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Adventsgeschichten
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aus "Unvergessene Weihnachten" Band 1 + 3 (Doppelband)
Der
Kaufladen, Elisabeth Kirch-Schuster (3.901 Zeichen, 2 Fotos)
Das Tretauto, Hans Engels (3.809 Zeichen, Foto)*
Mein Weihnachtswunsch: Ein Vater, Ernst Haß (4.213
Zeichen)
Klare Anweisungen, Maike Gretenkord 1.742 Zeichen*
Retter
in der Not, aus Band 1 (3.938 Zeichen)*
Die Annonce, aus Band 1 (5.374 Zeichen), 1 Abbildung
Später Besuch, aus Band 1 (5.189 Zeichen)
Die Schüssel auf dem Schrank, aus Band 1 (2.656
Zeichen)*
Warten auf das Christkind, aus Band 1 (7.000 Zeichen)
Willis Heimkehr, aus Band 1 (8.761 Zeichen)*
O
Tannenbaum, o Tannenbaum, aus Band 2 (4.024 Zeichen), 1 Abbildung*
Der Traum vom Puppenhaus, aus Band 2 (2.733 Zeichen),
2 Abbildungen
Die Weihnachtsgans im Rucksack, aus Band 2 (5.415
Zeichen)
Alle Jahre wieder - dieser verflixte Weihnachtsbaumkauf,
aus Band 2 (6.345 Z.)*
Die
Puppen im Schrank, aus Band 3 (3.306 Zeichen), 2 Abbildungen
Zuhause, aus Band 3 (5.263 Zeichen)
Das Weihnachtsgeschenk, aus Band 3 (4.061
Zeichen)
Nachricht für den Weihnachtsmann, aus Band 3
(2.215 Zeichen)
Meine Rosa, aus Band 3 (2.805 Zeichen)
Meine erste Friedensweihnacht (2.267 Zeichen)
Unheimlich groß und dünn, aus Band 3 (4.000
Zeichen)*
Det
Christkind is der Palast-Maxe, aus Band 4 (7.031 Zeichen)
Der
Weihnachtshase, aus Band 4 (6.284 Zeichen)
Für kurze Zeit dem Krieg entflohen, aus Band 4
(8.070 Zeichen)
Wie wir Weihnachtsbäume organisierten, Band 4 (3.891
Zeichen) 2 Abb.*
Holz für Weihnachten, Band 4, (3.417 Zeichen), 1
Abbildung *
Mein Weihnachtsvergnügen, Band 4, (4.694 Zeichen)*
Die große Enttäuschung, Band 4, (6.989 Zeichen)
3 Fotos: Weihnachten
1928, Weihnachten 1937, Weihnachten
1944
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aus: "Unvergessene
Weihnachten", Band 1
Retter
in der Not (3938 Zeichen)
von Margot Linke
[Berlin-Reinickendorf;
1943]
Auf Weihnachten
freuten wir sechs Geschwister uns immer ganz besonders. Große Gaben
hatten wir nicht zu erwarten, aber es gab immer einen Weihnachtsbaum,
einen bunten Teller, etwas Praktisches und ein unerwartetes kleines Geschenk.
Meine kleineren Schwestern träumten stets von allerlei schönen
Dingen, die, obwohl wir schon im vierten Kriegsjahr waren, noch in den
Spielwaren-Geschäften ausgestellt wurden. Diesmal hatten sie niedliche
Püppchen gesehen, die ihnen der Weihnachtsmann bringen sollte.
Da das Geld immer sehr knapp war, kaufte meine Mutter oft schon im Herbst
einige Kleinigkeiten für den Weihnachtstisch. Sie fing auch früh
an, Nüsse, Marzipan und andere Süßigkeiten für den
bunten Teller zu sammeln.
Eines Tages stellte Schwester Edith fest, daß die mittlere Schublade
der großen Kommode verschlossen war. Nun ging die Raterei los, jede
wüßte zu gerne, was da wohl schon versteckt sei. Ich war damals
elf Jahre alt und nicht weniger neugierig als die Kleinen. Als meine Eltern
einmal nicht zu Hause waren, überlegten wir, ob man nicht die obere
nicht verschlossene Lade herausziehen könnte, um einen Blick in die
untere zu werfen. Es war schwierig, das klobige Ding überhaupt zu
bewegen. Schließlich gelang es uns, den Kasten auf den Fußboden
zu bugsieren. Und nun konnte man sogar in die andere hineinfassen!
Große Freude bei uns allen, denn darin lagen vier Püppchen,
wie sie sich meine Schwestern wünschten. Jede hatte ein andersfarbiges
Kleid an. Trudchen, Erika, Elfriede und Mohrchen entschieden sich gleich
für eine bestimmte Farbe. Sie wurden gedrückt und geknutscht
und keine wollte das Püppchen wieder hergeben. Aber das ging ja nicht,
die Zeit verstrich, und wir mußten ja die alte Ordnung wiederherstellen.
Das war jedoch leichter gedacht als getan. Der schreckliche Kasten war
so schwer, daß er sich kaum bewegen ließ. Und nun klingelte
es auch noch!
Vor der Tür stand unser Nachbar, der bei uns in der Residenzstraße
das wichtige Amt eines Blockwartes bekleidete. So richtig leise war es
bei uns sehr selten, aber diesmal mußten wir wohl übertrieben
haben, daß es den Ordnungshüter auf den Plan brachte. Er kannte
alles und jeden im Haus, außergewöhnliche Dinge blieben ihm
nicht verborgen. Mit den Worten: "Ist was passiert?", schritt
er schnurstracks ins Zimmer - und übersah die schwierige Situation
sofort.
Ohne auf unsere Erklärungsversuche einzugehen, wuchtete er die Schublade
in die Höhe und schob sie wieder in die Kommode! Wir hätten
ihm jetzt vor lauter Dankbarkeit alles versprochen, mußten ihn aber
doch inständig bitten, unseren Eltern nichts zu verraten. Wir haben
nie erfahren, ob er dichtgehalten hat - rausgekommen ist letzten Endes
doch alles.
Endlich war Weihnachten. Das Wohnzimmer, meistens etwas kühl, war
am Heiligen Abend gut geheizt, der Baum wunderschön geschmückt.
Kugeln und Lametta wurden von Jahr zu Jahr aufgehoben, und aus Resten
hatten wir sogar Kerzen gegossen. Nach der Bescherung saß jedes
Kind auf dem ihm zugewiesenen Platz am Tisch, als sich plötzlich
ein fürchterliches Geschrei erhob. Die Kleinen zankten und schrien:
"Ich will rosa!", "Ich will grün!" und gerieten
sich fast in die Haare.
Unsere Eltern guckten erst etwas verstört, behielten zum Glück
aber die Nerven und schlugen dann vor, sie sollten doch die Puppen tauschen.
Nun kehrte Frieden ein, Weihnachtslieder wurden gesungen, Gedichte aufgesagt
und schon von den Köstlichkeiten des bunten Tellers genascht.
Als ich meine Mutter viel später einmal fragte, wieso sie bei dem
Durcheinander Weihnachten nicht ausgerastet sei, meinte sie, längst
hätte sie gemerkt, daß etwas im Busche war. Die Kinder bemühten
sich ein paar Tage unerwartet freundlich miteinander umzugehen und auch
artig zu sein. Der Clou war dann, daß sie beim Einteilen der Süßigkeiten
für die Bunten Teller gemerkt hatte, daß eine einem Marzipan-Schweinchen
den Kopf abgebissen hatte.
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Aus: "Unvergessene
Weihnachten" Band 1
Die Annonce (5374 Zeichen)
von Georg Günther
[Magdeburg/Elbe;
Sachsen-Anhalt; Advent 1945]
Es war in
der Adventszeit des Jahres 1945. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war
unsere fünfköpfige Familie endlich wieder beisammen. Kurz vor
Kriegsende in unserer Heimatstadt Magdeburg total ausgebombt, bestand
unser Hab und Gut nur noch aus zwei geretteten Koffern mit Kleidungsstücken.
Wir waren sehr beengt in einer kleinen Wohnung vorübergehend untergebracht.
Die eigentliche Mieterin war mit ihrem Kind während der Kriegszeit
evakuiert worden und wohnte auf dem Lande. Natürlich wollte sie wieder
zurückkommen, aber dies ging erst, nachdem wir etwas anderes gefunden
hatten. Das Jahresende mußten wir noch dort verbringen.
Mein Bruder war, wenn auch verwundet, aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt;
auch meine Schwester kam von der Seefahrt zurück. So sahen wir dem
bevorstehenden Weihnachtsfest mit Dankbarkeit und Freude entgegen.
Dieses Fest sollte nun in unserer Familie nach all den Erlebnissen und
Entbehrungen etwas Besonderes werden. Es sollte sich auch äußerlich,
durch kleine Geschenke und Überraschungen, abheben von den anderen
Tagen. Das war jedoch 1945 sehr schwer, es gab fast nichts. Da mußten
die Erwachsenen verzichten. Meine Erwartungen - ich war damals 12 Jahre
alt - sollten jedoch nicht gänzlich enttäuscht werden.
Meine Schwester hatte die Idee, eine Annonce aufzugeben. Wo und wie aber?
Eine Zeitung erschien noch nicht wieder. Anstelle dessen wurden Bretterplanken
und Mauern genutzt, um auf selbstverfaßten Zetteln Such- oder Tauschwünsche
zu veröffentlichen. Und so schrieb meine Schwester einen derartigen
Zettel mit folgendem Text:
"Biete Lebensnotwendiges, suche Spielzeug für 12jährigen
Jungen und Kaffee."
Mit letzterem gedachte sie, auch meiner Mutter eine Freude zu bereiten.
Mit dem Zettel, Nägeln und Hammer bewaffnet machte sich meine Schwester
also auf den Weg zu einer Hausruine an einer Straßenecke, wo sie
die Annonce an eine Holzplanke nagelte. Davor stand immer eine Schar Menschen
und las die Tauschangebote.
Ich erfuhr von dieser Sache natürlich nichts. Wie mir meine Schwester
später erzählte, ist sie täglich zu der Annoncen-Planke
gegangen, immer mit der Hoffnung auf ein Angebot. Dann endlich, ein paar
Tage vor Heiligabend, stand eine Adresse unter der Anzeige. Auf die Nachfrage
nach Spielzeug, meldete sich ein junges Ehepaar. Der Mann besaß
noch einiges aus seiner Kinderzeit, das er gern gegen Lebensmittel eintauschen
wollte. Den Leuten konnte mit etwas Fleisch geholfen werden, und meine
Schwester erhielt dafür das gesuchte Spielzeug für ihren kleinen
Bruder.
