Heute denke ich, daß sie aufmerksam beobachtet haben, ob wir richtig überrascht waren. Die zufällige Entdeckung der Puppen im Schrank blieb unser Geheimnis.

*) heute Konikowo bei Koszalin in Polen

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Aus: "Unvergessene Weihnachten" Band 3

[Goslar am Harz, Niedersachsen; 20. Dezember 1949]

Zuhause (5263 Zeichen) (Diese Geschichte wurde leicht gekürzt)
von Waldemar Siesing

Ein vorweihnachtlicher Tag, dieser 20. Dezember, wie es unzählige in einem Menschenleben gibt. Der Schnee fällt tanzend und leise aus den Ewigkeiten herab auf die Erde, ein rauher Wind weht, wie im Monat Dezember üblich, durch die Straßen. Der vor dem Bahnhofsgebäude stehende Weihnachtsbaum verströmt Wärme durch seine vielen Kerzen, die leuchtend anzeigen, daß die Festtage nicht mehr weit sind. Der Bahnhofsvorplatz, ja die ganze Kaiserstadt Goslar, will strahlend die Menschen begrüßen, die aus allen Richtungen mit dem Zug nach hier kommen. Auch mich, den Spätheimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft.

Der Zeiger der Bahnhofsuhr deutet auf die sechste Abendstunde, als ich den Zug, der mich von Friedland hierher gebracht hat, verlasse. Die ersten Schritte auf dem Bahnsteig in völliger Freiheit übermannen mich. Nur ganz langsam gehe ich weiter, wie schwebend, schließlich die Treppe hinauf zur Bahnhofshalle. Menschen hasten an mir vorbei. Manche schauen mich mitleidig an, andere registrieren mich gar nicht, und wiederum andere entbieten mir einen liebenswürdigen Gruß.
Ich nicke scheu zurück.

Die farbenfrohen Auslagen in den kleinen Geschäften im Bahnhof - die Bundesrepublik steckt noch in den Kinderschuhen - erwecken mein stärkstes Interesse, aber ich strebe dem Ausgang zu. Nervös suchen meine Augen die Umgebung ab, suchen meine Eltern, die ich von Friedland aus telegrafisch benachrichtigt habe, daß ich nach Hause komme. Ich spüre den Schauer, der über meinen Rücken läuft, höre mein Herz lauter als sonst schlagen, und ich fühle, wie sich Schweißperlen mit Freudentränen vermengen. Es kommt mir so vor, als liege ein Schleier auf meinen Augen. Die Vergangenheit, die Schmerzen beim Gehen - ich habe viele Geschwüre an Beinen und Armen -, meine körperliche Verfassung sind vergessen. Die Eltern nach vielen Jahren endlich wiederzusehen bläst alles Negative hinweg.

(…)

Die an mir vorbeilaufenden Menschen verunsichern mich immer mehr. Meine Eltern kann ich unter den vielen Passanten nach wie vor nicht entdecken. In diese für mich trostlose Situation steuert ein Beinamputierter sein Selbstbewegungsfahrzeug dicht an die Stufen, die zum Eingang der Bahnhofshalle führen, und spricht mich mit den Worten an, die ich im Leben nie mehr vergessen werde: "Kamerad, komm, ich bringe dich nach Hause."
Er bringt mich in die Wislicenusstraße 21, in das Haus, in dem meine Eltern und der Großvater wohnen. Zwei Kriegsramponierte an einem kalten Winterabend, einem Vorweihnachtstag, der im Grunde nichts Außergewöhnliches an sich hat. Für mich ist es der Tag, an dem ich zum zweiten Mal geboren werde.
Müde und abgekämpft schleppe ich mich die zwei Etagen nach oben zur Wohnung meiner Eltern. Mein Großvater empfängt mich mit stummem Entsetzen. Er findet keine Worte der Begrüßung, schaut mich nur fassungslos an, bis er nach einigem Gestotter herausbringt, daß meine Eltern am Bahnhof auf mich warten würden.

Schweigend sitzen wir uns dann am Tisch gegenüber. Großvater hat mich das letzte Mal gesehen, als ich zehn war und meine Sommerferien bei ihm in Stettin verbracht habe. Jetzt bin ich 27 und habe vier Jahre als Soldat und fünf Jahre Kriegsgefangenschaft hinter mir. Großvater ist 80 und für sein Alter quicklebendig. Was muß ihm durch den Kopf gehen, mich, seinen einzigen verbliebenen Enkel, in diesem Zustand zu sehen?
Endlich, nach langen, langen Minuten des Schweigens steht er auf und nimmt mich in seine Arme.
Ich bin Zuhause.

Dann Stimmen im Treppenflur. Bewohner aus den unteren Etagen haben meinen Eltern schon freudig mitgeteilt, daß ich oben in der Wohnung auf sie warte. Ich laufe ihnen, so gut ich es vermag, auf der Treppe entgegen und bleibe auf einer Halbetage vor den Eltern stehen. Alle Schmerzen und Strapazen, alle Schwachstellen des Körpers und des Herzens vergessend, halte ich meine vor Glück taumelnde Mutter in den Armen. Vor sechs Jahren habe ich sie zum letzten Mal in Magdeburg gesehen. Ein Sohn, mein jüngerer Bruder Wolfgang, war an der Westfront gefallen. Sie befürchtete, mich ebenfalls verloren zu haben, denn mein erstes Lebenszeichen aus der Kriegsgefangenschaft, eine Rote-Kreuz-Karte, erhielt sie erst Weihnachten 1946, für meine Mutter eine Ewigkeit des Bangens und Hoffens. Meinen Vater habe ich 1941 zum letzten Mal gesehen. Als Jugendlicher bin ich damals fortgegangen, als ausgemergelter junger Mann stehe ich jetzt vor ihnen.

Wir halten uns fest in den Armen, wollen uns nicht mehr loslassen, wollen in diesem Augenblick alles nachholen, was der furchtbare Krieg uns verwehrt hat. In den Freudentränen gehen alle Worte der Begrüßung unter.
Wie sie beim Abendessen erzählen, seien meine Eltern in der Bahnhofshalle immer auf und ab gegangen, hätten mich unter den vielen Menschen aber nicht gesehen. Ein späterer Blick in den Spiegel - während der Kriegsgefangenschaft habe ich nie einen Spiegel in der Hand gehabt - läßt vermuten, daß sie mich nicht erkannt haben. Mich dünnes Skelett, mehr vom Tode als vom Leben gezeichnet, das Gesicht voller Geschwüre und nur die verweinten Augen sprühen das Leben einer Jugend wieder, die durch alle Höhen und Tiefen dieser Zeit gegangen ist, sie sind trotz allem wach und hoffnungsfroh gestimmt.

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Aus: "Unvergessene Weihnachten" Band 3

[Görmar bei Mühlhausen, Thüringen; 1943]

Das Weihnachtsgeschenk (4061 Zeichen)
von Babette Reineke

Wir schrieben das Kriegsjahr 1943. Dieses Jahr hatte uns den Vater genommen, oder waren es die Russen gewesen? Jedenfalls deckte ihn seit einigen Wochen russische Erde zu. Mutter ging es wie so vielen in jener Zeit: Sie stand mit uns drei unmündigen Kindern allein da. Es war für uns alle eine traurige Zeit und trotzdem wurde es Weihnachten!

"Wir werden nur einen Tannenzweig schmücken", sagte Mamusch, "und überhaupt wird der Weihnachtsmann kaum etwas zum Bringen haben!"

Ich konnte das gut verstehen, denn aus der Schule wußte ich, daß alle Güter an der Front gebraucht wurden. Mit Phantasie und bescheidenster Zutaten gab es dennoch genug Heimlichkeiten in der Weihnachtszeit.

Es gab aber auch, besonders in den Nächten, Fliegeralarm. Dann mußten wir unser warmes Bett mit dem kalten Kohlenkeller tauschen. Unser Kinderzimmer stand längst schon leer, fühlten wir uns doch im elterlichen Schlafzimmer, so nah bei Mutter, geborgener. Sie hatte Brüderleins "Gatterbett" herübergeholt, das Baby schlummerte in seiner Wiege und ich selbst im Ehebett auf Vaters Seite - bis Heiligabend. Eine unerklärliche Sehnsucht nach meinem Kinderbett erfaßte mich. Erinnerung an vergangene Weihnachten, als Pa' solch tolle Einschlafgeschichten erzählte?

Wie dem auch sei, ich begab mich am Heiligen Abend ins Kinderzimmer und in mein angestammtes Bett. Mit meinen elf Jahren glaubte ich zwar nicht mehr an den Weihnachtsmann, dennoch an irgendeine kleine Freude, die der Weihnachtsmorgen bringen würde. Man muß wissen, daß in Thüringen erst dann Bescherung ist, und daß schon vor Tag. Punkt 5 Uhr nämlich rufen die Glocken zur Christmette, somit haben daheim Knecht Ruprecht oder das Christkind freie Bahn.

Nun lag ich endlich wieder in den eigenen Federn, ganz schön klamm und kalt waren sie. Das Fußende war an einer Ecke hochgeschoben, und die Tür stand fast immer offen. Kein Wunder, daß die Kälte reingekrochen war! - Brrrr! - So langsam kroch sie auch in mir hoch und ich kroch um so tiefer unter das dicke Federbett.

Horch! War da nicht eben ein verhaltenes Weinen?
Sollte es vom Schwesterchen nebenan gekommen sein?
Unmöglich für mich, es zu hören, steckte ich doch bis über die Ohren und zusammengerollt wie ein Igel in meinem Nestchen! Nun wurde mir schon wärmer. Wohlig streckte ich meine Füße aus, doch wie von einer Tarantel gestochen, zog ich sie sogleich wieder zurück. Was in aller Welt war das?
Da war etwas Warmes, Weiches gewesen und bewegt hatte es sich auch. Mir sträubten sich die Nackenhaare!
War dies ein böser Traum?
Doch da war es wieder, dieses leise Wimmern, und es kam just vom Fußende meines Bettes!

Vor Aufregung zitternd schlug ich die Bettdecke zurück und erblickte, eng aneinandergeschmiegt, fünf fiepende Katzenbabys. So hilflos und verlassen waren sie und anscheinend sehr hungrig. Mich dauerte dieser jammervolle Anblick. Minka! schoß es mir durch den Sinn. Nur sie konnte die Mutter der Kleinen sein! Wo steckte sie, unsere getigerte Hauskatze, der Schrecken aller Mäuse?
Just in diesem Moment war ein leises Kratzen an der Tür zu hören und Minkas klägliches "Miaaau". Hurtig ließ ich sie ein: "Du weckst ja noch das ganze Haus, Minkemau! Und überhaupt, was hast du dir dabei gedacht? Für uns alle ist das Bett nicht groß genug!"

Minka schaute mich nur grünäugig an und sprang sofort zu ihren Jungen aufs Bett. "Miaumaumau", machte sie und betrachtete wohlgefällig ihre schmatzend an ihr saugenden Winzlinge. Es war schon ein erhebender Anblick und nur die Kälte, die höchst unangenehm meine nackten Beine mit einer Gänsehaut überzog, vermochte mich davon loszureißen.

"Na gut, weil Weihnachten ist!"
Leise schlich ich aus dem Zimmer und überließ Minka samt Nachwuchs das Feld. Danke, Sammetpfötchen, für ein wundervolles Weihnachtsgeschenk, wie ich es nie wieder bekommen habe!

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Aus: "Unvergessene Weihnachten" Band 3

[Leipzig - Klotzsche bei Dresden, Sachsen; 1928]

Nachricht für den Weihnachtsmann (2215 Zeichen)
von Rosemarie Bierich

Ich war noch ein kleines Mädchen, als mich meine Eltern im Sommer mit zu einer Mehrtagestour von Leipzig nach Klotzsche bei Dresden nahmen. Dort hatten wir bei einer Freundin meiner Mutter ein gediegenes Obdach.

Eines Tages gingen wir in der Dresdner Heide spazieren und gelangten an eine Schonung von Fichtenbäumchen. Eine Schonung?
Für mich war das ein ganzer Trupp wunderschöner Christbäume. "Aaahh, guckt mal, das sind ja lauter Weihnachtsbäume! Kommt hier der Weihnachtsmann mal vorbei?"
Als ich erfuhr, daß das ganz bestimmt der Fall sei, und er von dort die Christbäume für die Kinder abhole, fragte ich, ob ich mir einen aussuchen dürfe.
"Warum nicht? Tu das doch!" bekam ich zur Antwort.

Kritisch schaute ich mir die in der Nähe stehenden Bäumchen an. "Den hier! Aber weiß der Weihnachtsmann auch, daß ich den haben will?"
"Wir heften einen Zettel mit deinem Namen an. Sicher wird er dir den Baum dann auch bringen."
Mein Vater, stets mit Stift und Notizpapier versehen, kritzelte irgend etwas auf einen Zettel und heftete ihn an einen Fichtenzweig. Die Sache war erstmal erledigt. Im Laufe des Sommers dachte keiner mehr an den Zettel für den Weihnachtsmann.

Dann war der Heiligabend gekommen. Ich stand in der Küche und hörte den Weihnachtsmann fortgehen - zu sehen bekam ich ihn nie, nur zu hören. Mein Vater war bereits in der Weihnachtsstube.
Da fragte ich meine Mutter: "Steckt denn der Zettel für den Weihnachtsmann noch an dem Baum?"
"Ich weiß nicht ... doch sicher, er wird schon noch dran sein."

Rasch ging meine Mutter in die Weihnachtsstube und erzählte meinem Vater, daß ich nach dem Zettel vom Sommer gefragt hätte. Da schrieb mein Vater in Eile einen Krakel auf ein etwas wettergeschädigtes Blatt Papier - war ja egal, ich konnte noch nicht lesen - heftete es an den bereits leuchtenden Baum und sagte: "So, das Mädel kann kommen!"

Als ich eintrat, galt mein erster Blick dem leuchtenden Christbaum, der zweite forschte nach dem Zettel.
"Das ist ja wirklich der richtige Baum!" rief ich erfreut aus.
"Aber ja, der Weihnachtsmann macht doch alles richtig!"
Das war tatsächlich mein Baum, und erst jetzt war es für mich auch das richtige Weihnachtsfest.

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 4


Weihnachten 1928 bei der Familie von Hans-Joachim Friederici (links) in Berlin-Westend.

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Aus: "Unvergessene Weihnachten" Band 3

[Küllstedt, Eichsfeld, Thüringen; 1926]

Meine Rosa (2805 Zeichen)
von Editha Feuser

Weihnachten wurde in meiner Kindheit im Eßzimmer gefeiert, das wir sonst nur benutzten, wenn wir Besuch bekamen. Der Eßtisch, der in der Mitte des Zimmers stand, wurde ausgezogen, so daß das Christkind, an das ich mit elf Jahren noch glaubte, Platz für die Geschenke hatte. Der Tisch war festlich gedeckt mit Tellern voller Süßigkeiten, jedoch weitaus bescheidener, als es heutzutage üblich ist. Jedes Teil war akkurat nebeneinander platziert, obenauf lagen die bunten Fondantkringel, die wir Kinder so sehr liebten. Die Geschenke, die das Christkind bescherte, waren vor allem Kleidungsstücke oder später Dinge für die Schule, was man eben so brauchte.

Wenn das Christkind klingelte, mußten wir Kinder erst ellenlange Gedichte vor dem Weihnachtsbaum stehend vortragen und eine unendlich lange Reihe Lieder singen. Dabei versuchten wir, heimlich auf den Gabentisch zu schielen; denn das Christkind brachte für jeden auch ein Spielzeug. Ich wußte, daß jedes Jahr eine liebe Tante, eine Schwester meiner verstorbenen Mutter, eines für mich "bestellt" hatte.

An jenem Weihnachtsfest war meine Freude besonders groß. Bei der Bescherung glaubte ich zu träumen: An meinem Platz saß eine wunderhübsche, große Puppe. Bisher hatte nur meine jüngere Schwester Irmgard Puppen bekommen. Ich durfte zwar auch damit spielen, aber nur zusammen mit meiner Schwester, hieß es, das war nicht dasselbe. Diese Puppe hier gehörte mir ganz allein. Überglücklich schloß ich sie in die Arme. Die Puppe hatte einen wunderschönen Porzellankopf mit großen Schlafaugen und gutriechenden, echten Haaren, und sie trug ein rosarotes Organdykleidchen. Und so nannte ich sie "Rosa".

Am liebsten wollte ich meine Rosa gar nicht mehr loslassen. Abends nahm ich sie mit in mein Zimmer und setzte sie neben mein Bett auf den Nachttisch.
Doch eines Nachts - oh Schreck! - fiel Rosa hinunter, und der schöne Porzellankopf wurde beschädigt. Ich war untröstlich. Aus Angst vor meinen Eltern versteckte ich die Puppe ganz unten in meinem Kleiderschrank.
Vergessen konnte ich Rosa aber mein ganzes Leben nicht, so sehr hatte ich um sie getrauert. Sie war die einzige Puppe, die ich je geschenkt bekam.