Auch für den Kaffee bekam sie ein Angebot. Es meldete sich eine alte
Frau. Meine Schwester ging am Tag vor Heiligabend zu ihr und nahm ebenfalls
etwas Fleisch mit, denn wir hatten durch eine Schlachtung, bei der mein
Bruder half, ein größeres Stück als Lohn bekommen. Die
Vorfreude meiner Schwester war so groß, daß sie den weiten
Weg schnell zu Fuß zurücklegte. Dort angekommen, gab es aber
eine Enttäuschung für sie: Die Frau bot nur Malzkaffee!
Dies meinte sie mit dem Wort Kaffee. Also ein Mißverständnis.
Meine Schwester entschloß sich, das Mitgebrachte dort zu lassen,
den Malzkaffee auch. Als Gegenleistung entdeckte sie bei der alten Frau
ein paar Freudentränen, und das war Dank genug. Es war wie ein Licht,
das in schwerer Zeit angezündet war. Ihr Weihnachtsbraten war gesichert.
Zu dem Bohnenkaffee sind die Frauen am Ende doch noch gekommen. Wie weiß
ich nicht.
Was denkt wohl ein Kind, wenn es keinen Weihnachtsbaum zu Weihnachten
geben soll?
Ich drießelte meinen Vater schon lange vor dem Fest nach einem Weihnachtsbaum.
Zu kaufen gab es keinen, das wußte ich auch. Aber was sollte werden?
Ich konnte mir jetzt, wo wir doch alle wieder zusammen waren, Weihnachten
ohne Baum einfach nicht vorstellen.
Mein Vater wußte Rat: "Dann gehe ich in den Wald - schließlich
war er mal Familienbesitz - und hole selber eine Fichte!"
Sprach's und machte sich am anderen Morgen früh auf den Weg. Der
Wald lag 25 Kilometer von uns entfernt, in östlicher Richtung über
der Elbe. Die Brücken waren gesprengt, nur eine Holzbrücke war
gebaut worden. Eisenbahnzüge verkehrten darüber jedoch nicht.
Also mußte Vater zu Fuß, etwa 2 ½ Stunden bis zum nächsten
Bahnhof auf der anderen Elbseite gehen.
Da fuhr auch kaum ein Zug. Kohlen für die Lokomotiven waren sehr
knapp. Schließlich ging es doch los, kalt und voll waren die Wagen.
Endlich erreichte der Zug den Ort, wo der Wald lag. Bäume gab es
dort genug, so daß die Auswahl nicht schwerfiel, und er einen Weihnachtsbaum
selbst schlagen konnte. Der Rückweg war genauso strapaziös wie
der Hinweg. Am anderen Tag erst traf der Vater wieder zu Hause ein und
berichtete uns von seinen Erlebnissen, aber es hatte sich gelohnt.

Endlich wieder beisammen:
meine Eltern, meine Geschwister und ich Weihnachten 1945 in unserer Heimatstadt
Magdeburg.
Am Heiligen
Abend stand der Baum mit selbstgegossenen Kerzen und selbstgefertigtem
Christbaumschmuck im Wohnzimmer. Darunter lagen für mich drei Kinderbücher
und ein Fußballspiel.
So konnte die sich nach dem Zweiten Weltkrieg wiedergefundene Familie
ein glückliches Weihnachtsfest feiern. Meine Schwester freute sich
über die gelungene Überraschung für den kleinen Bruder
und war überglücklich. In der heutigen Zeit bedarf es dazu weitaus
größerer Geschenke - die Zeit ist eine andere.
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Aus: "Unvergessene
Weihnachten" Band 2
O Tannenbaum,
o Tannenbaum ... (4024 Zeichen)
von Joachim Weimar
[Gera,
Thüringen; 1938]
Dieses schlichte
Volkslied, das zur Weihnachtszeit gespielt und gesungen wird, hat einst
ein Zimmermann aus Goldlauter im Thüringer Wald komponiert. Mich
erinnert besonders dieses Lied an meine Kindheit, die ich bei meinen Großeltern
in Gera verbrachte.
Zum Weihnachtsabend versammelte sich die gesamte Familie in der kleinen,
bescheidenen Wohnung. Zu Weihnachten gehörte natürlich auch
ein mit Kerzen, Naschwerk, Glaskugeln und Lametta festlich geschmückter
Tannenbaum.
Da die "gute Stube" der großelterlichen Wohnung nicht
gerade geräumig war, wurde der stattliche Baum an die Decke gehängt.
Das entlastete zwar die räumliche Enge, brachte aber andere Probleme
mit sich. Ich erlebte es nie, daß der Weihnachtsbaum so hing, wie
er sollte. Immer waren zusätzliche Stabilisierungsmaßnahmen
erforderlich. Einmal wurde sogar ein in Silberpapier eingewickeltes Brikett
als Ausgleichsgewicht eingesetzt. Ein anderes Mal wurde der Baum mit dünnen
Fäden in eine senkrechte Lage gezurrt, so daß er im Prinzip
eher einem Fesselballon ähnelte, zumal mein Onkel Rudel über
diese Fäden Lametta hängte, um die Gleichgewichtsbemühungen
deutlicher sichtbar zu machen.
Jedenfalls war unser Tannenbaum nicht nur Gegenstand festlicher Andacht,
sondern auch Objekt mancher Frotzelei, was mein Großvater bis dahin
immer gelassen hinnahm. Als sich aber auch noch meine Großmutter
an den Sticheleien beteiligte, war das Maß voll. Nun legte Großvater
ziemlich kategorisch fest: "Martha, nächstes Jahr kaufst du
den Weihnachtsbaum!"
Als vor Jahresfrist Großmutter immer wieder den Weihnachtsbaumkauf
anmahnte, bekam sie jedesmal zu hören: "Martha, dieses Jahr
kaufst du das Bäumchen selber."
Es war höchste Zeit. Am letzten Tag des Weihnachtsmarktes machte
Großmutter sich auf den Weg. Ich mußte sie begleiten, wohl
eher als Lastesel denn als Gutachter.
In der Tat: Großmutter hatte einen Weihnachtsbaum von seltener Schönheit
ausgewählt. Er war von geometrischer und ästhetischer Symmetrie
- und auch nicht billig. Weil der Großmutter noch weitere Besorgungen
einfielen, wurde der Baum in der Fahrradaufbewahrung nahe der Einkaufsstraße
abgestellt.
Es dämmerte schon, als wir ihn dort wieder abholen wollten. Leider
war unser Weihnachtsbaum inzwischen von einem Auto überrollt, das
forstwirtschaftliche Prachtstück sozusagen zu Kleinholz gemacht worden.
Wir bekamen zwar den Kaufpreis vom Betreiber der Fahrradaufbewahrung ersetzt,
aber einen Weihnachtsbaum hatten wir nun nicht mehr.
So blieb uns nichts weiter übrig, als noch einmal auf den Markt zu
gehen. Die Weihnachtsbaumhändler waren schon am Zusammenräumen,
das Geschäft für dieses Jahr war gelaufen. Doch wir hatten Glück
und erstanden noch einen Baum, sogar für den Spottpreis von 25 Pfennigen.
Danach sah er auch aus. Der Händler entschuldigte sich fast dafür,
daß er uns so einen Krüppel von Baum andrehen mußte.
Aber was sollten wir machen?
Diesen oder keinen, so stand die Frage.
Zuhause angekommen mußte ich den Baum erst einmal im Waschhaus abstellen.
Großvater erwartete uns mit sichtbarer Spannung und der von Neugier
geladenen Frage:
"Wo habt ihr denn den Weihnachtsbaum?"
"Im Waschhaus", war Großmutters einsilbige und verlegene
Antwort.
Mit den Worten: "Den muß ich sehen", zündete Großvater
die Petroleumlampe an und ging unverzüglich ins Waschhaus. Noch in
der zweiten Etage hörte ich sein schallendes Gelächter, von
Großmutter kommentarlos hingenommen.

Nie wieder habe ich
ein so lustiges Weihnachtsfest, wie das nun anstehende, erlebt. Den ganzen
Abend wurden immer wieder neue und skurrilere Vorschläge zur Richtungskorrektur
des Weihnachtsbaumes unterbreitet und praktiziert. Aber, was wir auch
unternahmen, jedes zusätzliche Gewicht löste zugleich eine Drallbewegung
aus. Diesem Tannenbaum fehlte einfach die festliche Ruhe.
Möglicherweise hat dieses Erlebnis dazu beigetragen, daß ich
später während meines Ingenieurstudiums sehr schnell die Gesetze
einer Drehbewegung um eine freie Rotationsachse verstanden habe.
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Aus: "Unvergessene
Weihnachten" Band 2
Der Traum vom Puppenhaus (2733)
von Astrid Gassen
[Berlin-Zehlendorf;
1940, 1942]
Jedes Weihnachtsfest
war irgendwie das schönste Weihnachtsfest. Damals jedoch - das waren
Kindheit und Jugend. Damals, das ist lange her. Damals hieß: Familie,
Freunde, Zuhause, Heimat und vieles mehr. Damals war der Duft von Weihnachten,
von Tannen und Kerzen, von Plätzchen, Schokolade, Marzipan und Gänsebraten.
Ich schaue auf das Foto und sehe meine Großmutter, bei der ich aufgewachsen
bin. Meine Eltern ließen sich 1939 scheiden, und ich kam einen Tag
nach meinem fünften Geburtstag, am 8. April 1939, zu meiner Omi,
der Mutter meines Vaters. 17 Jahre blieb ich bei ihr, eine herrliche Zeit.
Ich sehe meinen Papi. Dahinter steht mein Kindermädchen Gretel, die
Größere, genannt Deten, daneben das Hausmädchen Klara,
die ich Pattra nannte, und die uns als erste verließ, um in den
Arbeitsdienst zu gehen. Wir hatten Krieg. Und ich sehe mich, meine Puppenstube,
das Puppenbett, die Spielsachen, unser Zuhause in Berlin-Zehlendorf. Das
zweite Kriegsweihnachten 1940. Jenes Weihnachtsfest wird das schönste
Weihnachtsfest bleiben, weil es Erinnerung ist, weil es meine Kindheit
war.

Weihnachten 1940 war
ich fünf Jahre alt. Neben mir kniet mein Vater, dahinter sitzt meine
Oma. Dahinter stehen mein Kindermädchen Gretel und das Hausmädchen
Klara.
Wir waren
schon im dritten Kriegsjahr, als mein Papi mir versprach, zum Weihnachtsfest
1942 ein Puppenhaus für mich zu bauen. Nach der Trennung meiner Eltern
lebte ich bei meiner Großmutter in einem herrlichen alten Haus in
der Zehlendorfer Kleiststraße 15, mein Vater wohnte nebenan in der
Nummer 11 in seinem modernen Haus. Dort befand sich ein für damalige
Verhältnisse bombensicherer Luftschutzkeller, in den wir bei Angriffen
auf Berlin gingen, zusammen mit vielen Nachbarn. Mein Vater fing in diesen
Bombennächten mit dem Bau meines Puppenhauses an. Und nur in diesen,
leider immer häufiger werdenden Bombennächten baute er an meinem
Puppenhaus. Er ging dann in seinen Bastelraum, und mir war natürlich
der Zugang verwehrt.
Weihnachten 1942 stand es dann vor dem großen Weihnachtsbaum im
Haus meiner Großmutter. Meine Freude war riesengroß. Damals
war ich sieben Jahre alt.
Ich konnte nicht ahnen, daß ich nur wenig Freude an diesem Puppenhaus
haben würde. Im August 1943 verließen viele Frauen und Kinder
Berlin, so auch meine Großmutter und ich. Wir haben damals Berlin
für immer verlassen. Mein schönes Puppenhaus wird irgendwo geblieben
sein. Als Erinnerung durch beinahe 60 Jahre blieb ein kleines Foto, dieses
Bild Weihnachten 1942 in Berlin.

Weihnachten 1942 bekam
ich dieses wunderschöne Puppenhaus geschenkt. Mein Vater hatte es
in den Bombennächten für mich gebaut.
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Aus: "Unvergessene
Weihnachten" Band 3
Die Puppen
im Schrank (4024 Zeichen)
von Gisela Schoon
[Konikow
bei Köslin*), Hinterpommern; Dezember 1930]
Meine zwei
Jahre ältere Schwester Annelie und ich gingen noch nicht zur Schule.
Wir wohnten in einem kleinen Dorf in Hinterpommern. Weil unsere Eltern
immer viel Arbeit hatten, waren wir uns häufig selbst überlassen,
was unserer fantasievollen und frohen Kinderzeit nicht schadete, im Gegenteil.
Die Wochen vor Weihnachten waren besonders schön, geheimnisvoll und
voller Vorfreude.
Eines Tages winkte mich Annelie in die gute Stube, die wir sonst nur zu
Festtagen betraten. Der hohe Schrank, in dem unsere Eltern ihre Sonntagskleidung
aufbewahrten, stand offen. "Komm, Gila, guck bloß mal!"
flüsterte sie mit dem Finger auf dem Mund.
Ich sah in den Schrank und entdeckte hinter dunklen Mänteln zwei
wunderschöne Puppengesichter. "Oh! Och!"
Wir standen ganz still vor freudigem Erschrecken und trauten uns nicht,
sie zu berühren, und schon gar nicht, sie hervorzuholen. Wie kamen
die Puppen da hinein? Ob sie wohl für uns waren? War etwa der Weihnachtsmann
schon bei uns gewesen, und Mama hatte die Puppen verstecken sollen?
Etwas schuldbewußt ob unserer Entdeckung schlichen wir zurück
in unsere Spielecke in der Eßstube. Am nächsten Tag zog es
uns wieder zum Schrank. Der Schlüssel steckte, und wir standen wieder
andächtig schauend vor unseren Puppen hinter den Mänteln. "Meine"
Puppe, ich hatte mir die mit dem blonden Bubikopf ausgesucht, lächelte
mich mit ihren strahlend blauen Augen schelmisch an. Ach, war ich glücklich!
Ich taufte sie in Gedanken auf den Namen Susi.
Am dritten Tag standen wir vor einem verschlossenen Schrank ohne Schlüssel.
Eifrig suchten wir nach ihm, jedoch vergeblich. Ob er wohl oben auf dem
Schrank lag?
Das aber konnte Annelie auch mit einem herangezogenen Stuhl nicht nachprüfen,
obwohl sie sich sehr streckte, sie reichte nicht hinauf. Enttäuscht
gaben wir auf. Darüber zu sprechen wagten wir natürlich nicht.

Meine
Schwester Annelie zieht mich auf dem Rodelschlitten. Im Hintergrund ist
Opas Bienenhaus zu sehen.
Endlich war
es Heiligabend. Als wir aus der Kirche kamen, liefen wir unseren Eltern
voraus. Der Schnee knirschte unter den Stiefeln. Aber alle Eile half nichts,
wir mußten warten. Der Weihnachtsmann brauchte in der guten Stube
noch einige Zeit. Endlich, endlich öffnete Mama die Tür!
Der brennende
Lichterbaum, buntgeschmückt, reichte vom Boden bis zur Decke. Und
darunter lagen mit glänzendem Papier verpackte Pakete und Päckchen.
Doch dafür hatte ich keinen Blick. Ich suchte die Puppen unter dem
Baum und sah sie nicht. Tiefes Erschrecken erfaßte mich. Kaum gelang
es mir, mein Gedichtchen aufzusagen. Dann durften wir die Geschenke auspacken.
Ganz versteckt unter buntem Papier fand ich, was ich so sehnsüchtig
gesucht hatte. Ich schloß meine Susi in die Arme, um sie den ganzen
Abend nicht wieder loszulassen.

Die
Weihnachtspuppen bekamen ein Jahr später Sportkarren, in denen wir
sie hier vorführen. Meine Schwester Annelie, links, und ich vor dem
Giebel unseres Elternhauses in Konikow, Hinterpommern.
Unsere Eltern
sahen uns lächelnd zu. Heute denke ich, daß sie aufmerksam
beobachtet haben, ob wir richtig überrascht waren. Die zufällige
Entdeckung der Puppen im Schrank blieb unser Geheimnis.
*) heute
Konikowo bei Koszalin in Polen
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Aus: "Unvergessene
Weihnachten" Band 3
[Goslar
am Harz, Niedersachsen; 20. Dezember 1949]
Zuhause
(5263 Zeichen) (Diese Geschichte wurde leicht gekürzt)
von Waldemar Siesing
Ein vorweihnachtlicher
Tag, dieser 20. Dezember, wie es unzählige in einem Menschenleben
gibt. Der Schnee fällt tanzend und leise aus den Ewigkeiten herab
auf die Erde, ein rauher Wind weht, wie im Monat Dezember üblich,
durch die Straßen. Der vor dem Bahnhofsgebäude stehende Weihnachtsbaum
verströmt Wärme durch seine vielen Kerzen, die leuchtend anzeigen,
daß die Festtage nicht mehr weit sind. Der Bahnhofsvorplatz, ja
die ganze Kaiserstadt Goslar, will strahlend die Menschen begrüßen,
die aus allen Richtungen mit dem Zug nach hier kommen. Auch mich, den
Spätheimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft.
Der Zeiger der Bahnhofsuhr deutet auf die sechste Abendstunde, als ich
den Zug, der mich von Friedland hierher gebracht hat, verlasse. Die ersten
Schritte auf dem Bahnsteig in völliger Freiheit übermannen mich.
Nur ganz langsam gehe ich weiter, wie schwebend, schließlich die
Treppe hinauf zur Bahnhofshalle. Menschen hasten an mir vorbei. Manche
schauen mich mitleidig an, andere registrieren mich gar nicht, und wiederum
andere entbieten mir einen liebenswürdigen Gruß.
Ich nicke scheu zurück.
Die farbenfrohen Auslagen in den kleinen Geschäften im Bahnhof -
die Bundesrepublik steckt noch in den Kinderschuhen - erwecken mein stärkstes
Interesse, aber ich strebe dem Ausgang zu. Nervös suchen meine Augen
die Umgebung ab, suchen meine Eltern, die ich von Friedland aus telegrafisch
benachrichtigt habe, daß ich nach Hause komme. Ich spüre den
Schauer, der über meinen Rücken läuft, höre mein Herz
lauter als sonst schlagen, und ich fühle, wie sich Schweißperlen
mit Freudentränen vermengen. Es kommt mir so vor, als liege ein Schleier
auf meinen Augen. Die Vergangenheit, die Schmerzen beim Gehen - ich habe
viele Geschwüre an Beinen und Armen -, meine körperliche Verfassung
sind vergessen. Die Eltern nach vielen Jahren endlich wiederzusehen bläst
alles Negative hinweg.
(
)
Die an mir
vorbeilaufenden Menschen verunsichern mich immer mehr. Meine Eltern kann
ich unter den vielen Passanten nach wie vor nicht entdecken. In diese
für mich trostlose Situation steuert ein Beinamputierter sein Selbstbewegungsfahrzeug
dicht an die Stufen, die zum Eingang der Bahnhofshalle führen, und
spricht mich mit den Worten an, die ich im Leben nie mehr vergessen werde:
"Kamerad, komm, ich bringe dich nach Hause."
Er bringt mich in die Wislicenusstraße 21, in das Haus, in dem meine
Eltern und der Großvater wohnen. Zwei Kriegsramponierte an einem
kalten Winterabend, einem Vorweihnachtstag, der im Grunde nichts Außergewöhnliches
an sich hat. Für mich ist es der Tag, an dem ich zum zweiten Mal
geboren werde.
Müde und abgekämpft schleppe ich mich die zwei Etagen nach oben
zur Wohnung meiner Eltern. Mein Großvater empfängt mich mit
stummem Entsetzen. Er findet keine Worte der Begrüßung, schaut
mich nur fassungslos an, bis er nach einigem Gestotter herausbringt, daß
meine Eltern am Bahnhof auf mich warten würden.
Schweigend sitzen wir uns dann am Tisch gegenüber. Großvater
hat mich das letzte Mal gesehen, als ich zehn war und meine Sommerferien
bei ihm in Stettin verbracht habe. Jetzt bin ich 27 und habe vier Jahre
als Soldat und fünf Jahre Kriegsgefangenschaft hinter mir. Großvater
ist 80 und für sein Alter quicklebendig. Was muß ihm durch
den Kopf gehen, mich, seinen einzigen verbliebenen Enkel, in diesem Zustand
zu sehen?
Endlich, nach langen, langen Minuten des Schweigens steht er auf und nimmt
mich in seine Arme.
Ich bin Zuhause.