Als Puppenfan besitze ich heute mehrere schöne Exemplare. Vor zehn Jahren, als ich 75 Jahre alt wurde, erlebte ich ein kleines Wunder: Auf einer Puppenbörse entdeckte ich sie: genau dasselbe hübsche Bubiköpfchen wie damals meine geliebte Rosa! Nur trug diese Puppe ein weißes Kleidchen mit schöner Stickerei.
Auf meine Frage, wie alt die Puppe sei, sagte mir der Verkäufer, sie stamme wahrscheinlich aus dem Jahre 1921. Später erfuhr ich‚ daß es eine Armand-Marseille-Puppe ist.
Seitdem sitzt diese Puppe auf meiner Couch, und ich liebe sie genauso, wie ich als Kind meine Rosa geliebt hatte.

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Aus: "Unvergessene Weihnachten" Band 3

[Venzka, zu Hirschberg/Saale, Thüringen; 1945]

Meine erste Friedensweihnacht (2267 Zeichen)
von Elisabeth Schmack

Weihnachten 1945 fand nicht mehr zu Hause in Oberschlesien statt. Mutter und wir drei Geschwister waren nach langer Odyssee in dem kleinen Dorf Venzka an der Saale gelandet. Der Ort war mit Flüchtlingen überfüllt. Wir kamen in der ausgeräumten Kleiderkammer der Feuerwehr unter. Zwei Betten und ein kleiner eiserner Ofen waren das gesamte Inventar; mehr hätte da auch nicht reingepaßt.
Dankbar, daß wir endlich ein Dach über'm Kopf hatten, richteten wir uns ein so gut es eben ging. Aus dem nahen Wald hatten wir Holz gesammelt und Fichtenzweige mitgebracht. Mutter legte in die verlöschende Glut hin und wieder einen grünen Zweig auf. Es knisterte so schön und duftete ganz weihnachtlich.
Eigentlich wollte ich erzählen, was mir am Vormittag beim Kaufmann passierte. Da waren drei Frauen, die flüsterten, aber so, daß ich es hören sollte: Polackengesindel, sollen sich hinscheren, wo sie herkamen. Doch ich hielt mich zurück. Ich mochte unsere karge Gemütlichkeit nicht stören.
Wir erzählten von "damals", das eigentlich erst einige Monate zurücklag. Wir fragten uns, wo jetzt wohl unser Vater sein mochte, der noch zum Volkssturm eingezogen worden war. Seitdem waren wir ohne Nachricht von ihm. Die Stimmung wurde zusehends trauriger. Die Mutter faßte sich zuerst und summte ein Weihnachtslied, bald sangen wir leise mit.
Plötzlich ein Poltern!
Die Haustür, die nicht mehr zu verschließen war, schlug gegen die Wand. Hastig sprang die Mutter auf und drehte den großen Schlüssel im rostigen Kastenschloß. Die Türklinke senkte sich und blieb unten. Dann hörte man Schritte sich entfernen.
Lange saßen wir ängstlich zusammen, bis der kleine Bruder es nicht mehr aushielt: "Ich muß mal …"
Und das Klo war hinterm Haus. Im Dunkeln gingen wir nur gemeinsam dorthin.
Vorsichtig schloß Mutter die Tür auf. Da krachte etwas und die Klinke schnappte hoch. Vor der Tür lag ein Bündel. Zum Vorschein kam Kleidung, getragen aber sauber, und eine kleine Blechschüssel mit Weihnachtsgebäck. Ein Zettel lag bei, der mit ungelenker Handschrift "Frohe Weihnacht" wünschte. Wir fühlten eine Wärme, die kein Ofen geben kann. Und ich war froh, mein Erlebnis vom Vormittag für mich behalten zu haben.

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 2

Magdeburg/Elbe -Eilsleben und Wanzleben in der Magdeburger Börde, Sachsen-Anhalt; 1947]

Die Weihnachtsgans im Rucksack (5.415 Zeichen)
von Annemarie Sondermann

Hunger! Ja, er tut weh! - Wir hatten ihn kennengelernt im Winter 1946/47 als Ost-flüchtlinge im bombenzerstörten Magdeburg. Wir, das waren wir fünf Geschwister im Alter von 11 bis 18 Jahren und unsere Mutter. Nein, eigentlich wir fünf alleine, denn unserer Mutter hatte all das Leid des Krieges das Gemüt krank gemacht. Auch die Kälte dieses Winters war schrecklich gewesen: eisige Temperaturen noch bis in den März hinein, dabei kaum etwas zum Heizen, Stromsperren. Die Kälte hat es leicht, in einen Hungrigen hineinzukriechen. - Also, solch einen Winter wollten wir nicht noch einmal erleben.

Wir stoppelten, soweit es unsere Schulzeit erlaubte, im Sommer 1947 alles, was wir auf den Feldern finden konnten. Das große Los aber zog unser ältester Bruder: Ernteeinsatz bei Bauer Arendt in Eilsleben in der Börde. Satt und richtig rund kam er nach Hause zurück, und das Beste für uns alle: Zu Weihnachten sollte er noch ein besonderes "Deputat" für die ganze Familie bekommen. Dieses Wort hatte ich noch nie gehört, aber seitdem nicht vergessen.

Es war zwei Tage vor Weihnachten. Ich war dazu auserkoren worden, das Deputat in Eilsleben abzuholen. Die rührende Bäuerin packte meinen Rucksack voll: Kartoffeln, selbstausgepreßtes Rapsöl, eine Blut- und eine Leberwurst, Streuselkuchen - ich weiß es noch genau - und als Clou eine Gans, eine Weihnachtsgans für unsere Familie. "Komm, da hast du noch einen Rotkohl, der gehört doch zu einem Gänsebraten dazu!"

Ich war selig.

"Vielleicht sollte ich dir zur Sicherheit eine Deputatsbescheinigung mitgeben."
"Wo-zu das?"

"Sicher ist sicher", meinte sie.

Der Zug zurück nach Magdeburg war voll. Die Menschen standen dichtgedrängt, auch auf den Trittbrettern, fast alle mit Rucksäcken. Viele hatten versucht, für Weihnachten noch irgendeine Habseligkeit gegen etwas Eßbares auf dem Land einzutauschen.

Beim Halt in Wanzleben hörten wir plötzlich laute Rufe:
"Alle aussteigen! R a z z i a !"

Blauuniformierte Volkspolizisten trieben uns als Kolonne in den Wartesaal. Die Tür wurde hinter uns abgeschlossen, die Fenster waren nicht zu öffnen.
Unheimliche Stille zunächst. Keiner empörte sich. Die Menschen waren durch Krieg und Nachkriegszeit Unbilden, auch Schikanen gewohnt. Rechts hinten wurde eine Tür zu einem Nebenraum geöffnet, die zwei ersten von uns hineinbeordert, nach einer Weile die nächsten und so fort. Allmählich sickerte durch: "Sie nehmen uns alles!"

Was dann begann? Kein Aufschrei, keine Empörung: Warum? Was machen sie mit unseren Sachen?

Es begann - das große Fressen. Würste, Speck, auch einfach trockenes Brot, alles wurde hineingestopft. Wenigstens sich selbst einmal sattessen, bevor sie uns alles wegnehmen. Eingeprägt hat sich mir besonders das Bild, wie zwei Männer aus einer großen Blechdose Salzheringe, immer einen nach dem anderen, am Schwanz ergriffen und kopfunter in ihrem Mund verschwinden ließen. Salzheringe, wie sie früher waren, in richtiger Salzlake!

Und ich? Ich hockte einfach todunglücklich in einer Ecke. Zu essen von meinen Köstlichkeiten, das bekam ich nicht fertig. Die Deputatsbescheinigung, ach, ich hoffte noch immer. Natürlich habe ich auch gebetet, ich war ein gläubiges Kind.
Der Saal leerte sich. Ich meine, ich wäre überhaupt die letzte gewesen, die in den Nebenraum befohlen wurde, zusammen mit einem Mann, mit Rucksack natürlich wie ich. An drei Vopos erinnere ich mich, einen für jeden
"Delinquenten" und eine Polizistin, am Tisch sitzend, die die abgenommenen Gegenstände registrierte. Andere Uniformierte gingen hin und her, um die beschlagnahmten Weihnachtsmitbring-sel abzutransportieren. Ich zeigte meine Bescheinigung und versuchte zu erklären. Aber "mein" Polizist hörte irgendwie nicht richtig zu. Jetzt merkte ich: Er schaut zu seinem Kollegen und zu meinem "Mitgefangenen". Dort war ein Handgemenge entstanden. Der Rucksack des Mannes war ganz mit Zucker gefüllt. Natürlich sollte er ihn hergeben, aber er wehrte sich, überkreuzte die Arme, der Vopo konnte die Träger nicht abstreifen. Blitzschnell eilte mein Kontrolleur zu Hilfe. Zu zweit schafften sie es, den sich Wehrenden auf den Boden zu werfen, seine Arme auseinanderzudrücken, einer kniete sich auf seine Handgelenke ...
Das alles ging über meine Gemütskräfte. Die Tränen flossen, ich weinte bitterlich. - Und da?

Die Polizistin gab mir einen Wink, ich sollte den Raum verlassen - nicht in Richtung Wartesaal, nein, nach draußen! Den Rucksack hatte ich noch auf dem Rücken. Ich war die einzige, die bei dieser Massenrazzia all ihr Schätze behalten konnte.

Der Schluß ist schnell erzählt. Unser Zug war natürlich längst weg, auch kein anderer fuhr mehr an diesem Tag nach Magdeburg. Aber vom nächsten Ort, Blumen-berg, fünf Kilometer entfernt, würde noch einer fahren. So schritt ich mit schwerem Rucksack, aber leichtem Herzen im Stockdunklen den Bahndamm entlang und erreichte am späten Abend noch meine Geschwister, die sich bereits Sorgen gemacht hatten.

Natürlich wurde es ein köstliches Weihnachtsessen: Gänsebraten mit Rotkohl und richtigen Schälkartoffeln!

Ein wenig getrübt wurde der Genuß nur dadurch, daß unsere Mutter gequält wurde von dem Gedanken, was die anderen hungernden Flüchtlinge im Haus wohl von uns denken würden, wenn sie den Bratenduft riechen. Aber wo gibt es auf der Welt vollkommenes Glück?

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 2

Rinteln/Weser, Kreis Schaumburg, Niedersachsen; kurz vor Heiligabend 1988]


Alle Jahre wieder - dieser verflixte Weihnachtsbaumkauf (6.345 Zeichen) von Romano C. Failutti

So sicher es jedes Jahr Weihnachten wird, so sicher gibt es zwischen meiner Angetrauten und mir um diese Zeit "Theater". Die "Aufführung" findet nicht einmal in unseren vier Wänden statt, sondern sie findet dort nur ihre Fortsetzung und ihr Ende. Sonst aber bevorzugen wir die wieder modern gewordene Form der Straßenbühne, und da ziehen wir beide als Akteure sämtliche Register unseres schauspielerischen Könnens.

Irgendwann vor dem Heiligen Abend erinnert mich meine Marianne: "Langsam müssen wir uns mal um einen Weihnachtsbaum kümmern."

Und jedesmal habe ich natürlich auch längst daran gedacht, nur nicht davon ge-sprochen. Aber es gibt ja sowieso kein Entkommen vor diesem schönen Brauch! Sie denkt ja daran und sie spricht sowieso aus, was getan werden muß.

Irgendwann, lampenfiebergeschüttelt, machen wir uns gemeinsam auf den Weg. Wir wissen, was auf uns zukommt. Wir nehmen uns zwar jedesmal vor, in der Wahl unserer Ausdrucksmittel sparsam zu sein, auf große Gestik und starke Worte zu verzichten, denn in der Beschränkung erweist sich der Meister, aber es kommt doch wieder so, wie es kommen muß - bei uns.

Vorsichtig und erwartungsvoll taxiert uns der Weihnachtsbaumverkäufer, als wir uns in seinen Bannkreis begeben. Noch sind wir Interessenten wie alle anderen. Er ahnt nicht, was auf ihn zukommt. Heimliches Bedauern für den Mann erfaßt mich. Er muß mitspielen und er weiß es noch nicht!

In vielen Ehejahren habe ich gelernt, mich zurückzuhalten, meiner Frau den großen Part zu überlassen, die sich hochgestimmt mit mir auf den Weg machte, nun diesen und jenen Baum ins Auge faßt und deren Antlitz jede ihrer Regungen widerspiegelt. Warnzeichen Nummer eins: Sie schiebt die Unterlippe sehr weit vor! Also: Die Naturgewachsenen finden vor ihr keine Gnade. Der eine ist ihr zu klein, der andere zu groß, der hat zwei Spitzen, der ist ja jetzt schon braun statt grün, der ist zu kahl, der zu voll, der zu ausladend, der ist nicht rundherum gleichmäßig gewachsen, sondern schlägt nur nach einer Seite aus, also vorne nichts und hinten zu viel. O-der, wenn man ihn umdreht, hinten nichts und vorne zuviel!

Mein Argument, wenn man ihn doch sowieso in eine Ecke stellt, dann paßt er doch mit der Seite, wo die Äste kürzer sind, gut hinein, wird rigoros als Blödsinn be-zeichnet und zur Seite gewischt. Der da hinten, der ...
"Der ist doch viel zu teuer!", rufe ich verschreckt beim Blick auf den Preis.
"Ist ja auch 'ne Edeltanne!"

"Schön soll er schon aussehen, aber nicht für so viel Geld! Da mache ich nicht mit! Er steht doch nur zwei, drei Wochen", erkläre ich.
Marianne quält ihre Unterlippe mit den Zähnen. Warnzeichen Nummer zwei!
"Es ist ja nur einmal im Jahr Weihnachten", zischt sie.
"Aber du mußt doch einsehen, daß das Fantasiepreise sind, die da verlangt werden. Der da, der ist doch auch sehr schön", weise ich unbestimmt in die preisgünstigere Richtung.
"Welcher?" - Schnell hebe ich irgendeinen an.
"Diese Krücke!" schallt ihre Stimme über unseren bezaubernden Marktplatz, dem viele schöne alte Häuser sein romantisches Gepräge geben - und der Baumverkäufer blickt betreten.
"Nee, der nicht", gebe ich schnell zu und lasse ihn in seine Reihe zurückgleiten wie eine heiße Kartoffel in den Topf. "Da hast du wirklich recht."
Es war tatsächlich kein guter Griff.
Der Mann will uns wohl schnell loswerden. Unsere Kritik könnte sein Geschäft schädigen. Jetzt macht er Vorschläge. Er stapft vor uns her und stellt uns Bäume hin, die er aus seinem Angebot herausgreift.
"Nein", sagt sie. - "Ach nee", sage ich.
"Der! Aber der ist doch bildschön!" sagt der Mann.
Ihr Hohnlachen gellt über den Platz, verliert sich in den stimmungsvollen Gassen unseres Weserstädtchens.
"Der sieht ja aus, als hätte er die Räude!"
Der Baumverkäufer zieht den Kopf zwischen die Schultern, zuckt die Achseln.
"Sei doch nicht so drastisch", bitte ich. "Er kann doch auch nicht dafür. Natur ist eben mal Natur."

Mir tut der Handelsmann leid, aber in Mariannes Kopf sind nun mal gewisse Vorstellungen und da steckt auch noch der Spruch ihrer Oma, einer Ur-Berlinerin, drin: ‚Für mein Jeld, da kann ick den Deibel tanzen lassen!'
Jetzt fische ich ein Gewächs heraus: "Wie wär's mit dem? Der geht doch! Und langsam müssen wir uns auch mal entscheiden."

Sie guckt und nagt und nagt an ihrer Unterlippe und guckt. Gleich wird die Unterlippe zu bluten anfangen. Warnzeichen Nummer drei - und was kommt danach?

Ein Herr umschleicht uns, wirft begehrliche Blicke auf den "Besen", wie sie verspottet, was ich ihr da vorhalte.

"Was soll der kosten?", fragt der Herr den Verkäufer.

"Zweiundzwanzig Mark", ist die Antwort.

"Nehme ich", sagt der Herr kurz und knapp.

"Den nehmen wir! Den hat mein Mann doch schon in der Hand!"

Besitzergreifend und unmißverständlich legt meine Frau auch die ihre an den Stamm.

Enttäuscht wendet sich der Herr anderen Objekten zu. Er scheint wirklich ein Herr zu sein, der sich niemals mit einer Dame um etwas zanken oder gar mit ihr um einen "Besen" kämpfen würde. "Würde" fällt mir in diesem Augenblick ganz plötzlich dazu ein.

Sichtlich erleichtert packt der Verkäufer uns den Baum ins Netz, entfernt wunschgemäß einige Äste vom unteren Stamm, damit wir ihn zu Hause mühelos in die "Hutsche" praktizieren können.

In den folgenden Tagen fragen wir uns, wie unser Bäumchen wohl in unserem Weihnachtszimmer wirken wird. Ganz zufrieden ist Marianne doch nicht. "Das ist doch wieder nur so ein Festgestrüpp", sagt sie.

Aber am Heiligen Abend steht der Weihnachtsbaum geschmückt in unserer Mitte, und er strahlt, verbreitet festliche Stimmung und ist wunderschön.
"Was haben wir doch für einen herrlichen Baum", flüstert sie ergriffen und ich nicke still: "Ja. Wie jedes Jahr."

Und die Tochter pflichtet bei: "Ich weiß gar nicht, was ihr immer für einen Hermann mit dem Baum macht. Der ist doch echt geil, wie immer."

Für diese Wortwahl möchte ich ihr zwar am liebsten ... na ja ... Aber der Lichter-glanz stimmt mich milde.