Dann Stimmen im Treppenflur. Bewohner aus den unteren Etagen haben meinen
Eltern schon freudig mitgeteilt, daß ich oben in der Wohnung auf
sie warte. Ich laufe ihnen, so gut ich es vermag, auf der Treppe entgegen
und bleibe auf einer Halbetage vor den Eltern stehen. Alle Schmerzen und
Strapazen, alle Schwachstellen des Körpers und des Herzens vergessend,
halte ich meine vor Glück taumelnde Mutter in den Armen. Vor sechs
Jahren habe ich sie zum letzten Mal in Magdeburg gesehen. Ein Sohn, mein
jüngerer Bruder Wolfgang, war an der Westfront gefallen. Sie befürchtete,
mich ebenfalls verloren zu haben, denn mein erstes Lebenszeichen aus der
Kriegsgefangenschaft, eine Rote-Kreuz-Karte, erhielt sie erst Weihnachten
1946, für meine Mutter eine Ewigkeit des Bangens und Hoffens. Meinen
Vater habe ich 1941 zum letzten Mal gesehen. Als Jugendlicher bin ich
damals fortgegangen, als ausgemergelter junger Mann stehe ich jetzt vor
ihnen.
Wir halten uns fest in den Armen, wollen uns nicht mehr loslassen, wollen
in diesem Augenblick alles nachholen, was der furchtbare Krieg uns verwehrt
hat. In den Freudentränen gehen alle Worte der Begrüßung
unter.
Wie sie beim Abendessen erzählen, seien meine Eltern in der Bahnhofshalle
immer auf und ab gegangen, hätten mich unter den vielen Menschen
aber nicht gesehen. Ein späterer Blick in den Spiegel - während
der Kriegsgefangenschaft habe ich nie einen Spiegel in der Hand gehabt
- läßt vermuten, daß sie mich nicht erkannt haben. Mich
dünnes Skelett, mehr vom Tode als vom Leben gezeichnet, das Gesicht
voller Geschwüre und nur die verweinten Augen sprühen das Leben
einer Jugend wieder, die durch alle Höhen und Tiefen dieser Zeit
gegangen ist, sie sind trotz allem wach und hoffnungsfroh gestimmt.
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Aus:
"Unvergessene Weihnachten" Band 3
[Görmar
bei Mühlhausen, Thüringen; 1943]
Das Weihnachtsgeschenk
(4061 Zeichen)
von Babette Reineke
Wir schrieben
das Kriegsjahr 1943. Dieses Jahr hatte uns den Vater genommen, oder waren
es die Russen gewesen? Jedenfalls deckte ihn seit einigen Wochen russische
Erde zu. Mutter ging es wie so vielen in jener Zeit: Sie stand mit uns
drei unmündigen Kindern allein da. Es war für uns alle eine
traurige Zeit und trotzdem wurde es Weihnachten!
"Wir werden nur einen Tannenzweig schmücken", sagte Mamusch,
"und überhaupt wird der Weihnachtsmann kaum etwas zum Bringen
haben!"
Ich konnte das gut verstehen, denn aus der Schule wußte ich, daß
alle Güter an der Front gebraucht wurden. Mit Phantasie und bescheidenster
Zutaten gab es dennoch genug Heimlichkeiten in der Weihnachtszeit.
Es gab aber auch, besonders in den Nächten, Fliegeralarm. Dann mußten
wir unser warmes Bett mit dem kalten Kohlenkeller tauschen. Unser Kinderzimmer
stand längst schon leer, fühlten wir uns doch im elterlichen
Schlafzimmer, so nah bei Mutter, geborgener. Sie hatte Brüderleins
"Gatterbett" herübergeholt, das Baby schlummerte in seiner
Wiege und ich selbst im Ehebett auf Vaters Seite - bis Heiligabend. Eine
unerklärliche Sehnsucht nach meinem Kinderbett erfaßte mich.
Erinnerung an vergangene Weihnachten, als Pa' solch tolle Einschlafgeschichten
erzählte?
Wie dem auch sei, ich begab mich am Heiligen Abend ins Kinderzimmer und
in mein angestammtes Bett. Mit meinen elf Jahren glaubte ich zwar nicht
mehr an den Weihnachtsmann, dennoch an irgendeine kleine Freude, die der
Weihnachtsmorgen bringen würde. Man muß wissen, daß in
Thüringen erst dann Bescherung ist, und daß schon vor Tag.
Punkt 5 Uhr nämlich rufen die Glocken zur Christmette, somit haben
daheim Knecht Ruprecht oder das Christkind freie Bahn.
Nun lag ich endlich wieder in den eigenen Federn, ganz schön klamm
und kalt waren sie. Das Fußende war an einer Ecke hochgeschoben,
und die Tür stand fast immer offen. Kein Wunder, daß die Kälte
reingekrochen war! - Brrrr! - So langsam kroch sie auch in mir hoch und
ich kroch um so tiefer unter das dicke Federbett.
Horch! War da nicht eben ein verhaltenes Weinen?
Sollte es vom Schwesterchen nebenan gekommen sein?
Unmöglich für mich, es zu hören, steckte ich doch bis über
die Ohren und zusammengerollt wie ein Igel in meinem Nestchen! Nun wurde
mir schon wärmer. Wohlig streckte ich meine Füße aus,
doch wie von einer Tarantel gestochen, zog ich sie sogleich wieder zurück.
Was in aller Welt war das?
Da war etwas Warmes, Weiches gewesen und bewegt hatte es sich auch. Mir
sträubten sich die Nackenhaare!
War dies ein böser Traum?
Doch da war es wieder, dieses leise Wimmern, und es kam just vom Fußende
meines Bettes!
Vor Aufregung zitternd schlug ich die Bettdecke zurück und erblickte,
eng aneinandergeschmiegt, fünf fiepende Katzenbabys. So hilflos und
verlassen waren sie und anscheinend sehr hungrig. Mich dauerte dieser
jammervolle Anblick. Minka! schoß es mir durch den Sinn. Nur sie
konnte die Mutter der Kleinen sein! Wo steckte sie, unsere getigerte Hauskatze,
der Schrecken aller Mäuse?
Just in diesem Moment war ein leises Kratzen an der Tür zu hören
und Minkas klägliches "Miaaau". Hurtig ließ ich sie
ein: "Du weckst ja noch das ganze Haus, Minkemau! Und überhaupt,
was hast du dir dabei gedacht? Für uns alle ist das Bett nicht groß
genug!"
Minka schaute mich nur grünäugig an und sprang sofort zu ihren
Jungen aufs Bett. "Miaumaumau", machte sie und betrachtete wohlgefällig
ihre schmatzend an ihr saugenden Winzlinge. Es war schon ein erhebender
Anblick und nur die Kälte, die höchst unangenehm meine nackten
Beine mit einer Gänsehaut überzog, vermochte mich davon loszureißen.
"Na gut, weil Weihnachten ist!"
Leise schlich ich aus dem Zimmer und überließ Minka samt Nachwuchs
das Feld. Danke, Sammetpfötchen, für ein wundervolles Weihnachtsgeschenk,
wie ich es nie wieder bekommen habe!
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Aus: "Unvergessene
Weihnachten" Band 3
[Leipzig
- Klotzsche bei Dresden, Sachsen; 1928]
Nachricht
für den Weihnachtsmann (2215 Zeichen)
von Rosemarie Bierich
Ich war noch
ein kleines Mädchen, als mich meine Eltern im Sommer mit zu einer
Mehrtagestour von Leipzig nach Klotzsche bei Dresden nahmen. Dort hatten
wir bei einer Freundin meiner Mutter ein gediegenes Obdach.
Eines Tages
gingen wir in der Dresdner Heide spazieren und gelangten an eine Schonung
von Fichtenbäumchen. Eine Schonung?
Für mich war das ein ganzer Trupp wunderschöner Christbäume.
"Aaahh, guckt mal, das sind ja lauter Weihnachtsbäume! Kommt
hier der Weihnachtsmann mal vorbei?"
Als ich erfuhr, daß das ganz bestimmt der Fall sei, und er von dort
die Christbäume für die Kinder abhole, fragte ich, ob ich mir
einen aussuchen dürfe.
"Warum nicht? Tu das doch!" bekam ich zur Antwort.
Kritisch
schaute ich mir die in der Nähe stehenden Bäumchen an. "Den
hier! Aber weiß der Weihnachtsmann auch, daß ich den haben
will?"
"Wir heften einen Zettel mit deinem Namen an. Sicher wird er dir
den Baum dann auch bringen."
Mein Vater, stets mit Stift und Notizpapier versehen, kritzelte irgend
etwas auf einen Zettel und heftete ihn an einen Fichtenzweig. Die Sache
war erstmal erledigt. Im Laufe des Sommers dachte keiner mehr an den Zettel
für den Weihnachtsmann.
Dann war
der Heiligabend gekommen. Ich stand in der Küche und hörte den
Weihnachtsmann fortgehen - zu sehen bekam ich ihn nie, nur zu hören.
Mein Vater war bereits in der Weihnachtsstube.
Da fragte ich meine Mutter: "Steckt denn der Zettel für den
Weihnachtsmann noch an dem Baum?"
"Ich weiß nicht ... doch sicher, er wird schon noch dran sein."
Rasch ging
meine Mutter in die Weihnachtsstube und erzählte meinem Vater, daß
ich nach dem Zettel vom Sommer gefragt hätte. Da schrieb mein Vater
in Eile einen Krakel auf ein etwas wettergeschädigtes Blatt Papier
- war ja egal, ich konnte noch nicht lesen - heftete es an den bereits
leuchtenden Baum und sagte: "So, das Mädel kann kommen!"
Als ich eintrat,
galt mein erster Blick dem leuchtenden Christbaum, der zweite forschte
nach dem Zettel.
"Das ist ja wirklich der richtige Baum!" rief ich erfreut aus.
"Aber ja, der Weihnachtsmann macht doch alles richtig!"
Das war tatsächlich mein Baum, und erst jetzt war es für mich
auch das richtige Weihnachtsfest.
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Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 4

Weihnachten
1928 bei der Familie von Hans-Joachim Friederici (links) in Berlin-Westend.
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Aus: "Unvergessene
Weihnachten" Band 3
[Küllstedt,
Eichsfeld, Thüringen; 1926]
Meine
Rosa (2805 Zeichen)
von Editha Feuser
Weihnachten
wurde in meiner Kindheit im Eßzimmer gefeiert, das wir sonst nur
benutzten, wenn wir Besuch bekamen. Der Eßtisch, der in der Mitte
des Zimmers stand, wurde ausgezogen, so daß das Christkind, an das
ich mit elf Jahren noch glaubte, Platz für die Geschenke hatte. Der
Tisch war festlich gedeckt mit Tellern voller Süßigkeiten,
jedoch weitaus bescheidener, als es heutzutage üblich ist. Jedes
Teil war akkurat nebeneinander platziert, obenauf lagen die bunten Fondantkringel,
die wir Kinder so sehr liebten. Die Geschenke, die das Christkind bescherte,
waren vor allem Kleidungsstücke oder später Dinge für die
Schule, was man eben so brauchte.
Wenn das
Christkind klingelte, mußten wir Kinder erst ellenlange Gedichte
vor dem Weihnachtsbaum stehend vortragen und eine unendlich lange Reihe
Lieder singen. Dabei versuchten wir, heimlich auf den Gabentisch zu schielen;
denn das Christkind brachte für jeden auch ein Spielzeug. Ich wußte,
daß jedes Jahr eine liebe Tante, eine Schwester meiner verstorbenen
Mutter, eines für mich "bestellt" hatte.
An jenem
Weihnachtsfest war meine Freude besonders groß. Bei der Bescherung
glaubte ich zu träumen: An meinem Platz saß eine wunderhübsche,
große Puppe. Bisher hatte nur meine jüngere Schwester Irmgard
Puppen bekommen. Ich durfte zwar auch damit spielen, aber nur zusammen
mit meiner Schwester, hieß es, das war nicht dasselbe. Diese Puppe
hier gehörte mir ganz allein. Überglücklich schloß
ich sie in die Arme. Die Puppe hatte einen wunderschönen Porzellankopf
mit großen Schlafaugen und gutriechenden, echten Haaren, und sie
trug ein rosarotes Organdykleidchen. Und so nannte ich sie "Rosa".
Am liebsten
wollte ich meine Rosa gar nicht mehr loslassen. Abends nahm ich sie mit
in mein Zimmer und setzte sie neben mein Bett auf den Nachttisch.
Doch eines Nachts - oh Schreck! - fiel Rosa hinunter, und der schöne
Porzellankopf wurde beschädigt. Ich war untröstlich. Aus Angst
vor meinen Eltern versteckte ich die Puppe ganz unten in meinem Kleiderschrank.
Vergessen konnte ich Rosa aber mein ganzes Leben nicht, so sehr hatte
ich um sie getrauert. Sie war die einzige Puppe, die ich je geschenkt
bekam.
Als Puppenfan
besitze ich heute mehrere schöne Exemplare. Vor zehn Jahren, als
ich 75 Jahre alt wurde, erlebte ich ein kleines Wunder: Auf einer Puppenbörse
entdeckte ich sie: genau dasselbe hübsche Bubiköpfchen wie damals
meine geliebte Rosa! Nur trug diese Puppe ein weißes Kleidchen mit
schöner Stickerei.
Auf meine Frage, wie alt die Puppe sei, sagte mir der Verkäufer,
sie stamme wahrscheinlich aus dem Jahre 1921. Später erfuhr ich
daß es eine Armand-Marseille-Puppe ist.
Seitdem sitzt diese Puppe auf meiner Couch, und ich liebe sie genauso,
wie ich als Kind meine Rosa geliebt hatte.
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Aus: "Unvergessene
Weihnachten" Band 3
[Venzka,
zu Hirschberg/Saale, Thüringen; 1945]
Meine
erste Friedensweihnacht (2267 Zeichen)
von Elisabeth Schmack
Weihnachten
1945 fand nicht mehr zu Hause in Oberschlesien statt. Mutter und wir drei
Geschwister waren nach langer Odyssee in dem kleinen Dorf Venzka an der
Saale gelandet. Der Ort war mit Flüchtlingen überfüllt.
Wir kamen in der ausgeräumten Kleiderkammer der Feuerwehr unter.
Zwei Betten und ein kleiner eiserner Ofen waren das gesamte Inventar;
mehr hätte da auch nicht reingepaßt.
Dankbar, daß wir endlich ein Dach über'm Kopf hatten, richteten
wir uns ein so gut es eben ging. Aus dem nahen Wald hatten wir Holz gesammelt
und Fichtenzweige mitgebracht. Mutter legte in die verlöschende Glut
hin und wieder einen grünen Zweig auf. Es knisterte so schön
und duftete ganz weihnachtlich.
Eigentlich wollte ich erzählen, was mir am Vormittag beim Kaufmann
passierte. Da waren drei Frauen, die flüsterten, aber so, daß
ich es hören sollte: Polackengesindel, sollen sich hinscheren, wo
sie herkamen. Doch ich hielt mich zurück. Ich mochte unsere karge
Gemütlichkeit nicht stören.
Wir erzählten von "damals", das eigentlich erst einige
Monate zurücklag. Wir fragten uns, wo jetzt wohl unser Vater sein
mochte, der noch zum Volkssturm eingezogen worden war. Seitdem waren wir
ohne Nachricht von ihm. Die Stimmung wurde zusehends trauriger. Die Mutter
faßte sich zuerst und summte ein Weihnachtslied, bald sangen wir
leise mit.
Plötzlich ein Poltern!
Die Haustür, die nicht mehr zu verschließen war, schlug gegen
die Wand. Hastig sprang die Mutter auf und drehte den großen Schlüssel
im rostigen Kastenschloß. Die Türklinke senkte sich und blieb
unten. Dann hörte man Schritte sich entfernen.
Lange saßen wir ängstlich zusammen, bis der kleine Bruder es
nicht mehr aushielt: "Ich muß mal
"
Und das Klo war hinterm Haus. Im Dunkeln gingen wir nur gemeinsam dorthin.
Vorsichtig schloß Mutter die Tür auf. Da krachte etwas und
die Klinke schnappte hoch. Vor der Tür lag ein Bündel. Zum Vorschein
kam Kleidung, getragen aber sauber, und eine kleine Blechschüssel
mit Weihnachtsgebäck. Ein Zettel lag bei, der mit ungelenker Handschrift
"Frohe Weihnacht" wünschte. Wir fühlten eine Wärme,
die kein Ofen geben kann. Und ich war froh, mein Erlebnis vom Vormittag
für mich behalten zu haben.
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Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 2
Magdeburg/Elbe
-Eilsleben und Wanzleben in der Magdeburger Börde, Sachsen-Anhalt;
1947]
Die Weihnachtsgans
im Rucksack (5.415 Zeichen)
von Annemarie Sondermann
Hunger! Ja,
er tut weh! - Wir hatten ihn kennengelernt im Winter 1946/47 als Ost-flüchtlinge
im bombenzerstörten Magdeburg. Wir, das waren wir fünf Geschwister
im Alter von 11 bis 18 Jahren und unsere Mutter. Nein, eigentlich wir
fünf alleine, denn unserer Mutter hatte all das Leid des Krieges
das Gemüt krank gemacht. Auch die Kälte dieses Winters war schrecklich
gewesen: eisige Temperaturen noch bis in den März hinein, dabei kaum
etwas zum Heizen, Stromsperren. Die Kälte hat es leicht, in einen
Hungrigen hineinzukriechen. - Also, solch einen Winter wollten wir nicht
noch einmal erleben.
Wir stoppelten, soweit es unsere Schulzeit erlaubte, im Sommer 1947 alles,
was wir auf den Feldern finden konnten. Das große Los aber zog unser
ältester Bruder: Ernteeinsatz bei Bauer Arendt in Eilsleben in der
Börde. Satt und richtig rund kam er nach Hause zurück, und das
Beste für uns alle: Zu Weihnachten sollte er noch ein besonderes
"Deputat" für die ganze Familie bekommen. Dieses Wort hatte
ich noch nie gehört, aber seitdem nicht vergessen.
Es war zwei Tage vor Weihnachten. Ich war dazu auserkoren worden, das
Deputat in Eilsleben abzuholen. Die rührende Bäuerin packte
meinen Rucksack voll: Kartoffeln, selbstausgepreßtes Rapsöl,
eine Blut- und eine Leberwurst, Streuselkuchen - ich weiß es noch
genau - und als Clou eine Gans, eine Weihnachtsgans für unsere Familie.
"Komm, da hast du noch einen Rotkohl, der gehört doch zu einem
Gänsebraten dazu!"
Ich war selig.
"Vielleicht sollte ich dir zur Sicherheit eine Deputatsbescheinigung
mitgeben."
"Wo-zu das?"
"Sicher ist sicher", meinte sie.
Der Zug zurück nach Magdeburg war voll. Die Menschen standen dichtgedrängt,
auch auf den Trittbrettern, fast alle mit Rucksäcken. Viele hatten
versucht, für Weihnachten noch irgendeine Habseligkeit gegen etwas
Eßbares auf dem Land einzutauschen.
Beim Halt in Wanzleben hörten wir plötzlich laute Rufe:
"Alle aussteigen! R a z z i a !"
Blauuniformierte Volkspolizisten trieben uns als Kolonne in den Wartesaal.
Die Tür wurde hinter uns abgeschlossen, die Fenster waren nicht zu
öffnen.
Unheimliche Stille zunächst. Keiner empörte sich. Die Menschen
waren durch Krieg und Nachkriegszeit Unbilden, auch Schikanen gewohnt.
Rechts hinten wurde eine Tür zu einem Nebenraum geöffnet, die
zwei ersten von uns hineinbeordert, nach einer Weile die nächsten
und so fort. Allmählich sickerte durch: "Sie nehmen uns alles!"
Was dann begann? Kein Aufschrei, keine Empörung: Warum? Was machen
sie mit unseren Sachen?
Es begann - das große Fressen. Würste, Speck, auch einfach
trockenes Brot, alles wurde hineingestopft. Wenigstens sich selbst einmal
sattessen, bevor sie uns alles wegnehmen. Eingeprägt hat sich mir
besonders das Bild, wie zwei Männer aus einer großen Blechdose
Salzheringe, immer einen nach dem anderen, am Schwanz ergriffen und kopfunter
in ihrem Mund verschwinden ließen. Salzheringe, wie sie früher
waren, in richtiger Salzlake!
Und ich? Ich hockte einfach todunglücklich in einer Ecke. Zu essen
von meinen Köstlichkeiten, das bekam ich nicht fertig. Die Deputatsbescheinigung,
ach, ich hoffte noch immer. Natürlich habe ich auch gebetet, ich
war ein gläubiges Kind.