Als Marianne am ersten Feiertag in der Küche herumklappert und ich mich unbeobachtet und nicht abgehört fühle, rufe ich Siggi an. Siggi ist ein Arbeitskollege von mir.

"Frohe Weihnachten", wünsche ich ihm. "Und vielen Dank, Siggi, daß du den Herrn gespielt hast, der unseren Baum haben wollte, neulich auf dem Marktplatz. Sonst stünden wir möglicherweise heute noch dort."

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 3

Berlin-Zehlendorf; 5. Dezember 1945]

Unheimlich groß und dünn - mein Vati! (4.000 Zeichen)
von Renate Dziemba

Es wurde schon dunkel an diesem Nachmittag des 5. Dezember 1945. Ich war allein zu Hause. Zu Hause?

Unsere Wohnung war gleich nach Kriegsende von den Amerikanern beschlagnahmt worden, Mutti und ich mußten sie innerhalb weniger Stunden verlassen. Wir besaßen fast nichts mehr. In ein winziges Zimmer wurden wir einquartiert. Hier wohnten wir jetzt schon fast ein halbes Jahr. Im Vergleich zu anderen Familien hatten wir großes Glück: Unsere Wirtin, die uns das Zimmer hatte abgeben müssen, war freundlich, sauber und hilfsbereit. So half sie uns zum Beispiel, zwei Luftschutzbetten, die sich noch im Keller befanden, übereinander aufzustellen. Wir hätten sonst auf der Erde schlafen müssen.
In dem viel zu engen Zimmer konnte man kaum treten. Gleich rechts neben der Tür war der Ofen. Daneben stand ein Klavier, das nur Platz wegnahm und von niemandem benutzt wurde. Die ganze linke Wandseite nahmen die Luftschutzbetten ein. Vor dem Fenster war gerade noch Platz für einen riesigen Schreibtisch und einen Ledersessel.

Ich saß in dem viel zu großen Sessel an dem viel zu großen Schreibtisch und machte meine Hausaufgaben. Joachim, der zwei Jahre ältere Sohn der Wirtin, war schon damit fertig und spielte mit anderen Kindern draußen im Gang vor den Häusern. Sie spielten wohl Verstecken. Das machte in der Dunkelheit besonders viel Spaß. Ab und an sah ich einzelne Gestalten den Gang entlanghuschen. Wo Mutti wohl so lange bleibt? Sie wollte doch nur zum Einkaufen in die Berliner Straße. Ob sie noch bis zum Teltower Damm gegangen ist? Oder hat sie vielleicht Bekannte getroffen?

In diesem Augenblick klingelte es. Ich hatte ein bißchen Angst. Wer konnte das sein? Mutti nimmt doch immer ihre Schlüssel mit. Da hörte ich Joachims Stimme: "Renate, mach mal auf, dein Vati ist da!"

Das wollte ich nun gar nicht glauben. Ich wußte von Mutti, daß er in einem Kriegsgefangenenlager war.

Ganz leise schlich ich zur Wohnungstür. Vorsichtig hob ich die Briefklappe hoch. Ich sah nur Beine. Da bückte sich Joachim auf der anderen Seite der Tür, so daß ich sein Gesicht sehen konnte, und wiederholte noch einmal: "Mach doch endlich auf, dein Vati ist da!"

Wenn doch bloß Mutti da wäre! Zögernd öffnete ich die Tür. Vor mir stand ein Soldat mit einem Holzkoffer in der Hand und einem Rucksack auf dem Rücken. Was ich sah, konnte ich nicht begreifen ... Zwar erkannte ich meinen Vati noch, und er sag-te auch meinen Namen, aber er wirkte recht fremd auf mich. Er war so unheimlich groß und so unheimlich dünn. Und dann fiel mir ein, daß wir in dem kleinen Zimmer, das für Mutti und mich schon zu eng war, überhaupt keinen Platz für ihn hatten.

"Mutti ist nicht da ...," waren meine ersten Worte.

Aber plötzlich begriff ich, daß da mein Vati vor mir stand, mein Vati, auf den ich so lange gewartet hatte. Ich umarmte ihn stürmisch und zog ihn in das kleine Zimmer. "Schau mal, Vati, ich kann schon schreiben und rechnen!"

Mit diesen Worten zeigte ich ihm meine Schulhefte, die noch immer auf dem Schreibtisch lagen. Er nahm mich hoch und drückte mich fest an sich.
In diesem Moment riß Mutti die Tür auf. Sie war völlig außer Atem und lachte und weinte und weinte und lachte. Im Milchladen hatte man ihr erzählt, daß in der Drogerie am S-Bahnhof ein Soldat nach einer Familie mit unserem Namen gefragt hatte. Dort lagen auch Listen mit den neuen Adressen der ausquartierten Familien aus. So hatte Vati uns gefunden. Was für ein Glück! Er war erst am 3. Dezember aus dem amerikanischen Kriegsgefangenenlager Heilbronn entlassen worden. Mutti war den ganzen Weg vom Milchladen zurück nach Hause gerannt. Sie war so glücklich. Jetzt waren wir wieder eine richtige Familie!

Noch am Abend räumten wir mit Hilfe der Wirtin das Klavier aus dem Zimmer, stattdessen kam eine Chaiselongue an den Platz. Darauf schlief von nun an Mutti und mein Vati kletterte zum Schlafen auf das obere Luftschutzbett.
Den 5. Dezember haben meine Eltern von da an immer als Gedenktag gefeiert und sich gegenseitig mit kleinen Geschenken überrascht.

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 1

Oberholz bei Much, Rhein-Sieg-Kreis im Bergischen Land;
Dezember 1945]

Später Besuch (5.190 Zeichen)
von Eckhard Müller

Es war Anfang Dezember 1945. Der Zweite Weltkrieg hatte sein Ende gefunden. Seit einem halben Jahr schwiegen die Waffen. Wir erwarteten das erste friedliche Weihnachtsfest seit sechs Jahren.

Das Leben hatte sich zunehmend normalisiert. Obwohl die Menschen in unserer ländlichen Gegend nicht in so hohem Maße unter dem Bombenterror zu leiden brauchten wie die Menschen in den Städten, war auch hier der Kriegsschrecken nicht spurlos vorübergegangen. Nun hieß es, zusammenrücken, denn der Strom von Flüchtlingen und Obdachlosen aus den Ostgebieten und aus den Großstädten hielt an. Wer noch ein Zimmer oder eine Kammer in seinem Hause zur Verfügung stellen konnte, nahm eine Flüchtlingsfamilie bei sich auf. Es gab eine für heutige Verhältnisse unvorstellbare Solidarität. Das wenige, das man selber noch besaß, wurde geteilt mit denen, die alles verloren hatten.

Unser kleines Fachwerkhaus, das ich mit meinen Eltern und mit meiner Großmutter bewohnte, teilten wir seit den letzten Kriegstagen mit einem älteren Ehepaar. Es waren entfernte Verwandte, und sie hatten in einer Bombennacht ihre ganze Habe verloren. Nun waren sie froh, bei uns wenigstens wieder ein Dach über dem Kopf gefunden zu haben.

Die Militärregierung der Siegermächte hatte die zivile Verwaltung in ihre Hand genommen und somit Gesetz und Ordnung wiederhergestellt. Trotzdem waren die Zeiten noch sehr unruhig. Immer wieder machten umherstreunende Banden von sich reden. Es entstanden die wildesten Gerüchte. Man hörte von Greueltaten - auch aus einigen Dörfern in unserer Gemeinde. Denn der Schutz des Gesetzes war noch nicht überall gewährleistet.

Diese umherziehenden Gruppen setzten sich zum großen Teil aus ehemaligen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern aus Osteuropa zusammen. Nach Wiedererlangung ihrer Freiheit waren viele von ihnen nicht mehr gewillt oder in der Lage, in ihre Heimat zurückzukehren. Was man ihnen nicht freiwillig gab, nahmen sie sich mit Gewalt. Dabei kam es auch verschiedentlich zu Übergriffen und Racheakten gegenüber ihren früheren Unterdrückern. Nach Einbruch der Dunkelheit war es rat-sam, Fenster und Türen gut zu verschließen. Wer draußen noch irgendeine Arbeit zu verrichten hatte, trug Sorge, sich nicht allzuweit von den schützenden Häusern zu entfernen.

Es war an einem solchen Abend in der Vorweihnachtszeit, ich glaube, es war am Abend des zweiten Advent. Meine Eltern waren eben mit der Stallarbeit fertiggeworden und wir schickten uns an, das Abendbrot zu essen, als plötzlich an unsere Haustür geklopft wurde. Mein Vater begab sich nach draußen, um nachzuschauen. Neugierig gesellte ich mich zu ihm. Ich war damals neun Jahre alt.

Da stand in der Dunkelheit ein gutes halbes Dutzend Männer. In gebrochenem Deutsch baten sie um ein Quartier für die Nacht.

Zögernd ließ mein Vater sie eintreten. Nachdem sie in unserer Wohnstube Platz genommen hatten, konnten wir sie im Scheine der Lampe näher betrachten. Sehr vertrauenerweckend sahen sie nicht aus. Das Leben auf der Landstraße hatte sie gezeichnet.

Während meine Mutter das Abendbrot zubereitete, versuchte mein Vater etwas über das Schicksal der Männer zu erfahren. Nach der einfachen, mit wenigen Mitteln zubereiteten, aber kräftigen Mahlzeit wurde beratschlagt, wie und wo man die Männer für die Nacht unterbringen könnte.

Im Hause selber war es, nicht zuletzt durch unsere Verwandten als neue Mitbewohner, ziemlich eng geworden. Also blieb nur noch die Scheune. Im Scheunenanbau befand sich der Holzschuppen, dort lagerte auch das Heu als Wintervorrat für unsere beiden Kühe. Hier im Heu richteten nun meine Eltern mit allerlei Decken und alten Mänteln ein warmes und bequemes Nachtlager her. Unsere alte Petroleumlam-pe sorgte für die nötige Helligkeit.

Kurz vor Schlafenszeit entschloß sich mein Vater zu einem "Kontrollgang", wie er sich ausdrückte. Es ließ ihm nämlich keine Ruhe, ob sich unsere Gäste auch an die Abmachung gehalten hatten, wegen der großen Brandgefahr auf das Rauchen zu verzichten. Meine Mutter bat mich mitzugehen. Im Beisein eines Kindes - so meinte sie - wäre mein Vater sicherer vor eventuellen Übergriffen.

Als wir den Holzschuppen betraten, bot sich uns im Schein der Laterne ein Bild, das ich bis heute nicht vergessen habe: Da hatte sich ein Teil der Männer unserer Sägen bemächtigt und sie schnitten nun die schweren Stämme, die hier als Brennholz lagerten, in Ofenlänge durch. Die anderen spalteten die klobigen Klötze mit dem Beil zu handlichen Scheiten und stapelten sie auf. Das alles bereitete ihnen ein sichtliches Vergnügen, umso mehr, als sie nun unsere ungläubigen und erstaunten Blicke sahen. Sie erklärten, das sei nur ein kleiner Dank für die freundliche Aufnahme.

Am anderen Morgen sind sie dann nach einem guten Frühstück - nicht ohne ein großes Butterbrotpaket, das jeder von ihnen zum Abschied in die Hand gedrückt bekam - weitergezogen, einer ungewissen Zukunft entgegen.

Viele Jahre sind seitdem ins Land gegangen, doch immer wieder muß ich an jenen Dezemberabend denken, an dem die Angst, die Voreingenommenheit und das Mißtrauen besiegt wurden durch ein wenig Menschenfreundlichkeit.

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 1

Flüchtlingslager "Finnenhäuser" zwischen Hüpede und Bennigsen bei Hannover; 1949

Die Schüssel auf dem Schrank (2.656 Zeichen)
von Klaus Seiler

Pfefferkuchen-Backzeit. Der Pfefferkuchen mußte ja rechtzeitig gebacken werden, damit die harten Plätzchen zu Weihnachten weich waren und ihr volles wunderbares Aroma entfalteten. Diese unvergleichlichen Pfefferkuchen meiner Mutter! Warum bloß hat sie das Rezept nie herausgerückt?

Sie hat es einfach mitgenommen. Manchmal denke ich, es gab gar kein geschriebe-nes Rezept, sie hatte es in den Händen - und es stimmte immer!
Der braune Teig war Knetarbeit: eine Mischung aus Mehl, Kunsthonig, erhitztem Sirup und anderen Zutaten und vor allem aus "Haima-Neunerlei", der geheimnisvol-len Gewürzmischung aus dem silbrigen Tütchen. Es lag ein betörender Duft im Raum, wenn meine Mutter den Teig zubereitete.
Der Teig wurde lange gewalkt, geknetet und zur Kugel geformt, bis schließlich für ihn eine Zeit des Ausruhens kam. In eine Blechschüssel gelegt, mit einem karierten Tuch bedeckt, in sicherem Abstand auf den Schrank gestellt. Da konnte er in Ruhe gehen.

Normalerweise jedenfalls. Nicht jedoch in dem einen Jahr. Es war wieder ein Junge zum Spielen gekommen. Meine Schwester weiß noch seinen Namen: Armin. Abgelenktes, halbherziges Spielen der Kinder in dieser Pfefferkuchen-Luft. Die Gewürze in der Nase, die Blicke immer wieder auf den Tisch gerichtet, auf dem das Mehl zum Ausrollen des Teigs schon ausgestreut war, die leicht verbogenen, genieteten Pfef-ferkuchenformen zum Greifen nah.

Nach der Ruhezeit für den Teig konnte endlich das Ausstechen beginnen. Tannen-bäumchen, Engel, Herzen, Pilze, Karos ... Mein Vater verstand es außerdem, mit dem Messer breitbeinige Weihnachtsmänner auszuschneiden und ihren Mantel mit Wallnußknöpfen und das Gesicht mit Haselnußaugen zu verzieren. Sie überstanden jedoch nur in seltenen Fällen die Backhitze, kamen meistens ziemlich arm- und beinverletzt aus dem Ofen. Es paßte in die Zeit.
Meine Mutter langt nach der abgelaufenen Zeit auf den Schrank, zieht das Tuch weg - die Schüssel ist leer!

Armin ist inzwischen verschwunden. Irgendwie unbemerkt. Er muß den Teig regel-recht in sich hineingestopft und verschlungen haben!

Wir haben sein Tun nicht bemerkt. Er muß dazu doch immer wieder aufgestanden, ja auf einen Stuhl gestiegen sein, so klein wie er war. Wir haben es nicht gesehen oder wollten es einfach nicht sehen. Er muß so ausgehungert gewesen sein. Irgend etwas muß uns blind gemacht haben ...
Wie es wohl der Kugel in seinem Bauch ergangen ist?
Sie war doch noch dabei zu gehen ...

Wir jedenfalls brauchten schnell einen neuen Backtag und dringend ein neues Tütchen "Haima-Neunerlei" ...

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 1

Mühlhausen, Thüringen, damals DDR; Ende der 50er Jahre

Warten auf das Christkind (7.000 Zeichen)
von Elisabeth Schmack

Es war Ende der fünfziger Jahre. Ich hatte das Schwesternexamen bestanden und glaubte voll jugendlicher Arroganz, nun alles zu wissen, was man in der täglichen Arbeit auf Station benötigte. Doch Theorie und Praxis ...

Irgendwie konnte ich beides nicht in Einklang bringen. Ich wurde immer unsicherer. Zweifel kamen mir, ob es der richtige Beruf für mich sei. Dabei war es einmal mein größter Wunsch gewesen, Schwester zu werden. Was mir am meisten zu schaffen machte, war Verantwortung zu tragen, wenn ich den Spät- oder Nachtdienst allein durchstehen sollte. Ich scheute mich, darüber zu sprechen. Niemand schien zu be-merken, wie mich die Unsicherheit quälte.
Inzwischen waren einige Wochen nach meiner Fachschulzeit vergangen. Ich arbei-tete auf der Privatstation des Chefarztes unseres Kreiskrankenhauses. Er war streng zu dem Personal, was meine Unsicherheit vielleicht noch nährte. Ich hatte mich wahrlich nicht darum gerissen, hier zu arbeiten, sondern wurde von der Kran-kenhausleitung als Absolventin zu dieser Station dirigiert.
Es wurde Weihnachten. Am Heiligabend mußte ich um 20 Uhr den Nachtdienst auf der kleinen, überschaubaren Station antreten. In den Korridoren des Krankenhau-ses begegneten mir die letzten Besucher, die in Richtung Ausgang eilten. Sie zogen den Nadelduft der Stationstannen und das Weihraucharoma der heruntergebrann-ten Kerzen wie unsichtbare Schleier hinter sich her. Doch mir war nicht weihnacht-lich. Der Dienstplan war noch in letzter Minute umgeschrieben worden. "Da Sie keine Familie haben, macht Ihnen das doch nichts aus?"

Das klang mehr nach einer Feststellung als nach Frage.
Na ja, dachte ich, wenigstens wird es eine ruhige Nacht werden, wenn ich meiner Vorgängerin vom Tagdienst Glauben schenken konnte. Die Schwangere, die seit dem Nachmittag in dem kleinen Kreißsaal der Station lag, hatte sie mit einer Hand-bewegung abgetan: "Wieder mal viel zu früh da. Typisch Erstgebärende, bißchen Ziepen und gleich in die Klinik kommen. Sie wissen ja, wie das ist."

Nichts wußte ich, Geburtshilfe wurde auf der Fachschule nur gestreift. Das wäre Sache der Hebamme. Im Kreißsaal und Operationssaal durften wir Schülerinnen nur in Türnähe stehen, um nichts unsteril zu machen. Mir wurde heiß und kalt. Wenn das nun in meiner Schicht losgeht?

Ich konnte nicht zu Ende denken. Der gestrenge Chef schaute im Festanzug nochmal nach der Patientin, die angefangen hatte zu stricken, er sagte Artigkeiten wie, es würde heute nichts werden mit einem Christkind und sie habe noch Zeit. Das beruhigte die junge Frau und normalisierte meinen Puls. Beim Hinausgehen wünschte er frohe Weihnacht und sagte: "Ich bin jederzeit erreichbar." An der Tür blitzten mich seine Brillengläser noch einmal intensiv an: "Jederzeit, Schwester!"

Die werdende Mutter nahm ihre Strickarbeit wieder auf, ein Babyjäckchen, hellgrün, da sie nicht wußte, was das Schicksal für sie bereithielt.

Ultraschallaufnahmen gab es damals noch nicht, zumindest nicht in unserem Krankenhaus. Ich machte meine erste Runde durch die gemischte Station. Der kleine Kreißsaal wurde selten be-nutzt. In den paar Wochen, in denen ich hier arbeitete, wäre es zum ersten Mal, daß ... Ein Stöhnen riß mich aus meinen Gedanken. Lieber Gott, bitte, bitte, nicht in meiner Schicht!

Die Patientin wälzte sich auf der schmalen Liege. Das Strickzeug lag am Boden. "Schwester, Schwester, da tut sich was!"

Der Chef traf kurz nach dem Anruf ein. Er wohnte nur zwei Autominuten entfernt und die Straßen waren kaum befahren. Es waren keine Wehen, wie ich leicht vor-wurfsvoll zu hören bekam, sondern ganz gewöhnliche Blähungen. Die Frau hatte zu Hause noch ein Mittagsmahl eingenommen, Karpfen und Sauerkraut gehörten zum traditionellen Heiligabendessen ihrer Familie. Ich mußte für Magentee sorgen und kam mir dabei recht klein und dämlich vor.

Der Tee tat anscheinend gut, denn bald klapperten die Stricknadeln wieder. Ich versah meine Arbeit weiter. Es war das Übliche, was für den Nachtdienst anfällt. Hinzu kam das Wiederherrichten der großen Tanne auf dem Flur: Neue Kerzen auf-stecken, Lametta und trockene Nadeln zusammenfegen und festliche Ordnung schaffen. Zwischendurch mein leises Stoßgebet, daß die Geburt nicht in meiner Schicht passieren möge.

Nach Mitternacht hatte ich mich vom ersten "Wehenanfall" erholt. Zu dieser Zeit ist es auf einer Station ohne Frischoperierte oder Schwerkranke ruhig, nicht aber in unserem kleinen Kreißsaal. Von dort rief es: "Schwester, es geht los!"
Vorsichtshalber wollte ich mich vor einem erneuten Telefonat erst einmal selbst ü-berzeugen, daß ich nicht wieder einer Täuschung zum Opfer fiel. Doch da kam ich bei meiner Patientin schlecht an. Diesmal sei es ganz sicher, und sie würde nur den Doktor akzeptieren. Sie machte mir deutlich, daß sie schließlich Privatpatientin sei. Zu beruhigen war sie nicht. Und ich war zu ängstlich und konnte nicht einschätzen, ob die Anwesenheit des Arztes wirklich notwendig war. Ich hatte vorher versucht, Rat beim diensthabenden Arzt des Hauses zu holen. Er meinte: "Chefpatientin? Nur bei Lebensgefahr."

Das allerdings war ja wohl wirklich nicht der Fall. Also Anruf! Der Chefarzt war wie-der sofort da, den Kittel über dem Schlafanzug. Er stellte leichte Ischialgie fest. "Da hilft etwas Einreibung, etwas Bewegung. Die Liege ist hart. Sie machten mir gestern abend aber doch einen recht erfahrenen Eindruck, Schwester." Seine Stimme klang ärgerlich. Ein Lob war das nicht.
Nach all diesen für mich unrühmlichen Aufregungen braute ich mir in der Stationsküche einen starken Kaffee.

"Den könnte ich jetzt auch brauchen", klang es kleinlaut hinter mir. Die Hoch-schwangere hatte es auf der Liege nicht mehr ausgehalten. Rücken und Bauch massierend stand sie im Nachthemd in der Küche. Warum sollte ich ihr das ab-schlagen?

Weihnachten war für uns beide verkorkst. Beide mußten wir warten. Sie auf das Kind und ich auf das Schichtende. Wir tranken den Kaffee im Kreißsaal. Es war wohl eine unbewußte Vorausschau meinerseits. Der Kaffee tat gut und machte mich wieder munter, aber anscheinend auch das Kind. Nachdem ich mich noch etwas mit der werdenden Mutter unterhalten hatte, trug ich das Geschirr in die Küche. Da hörte ich sie rufen. Diesmal klang es noch dringlicher als vorher. Das Telefon!

Nein, zweimal blamieren reicht. Es blieb auch kaum Zeit zum Überlegen. Es ging Schlag auf Schlag. Blasensprung, kaum Wehen. Schon guckte das Köpfchen heraus, dann das ganze Christkind. Ich hatte gerade noch Zeit, die sterilen Handschuhe über meine zitternden Hände zu streifen. Jetzt alles tun, was notwendig ist, ging es mir durch den Kopf, und keine Unsicherheit hinderte mich dabei. Es war, als hätte mir jemand die Hände geführt.

An den Chef dachte ich erst später, ich hätte ihn längst anrufen müssen. Da wird es sicher Ärger geben. Aber das war mir jetzt egal, denn ich hörte die glückliche Mutter mit dem Kind im Arm sagen: "Das war mein schönstes Weihnachten!"

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 1

Walsrode in der Lüneburger Heide, Landkreis Soltau-Fallingbostel, Niedersachsen; Weihnachten 1950

Willis Heimkehr (8.761 Zeichen)
von Ernst Haß

Einer der Transporte, die nach dem Krieg bis weit in die fünfziger Jahre hinein Rußlandheimkehrer über das Lager Friedland nach Deutschland zurückbrachten, erreichte im Dezember 1950 Walsrode. Ich war zu diesem Zeitpunkt in der dortigen Landeskrankenanstalt (LKA) beschäftigt. Von meinem Arbeitsplatz in der Telefonzentrale aus konnte ich am ersten Weihnachtstag unsere ehemaligen Ostfrontsoldaten beim Aussteigen beobachten, überwiegend Männer von 40 bis 45 Jahren, aber auch einige jüngere. Etliche waren so stark abgemagert, sie hätten wohl zweimal in die Wattejacken hineingepaßt, die sie zur Entlassung erhalten hatten. Sie schienen sehr müde und auch psychisch am Ende zu sein. Die Augen dieser Männer waren leer.

Nun standen sie da und wußten nicht recht, wie es weitergehen sollte. Daß sie hier keiner anschrie und über sie bestimmte, daß sie keine Plennys - Gefangene - mehr, sondern frei waren, hatte wohl noch keiner richtig begriffen. Vielleicht warteten sie auf ein Kommando?

Statt dessen erschienen unsere Krankenschwestern und brachten alle Heimkehrer in die große Turnhalle, die man als Notunterkunft vorsorglich gut geheizt und mit Matratzen und Wolldecken ausgelegt hatte. Hier erhielten die Heimkehrer zu essen und zu trinken. Unsere Ärzte untersuchten sie anschließend.

Jahrelang hatten diese Männer in Rußland kein Weihnachten mehr erlebt. Viele weinten. Fragen nach den Familienangehörigen tauchten auf. Ich hatte in der Telefonzentrale plötzlich reichlich zu tun. Alle wollten mit ihren Verwandten telefonie-ren. Die Mädchen in der Telefonzentrale der Post in Walsrode waren einmalig, sie brachten die tollsten Verbindungen zustande. Ich wurde Zeuge dieser Gespräche, ob ich wollte oder nicht. So erlebte ich viel Freude, viel Kummer und Leid mit.

Ein noch jung aussehender Heimkehrer stellte sich vor: Willi Mußmann sei sein Name. Ob er telefonieren dürfe?

"Natürlich", sagte ich. Nach kurzer Zeit hatte ich die Verbindung hergestellt. Auf der anderen Seite meldete sich eine Männerstimme: "Tischlerei Mußmann, guten Tag."

Ich stellte mich als Mitarbeiter der LKA Walsrode vor und fragte vorsichtig:

"Sind Sie der Vater von Willi Mußmann?"

"Ja, der bin ich, aber was soll das? Mein einziger Sohn ist seit 1944 verschollen."

Ich antwortete freudig: "Das stimmt nicht, Herr Mußmann. Ihr Sohn steht hier neben mir und will mir den Hörer aus der Hand reißen. Ich übergebe das Gespräch!"

Nach einer Weile reichte mir der Mann den Hörer ganz verstört zurück: "Mein Vater sagte, daß sein Sohn Willi nicht mehr lebt und meint, daß ich ein Betrüger sei. Aber ich lebe doch noch! Was soll ich nur machen?"

Er weinte und mir kamen auch schon die Tränen. Es war schlimm. Schließlich konnte ich ihn beruhigen und ließ ihn erzählen. Er sprach von seiner Kindheit in Winsen, von seiner Schwester Änni, die eines Tages vom Apfelbaum herunterfiel. Er bekam Schläge, weil er als älterer Bruder hätte aufpassen müssen. Wir unterhielten uns etwa eine halbe Stunde. Danach schien mir sicher, daß dieser Willi Mußmann echt und kein Betrüger sei. Wie konnte ich ihm nur helfen?

Zunächst schickte ich ihn in die Turnhalle zurück: "Du bekommst von mir Bescheid, beruhige dich erst einmal!"

Ich überlegte eine Weile und entschloß mich, nochmals bei Mußmanns anzurufen. Jetzt meldete sich auf der anderen Seite eine Frauenstimme: "Hier Tischlerei Mußmann!"

Sicher hatte mein Anruf für Aufregung gesorgt und so versuchte ich, die Wogen wieder zu glätten. Sie sagte: "Ja, das hat wirklich eine ziemliche Aufregung ins Haus gebracht. Vater war sehr aufgebracht, hat geschimpft und mehrfach ,Betrüger!' gerufen. Was ist denn überhaupt los?"

Ich fragte sie, ob sie die Schwester von Willi Mußmann sei, was sie bestätigte. Nun erklärte ich wie schon beim ersten Telefonat den Grund meines Anrufs. Aber auch sie zweifelte noch daran, daß es sich hier wirklich um ihren verlorengeglaubten Bruder handelte. Wir überlegten gemeinsam, wie sich die Familie Gewißheit verschaffen könne und vereinbarten, daß sie mit ihren Eltern nach Walsrode kommen sollte. Den Bruder informierte ich nicht über diese Absprache, es sollte eine Überraschung sein. Falls es sich um einen Betrüger handelte, würde man ihn anzeigen.
Zu Hause sprach ich mit meiner Frau darüber. Wir waren gespannt, wie diese Geschichte ausgehen würde.

Am nächsten Morgen, es war der zweite Weihnachtstag, stellte sich gegen zehn Uhr die Familie Mußmann bei mir in der Telefonzentrale ein. Gemeinsam mit Eltern und Tochter ging ich hinüber zur großen Turnhalle, wo die 60 Heimkehrer untergebracht waren. Beim Hineingehen gab ich den traurigen Zustand der Heimkehrer zu beden-ken. Wir waren noch keine zwei Minuten in der Halle, als der junge Mußmann auf-sprang. Er lief auf uns zu und rief dabei "Änni, Änni!"

Bruder und Schwester fielen sich in die Arme. "Mein Willi, mein Willi ..." brachte Änni hervor. Sie umarmten und küßten sich, beide weinten vor Freude. Ihren Eltern sagte Änni: "Mama und Papa, das ist unser Willi!"
Ich beobachtete die beiden. Sie standen da wie versteinert und sahen regungslos zu. Wollten sie nicht wahrhaben, daß dieser Mann ihr Sohn war? Auf meine Fragen antworteten die Eltern: "Das ist nicht unser Sohn. Unser Willi hat anders ausgese-hen. Er war viel kleiner und von schmächtiger Gestalt, dieser Riese ist ein Schwindler!"

Wie ich inzwischen wußte, war Mußmanns Sohn mit 16 Jahren freiwillig zum Volks-sturm gegangen. Damals war er 1,62 m groß und wog keine 50 Kilo. Willi geriet in russische Gefangenschaft. Die schwere Arbeit in einem sibirischen Bergwerk hatte ihn körperlich verändert. Der damals noch nicht ausgewachsene Junge hatte jetzt breite Schultern und eine stattliche Größe von 1,83 m.
Als Willi nun auf seine Mutter zuging, um sie in den Arm zu nehmen, wehrte diese ab und sagte: "Sie sind nicht mein Sohn. Sie sind ein Betrüger!"

Beide Eltern schüttelten den Kopf. Diese Dramatik - es war fürchterlich! Es ging auch mir unter die Haut! Ich glaubte, die Zeit stünde still. Als der Vater nun auch noch meinte: "Nein, das ist nicht unser Junge!" war das Maß für mich voll. Ich mischte mich wieder ein und sagte: "Kommen Sie bitte mit, damit wir andernorts darüber verhandeln können."

Willi Mußmann stand mit seiner Schwester im Arm ganz verstört da. Änni beharrte: "Ohne Willi gehe ich hier nicht weg, komme was will!" Sie klammerte sich an ihren Bruder.

Nun redete die Mutter auf Änni ein: "Komm, mein Kind. Er ist nicht dein Bruder!"

"Doch Mama, er ist es. Gerade hat er mir erzählt, wie ich damals vom Apfelbaum gefallen bin und wie Papa ihn verhauen hat. Er weiß auch, wo wir im Garten immer am liebsten gespielt haben!"

Es lag eine ungeheure Spannung in der Luft, und viele Heimkehrer standen schon um uns herum. Ich konnte die Eltern einfach nicht verstehen. Man muß doch sein eigenes Kind wiedererkennen, dachte ich.

Endlich stellte die Mutter Fragen an ihn, die nur ihr einziger Sohn beantworten konnte. Plötzlich wurde sie schneeweiß im Gesicht und fiel in Ohnmacht. Willi konnte seine Mutter gerade noch auffangen. Er küßte sie und sie kam wieder zu sich. "Er ist es, er ist es! Er ist mein Willi!" rief sie glücklich und legte ihre Arme um seinen Hals.

Der Vater stand immer noch ungläubig dabei und stellte seinerseits Willi nun Fragen. Wo er in der Werkstatt am liebsten gespielt, an welchen Holzstützen er immer Nägel mit dem kleinen Hammer hineingeschlagen habe?

Als Willi dies alles richtig beantworten konnte, wischte der Vater sich mit der Hand über die Augen und gab zu: "Mudder, das ist doch unser Junge! Herrgott ich danke dir, daß du uns unseren Sohn zurückgegeben hast!"

Er nahm seinen Sohn in den Arm, Willi hielt seine Mutter dabei fest umklammert. Änni weinte und lachte gleichzeitig vor Glück.

Während ich dies schreibe, erlebe ich alles noch einmal - die innere Anspannung, die heftigen Gefühle. Ich sehe die Mußmanns noch vor mir, wie sie alle vier glücklich die Halle verlassen. Sie ließen sich die Entlassungspapiere geben und nahmen den jungen Mann gleich mit nach Hause.

Am anderen Tag meldete sich Willi Mußmann noch einmal telefonisch bei mir. Ob er etwas vergessen habe, fragte ich. "Ja, ich habe gestern vor lauter Glück vergessen, mich von Ihnen zu verabschieden, auch Dankeschön zu sagen! Ich bin so glücklich, wieder zu Hause zu sein. Vielen Dank für Ihre Hilfe! Alles Gute für Sie und Ihre Familie. Und einen guten Rutsch ins neue Jahr!"

Ich freute mich mit ihm. Damals war ich 37 Jahre alt und Willi Mußmann nach fünfjähriger Gefangenschaft 21. Heute müßte er also 72 oder 73 Jahre alt sein! Vielleicht führen seine Kinder die Tischlerei weiter, und es meldet sich immer noch jemand mit "Tischlerei Mußmann, guten Tag"?


Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 4


Heiligabend 1944 bei den Großeltern von Felicitas Schulz (die Kleine im karierten Kleid). Glücklich über die Geschenke sitzen die Enkelkinder vor dem Tannenbaum und lauschen aufmerksam der Erzählung des Großvaters.

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 4

[Berlin; 1954]

„Det Christkind is der Palast-Maxe“
Hans Döpping

Es war in Berlin, wo ich für einige Monate im Außendienst meiner Firma tätig war. Ich hatte ein Zimmer in der Pension von Elisabeth Kopmann, einer resoluten und sehr patenten Frau. Ihr Lieblingsausdruck war: „Ach, Jotte ooch!“, und das drückte ihr großes Erbarmen für alle Welt aus.