Der Saal leerte sich. Ich meine, ich wäre überhaupt die letzte
gewesen, die in den Nebenraum befohlen wurde, zusammen mit einem Mann,
mit Rucksack natürlich wie ich. An drei Vopos erinnere ich mich,
einen für jeden
"Delinquenten" und eine Polizistin, am Tisch sitzend, die die
abgenommenen Gegenstände registrierte. Andere Uniformierte gingen
hin und her, um die beschlagnahmten Weihnachtsmitbring-sel abzutransportieren.
Ich zeigte meine Bescheinigung und versuchte zu erklären. Aber "mein"
Polizist hörte irgendwie nicht richtig zu. Jetzt merkte ich: Er schaut
zu seinem Kollegen und zu meinem "Mitgefangenen". Dort war ein
Handgemenge entstanden. Der Rucksack des Mannes war ganz mit Zucker gefüllt.
Natürlich sollte er ihn hergeben, aber er wehrte sich, überkreuzte
die Arme, der Vopo konnte die Träger nicht abstreifen. Blitzschnell
eilte mein Kontrolleur zu Hilfe. Zu zweit schafften sie es, den sich Wehrenden
auf den Boden zu werfen, seine Arme auseinanderzudrücken, einer kniete
sich auf seine Handgelenke ...
Das alles ging über meine Gemütskräfte. Die Tränen
flossen, ich weinte bitterlich. - Und da?
Die Polizistin gab mir einen Wink, ich sollte den Raum verlassen - nicht
in Richtung Wartesaal, nein, nach draußen! Den Rucksack hatte ich
noch auf dem Rücken. Ich war die einzige, die bei dieser Massenrazzia
all ihr Schätze behalten konnte.
Der Schluß ist schnell erzählt. Unser Zug war natürlich
längst weg, auch kein anderer fuhr mehr an diesem Tag nach Magdeburg.
Aber vom nächsten Ort, Blumen-berg, fünf Kilometer entfernt,
würde noch einer fahren. So schritt ich mit schwerem Rucksack, aber
leichtem Herzen im Stockdunklen den Bahndamm entlang und erreichte am
späten Abend noch meine Geschwister, die sich bereits Sorgen gemacht
hatten.
Natürlich wurde es ein köstliches Weihnachtsessen: Gänsebraten
mit Rotkohl und richtigen Schälkartoffeln!
Ein wenig getrübt wurde der Genuß nur dadurch, daß unsere
Mutter gequält wurde von dem Gedanken, was die anderen hungernden
Flüchtlinge im Haus wohl von uns denken würden, wenn sie den
Bratenduft riechen. Aber wo gibt es auf der Welt vollkommenes Glück?
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Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 2
Rinteln/Weser,
Kreis Schaumburg, Niedersachsen; kurz vor Heiligabend 1988]
Alle Jahre wieder - dieser verflixte Weihnachtsbaumkauf (6.345
Zeichen) von Romano C. Failutti
So sicher
es jedes Jahr Weihnachten wird, so sicher gibt es zwischen meiner Angetrauten
und mir um diese Zeit "Theater". Die "Aufführung"
findet nicht einmal in unseren vier Wänden statt, sondern sie findet
dort nur ihre Fortsetzung und ihr Ende. Sonst aber bevorzugen wir die
wieder modern gewordene Form der Straßenbühne, und da ziehen
wir beide als Akteure sämtliche Register unseres schauspielerischen
Könnens.
Irgendwann vor dem Heiligen Abend erinnert mich meine Marianne: "Langsam
müssen wir uns mal um einen Weihnachtsbaum kümmern."
Und jedesmal habe ich natürlich auch längst daran gedacht, nur
nicht davon ge-sprochen. Aber es gibt ja sowieso kein Entkommen vor diesem
schönen Brauch! Sie denkt ja daran und sie spricht sowieso aus, was
getan werden muß.
Irgendwann, lampenfiebergeschüttelt, machen wir uns gemeinsam auf
den Weg. Wir wissen, was auf uns zukommt. Wir nehmen uns zwar jedesmal
vor, in der Wahl unserer Ausdrucksmittel sparsam zu sein, auf große
Gestik und starke Worte zu verzichten, denn in der Beschränkung erweist
sich der Meister, aber es kommt doch wieder so, wie es kommen muß
- bei uns.
Vorsichtig und erwartungsvoll taxiert uns der Weihnachtsbaumverkäufer,
als wir uns in seinen Bannkreis begeben. Noch sind wir Interessenten wie
alle anderen. Er ahnt nicht, was auf ihn zukommt. Heimliches Bedauern
für den Mann erfaßt mich. Er muß mitspielen und er weiß
es noch nicht!
In vielen Ehejahren habe ich gelernt, mich zurückzuhalten, meiner
Frau den großen Part zu überlassen, die sich hochgestimmt mit
mir auf den Weg machte, nun diesen und jenen Baum ins Auge faßt
und deren Antlitz jede ihrer Regungen widerspiegelt. Warnzeichen Nummer
eins: Sie schiebt die Unterlippe sehr weit vor! Also: Die Naturgewachsenen
finden vor ihr keine Gnade. Der eine ist ihr zu klein, der andere zu groß,
der hat zwei Spitzen, der ist ja jetzt schon braun statt grün, der
ist zu kahl, der zu voll, der zu ausladend, der ist nicht rundherum gleichmäßig
gewachsen, sondern schlägt nur nach einer Seite aus, also vorne nichts
und hinten zu viel. O-der, wenn man ihn umdreht, hinten nichts und vorne
zuviel!
Mein Argument, wenn man ihn doch sowieso in eine Ecke stellt, dann paßt
er doch mit der Seite, wo die Äste kürzer sind, gut hinein,
wird rigoros als Blödsinn be-zeichnet und zur Seite gewischt. Der
da hinten, der ...
"Der ist doch viel zu teuer!", rufe ich verschreckt beim Blick
auf den Preis.
"Ist ja auch 'ne Edeltanne!"
"Schön soll er schon aussehen, aber nicht für so viel Geld!
Da mache ich nicht mit! Er steht doch nur zwei, drei Wochen", erkläre
ich.
Marianne quält ihre Unterlippe mit den Zähnen. Warnzeichen Nummer
zwei!
"Es ist ja nur einmal im Jahr Weihnachten", zischt sie.
"Aber du mußt doch einsehen, daß das Fantasiepreise sind,
die da verlangt werden. Der da, der ist doch auch sehr schön",
weise ich unbestimmt in die preisgünstigere Richtung.
"Welcher?" - Schnell hebe ich irgendeinen an.
"Diese Krücke!" schallt ihre Stimme über unseren bezaubernden
Marktplatz, dem viele schöne alte Häuser sein romantisches Gepräge
geben - und der Baumverkäufer blickt betreten.
"Nee, der nicht", gebe ich schnell zu und lasse ihn in seine
Reihe zurückgleiten wie eine heiße Kartoffel in den Topf. "Da
hast du wirklich recht."
Es war tatsächlich kein guter Griff.
Der Mann will uns wohl schnell loswerden. Unsere Kritik könnte sein
Geschäft schädigen. Jetzt macht er Vorschläge. Er stapft
vor uns her und stellt uns Bäume hin, die er aus seinem Angebot herausgreift.
"Nein", sagt sie. - "Ach nee", sage ich.
"Der! Aber der ist doch bildschön!" sagt der Mann.
Ihr Hohnlachen gellt über den Platz, verliert sich in den stimmungsvollen
Gassen unseres Weserstädtchens.
"Der sieht ja aus, als hätte er die Räude!"
Der Baumverkäufer zieht den Kopf zwischen die Schultern, zuckt die
Achseln.
"Sei doch nicht so drastisch", bitte ich. "Er kann doch
auch nicht dafür. Natur ist eben mal Natur."
Mir tut der Handelsmann leid, aber in Mariannes Kopf sind nun mal gewisse
Vorstellungen und da steckt auch noch der Spruch ihrer Oma, einer Ur-Berlinerin,
drin: Für mein Jeld, da kann ick den Deibel tanzen lassen!'
Jetzt fische ich ein Gewächs heraus: "Wie wär's mit dem?
Der geht doch! Und langsam müssen wir uns auch mal entscheiden."
Sie guckt und nagt und nagt an ihrer Unterlippe und guckt. Gleich wird
die Unterlippe zu bluten anfangen. Warnzeichen Nummer drei - und was kommt
danach?
Ein Herr umschleicht uns, wirft begehrliche Blicke auf den "Besen",
wie sie verspottet, was ich ihr da vorhalte.
"Was soll der kosten?", fragt der Herr den Verkäufer.
"Zweiundzwanzig Mark", ist die Antwort.
"Nehme ich", sagt der Herr kurz und knapp.
"Den nehmen wir! Den hat mein Mann doch schon in der Hand!"
Besitzergreifend und unmißverständlich legt meine Frau auch
die ihre an den Stamm.
Enttäuscht wendet sich der Herr anderen Objekten zu. Er scheint wirklich
ein Herr zu sein, der sich niemals mit einer Dame um etwas zanken oder
gar mit ihr um einen "Besen" kämpfen würde. "Würde"
fällt mir in diesem Augenblick ganz plötzlich dazu ein.
Sichtlich erleichtert packt der Verkäufer uns den Baum ins Netz,
entfernt wunschgemäß einige Äste vom unteren Stamm, damit
wir ihn zu Hause mühelos in die "Hutsche" praktizieren
können.
In den folgenden Tagen fragen wir uns, wie unser Bäumchen wohl in
unserem Weihnachtszimmer wirken wird. Ganz zufrieden ist Marianne doch
nicht. "Das ist doch wieder nur so ein Festgestrüpp", sagt
sie.
Aber am Heiligen Abend steht der Weihnachtsbaum geschmückt in unserer
Mitte, und er strahlt, verbreitet festliche Stimmung und ist wunderschön.
"Was haben wir doch für einen herrlichen Baum", flüstert
sie ergriffen und ich nicke still: "Ja. Wie jedes Jahr."
Und die Tochter pflichtet bei: "Ich weiß gar nicht, was ihr
immer für einen Hermann mit dem Baum macht. Der ist doch echt geil,
wie immer."
Für diese Wortwahl möchte ich ihr zwar am liebsten ... na ja
... Aber der Lichter-glanz stimmt mich milde.
Als Marianne am ersten Feiertag in der Küche herumklappert und ich
mich unbeobachtet und nicht abgehört fühle, rufe ich Siggi an.
Siggi ist ein Arbeitskollege von mir.
"Frohe Weihnachten", wünsche ich ihm. "Und vielen
Dank, Siggi, daß du den Herrn gespielt hast, der unseren Baum haben
wollte, neulich auf dem Marktplatz. Sonst stünden wir möglicherweise
heute noch dort."
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Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 3
Berlin-Zehlendorf;
5. Dezember 1945]
Unheimlich
groß und dünn - mein Vati! (4.000 Zeichen)
von Renate Dziemba
Es wurde
schon dunkel an diesem Nachmittag des 5. Dezember 1945. Ich war allein
zu Hause. Zu Hause?
Unsere Wohnung war gleich nach Kriegsende von den Amerikanern beschlagnahmt
worden, Mutti und ich mußten sie innerhalb weniger Stunden verlassen.
Wir besaßen fast nichts mehr. In ein winziges Zimmer wurden wir
einquartiert. Hier wohnten wir jetzt schon fast ein halbes Jahr. Im Vergleich
zu anderen Familien hatten wir großes Glück: Unsere Wirtin,
die uns das Zimmer hatte abgeben müssen, war freundlich, sauber und
hilfsbereit. So half sie uns zum Beispiel, zwei Luftschutzbetten, die
sich noch im Keller befanden, übereinander aufzustellen. Wir hätten
sonst auf der Erde schlafen müssen.
In dem viel zu engen Zimmer konnte man kaum treten. Gleich rechts neben
der Tür war der Ofen. Daneben stand ein Klavier, das nur Platz wegnahm
und von niemandem benutzt wurde. Die ganze linke Wandseite nahmen die
Luftschutzbetten ein. Vor dem Fenster war gerade noch Platz für einen
riesigen Schreibtisch und einen Ledersessel.
Ich saß in dem viel zu großen Sessel an dem viel zu großen
Schreibtisch und machte meine Hausaufgaben. Joachim, der zwei Jahre ältere
Sohn der Wirtin, war schon damit fertig und spielte mit anderen Kindern
draußen im Gang vor den Häusern. Sie spielten wohl Verstecken.
Das machte in der Dunkelheit besonders viel Spaß. Ab und an sah
ich einzelne Gestalten den Gang entlanghuschen. Wo Mutti wohl so lange
bleibt? Sie wollte doch nur zum Einkaufen in die Berliner Straße.
Ob sie noch bis zum Teltower Damm gegangen ist? Oder hat sie vielleicht
Bekannte getroffen?
In diesem Augenblick klingelte es. Ich hatte ein bißchen Angst.
Wer konnte das sein? Mutti nimmt doch immer ihre Schlüssel mit. Da
hörte ich Joachims Stimme: "Renate, mach mal auf, dein Vati
ist da!"
Das wollte ich nun gar nicht glauben. Ich wußte von Mutti, daß
er in einem Kriegsgefangenenlager war.
Ganz leise schlich ich zur Wohnungstür. Vorsichtig hob ich die Briefklappe
hoch. Ich sah nur Beine. Da bückte sich Joachim auf der anderen Seite
der Tür, so daß ich sein Gesicht sehen konnte, und wiederholte
noch einmal: "Mach doch endlich auf, dein Vati ist da!"
Wenn doch bloß Mutti da wäre! Zögernd öffnete ich
die Tür. Vor mir stand ein Soldat mit einem Holzkoffer in der Hand
und einem Rucksack auf dem Rücken. Was ich sah, konnte ich nicht
begreifen ... Zwar erkannte ich meinen Vati noch, und er sag-te auch meinen
Namen, aber er wirkte recht fremd auf mich. Er war so unheimlich groß
und so unheimlich dünn. Und dann fiel mir ein, daß wir in dem
kleinen Zimmer, das für Mutti und mich schon zu eng war, überhaupt
keinen Platz für ihn hatten.
"Mutti ist nicht da ...," waren meine ersten Worte.
Aber plötzlich begriff ich, daß da mein Vati vor mir stand,
mein Vati, auf den ich so lange gewartet hatte. Ich umarmte ihn stürmisch
und zog ihn in das kleine Zimmer. "Schau mal, Vati, ich kann schon
schreiben und rechnen!"
Mit diesen Worten zeigte ich ihm meine Schulhefte, die noch immer auf
dem Schreibtisch lagen. Er nahm mich hoch und drückte mich fest an
sich.
In diesem Moment riß Mutti die Tür auf. Sie war völlig
außer Atem und lachte und weinte und weinte und lachte. Im Milchladen
hatte man ihr erzählt, daß in der Drogerie am S-Bahnhof ein
Soldat nach einer Familie mit unserem Namen gefragt hatte. Dort lagen
auch Listen mit den neuen Adressen der ausquartierten Familien aus. So
hatte Vati uns gefunden. Was für ein Glück! Er war erst am 3.
Dezember aus dem amerikanischen Kriegsgefangenenlager Heilbronn entlassen
worden. Mutti war den ganzen Weg vom Milchladen zurück nach Hause
gerannt. Sie war so glücklich. Jetzt waren wir wieder eine richtige
Familie!
Noch am Abend räumten wir mit Hilfe der Wirtin das Klavier aus dem
Zimmer, stattdessen kam eine Chaiselongue an den Platz. Darauf schlief
von nun an Mutti und mein Vati kletterte zum Schlafen auf das obere Luftschutzbett.
Den 5. Dezember haben meine Eltern von da an immer als Gedenktag gefeiert
und sich gegenseitig mit kleinen Geschenken überrascht.
[nach
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Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 1
Oberholz
bei Much, Rhein-Sieg-Kreis im Bergischen Land;
Dezember 1945]
Später
Besuch (5.190 Zeichen)
von Eckhard Müller
Es war Anfang
Dezember 1945. Der Zweite Weltkrieg hatte sein Ende gefunden. Seit einem
halben Jahr schwiegen die Waffen. Wir erwarteten das erste friedliche
Weihnachtsfest seit sechs Jahren.
Das Leben hatte sich zunehmend normalisiert. Obwohl die Menschen in unserer
ländlichen Gegend nicht in so hohem Maße unter dem Bombenterror
zu leiden brauchten wie die Menschen in den Städten, war auch hier
der Kriegsschrecken nicht spurlos vorübergegangen. Nun hieß
es, zusammenrücken, denn der Strom von Flüchtlingen und Obdachlosen
aus den Ostgebieten und aus den Großstädten hielt an. Wer noch
ein Zimmer oder eine Kammer in seinem Hause zur Verfügung stellen
konnte, nahm eine Flüchtlingsfamilie bei sich auf. Es gab eine für
heutige Verhältnisse unvorstellbare Solidarität. Das wenige,
das man selber noch besaß, wurde geteilt mit denen, die alles verloren
hatten.
Unser kleines Fachwerkhaus, das ich mit meinen Eltern und mit meiner Großmutter
bewohnte, teilten wir seit den letzten Kriegstagen mit einem älteren
Ehepaar. Es waren entfernte Verwandte, und sie hatten in einer Bombennacht
ihre ganze Habe verloren. Nun waren sie froh, bei uns wenigstens wieder
ein Dach über dem Kopf gefunden zu haben.
Die Militärregierung der Siegermächte hatte die zivile Verwaltung
in ihre Hand genommen und somit Gesetz und Ordnung wiederhergestellt.
Trotzdem waren die Zeiten noch sehr unruhig. Immer wieder machten umherstreunende
Banden von sich reden. Es entstanden die wildesten Gerüchte. Man
hörte von Greueltaten - auch aus einigen Dörfern in unserer
Gemeinde. Denn der Schutz des Gesetzes war noch nicht überall gewährleistet.
Diese umherziehenden Gruppen setzten sich zum großen Teil aus ehemaligen
Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern aus Osteuropa zusammen. Nach Wiedererlangung
ihrer Freiheit waren viele von ihnen nicht mehr gewillt oder in der Lage,
in ihre Heimat zurückzukehren. Was man ihnen nicht freiwillig gab,
nahmen sie sich mit Gewalt. Dabei kam es auch verschiedentlich zu Übergriffen
und Racheakten gegenüber ihren früheren Unterdrückern.
Nach Einbruch der Dunkelheit war es rat-sam, Fenster und Türen gut
zu verschließen. Wer draußen noch irgendeine Arbeit zu verrichten
hatte, trug Sorge, sich nicht allzuweit von den schützenden Häusern
zu entfernen.
Es war an einem solchen Abend in der Vorweihnachtszeit, ich glaube, es
war am Abend des zweiten Advent. Meine Eltern waren eben mit der Stallarbeit
fertiggeworden und wir schickten uns an, das Abendbrot zu essen, als plötzlich
an unsere Haustür geklopft wurde. Mein Vater begab sich nach draußen,
um nachzuschauen. Neugierig gesellte ich mich zu ihm. Ich war damals neun
Jahre alt.
Da stand in der Dunkelheit ein gutes halbes Dutzend Männer. In gebrochenem
Deutsch baten sie um ein Quartier für die Nacht.
Zögernd ließ mein Vater sie eintreten. Nachdem sie in unserer
Wohnstube Platz genommen hatten, konnten wir sie im Scheine der Lampe
näher betrachten. Sehr vertrauenerweckend sahen sie nicht aus. Das
Leben auf der Landstraße hatte sie gezeichnet.
Während meine Mutter das Abendbrot zubereitete, versuchte mein Vater
etwas über das Schicksal der Männer zu erfahren. Nach der einfachen,
mit wenigen Mitteln zubereiteten, aber kräftigen Mahlzeit wurde beratschlagt,
wie und wo man die Männer für die Nacht unterbringen könnte.
Im Hause selber war es, nicht zuletzt durch unsere Verwandten als neue
Mitbewohner, ziemlich eng geworden. Also blieb nur noch die Scheune. Im
Scheunenanbau befand sich der Holzschuppen, dort lagerte auch das Heu
als Wintervorrat für unsere beiden Kühe. Hier im Heu richteten
nun meine Eltern mit allerlei Decken und alten Mänteln ein warmes
und bequemes Nachtlager her. Unsere alte Petroleumlam-pe sorgte für
die nötige Helligkeit.
Kurz vor Schlafenszeit entschloß sich mein Vater zu einem "Kontrollgang",
wie er sich ausdrückte. Es ließ ihm nämlich keine Ruhe,
ob sich unsere Gäste auch an die Abmachung gehalten hatten, wegen
der großen Brandgefahr auf das Rauchen zu verzichten. Meine Mutter
bat mich mitzugehen. Im Beisein eines Kindes - so meinte sie - wäre
mein Vater sicherer vor eventuellen Übergriffen.