Neben mir wohnte Frau Bräutigam, eine junge Lehrerin, die noch auf der Suche nach einer geeigneten Wohnung war. Mit beiden Frauen wechselte ich oft heitere Worte.

In der Zeit vor Weihnachten klopfte Frau Bräutigam an meine Tür. Sie wollte mir etwas zeigen, und so gab sie mir wortlos und lächelnd ein aufgeschlagenes Schulheft und tippte mit dem Finger auf einige Zeilen. Sie waren sauber geschrieben, und so las ich: „Det Christkind is schon älter, hat een Bauch, eene Jlatze, eene joldne Brille un heeßt Palast-Maxe!“

Frau Bräutigam hatte die Kinder ihrer 3. Klasse aufschreiben lassen, wie sie sich das Christkind vorstellen. Dafür durften sie schreiben, wie der Schnabel gewachsen war. So las ich die Zeilen mehrmals, und mein Mund wurde dabei immer breiter. Ich rezitierte gar den Text und lachte Frau Bräutigam an. Dann klappte ich das Heft zu und las den Namen des Besitzers „Willi Stange, Klasse 3“ auf dem Umschlag.

In dem Moment klopfte Frau Kopmann, brachte meine Post und fragte, ob sie mitlachen könnte. So kam es, daß wir bei einer Tasse Kaffee saßen und Frau Bräutigam die Christkindgeschichte erzählte, die sie durch Willis Mutter Liesbeth Stange erfahren hatte:

„Palast-Maxe“ war der ehrenwerte Maurermeister Maximilian Jahne. Er hatte ein arbeitsreiches Leben hinter sich und es zu einigem Wohlstand gebracht. Jedenfalls gehörte ihm ein vierstöckiges Mietshaus. „Un det is mein Juwehl“, pflegte er zu sagen.

So kümmerte er sich auch um dieses gute Stück und hielt Ordnung in allem. An jedem Ersten im Monat klingelte er bei seinen Mietern, kassierte die fälligen Abgaben und quittierte das jedem im Mietbuch. Auch kontrollierte er, ob die Treppe gebohnert und der Flur naß gewischt worden war.
„Un Fahrräder jehörn in’n Keller!“ hatte er angeordnet, „un nich in’n Flur, wa!“ Und weil Jahne auch seinen Stolz über sein Haus zeigte und die Ordnung darin pries, brachte ihm das den Beinamen „Palast-Maxe“ ein.

Liesbeth Stange aber war mit der Miete seit einigen Monaten in Verzug geraten. Sie wohnte mit ihren drei Kindern Horsti, Hildchen und Willichen schon einige Jahre im vierten Stock von Maximilian Jahnes Haus und hatte stets pünktlich bezahlt, was Herrn Jahne zustand. Jetzt aber konnte Liesbeth nicht mehr zahlen, denn das Geld fehlte, weil Berti Stange, Liesbeths Mann und der Vater der drei Kinder, im Kittchen saß. Da konnte er „keene Piepen“ mehr nach Hause bringen. Der „Blödmann“ hatte sich doch „in sein Suffkopp“ zum Mausen verleiten lassen und war dabei erwischt worden. „Denn war er det heulende Elend. Awer da war ’t zu spät.“

Liesbeth bemühte sich nach Kräften, mit den Kindern über die Runden zu kommen, aber das, was sie als Aushilfe beim Pferdemetzger gleich um die Ecke und durch Putzarbeiten verdiente, reichte nicht. – So ein schönes und weites Sozialnetz, wie wir es heute haben, gab es noch nicht. Und Berti hatte noch länger zu brummen. – Nun war Liesbeth schon vier Monate mit der Miete im Rückstand. Der Erste des Monats stand wie ein drohender Riese vor ihr, und das so kurz vor Weihnachten. Jahne würde bald an ihre Tür klopfen, ach du liewer Jott ...

Und dann stand Jahne wirklich in der Tür: ein breiter Kerl mit straffem Bauche, der seine Melone nur in den Nacken schob. Er begrüßte Liesbeth und nickte den Kindern zu. Liesbeth wischte mit der Schürze über einen Stuhl.
Jahne nahm den Hut ab und legte ihn auf den Stuhl. „Ne, lassen Se man, bei Ihn’ n kick ick ma jerne um, ham allens propper. Nu ja, Se wissen ja, weswejen ick jekomm’n bin.“
Natürlich wußte Liesbeth das und sie entgegnete, daß ihr deswegen schon seit drei Tagen schlecht sei.

Nun nahm Jahne doch Platz. Die Kinder standen schüchtern im Zimmer, auf einen Wink der Mutter sollten sie sich verdrücken. Aber Jahne meinte, die sollten auch wissen, was los sei, und er bat Liesbeth, das Mietbuch zu holen. Die junge Frau ging zum Küchenschrank und kramte hinter den Tellern. Jahne wandte sich an die Kinder und versuchte zu ergründen, wer von den Zwillingen Horst und wer Willichen sei. Mit zitternder Hand reichte Liesbeth Jahne das Mietbuch.

Dieser blätterte darin und nickte. „Is ja allet in de Reihe bis dahin, wo Papa uff Reisen jejang’n is. Awer denne is Leere in’t Weltall! Wat mach’n ma nu? – Da schtehn ma nu alle Finfe un ham von Tuten un Blasen kee’n Dunst. Un Schterndaler pinkelt det ooch keene.“

Jahne stand auf und ging einige Schritte auf und ab. „Nu setzen Se sich ooch ma hin, Frau Stange, des beruhicht!“
Dann zückte er kurzentschlossen seinen Füller, setzte sich an den Tisch und quittierte im Mietbuch die rückständige Miete: „Aujust – erhalten, September – erhalten, Oktower – erhalten, November – erhalten, Dezember – ooch erhalten. Na ja, kommt ja bald der Januar – da quittier ick ma eene Vorauszahlung. So, muß noch trocknen, det Märchenbuch.“
Jahne blies auf die Tinte und reichte Liesbeth das Mietbuch zurück. Die starrte auf die Quittungen und war fassungslos: „Herr Jahne, aber Herr Jahne, awer det kann doch nich allens ...“
„Oh, doch“, Jahne putzte seine Brille und hauchte sie an. Er wolle Stanges als Mieter behalten, denn da wußte er, was er hatte. „Eene bessere Mieterin als wie Sie kann sich een Hauswirt jar nich denken. Ick seh det wohl, wie Se Ihre Treppe bohnern. Da jlänzt mir ja de Seele mit, un wenn Se den Flur jemachd ham, denn sin sojar de Bazilln uff Völkerwanderung jejang’n. Det seh ick allens. Und wenn ick de Aborte nachgucke uff de halbe Treppe, denn riech icke förmlich, det Se hier Hand anjeleecht ham. Da kann sojar een Kaiser druffjehn oder ’ne Subrette. Der Herr Berti hat ooch ohne Federlesen zujepackt, wo ’t nötisch war.“ Er lobte auch die Kinder, die immer höflich „Guten Tag“ sagten.
„Also, det is det Eene. Nu ha ick noch wat for euch.“

Jetzt erfuhr Liesbeth, daß Nuschke aus dem Parterre, der so eine Art „Hausknecht“ oder wie die Franzen sagen „Konzieersche“ gewesen war, ausziehe. Da könnten sie einziehen und Frau Stange könne das Regiment übernehmen. Die Miete sei nicht höher als oben und es gäbe noch einen gehörigen Abschlag für die Arbeit. „Bis der Papa von de Montaasche kommt, mogeln mer uns schon durch.“ Auch in seiner Wohnung müsse zweimal in der Woche reinegemacht werden. Sie solle sich das überlegen. Dann wünschte er eine gute Vorweihnachtszeit und verschwand.

Liesbeth Stange saß und starrte vor sich auf den Tisch. Dann verfiel sie in Lachen und Weinen zugleich. Sie drückte die Kinder nacheinander und wischte die Tränen mit ihren Händen in die Schürze. Und dabei soll sie geflüstert haben: „Det war det Christkind, det Christkind war det.“
Wie immer nun das „der kleene Willi“ verstanden hatte, er schrieb es auf: „Det Christkind is schon älter, hat een Bauch, eene Jlatze, eene joldne Brille un heeßt Palast-Maxe.“

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 4


Die Familie von Margarete Pinsker (auf dem Schoß des Vaters).
1937 bekam sie einen Puppenwagen geschenkt.

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 4

[bei Reichenau, Niederschlesien, heute Polen; Anfang der 40er Jahre]

Der Weihnachtshase
Hilde Flex

Es war an einem Heiligabend, als Großmutter nörgelte: „Heute wird’s wieder mal überhaupt nicht Tag. Alles grau in grau.“ Sie war ärgerlich. Zweimal schon hatte sie Großvater zum Frühstück gerufen.
„Ja, ja, ist gut!“ sagte er und ließ sie warten. Es blieb unklar, ob er seine Frau beschwichtigen wollte oder den Hund, den er eben gefüttert hatte. Er strich dem Hund noch einmal über das Fell und band ihm das Halsband um. Die Stubentür klinkte der Hund alleine auf, das konnte er gut. Er war rein närrisch vor Freude, daß es nach draußen ging. Großmutter hörte, wie ihr Mann die Haustür aufschloß. Der Hund schoß in den Garten, drehte sich ein paarmal um sich selbst, lief zum Haus zurück in der Erwartung, Großvater würde ihm folgen. Der winkte ab. Das verstand der Hund. Er verschwand im Nebel.

Da Großmutter einmal beim Nörgeln war, konnte sie nicht aufhören: „Mußt du den Hund dauernd stromern lassen!“
Großvater rückte sich umständlich auf der Ofenbank zurecht, wartete, bis Großmutter Kaffee eingegossen hatte und sagte: „Der geht nicht weit.“

Großmutter bezweifelte das. Als sie vor Jahren beschlossen hatten, einen Hund zu kaufen, hatte Großmutter zur Bedingung gemacht: einen kleinen. Sie hatte dabei so in etwa an einen Zwergrehpinscher gedacht. Dann schleppte Großvater den drei Monate alten Schäferhundwelpen an. Sie hatte sich dagegen verwahrt. Einem kleinen Hund habe sie zugestimmt. Großvater belehrte sie: „Das ist noch ein ganz kleiner. Du wirst dich wundern, wenn der ins Wachsen kommt.“
Das tat sie denn auch.

„Eines Tages fängt er noch an zu wildern“, äußerte Großmutter ihre Bedenken.
Großvater schnitt bedächtig mit dem Taschenmesser die Flechtsemmel in Stücke, die Kruste splitterte. „Mein Hund Mali wildert nicht!“

Großmutter hielt es für angebracht, das Thema zu wechseln. Ihr kam gelegen, daß vor dem Gartentor ein Motorrad hielt. „Der Nachbar bringt die Schlüssel.“ Großmutter war aufgestanden. Über den Gartenzaun hinweg nahm sie dem Nachbarn die Schlüssel ab. „Du hast dich also doch entschlossen, zu den Kindern zu fahren. Das machst du recht.“

„Wenn’s Wetter gerade noch so ist“, meinte der Nachbar, „es kann jeden Tag schneien. Morgen vormittag bin ich zurück. Ich habe am Kaninchenstall die äußere Tür einen Spalt offengelassen, sei so gut und schließ abends ab.“
„Mach ich.“ Großmutter sah ihm nach, bis er hinter der Waldecke verschwunden war.

Während sie in der Küche schaffte, versuchte Großvater im Keller, die krumme Fichte hinzubiegen, damit sie ihm als Weihnachtsbaum keine Schande mache.
„So ein Krüppel“, murmelte er, „wäre ich nur bei Tage in den Busch gegangen oder hätte besser hingesehen.“

Großmutter stand wie erstarrt am Fenster: „Der Hund ...“
Da sah auch Großvater das Unheil. Im Vorgarten tobte der Hund mit einem Fellbündel umher, er beutelte es, schlug es sich um die Ohren, verbiß sich darin. „Jesses!“
Großvater hatte erkannt, daß das verdreckte Bündel, mit dem der Hund sich vergnügte, ein Kaninchen war.
„Von wegen, der wildert nicht“, schlußfolgerte Großmutter.
Großvater sperrte den Hund in den Schuppen. Das tote Kaninchen wollte er auf den Küchentisch legen.
„Um Himmelswillen!“ entsetzte sich Großmutter. „Es kann doch tollwütig sein!“ Sie packte alle greifbaren Zeitungen darunter.
„Nee“, behauptete Großvater, „tollwütig ist das nicht. Es ist der Zuchtrammler vom Nachbarn.“

Er hatte die Tätowierung im Ohr erkannt. Da war guter Rat teuer. Stumm saßen sie zu beiden Seiten des Tisches, zwischen ihnen – ebenso stumm – lag der Weihnachtshase. Da hatte ihnen der Nachbar Hab und Gut anvertraut und ausgerechnet durch sie kam er um seinen besten Blauen Wiener. Wie sollten sie ihm das nur beibringen?

Sie konnten sich ja mit dem Hund herausreden, aber das machte den Kaninchenmord nur noch komplizierter. Inzwischen hatten sie sich überzeugt, daß am Kaninchenstall außer der äußeren Tür auch die Tür zur Box offenstand. Die Box war leer. Wie denn auch nicht!
„Was mußtest du dem Hund beibringen, Türen zu öffnen“, warf Großmutter ihrem Mann vor.
„Hab’ ich nicht, da ist er von ganz allein drauf gekommen“, verteidigte sich Großvater.
„Mit meinem Rehpinscher wäre uns das jedenfalls nicht passiert!“ Diese kleine Genugtuung gönnte sich Großmutter.

Dann hatte sie eine Idee. Sie gingen ans Werk. Sie wuschen und putzten und striegelten das verschmutzte Kaninchen, das unter der derben Behandlung des Hundes arg gelitten hatte. Es war eine üble Tätigkeit, die Großmutter zweimal unterbrechen mußte.
Es begann zu dunkeln, als sie den Stallhasen zurücktrugen und ihn vorsichtig in seine Box setzten. An die hintere Wand gelehnt, den Kopf manierlich auf den Vorderpfoten, schien es, als blicke er dem Betrachter entgegen.

Am Abend hielt Großmutter dem Hund einen längeren Vortrag. Da sie dabei aber mit seiner Heilig-Abend-Leberwurst fuchtelte, wedelte er freudig mit dem Schwanz. Seine Welt war in Ordnung.
Über Nacht hatte es geschneit. Gegen Mittag sah Großmutter den Nachbarn kommen, hörte, wie er vor der Haustür den Schnee von den Füßen trat. „Karl!“ rief sie und dieser kam auch sofort. Er ließ sich in der Küche auf einen Stuhl fallen.

„Ich brauch’ einen Schnaps!“ stöhnte er. Nach dem dritten war er endlich in der Lage, über das zu sprechen, was ihn hergetrieben hatte. „Ihr werdet es nicht glauben, das kann auch kein Mensch verstehen! Gestern ist mir mein Zuchtrammler eingegangen, und ich habe ihn, ehe ich weggefahren bin, schnell noch vergraben. Unter den Johannisbeerbüschen. Und heute morgen – ja, bin ich denn noch normal?! – heute morgen sitzt er wieder im Stall!“

Jetzt brauchten auch Großvater und Großmutter einen Schnaps. Ihnen wurde schlagartig klar, daß der Hund das tote Kaninchen ausgebuddelt hatte und daß sie beide den schon begraben gewesenen Blauen Wiener geputzt und gestriegelt hatten. Großmutter mußte sich zurückziehen. Ihr wurde übel.

Als der Nachbar zwischen Korn und Bier Luft holen konnte, fuhr er fort: „Aber das ist ja noch nicht das Schlimmste! Der Kerl hat auch noch abgeschlossen hinter sich! Die Box war zu.“
„Na ja“, meinte Großvater bedächtig, „wir sind in den Zwölfnächten, da geschieht schon manchmal Wunderliches, aber ...“ Er kam an diesem Weihnachtsfeiertag nicht mehr dazu, weitere Erklärungen zu geben. Die Flasche mit dem Korn war leer und der Nachbar voll.

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 4

[südlich von Leningrad, Rußland– Obornik, Kreis Posen);
Dezember 1942]


Für kurze Zeit dem Krieg entflohen
Waldemar Siesing

...Ab Ostern 1942 war ich Panzergrenadier in einer Panzerdivision am Mittelabschnitt der Ostfront, bei der ich bis zum Ende des Krieges diente. Bis Dezember 1942 wurde ich dreimal leicht verwundet. Ein sogenannter Heimatschuß war nicht dabei. Ich blieb jedesmal bis zur Genesung beim Kompanietroß.

Doch an jenem 11. Dezember 1942 war alles anders. Ich gehörte zu einem Spähtrupp, der bei anbrechender Dunkelheit einen speziellen Auftrag zu erfüllen hatte: ein zwischen den Hauptkampflinien liegendes flaches, langgestrecktes Gebäude, das vor dem Krieg wahrscheinlich eine Kolchose gewesen war, für einen vorgeschobenen Posten der Artillerie zu erkunden. Es herrschte eisige Kälte. Wir waren bereits auf dem Rückmarsch, als wir entdeckt wurden und ich einen Schußbruch des rechten Unterarmes erlitt. Im Kompaniegefechtsstand wurde ich von den Sanitätern notdürftig verbunden und von dort mit zwei anderen Leichtverletzten auf einem großen Schlitten, der von Panjepferden gezogen wurde, zum Verbandsplatz in Marsch gesetzt. Wir hatten wenigstens fünf Kilometer zurückzulegen, und es herrschte ein kräftiger Schneesturm. Zum Glück besaßen wir genügend Decken zum Wärmen. Während der Fahrt wurde kaum ein Wort gewechselt, jeder hing seinen Gedanken nach. Wir hatten sicher auch ein wenig Angst, daß sich der Fahrer des Schlittens in der Dunkelheit verirren könnte. Schmerzen spürte ich nicht, die Anspannung war wohl noch zu groß. Ununterbrochen zogen pfeifend Granaten über uns hinweg, während das Maschinengewehrfeuer der Russen langsam nachließ und bald völlig verstummte.

Auf dem Divisionsverbandsplatz nahm sich in einem großen Zelt ein junger Arzt unserer Wunden an. Wir wurden neu verbunden, wonach ich einem LKW zugeteilt wurde, der Verwundete zum Hauptverbandsplatz brachte. Die zwei anderen, die mit mir gekommen waren, blieben bei der Division. Langsam stellten sich bei mir auch Schmerzen ein.

Noch vor dem Morgengrauen ging die Fahrt mit dem LKW weiter...
Auf dem Hauptverbandsplatz angekommen, wurden wir dem Arzt vorgestellt. Nach einer warmen Mahlzeit ging es gleich zum nahegelegenen Bahnhof, wo schon ein Lazarettzug bereit stand. Nach einer Tagesreise wurden wir in Posen ausgeladen und mit Lastwagen in die umliegenden Lazarette gebracht. Ich kam ins Schloß Obornik. Rot-Kreuz-Schwestern führten uns zum Duschen und übergaben uns saubere Tagesbekleidung und Schlafanzüge für die Nacht.

Mein Krankenzimmer empfing mich mit einem kleinen Tannenbaum auf einem der beiden Tische. Große Fenster ließen viel Licht herein, und alles wirkte sehr hell und freundlich. An der Fensterseite standen sechs Betten, dazwischen je ein Stuhl und eine kleine Kommode. Das Bett am äußersten Fenster war frei, denn es hing kein Namensschild am Fußende. Kurz nachdem ich das Zimmer betreten hatte, kamen auch die Kameraden. Alle hatten einen Arm verbunden, also war kein Schwerverletzter unter ihnen.

Nach der Begrüßung wurde ich von einer Schwester zum Stabsarzt begleitet. Jeder Neuankömmling mußte sich einer nervenstrapazierenden Befragung durch den Arzt unterziehen, wobei ein Soldat fast alles, was gesagt wurde, mitschrieb. Zum Schluß behandelte der Arzt meine Wunde, und mein Arm kam in Gips. Dann durfte ich gehen.

Der Verbandsraum lag im Parterre, mein Zimmer aber im zweiten Stock. Später stellte ich fest, daß die gehbehinderten Soldaten im Parterre und im ersten Stock untergebracht waren, während alle anderen im zweiten Stock ihre Bleibe hatten. Auf dem Weg durch die langen Flure sah ich mehrere festlich geschmückte Tannenbäume stehen, die dafür sorgten, daß allmählich weihnachtliche Stimmung aufkam.

Die Kameraden nahmen mich sehr freundlich auf. Sie erklärten mir, wie ich mich zu verhalten hätte, um keine Schwierigkeiten zu bekommen. Als ich mich ins Bett legte, mußte ich feststellen, daß es durch das Fenster erbärmlich zog. Das war aber auch schon der einzige Negativpunkt meines Aufenthaltes im Lazarett Obornik. Weit weg von todbringenden Geschossen fand ich hier einige Zeit Ruhe und konnte dem Weihnachtsfest entgegenschlafen.

Ich erinnerte mich an die Weihnachtstage des vergangenen Jahres, die ich in Perwomeisk in der Ukraine verbracht hatte. Mal sehen, dachte ich, wie es hier werden wird. Noch waren zwei Tage Zeit, um in irgendeiner Form aktiv an der Gestaltung der Festtage mitzuwirken. Päckchen und Briefe waren schon eingegangen. Ich wußte, daß ich keine Nachricht von zu Hause erwarten könne, denn ich bekam erst am 23. Dezember die Möglichkeit, meiner Mutter zu schreiben und meinem Vater, der als Küchenfeldwebel in einem Fernaufklärungsgeschwader im Norden Rußlands stationiert war, meine neue Anschrift mitzuteilen. Da mir der Gipsverband einige Schwierigkeiten bereitete, half mir eine Rotkreuzschwester dabei.

Am Heiligabend wurde es dann doch sehr feierlich, als der Weihnachtsmann unser Zimmer betrat, sich ein Gedicht aufsagen ließ und danach kleine Päckchen verteilte. Im Radio gab es Grußsendungen aus der Heimat, und Wilhelm Strienz sang altvertraute Weihnachtslieder. Mein Bettnachbar, dessen Eltern in Rumänien zu Hause waren, hatte auch keine Post erhalten. Die vier anderen Kameraden gaben uns aus ihren Päckchen von den süßen Grüßen aus der Heimat selbstverständlich etwas ab. Vor dem Einschlafen erzählte jeder von seiner Familie, wie er die Weihnachtstage einst in friedlicher Zeit verbracht hatte. Manche Träne wurde unter der Bettdecke heimlich weggewischt. Es war eine besinnliche Nacht, eine tief im Herzen ruhende Stille, die ich nie vergessen werde.

Zwei Tage nach dem Fest geschah ein Wunder: Plötzlich stand ohne Voranmeldung meine Mutter im Zimmer. Erst glaubte ich zu träumen, denn von Tagträumen ließ ich mich oft und gern aus der rauhen Wirklichkeit entführen. Aber meine Mutter war tatsächlich hier, ich spürte ihre Hände und den Begrüßungskuß und hörte immer wieder ihre leisen Worte: „Mein Sohn, mein lieber Sohn!“

Neben ihr stand eine junge Nachbarin aus Magdeburg, die als Nachrichtenhelferin in Posen stationiert war. Nach dem Erhalt meiner Post hatte meine Mutter alle Hebel in Bewegung gesetzt, um mich im Lazarett besuchen zu können. Die Nachbarin hatte ihr beim Auffinden des Lazaretts und bei der Quartierbeschaffung geholfen. Jetzt waren beide Frauen bei mir. Mein Herz wagte kaum zu schlagen vor Freude, ich war wie benebelt vor Glück, hatte ich doch plötzlich meinen Zimmerkameraden so vieles voraus.

Meine Mutter brachte Stollen, Strümpfe und Handschuhe mit und übergab mir Briefe von meinem Bruder, den Verwandten und den Freunden, die noch nicht eingezogen worden waren. Der lange Brief meiner Cousine ist mir bis heute in Erinnerung. Sie hatte von den vielen Kaspertheateraufführungen geschrieben, die wir besonders zu Weihnachten im Familienkreis veranstaltet hatten. Die Gegenwart verblaßte im Angesicht von so viel Freude.
Unter den Briefen war auch eine traurige Nachricht: Ein ehemaliger Klassenkamerad war gefallen. Schlagartig wurde ich daran erinnert, daß noch immer der Krieg tobte und ich nur für kurze Zeit der Front entkommen war. Als wir drei dann im Garten spazierengingen und den mit wenigen Kugeln geschmückten Tannenbaum am Toreingang bewunderten, waren alle Daheimgebliebenen in Gedanken bei uns.

Nach zwei Tagen hieß es Abschied nehmen. Lange Zeit stand ich noch am Tor dicht neben dem Tannenbaum und winkte meiner Mutter nach. Als sie schon um die Ecke gebogen war, kam sie noch einmal zurück, um ein letztes Mal zu winken. Sie war weit genug weg, um meine Tränen nicht sehen zu können. Oben im Zimmer schaute ich hinter dem Fenster noch lange den tanzenden Schneeflocken zu, wie sie Mutters Fußspuren nach und nach zudeckten. Damit hatte sich Weihnachten 1942 von mir verabschiedet.

Ende Januar 1943 wurde ich wieder kriegsverwendungsfähig geschrieben. Ich nahm meine inzwischen von den Schußlöchern ausgebesserte Uniform aus dem Schrank und fuhr Anfang Februar zu meinem Ersatztruppenteil. Es sollten noch etliche Weihnachten vergehen, bis ich im Dezember 1949 endlich aus russischer Gefangenschaft entlassen wurde und das Fest wieder mit meinen Lieben zu Hause feiern konnte.

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[Berlin-Grunewald; 1945]

Wie wir Weihnachtsbäume „organisierten“
von
Ingrid Fimmel

Die erste Friedensweihnacht nach dem Krieg! Alle Waffen schwiegen nun schon seit einigen Monaten. Trotzdem waren es immer noch entbehrungsreiche Zeiten. Ich absolvierte das zweite Jahr meiner Ausbildung zur Krankenschwester im Martin-Luther-Krankenhaus in Berlin-Grunewald und arbeitete derzeit auf einer Inneren Männerstation.

Am 21. Dezember sagte unsere Oberschwester: „Kinder, in drei Tagen ist Weihnachten, und wir haben noch keine Weihnachtsbäume für unsere Krankenzimmer!“

Weihnachten wurde in diesem konfessionellen Haus immer besonders festlich und stimmungsvoll begangen. Jede Station schmückte ihre Räume so schön wie möglich. Auf allen Fluren hingen große Herrnhuter Adventssterne, und in jedem Patientenzimmer stand ein kleiner Weihnachtsbaum. Nur in diesem Jahr konnte man nirgendwo auch nur das kleinste Bäumchen auftreiben, und der Grunewald war kahlgefegt. Unsere Oberschwester hatte eine „zündende“ Idee. Eine zweite Schwesternschülerin, ein Pfleger und ich bekamen einige Matratzenschonbezüge, ein kleines Beil, ein Knäuel „Strippe“ – wie der Berliner Bindfaden nennt – und ein paar Groschen Fahrgeld in die Hand gedrückt und gesagt: „Ihr drei fahrt heute nachmittag mit der S-Bahn hinaus in Richtung Potsdam und seht zu, daß ihr in einem Waldstück mindestens zehn Tannenbäume ergattern könnt, die ihr in diesen Schonbezügen möglichst unauffällig ins Krankenhaus bringt.“


Zwar hingen auch vor Weihnachten 1945 wieder auf allen Fluren unseres Krankenhauses die großen Herrnhuter Adventssterne, aber ein Christfest ohne Weihnachtsbäume konnten wir uns nicht vorstellen.

Wir mußten mit der Berliner Stadtbahn vom britischen Sektor Berlins in die russisch besetzte Zone fahren. Das war 1945 kein Problem. Die russischen Soldaten kontrollierten aber gelegentlich das Gepäck der Reisenden. Wir stiegen an einer kleinen S-Bahn-Station aus, die uns verheißungsvoll erschien. Doch die Bäume, die wir hier sahen, waren alle viel zu groß, um mit unserem kleinen Beil gefällt zu werden. Nach längerem Herumwandern gelangten wir zu einer kleinen Schonung. Dort lag – oh Wunder! – ein ganzer Stapel kleiner gefällter Kiefern. Es waren zwar nicht die gewünschten Tannen, aber besser als gar nichts!
Jetzt mußten wir ganz schnell handeln, denn wir wollten doch nicht erwischt werden!
Meine Mitschwester protestierte: „Das ist doch Diebstahl! Mein Vater ist Rechtsanwalt.“

Aber sie wurde überstimmt und wir packten in Windeseile zwölf Bäumchen ein, und ein besonders kleines steckte ich für mich mit ein. Wir hatten Glück und kamen wohlbehalten, ohne Kontrolle, im Krankenhaus an. Unsere Oberschwester war zwar etwas enttäuscht, weil es „nur“ Kiefern waren, aber als am Heiligen Abend in jedem Krankenzimmer die geschmückten Bäumchen aufgestellt und die Lichter angezündet waren, strahlten die Augen unserer Patienten mit den Kerzen um die Wette. Die größte Edeltanne der Welt hätte nicht mehr Freude bringen können.

Abends bekam ich dann zwei Stunden frei, um meine Mutter zu besuchen, die in der Nähe wohnte. Als einziges Geschenk hatte ich für sie das Bäumchen. Meine Mutter schenkte mir ein Paar Schuhe, eine Kostbarkeit in jenen Tagen. Sie waren häßlich und das harte Leder drückte, aber man konnte darin laufen. Sie hatte die Schuhe aus einer alten Ledermappe bei einem Schuster arbeiten lassen. Als Macherlohn erhielt er neben dem Geld Rauchermarken, die Mutter dafür aufgespart hatte. So feierten wir Weihnachten und waren dankbar, überlebt zu haben.


Meine Mutter und ich, rechts, vor dem zerbombten Haus von Freunden im Herbst 1944 in der Salzbrunner Straße. Während des Krieges war es streng verboten, ausgebombte Häuser zu fotografieren.

Langsam wurden die Zeiten wieder „üppiger“. Man konnte wieder Weihnachtsbäume kaufen und es gab auch wieder „richtige“ Geschenke, aber Weihnachten 1945 war schon ein ganz besonderes Fest.

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 4

[Venzka bei Hirschberg/Saale, Thüringen;1945]

Das Holz für Weihnachten
von Elisabeth Schmack

Es war kurz vor Weihnachten 1945. Mutter und wir drei Geschwister lebten seit einigen Wochen in einem winzigen Zimmer, der ehemaligen Kleiderkammer der Freiwilligen Feuerwehr in Venzka. Nach vielen Monaten Flucht, Vertreibung, Lager und Herumgestoßensein kamen wir hier einigermaßen zur Ruhe. Auch wenn es durch Tür und Fenster zog und der kleine eiserne Ofen unser mühevoll gesammeltes Holz schneller durch den Schornstein jagte, als wir es beschaffen konnten, fühlten wir uns nach und nach geborgen. In diesen Tagen versuchten wir, uns einen Holzvorrat anzulegen, um über die Weihnachtsfeiertage „frei“ zu haben. Ein einheimischer Nachbar, der unser Bemühen sah, lieh uns eine Axt, denn bisher hatten wir die trocknen Äste nur mit den Händen von den Bäumen brechen können und über dem Knie kleingemacht.


Die ehemalige Schule und spätere Gemeindeverwaltung in Venzka bei Hirschberg in Thüringen. Eine Aufnahme von Anfang der 90er Jahre.
1945 war das Gebäude vollgestopft mit Flüchtlingen. Mutter und wir drei Geschwister hausten in einer kleinen Kammer nach hinten raus. Dort, wo das Auto steht, befand sich damals der „Milchbock“, eine kleine Rampe, auf die die Bauern ihre Milchkannen zur Ablieferung stellten. In den Abendstunden war hier das Zentrum der Dorfjugend. Die Mehrzahl bestand aus Flüchtlingskindern. Links vom Haus führt der Weg zur Saale hinunter, wo der „Holzeinschlag“ erfolgte. Alles gehörte Jahrzehnte zur 500-Meter-Sperrzone, die wir nach unserem Wegzug aus Venzka nicht mehr betreten durften.

Mein jüngerer Bruder und ich, 15 Jahre alt, gingen an einem kalten und schneereichen Tag mit der Axt und dem ebenfalls geliehenen Seil „ins Holz“. Die Luft war frisch und die Sonne ließ den Schnee glitzern. Doch wir hatten kaum den Blick für die herrliche Landschaft. Da, wo wir hingingen, hatten wir die dicksten Stubben schon ausgemacht. Hier trennte die Saale Thüringen und Franken. Hier war auch die Trennlinie der Ost- und Westzone. Es interessierte uns nicht, ob die Zonengrenze bewacht sein könnte. Für uns war das Holz ebenso Lebensmittel wie die Nahrungsmittel, die wir auf Lebensmittelkarten im Laden bekamen. Voller Elan machten wir uns an die Arbeit, die uns zu Weihnachten eine warme Stube bescheren sollte. Doch immer wieder sprang die Axt vom sperrigen Holz der Baumwurzel ab, ohne etwas zu bewirken. Wir waren nicht nur schwächlich, sondern auch unerfahren im Umgang mit einer Axt. Verbissen hauten wir abwechselnd auf das begehrte Holz der riesigen Baumwurzel ein. Diese großen Scheite, das wußten wir, würden viel länger Wärme spenden als das „Kroppzeug“, das wir ohne Axt nach Hause brachten. Jetzt war ich dran und schwang die schwere Axt hoch in die Luft.

Da stand plötzlich ein uniformierter Russe vor uns, das Gewehr im Anschlag. Ich war wie erstarrt. Nur in meinem Kopf arbeitete es wie verrückt. Bilder sah ich wieder, die ich endlich vergessen wollte. Von den rauhen Worten verstand ich nur „... dawei ...“
Aber ich konnte mich nicht rühren.
Da sprang der Soldat auf mich zu und entriß mir die Axt. Großer Gott ... wenn jetzt ... Und die Mutter weiß nicht mal die Stelle, wo wir nach Holz gingen ... Was wird ...?

Da krachte es. Ich kam wieder zu mir. Der Wurzelstock war mit einem mächtigen Hieb gespalten. Seine Ausläufer kappte der fremde Holzhauer in kurzer Zeit. Mit noch zitternden Knien schauten wir beide dem fast extatischen Treiben zu. Seine Uniformjacke hatte der Soldat ausgezogen und sein Gewehr an einen Fichtenstamm gelehnt. Wurzel um Wurzel holte er aus dem Boden. Die langen Holzstücke warf er neben uns auf einen Haufen. Jetzt wurden auch wir wieder lebendig und banden das Holz mit dem Strick zusammen, um es tragen oder hinter uns herzuschleifen zu können.

An unseren Gesichtern mußte der Soldat gesehen haben, wie erleichtert wir waren, denn zum Sprechen fehlte uns noch immer der Mut. Natürlich war es auch die Freude über das Holz, das uns dieser Mensch geschenkt hat. Aber es war auch die Erkenntnis, daß „Die“ nicht alle so sind, wie wir es vor kurzem noch erfahren hatten.

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 4

[Rinteln/Weser, Kreis Schaumburg, Niedersachsen;Weihnachten 1994]

Mein Weihnachtsvergnügen
von Romano C. Failutti

Dieses Jahr kam ich lange nicht in diese zauberhafte vorweihnachtliche Stimmung. Obwohl alle dafür notwendigen Utensilien – vom Adventskranz bis zu diversen Räuchermännchen – aufgebaut waren und ich sogar den Recorder im Auto mit Weihnachtskassetten fütterte, um mich auf diese Weise entsprechend einzustimmen, es packte mich nicht wie früher.
Ob‘s an dem warmen Wetter lag, das sogar die Gänseblümchen hervorlockte, an der allgemeinen Hektik, den Horrormeldungen aus der ganzen Welt von Kriegen und Gewalttaten, Gemeinheiten in nah und fern?

Bekanntlich kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Ob‘s daran lag?
Oder verdarb mir dieser rosa eingefärbte Plastikweihnachtsrummel, der immer mehr über den großen Teich zu uns hereinschwappt, die Vorfreude auf das große Fest?

Also, dieses Jahr war ich wohl ziemlich stimmungsresistent. Lag‘s daran, daß man älter geworden ist und die Tochter aus dem Haus ist?
Aber so abrupt?

Na, es läßt eben mit der Zeit alles nach. Stimmt aber auch nicht ganz. In Manchem bin ich sogar verrückter geworden, zum Beispiel im Notizenmachen. Ich notiere alles! Und ich räume viel auf!
Aber nicht alles, nee, nur was mir Spaß macht. Das jedoch voller Leidenschaft. Meine Marianne behauptet allerdings, ich würde überhaupt nicht aufräumen. Ich stellte alles, was ich in die Hand nähme, nach eingehender und langwieriger Betrachtung von einem Platz auf den anderen. „Was willst du? Ich bin eben ein kontemplativer Mensch“, verteidige ich mich dann.
Und sie spottet: „So kann man das auch nennen. Aber ich sehe in dir mehr den Chaoten.“

Immerhin, die Stimmung kam doch noch, wenn auch spät, als ich vor dem Fest ein paar Urlaubstage nahm, mich in meine alten Klamotten warf, mir eine liebliche Weihnachtsmusik auf den Plattenteller legte und mich meinen Bücherschränken widmete. Ich gebe zu, ich traf auf eine Anzahl langvermißter, lieber alter Freunde, in denen ich erst ein wenig herumschmökern mußte, einige auch aussortierte, um ihnen später noch intensivere Aufmerksamkeit angedeihen zu lassen, was sich in neuen Stapeln manifestierte und meine Frau, die ihren Weihnachtsputz vorantreiben wollte, in die Nähe eines Nervenzusammenbruchs brachte. Dafür wollte ich ihr ja ein Fläschchen „Frauengold“ unter den Weihnachtsbaum legen. Als Aufbaumittel, damit sie es mit mir aushielt.

„Solche Stapel hast du voriges Jahr um diese Zeit auch aufgebaut, um dich ihnen dann besonders zu widmen“, zeterte sie, „und dann bist du nicht hindurchgekommen, und manche stehen heute noch da! Seit damals!“
„Ich bringe das alles wieder in Ordnung“, versprach ich. „Während der Feiertage ist doch Muße, alles zu ordnen.“
„Das ist es ja! Du tust es mit Muße, das heißt, du verzettelst dich!“
„Wie wenig du doch von mir weißt!“ schmollte ich beleidigt. „Ich beschäftige mich im Gegenteil sehr intensiv mit meinen Dingen. Ich bitte dich, mir meine Weihnachtsfreude nicht zu verderben. Du weißt, ich mache das seit über 25 Jahren so.“
„Und ich leide seit 25 Jahren darunter“, stöhnte Marianne, „und immer in der Weihnachtszeit! Du schaffst es einfach nicht, deine Bücher zu ordnen, wie du es dir immer vornimmst. Du bleibst an ihnen hängen!“
„Meine Güte! Das ganze Jahr renne ich herum, wie ein Irrer. Nun gönne mir doch wenigstens diese paar Tage!“
„Ich gönne sie dir ja, aber bist du nicht selber enttäuscht, wenn die Zeit vergangen ist und du gar nichts von dem geschafft hast, was du wolltest?“
„Was wollte ich denn?“, fragte ich dumpf.
„Na, aufräumen, deine Bücher ordnen und mal entstauben!“
„Das mach ich schon! Das bekomme ich nebenbei hin! Doch sieh mal, wenn du einen guten Freund triffst, dann sprichst du erstmal mit ihm, und dann erst klopfst du ihm den Staub ab, wenn er sich schmutzig gemacht hat. Du gehst nicht bloß auf ihn zu, entstaubst ihn und läßt ihn laufen!“
„Das ist kein Vergleich!“, wurde meine Marianne jetzt laut, und ich konnte sie gut verstehen. „Wenn du wenigstens in deinem Zimmer bliebest mit deinen Papierhaufen ...“
„Was heißt hier ,Papierhaufen’? Das sind Werke großer Geister!“
„... aber du nimmst die ganze Wohnung damit in Beschlag!“
„Haben wir dieses Thema nicht schon seit Jahren immer um diese Zeit?“
„Eben, eben! Langsam reicht es! Ich will auch mal wie andere Leute unterm Weihnachtsbaum sitzen und nicht immer bloß eingerahmt von meterhohen Bücherstapeln, rechts, links, vorn, hinten …!“
Sie wird sich wieder beruhigen, denke ich. Und ich werde ihr dafür sogar zwei Flaschen „Frauengold“ auf den Gabentisch legen. Dazu habe ich mich fest entschlossen. Schließlich war ich jetzt endlich in der richtigen Stimmung.

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 4

[Gelsenkirchen, Ruhrgebiet, Nordrhein-Westfalen; 1966]

Die große Enttäuschung (Diese Geschichte wurde leicht gekürzt)
von
Margit Kruse

Die Vorweihnachtszeit war für uns Kinder die schönste Zeit im Jahr. So auch im Jahre 1966, das für unsere Stadt Gelsenkirchen ein besonders schlimmes Jahr war. Die Bergbaukrise hatte gerade ihren Höhepunkt erreicht. Trotz großer Proteste wurde die Förderung der Zeche Graf Bismarck eingestellt und über 7000 Bergleute verloren ihre Arbeit. Das war für unsere Familie sehr hart, da auch mein Vater auf dieser Zeche beschäftigt war.

... Wir Kinder fragten uns täglich, ob unsere Wünsche auch in Erfüllung gehen würden. Ich hatte mehrere Wünsche – Rollschuhe, eine Puppenküche und auch andere – ich wollte mich da nicht festlegen. Auf unserem langen Schulweg redete ich mit meiner Freundin über das bevorstehende Fest, und wir rätselten, was wir wohl diesmal bekämen. Auch sie wollte sich in diesem Jahr, genau wie ich, überraschen lassen. Wir hörten von unseren Eltern immer wieder, daß es in diesem Jahr mit den Geschenken zu Weihnachten nicht so rosig aussehen würde. Deshalb war es uns egal, was zu Weihnachten unter dem Baum liegen würde. Wichtiger war, daß unsere Väter wieder eine neue Arbeit gefunden hatten.

An einem verschneiten, grauen Nachmittag in der ersten Adventswoche hatte ich Langeweile, nachdem meine Mutter mit der Nachbarin zu einem Stadtbummel aufgebrochen war. Ich sah aus dem Fenster und träumte vor mich hin. Würde sie etwa nach meinem Geschenk Ausschau halten?

Mein Vater war noch bei der Arbeit und so beschloß ich, mal auf dem Dachboden zu stöbern. Ich nahm den Schlüssel aus dem Schlüsselkasten, verließ unsere Wohnung, stieg die Treppe nach oben zum Dachboden und öffnete die Tür. Sofort schlug mir eine ungemütliche Kälte entgegen. Der Dachboden war nicht ausgebaut und man konnte jede einzelne Dachpfanne erkennen. Ganz in der Ecke links war unsere Dachkammer. Ich bahnte mir den Weg zwischen steifgefrorener Bettwäsche und schloß das kleine Vorhängeschloß auf. Als ich den winzigen Raum betrat, fiel mir sofort eine Kiste auf, die mit einem großen Laken bedeckt war. Hatte ich es doch geahnt! Das war bestimmt mein Weihnachtsgeschenk!

Mein Herz schlug schneller. Ich öffnete die Kiste vorsichtig und riskierte einen Blick hinein: Eine wunderschöne Puppenstube befand sich in diesem Karton. Ich konnte von oben zwei Zimmer erkennen, ein Schlafzimmer und eine Wohnstube, beide mit Möbeln ausgestattet. Schnell verschloß ich den Karton wieder, legte das Laken ordentlich darüber und verließ eilig den Dachboden.

... Die Adventstage zogen dahin und immer, wenn ich allein zu Hause war, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen. Ich machte ständig einen Abstecher zum Dachboden. Beim zweiten Mal hob ich mit aller Kraft die Puppenstube aus dem Karton, um alles genauer betrachten zu können. Diese winzigen Möbel aus honigfarbigem Holz waren ein Kunstwerk. In den Betten lagen kleine karierte Oberbetten. Die Wohnstube hatte einen Ofen und einen Kamin. An den Fenstern, die sich sogar öffnen ließen, hingen geblümte Gardinen und auf den Fensterbänken standen winzige Blumentöpfe. Ich taufte sogar schon die drei Bewohner – niedliche bekleidete Püppchen – , die nun bald mein eigen sein sollte. Ich träumte nur noch von dieser Puppenstube. Obwohl ich mir eigentlich gar keine gewünscht hatte, gefiel mir der Gedanke, bald damit spielen zu können. Meine Abstecher in die Dachbodenkammer schienen niemanden aufzufallen. Ich versuchte auch, möglichst keine Spuren zu hinterlassen und war immer sehr vorsichtig.

Endlich war es soweit. ... Vor Aufregung hatte ich dieses Mal kaum etwas essen können. Ich freute mich, daß ich nun endlich offiziell mit der Puppenstube spielen konnte und mich nicht mehr heimlich in die eiskalte Dachkammer schleichen mußte.

... Dann ging endlich die Tür zum Wohnzimmer auf. Die Flammen der Wachskerzen spiegelten sich in den silbernen Kugeln und Vögeln wieder. Unter dem Tannenbaum standen, fast wie in jedem Jahr, die prallgefüllten bunten Teller. Daneben auf dem Tisch lagen, wie immer, die Geschenke. Doch was war das? Wo war denn die Puppenstube?
Auf dem kleinen Tisch stand neben einigen bunt verpackten Geschenken ein Kaufladen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Wieso Kaufladen?

Ich betrachtete ihn und mußte zugeben, daß es ihm an nichts fehlte. Eine große rote Kasse stand auf dem Ladentisch, daneben eine richtige kleine Wage mit winzigen Gewichten. Viele verschiedene Päckchen, Kartoffeln und Obst aus Marzipan lagen in den Fächern und auch kleine Tüten zum Verpacken in verschiedenen Größen fehlten nicht. Alles war perfekt und doch war ich tief enttäuscht. Wo war meine Minifamilie? Wo die herrlichen Zimmer mit den schönen Holzmöbeln? Was wurde hier gespielt?
Ich sah meine Mutter mit Tränen in den Augen an.
„Ja, gefällt er dir denn nicht?“, wollte sie wissen.
„Doch schon“, stammelte ich. „Aber die ...!“

... Ich verstand die Welt nicht mehr. Beim Anblick des Kaufladens kam keine Freude auf. Ich vermißte die Puppenstube, traute mich aber nicht danach zu fragen. Was hätte ich auch sagen sollen? Etwa, daß ich heimlich bereits damit gespielt hatte? Und daß ich wußte, daß es gar kein Christkind gibt?

Am nächsten Tag war meine Laune noch nicht besser. Ich hatte den Kaufladen bisher kein einziges Mal angerührt. Auch der bunte Teller und das tolle Fernsehprogramm verschafften mir keine Ablenkung. So zog ich meine warmen Sachen an und ging nach draußen, in der Hoffnung, der frischgefallene Schnee würde meine Laune bessern. Dort traf ich meine Freundin, die im Hause gegenüber wohnte. Sie saß auf ihrem Schlitten und zog ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Sie erzählte mir, daß sie sehr enttäuscht sei. Sie hätte das falsche Geschenk bekommen.

„Das falsche Geschenk?“, fragte ich sie verwundert.
Sie hätte sich so sehr einen Kaufladen gewünscht, ja, sie hatte sogar schon heimlich damit gespielt, nachdem sie ihn im Keller entdeckt hatte. Bei der Bescherung stand da plötzlich eine Puppenstube, die sie überhaupt nicht haben wollte!

Endlich fiel bei mir der Groschen. Ich fing an zu lachen und konnte mich gar nicht mehr beruhigen. Als ich ihr erzählte, daß ich ihren Kaufladen bekommen hätte, fing ihr Gesicht an zu strahlen. Das hatten sich unsere Mütter ja fein ausgedacht. Weil sie wußten, daß wir neugierig waren und vorher schon immer überall herumschnüffelten, hatten sie die Geschenke in diesem Jahr zuvor einfach getauscht, damit es für uns am Heiligabend eine echte Überraschung werden sollte. Das Geschenk meiner Freundin wurde bei uns auf den Dachboden aufgehoben, und meines im Keller bei der Freundin. Die beiden Mütter wollten auf Nummer Sicher gehen. Ganz schön raffiniert, fand ich.

Wir beschlossen, uns nicht damit zufriedenzugeben und gingen zuerst zu meinen und dann zu ihren Eltern. ... Schlußendlich bekam ich die geliebte Puppenstube und meine Freundin den ihr schon bekannten Kaufladen. Und so gab es für unsere Väter, unsere Familien und ganz besonders für uns beide doch noch fröhliche Weihnachten.

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 1 + 3

Frößeln, Gemeinde Wipperfeld bei Wipperfürth im Bergischen Land, Nordrhein-Westfalen; Weihnachten 1935

Der Kaufladen
von Elisabeth Kirch-Schuster


Solch ein schöner großer Kaufmannsladen war der Traum vieler Kinder. Bescherung bei Familie Exo in Recklinghausen 1927.
Aus: „Zwischen Kaiser und Hitler“. Reihe ZEITGUT, Band 15.

Daß ich Weihnachten mit allem Drumherum jedes Jahr aufs Neue so intensiv erlebe, liegt vielleicht daran, daß ich am Heiligabend geboren bin. Wenn sich auch im Laufe der Zeit so vieles rund um das Fest verändert hat, bleibt doch das Wichtigste, der Sinn der Weihnacht, erhalten: Gott selbst ist aus Liebe zu uns in dieser Nacht Mensch geworden, und die Menschen sollten es ihm gleichtun.

Wann sich das Jahr der Weihnachtszeit zuneigte, erkannten wir damals an ganz anderen Vorzeichen als heute. Waren die Runkelrüben im Keller und die Stoppelrüben abgeerntet, ein Teil des Getreides gedroschen und der Weißkohl im Steintopf zu Sauerkraut eingelegt, war schließlich das Schwein geschlachtet, dann – ja, dann konnte Weihnachten werden.

Strümpfe, Socken, Handschuhe und Schals wurden gestrickt, und am Abend im Dunkeln wurde der Rosenkranz gebetet. Und Mama sagte fast täglich: „Kinder, wenn ihr nicht brav seid, bekommt ihr nichts vom Christkind.“

In einem Jahr, ich war sieben Jahre alt und meine Schwester Martha neun, wünschten wir uns zu Weihnachten zusammen einen Kaufladen. Wir hatten schon immer gern Kaufen und Verkaufen gespielt, mit allen Dingen, die es in unserem Haushalt gab. Bezahlt wurde mit Erbsen und Bohnen in verschiedenen Größen und Farben. Wenn wir fleißig den Rosenkranz beteten, so hieß es, würde sich unser Wunsch vielleicht erfüllen. Das wollten wir gern tun.

Nun schliefen wir zwar gemeinsam in einem breiten Bett, waren aber durch unsere Lebhaftigkeit am Tage abends so müde, daß wir viel zu schnell einschliefen. Unsere große Schwester dagegen blieb noch lange wach und betete viele Male. Da sannen wir auf einen Ausweg: Wir nahmen jeder eine Stecknadel mit ins Bett, und sobald eine von Müdigkeit übermannt wurde, pikste die andere sie mit der Nadel. So hielten wir uns gegenseitig munter und waren ganz stolz, bis Weihnachten mehr Rosenkränze geschafft zu haben als unsere ältere Schwester. Also hofften wir in kindlichem Glauben auf den Kaufladen vom Christkind.


Elisabeth Kirch-Schuster als Siebenjährige
kurz nach der Einschulung 1935.

Weihnachtsmorgen. Bescherung war erst nach der Christmette, die meistens morgens, ganz in der Früh, um 5 Uhr in unserer Pfarrkirche stattfand. Papa und Mama sangen mit uns gemeinsam ein Lied, dann machten wir uns als erstes über unseren bunten Teller her: Blankgeputzte Äpfel, Nüsse, selbstgebackene Plätzchen und ein Weckmann*). Später gab es auch schon mal eine Tafel Schokolade oder eine Apfelsine, die wir beide uns teilen mußten. Dann sahen wir uns unsere Geschenke an. Hausschuhe hatten wir bekommen, und in jedem Paar lag vorn ein Rosenkranz aus bunten Glasperlen drin. Wir Mädchen hatten sogar alle drei ein neues, gleiches Kleid bekommen, darüber freuten wir uns sehr.

Plötzlich entdeckten wir zwischen unseren Tellern eine Kaufladenwaage mit niedlichen Gewichtssteinen. Suchend sahen wir uns um, denn wir glaubten, wo eine Waage ist, müßte auch ein Kaufladen sein. Wir schauten in alle Ecken: unter den Tisch, unter die Bank, hinter den Herd und neben den Schrank. Nichts, und wieder nichts!

Papa war gerade in den Stall gegangen, um die Tiere zu füttern, Mama befand sich im Schlafzimmer, um sich vom Kirchgang umzuziehen. Martha und ich liefen zu ihr hinein und bestürmten sie mit der Frage, wohin das Christkind unseren Kaufladen gestellt hätte. Da sagte sie fast tonlos:
„Es reichte nicht für einen Kaufladen.“

Nun weinten wir beide los, denn wir dachten, sie meinte, all die Rosenkränze hätten nicht gereicht. Zu spät bemerkten wir, daß unsere Mama nur mühsam ein Schluchzen unterdrücken konnte.
In diesem Moment kam Papa hinzu. Mit rauher Stimme sagte er: „Jetzt hilft alles nichts, wir müssen es euch sagen. Das echte Christkind, den Gott, der für uns Mensch geworden ist, das gibt es, und dadurch werden wir alle reich beschenkt, aber das versteht ihr noch nicht richtig. –

Jedenfalls, die Sachen auf dem Weihnachtstisch, die müssen wir kaufen, und dafür müssen Mama und ich hart arbeiten und sparsam leben; und für viele notwendige Anschaffungen reicht das Geld nicht. – Eigentlich wollte ich für Mama ein neues Kleid kaufen, stattdessen hat sie aus dem Stoff für euch Mädchen die neuen Kleider nähen lassen!“

Wir waren tief beschämt. Mit Kartons und allerhand Krimskrams spielten wir weiter Kauffrauen, natürlich nicht ohne die Waage vom Christkind.

Zwar waren wir um eine Illusion ärmer, aber es fiel uns von da an leichter, unsere Wünsche den gegebenen Umständen anzupassen. Und wir bemühten uns, mit selbstgefertigten Handarbeiten auch unsere Eltern zu beschenken.

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 1 + 3

Köln, Nordrhein-Westfalen; Dezember 1946

Das Tretauto
von
Hans Engels

Es war noch zu der Zeit, als man das, was man gerne besitzen wollte, selber machen mußte. Man konnte es nicht kaufen; sei es, daß man kein Geld hatte, sei es, daß es überhaupt nicht käuflich zu erwerben war. Ein solches „Es“ war ein blaues Tretauto.

Mein Vater hatte es gebaut für meinen älteren Bruder. „Gebaut“ ist eigentlich nicht das richtige Wort. Er schuf es vielmehr, so wie Gott die Welt erschaffen hatte – aus dem Nichts.

Denn es war ja nichts da, oder richtiger, fast nichts. Und aus dem wenigen, das da war, entstanden unter den Händen meines Vaters die wunderbarsten Dinge.

Er war dann fern jeder Hektik, die Ruhe selbst, eine geheimnisvolle, aber auch bergende Ruhe, die uns in seinen Bann zog. Sehr zum Leidwesen der Mutter, die diese himmlische Ruhe jedesmal aus der Fassung brachte: Wie konnte ein Mensch nur eine solche Geduld haben!

Während dieses schöpferischen Tuns kam nicht ein unbeherrschtes oder gar böses Wort von seinen Lippen. Ich glaube, daß sein Wesen mich damals anrührte, denn noch heute steht für mich fest: Alle guten Dinge gedeihen in der Stille, sie benötigen Geduld und Güte und nicht der großen Worte. Leider entschwindet diese Weisheit mir allzuoft, und ich laufe Gefahr, mir selber untreu zu werden.

Das Tretauto wuchs also heran, bis es vollständig war, bis es gleichsam geboren war – ein Wunderwerk an Eleganz und technischer Raffinesse. Und man weiß nicht, wer mehr erstrahlte, ja wessen Augen mehr glänzten, die des Erbauers oder die des Fahrers.


Das blaue Tretauto mit meinem Bruder 1942. Er war damals vier Jahre alt und starb im März 1945 im Alter von sieben Jahren.

Doch lange währte das Glück nicht. Vater mußte an die Front. Und als er wiederkam, war mein Bruder gestorben.

Es dauerte lange, bis mein Vater den Schmerz überwunden hatte. Ob er je da hinausfand, weiß ich nicht. Das Schweigen war ihm immer schon sein Zuhause gewesen, und er öffnete nur ganz selten die Tür zu seinem Innern einen Spalt und ließ einen Blick zu. Und wenn es einmal geschah, dann war es weniger ein Wort als vielmehr ein Blick, ein Lächeln oder auch nur ein tiefer Atemzug oder eine Gebärde.

Aber nun stand dieses Wunderwerk von einem Auto im Keller. Doch aller Glanz war von ihm gewichen. Staub bedeckte den glatten Lack, und an den Rädern klebte noch der Schmutz von seiner letzten Fahrt. Einmal trat ich in den Keller und erschrak ein wenig, denn Vater stand an seinem Werk, eine ganze Weile.

Schließlich strich er mit seiner linken Hand über den Lack, ja er streichelte das Gefährt, und die schöne blaue Farbe leuchtete, von der Staubschicht befreit, und zeigte erst jetzt ihre glänzende Schönheit.

Als er mich bemerkte, blieb er unsicher stehen. Schließlich ging er in die Knie und drückte mich, der ich näher gekommen war, an seine Brust. Ein kühler Tropfen fiel auf meine Hand. Wir redeten nicht miteinander, und auch später hätte jedes Wort unser Geheimnis zerstört.

Es ging gerade auf Weihnachten zu, und insgeheim wünschte ich mir, Besitzer des Tretautos zu werden; aber ich wagte ja nichts davon zu sagen. Es wäre wohl ein besonders günstiges Geschenk für mich. Das Christkind brauchte jedenfalls kein Geld auszugeben, das Auto war ja schon da.

Und tatsächlich, eines Abends war das Auto weg. Aber ich brauchte nur dem Duft der frischen Farbe nachzugehen. Blitzeblank stand es in einem Bretterverschlag, die Stoßstangen waren neu gestrichen, mit schwarzer Farbe und die Radfelgen mit gelber. Ich war fest davon überzeugt: Das war mein Weihnachtsgeschenk.

Wenige Tage vor Weihnachten hielt ein LKW vor unserem Haus, damals ein nicht alltägliches Ereignis, aber an diesem Abend ein wunderbares zugleich.
Der LKW brachte Kartoffeln. Sechs Säcke voll Kartoffeln! Sechs Zentner! Eine herrliche Sache. Wir konnten zu Weihnachten Kartoffeln essen!
Die Männer schafften die Kartoffelsäcke in den Keller, einen Sack nach dem anderen. Meinen Vater sah ich nicht in der hereinbrechenden Dunkelheit.
Und dann trugen die Männer das blaue Tretauto aus dem Keller, über den Hof, zur Straße und schoben es in den dunklen Laderaum.
Das Auto verschwand.

Ich habe Vater an diesem Abend nicht mehr gesehen, erst am nächsten Abend, als er von der Arbeit kam. Mutter hatte Kartoffeln gekocht und dann mit Zwiebeln gedämpft. Dies mußte mit Wasser geschehen, denn Fett gab es keines.
Aber an diesem Abend schmeckten die Kartoffeln nicht; und das lag nicht nur daran, daß Mutter sie hatte anbrennen lassen.

Später, ich glaube, es war zwei oder drei Jahre danach, baute Vater wieder ein Tretauto, ein grünes mit roten Kotflügeln. Aber es fuhr nicht so gut wie das blaue, und das war keine Einbildung!

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Aus "Unvergessene Weihnachten" Band 1 + 3

Hamburg-Wilhelmsburg; 7. Mai – Heiligabend 1923

Mein Weihnachtswunsch: Ein Vater
von
Ernst Haß

In Hamburg-Wilhelmsburg, am Obergeorgswerderdeich Nr. 9, bin ich aufgewachsen. Das Haus, das wir bewohnten, war eine Kate mit Strohdach. Man nannte diese Fachwerkhäuser auch Häuslings- oder Kötnerhaus. Wir waren zu Hause zwei Brüder, mein Bruder August, Audi genannt, 1914 und ich, 1913 geboren. Alle Kinder bei uns am Deich hatten einen Vater, nur wir nicht. Ich litt sehr darunter und fragte: „Mutti, warum haben wir keinen Vater?“

Mutter sah mich mit großen Augen an, aber eine Antwort bekam ich nicht. Manchmal weinte sie, wenn ich wieder davon anfing. Als ich gut sechs Jahre alt war, erzählte unsere Mutter endlich, warum wir keinen Vater hatten. Unser Vater war bei der Kriegsmarine. Sein Schiff ging 1917 unter, und dabei ist er ertrunken. „So, Jungens, nun wißt ihr, warum ihr keinen Vater habt“, endete sie. Dabei kamen ihr die Tränen, und sie lief ins Schlafzimmer, um allein zu sein.

Es hat lange gedauert, bis ich dies alles begriff. Ich ging zu Mutter ins Schlafzimmer, umarmte sie und weinte mit ihr um unseren Vater. Dann lief ich aus dem Haus, setzte mich am Deich nieder und weinte weiter. Ich verfluchte diesen Krieg, der uns den Vater genommen hatte.

Am 7. Mai 1923 wurde ich zehn Jahre alt. An diesem Tag sagte ich zu Mutter: „Ich wünsche mir zu Weihnachten einen Vater!“
Mein Bruder wollte lieber eine Eisenbahn haben. Ich konnte ihn aber umstimmen: Er wollte nun zu Weihnachten auch einen Vater haben. Wir umarmten unsere Mutti und versprachen, daß wir ihr keinen Kummer mehr bereiten wollten. Normalerweise stellten wir jeden Augenblick etwas an, und nicht immer ging es gut aus. Unsere Mutter konnte uns kaum mehr in Schach halten, eine feste Hand mußte her.

Als Audi und ich eines Tages von der Schule nach Hause kamen und den Deich hinunterliefen, hörten wir unsere Mutter singen. Das Stubenfenster war offen. Mein Bruder und ich lauschten am Fenster. Wir hatten unsere Mutter noch nie in dieser Art singen gehört. Was hat das zu bedeuten?
Schließlich gingen wir hinein, fielen Mutter um den Hals und schmusten mit ihr. „Mutti, du kannst aber schön singen, das haben wir gar nicht gewußt!“
Unsere Mutter schmunzelte und meinte nur: „Es hat auch seinen guten Grund!“ Aber verraten hat sie uns nichts. Wir brauchten nicht lange zu bitten, dann sang sie uns abends mit ihrer wunderschönen Sopranstimme in den Schlaf. Mein Lieblingslied war „Stolzenfels am Rhein“, weil darin ein gefallener Soldat vorkam. Ich mochte auch das Lied vom Fremdenlegionär, der in maurischer Wüste gefangen war.

Unsere Mutter veränderte sich in dieser Zeit. Sie lief neuerdings immer dem Postboten entgegen. Wenn er mit einem Brief für sie kam, war sie glücklich und hat ihn sofort gelesen. Hinterher sang sie den ganzen Nachmittag wie eine Nachtigall.

Der Monat Dezember rückte näher, es ging auf Weihnachten zu. Mutter fragte uns Jungen: „Was wünscht ihr Euch zum Weihnachtsfest?“
Mein Bruder sagte nun doch wieder, daß er sich eine Eisenbahn wünsche. Als ich an der Reihe war, antwortete ich: „Mutter, was ich mir wünsche, weißt du schon.“
„Ja, Jungens“, sagte Mutter, „dann wollen wir mal sehen!“

Endlich war Heiligabend. Morgens durften wir Jungen den Weihnachtsbaum schmücken. Mit Buntpapier und Kartoffelmehl, aus dem wir Kleister anrührten, hatten wir Ketten angefertigt und in den Tannenbaum hineingehängt. Er sah schön aus! Mutter lobte uns und freute sich. Wir waren stolz auf unser Werk. Dann mußte sie noch einmal schnell weg, um in Niedergeorgswerder etwas einzukaufen.

Lange dauerte es, bis sie völlig außer Atem wieder nach Hause kam. Es wurde schon dunkel. Immer wieder sahen mein Bruder und ich den Deich hinauf – aber der Weihnachtsmann kam und kam nicht, es war nicht mehr auszuhalten!

Mutter meinte, daß der Weihnachtsmann nun bestimmt bald käme. Er hätte soviel zu tun hat, daß er gar nicht all die vielen braven Kinder besuchen könne. Bei uns wollte er aber auf jeden Fall vorbeikommen, wir seien ja artig gewesen, was wir auch hoch und heilig versprochen hatten. Wir hatten am Heiligtag wirklich nichts ausgefressen.

In dem Augenblick, als Mutter plötzlich aufstand und die vier Lichter am Baum anzündete, wummerte es an der Haustür. Mein Bruder bekam nun doch Angst und versteckte sich blitzschnell hinter dem Sofa. Mutter sah mich mit ihren großen Augen an und sagte: „Erni, mein Junge, dann laß mal dein Weihnachten herein!“

Sie hätten sehen sollen, wie schnell ich zur Tür flitzte und sie aufriß!
Draußen stand aber nicht der Knecht Ruprecht, sondern ein großer Mann, der einen Seesack auf dem Rücken trug. Mutter stand hinter mir und forderte mich auf: „Laß ihn man herein!“ und gab dem Mann einen Kuß.

Unglaublich – mein Weihnachtswunsch war in Erfüllung gegangen: Dieser große Mann wurde unser neuer Vater!
Wir waren glücklich, denn nun hatten auch wir endlich wieder einen Papa, so wie alle Kinder bei uns am Deich. War das ein Weihnachten! – das schönste Weihnachtsfest, das ich je zu Hause erleben durfte.

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Klare Anweisungen
Maike Gretencord

Eine Erkenntnis, zu der Ehefrauen im Laufe kürzester Zeit gelangen, soll jetzt auch schon wissenschaftlich untersucht und untermauert worden sein: Der normale Mann braucht eindeutige Handlungsanweisungen für das, was „frau“ von ihm will. Freundlich vorgetragene Bitten, die den Zeitpunkt der gewünschten Erledigung nicht klar umreißen, werden garantiert nie erledigt. Ein Mann vermag nicht zwischen den Zeilen zu lesen!

Seit mir das zur klaren Erkenntnis wurde, bin ich vom „Du könntest mal ...“ zum „Du mußt jetzt ...“ übergegangen, was übrigens das Mahnverfahren geradezu überflüssig macht.

Da ich trotz meiner fortgeschrittenen Jahre noch immer ein kindlich weihnachtsgläubiger Mensch bin und nach den kleinen Überraschungen dieser Zeit giere, habe ich, um vergeblichem Hoffen zu entgehen, zur Selbsthilfe gegriffen. Wenige Tage vor Weihnachten erinnere ich regelmäßig meinen mir Anvertrauten an die weihnachtstypischen Kalendertage, wobei sich die schriftliche Form am besten bewährt hat. Natürlich wegen der Vergeßlichkeit!

Ich legte also meinem mir Anvertrauten einen Zettel folgenden Inhalts in die Butterbrotdose:
In schwierigen Fällen sollte man vielleicht darauf hinweisen, daß diese Herren kleine Gaben mit sich führen in der freundlichen Absicht, diese zu verteilen. Diese Tatsache sollte allerdings auch in der Welt des Mannes hinreichend bekannt sein.

Da Nikolaus und Weihnachten zwar allgemeine und feststehende gabenbringende Festlichkeiten sind, können sie aber doch dem Gedächtnis des normalen Mannes zum fraglichen Zeitpunkt entfallen. Dieses durch meinen diskreten Hinweis in Betracht ziehend, wollte mein mir Anvertrauter seinen Kollegen Gutes tun und offenbarte ihnen in der Mittagspause rechtzeitig vor dem Nikolaustag meinen Erinnerungszettel aus der Butterbrotdose.

Damit hatte er offensichtlich des Pudels Kern getroffen, denn geradezu neidvoll entfuhr es einem wohl leidgeprüften Kollegen: „Hast du es gut! Meine Frau läßt mich immer ins offene Messer laufen!“

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