Als wir den Holzschuppen betraten, bot sich uns im Schein der Laterne
ein Bild, das ich bis heute nicht vergessen habe: Da hatte sich ein Teil
der Männer unserer Sägen bemächtigt und sie schnitten nun
die schweren Stämme, die hier als Brennholz lagerten, in Ofenlänge
durch. Die anderen spalteten die klobigen Klötze mit dem Beil zu
handlichen Scheiten und stapelten sie auf. Das alles bereitete ihnen ein
sichtliches Vergnügen, umso mehr, als sie nun unsere ungläubigen
und erstaunten Blicke sahen. Sie erklärten, das sei nur ein kleiner
Dank für die freundliche Aufnahme.
Am anderen Morgen sind sie dann nach einem guten Frühstück -
nicht ohne ein großes Butterbrotpaket, das jeder von ihnen zum Abschied
in die Hand gedrückt bekam - weitergezogen, einer ungewissen Zukunft
entgegen.
Viele Jahre
sind seitdem ins Land gegangen, doch immer wieder muß ich an jenen
Dezemberabend denken, an dem die Angst, die Voreingenommenheit und das
Mißtrauen besiegt wurden durch ein wenig Menschenfreundlichkeit.
[nach
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Aus
"Unvergessene Weihnachten" Band 1
Flüchtlingslager
"Finnenhäuser" zwischen Hüpede und Bennigsen bei Hannover;
1949
Die Schüssel
auf dem Schrank (2.656 Zeichen)
von Klaus Seiler
Pfefferkuchen-Backzeit.
Der Pfefferkuchen mußte ja rechtzeitig gebacken werden, damit die
harten Plätzchen zu Weihnachten weich waren und ihr volles wunderbares
Aroma entfalteten. Diese unvergleichlichen Pfefferkuchen meiner Mutter!
Warum bloß hat sie das Rezept nie herausgerückt?
Sie hat es einfach mitgenommen. Manchmal denke ich, es gab gar kein geschriebe-nes
Rezept, sie hatte es in den Händen - und es stimmte immer!
Der braune Teig war Knetarbeit: eine Mischung aus Mehl, Kunsthonig, erhitztem
Sirup und anderen Zutaten und vor allem aus "Haima-Neunerlei",
der geheimnisvol-len Gewürzmischung aus dem silbrigen Tütchen.
Es lag ein betörender Duft im Raum, wenn meine Mutter den Teig zubereitete.
Der Teig wurde lange gewalkt, geknetet und zur Kugel geformt, bis schließlich
für ihn eine Zeit des Ausruhens kam. In eine Blechschüssel gelegt,
mit einem karierten Tuch bedeckt, in sicherem Abstand auf den Schrank
gestellt. Da konnte er in Ruhe gehen.
Normalerweise jedenfalls. Nicht jedoch in dem einen Jahr. Es war wieder
ein Junge zum Spielen gekommen. Meine Schwester weiß noch seinen
Namen: Armin. Abgelenktes, halbherziges Spielen der Kinder in dieser Pfefferkuchen-Luft.
Die Gewürze in der Nase, die Blicke immer wieder auf den Tisch gerichtet,
auf dem das Mehl zum Ausrollen des Teigs schon ausgestreut war, die leicht
verbogenen, genieteten Pfef-ferkuchenformen zum Greifen nah.
Nach der Ruhezeit für den Teig konnte endlich das Ausstechen beginnen.
Tannen-bäumchen, Engel, Herzen, Pilze, Karos ... Mein Vater verstand
es außerdem, mit dem Messer breitbeinige Weihnachtsmänner auszuschneiden
und ihren Mantel mit Wallnußknöpfen und das Gesicht mit Haselnußaugen
zu verzieren. Sie überstanden jedoch nur in seltenen Fällen
die Backhitze, kamen meistens ziemlich arm- und beinverletzt aus dem Ofen.
Es paßte in die Zeit.
Meine Mutter langt nach der abgelaufenen Zeit auf den Schrank, zieht das
Tuch weg - die Schüssel ist leer!
Armin ist inzwischen verschwunden. Irgendwie unbemerkt. Er muß den
Teig regel-recht in sich hineingestopft und verschlungen haben!
Wir haben sein Tun nicht bemerkt. Er muß dazu doch immer wieder
aufgestanden, ja auf einen Stuhl gestiegen sein, so klein wie er war.
Wir haben es nicht gesehen oder wollten es einfach nicht sehen. Er muß
so ausgehungert gewesen sein. Irgend etwas muß uns blind gemacht
haben ...
Wie es wohl der Kugel in seinem Bauch ergangen ist?
Sie war doch noch dabei zu gehen ...
Wir jedenfalls brauchten schnell einen neuen Backtag und dringend ein
neues Tütchen "Haima-Neunerlei" ...
[nach
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Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 1
Mühlhausen,
Thüringen, damals DDR; Ende der 50er Jahre
Warten
auf das Christkind (7.000 Zeichen)
von Elisabeth Schmack
Es war Ende
der fünfziger Jahre. Ich hatte das Schwesternexamen bestanden und
glaubte voll jugendlicher Arroganz, nun alles zu wissen, was man in der
täglichen Arbeit auf Station benötigte. Doch Theorie und Praxis
...
Irgendwie konnte ich beides nicht in Einklang bringen. Ich wurde immer
unsicherer. Zweifel kamen mir, ob es der richtige Beruf für mich
sei. Dabei war es einmal mein größter Wunsch gewesen, Schwester
zu werden. Was mir am meisten zu schaffen machte, war Verantwortung zu
tragen, wenn ich den Spät- oder Nachtdienst allein durchstehen sollte.
Ich scheute mich, darüber zu sprechen. Niemand schien zu be-merken,
wie mich die Unsicherheit quälte.
Inzwischen waren einige Wochen nach meiner Fachschulzeit vergangen. Ich
arbei-tete auf der Privatstation des Chefarztes unseres Kreiskrankenhauses.
Er war streng zu dem Personal, was meine Unsicherheit vielleicht noch
nährte. Ich hatte mich wahrlich nicht darum gerissen, hier zu arbeiten,
sondern wurde von der Kran-kenhausleitung als Absolventin zu dieser Station
dirigiert.
Es wurde Weihnachten. Am Heiligabend mußte ich um 20 Uhr den Nachtdienst
auf der kleinen, überschaubaren Station antreten. In den Korridoren
des Krankenhau-ses begegneten mir die letzten Besucher, die in Richtung
Ausgang eilten. Sie zogen den Nadelduft der Stationstannen und das Weihraucharoma
der heruntergebrann-ten Kerzen wie unsichtbare Schleier hinter sich her.
Doch mir war nicht weihnacht-lich. Der Dienstplan war noch in letzter
Minute umgeschrieben worden. "Da Sie keine Familie haben, macht Ihnen
das doch nichts aus?"
Das klang mehr nach einer Feststellung als nach Frage.
Na ja, dachte ich, wenigstens wird es eine ruhige Nacht werden, wenn ich
meiner Vorgängerin vom Tagdienst Glauben schenken konnte. Die Schwangere,
die seit dem Nachmittag in dem kleinen Kreißsaal der Station lag,
hatte sie mit einer Hand-bewegung abgetan: "Wieder mal viel zu früh
da. Typisch Erstgebärende, bißchen Ziepen und gleich in die
Klinik kommen. Sie wissen ja, wie das ist."
Nichts wußte ich, Geburtshilfe wurde auf der Fachschule nur gestreift.
Das wäre Sache der Hebamme. Im Kreißsaal und Operationssaal
durften wir Schülerinnen nur in Türnähe stehen, um nichts
unsteril zu machen. Mir wurde heiß und kalt. Wenn das nun in meiner
Schicht losgeht?
Ich konnte nicht zu Ende denken. Der gestrenge Chef schaute im Festanzug
nochmal nach der Patientin, die angefangen hatte zu stricken, er sagte
Artigkeiten wie, es würde heute nichts werden mit einem Christkind
und sie habe noch Zeit. Das beruhigte die junge Frau und normalisierte
meinen Puls. Beim Hinausgehen wünschte er frohe Weihnacht und sagte:
"Ich bin jederzeit erreichbar." An der Tür blitzten mich
seine Brillengläser noch einmal intensiv an: "Jederzeit, Schwester!"
Die werdende Mutter nahm ihre Strickarbeit wieder auf, ein Babyjäckchen,
hellgrün, da sie nicht wußte, was das Schicksal für sie
bereithielt.
Ultraschallaufnahmen gab es damals noch nicht, zumindest nicht in unserem
Krankenhaus. Ich machte meine erste Runde durch die gemischte Station.
Der kleine Kreißsaal wurde selten be-nutzt. In den paar Wochen,
in denen ich hier arbeitete, wäre es zum ersten Mal, daß ...
Ein Stöhnen riß mich aus meinen Gedanken. Lieber Gott, bitte,
bitte, nicht in meiner Schicht!
Die Patientin wälzte sich auf der schmalen Liege. Das Strickzeug
lag am Boden. "Schwester, Schwester, da tut sich was!"
Der Chef traf kurz nach dem Anruf ein. Er wohnte nur zwei Autominuten
entfernt und die Straßen waren kaum befahren. Es waren keine Wehen,
wie ich leicht vor-wurfsvoll zu hören bekam, sondern ganz gewöhnliche
Blähungen. Die Frau hatte zu Hause noch ein Mittagsmahl eingenommen,
Karpfen und Sauerkraut gehörten zum traditionellen Heiligabendessen
ihrer Familie. Ich mußte für Magentee sorgen und kam mir dabei
recht klein und dämlich vor.
Der Tee tat anscheinend gut, denn bald klapperten die Stricknadeln wieder.
Ich versah meine Arbeit weiter. Es war das Übliche, was für
den Nachtdienst anfällt. Hinzu kam das Wiederherrichten der großen
Tanne auf dem Flur: Neue Kerzen auf-stecken, Lametta und trockene Nadeln
zusammenfegen und festliche Ordnung schaffen. Zwischendurch mein leises
Stoßgebet, daß die Geburt nicht in meiner Schicht passieren
möge.
Nach Mitternacht hatte ich mich vom ersten "Wehenanfall" erholt.
Zu dieser Zeit ist es auf einer Station ohne Frischoperierte oder Schwerkranke
ruhig, nicht aber in unserem kleinen Kreißsaal. Von dort rief es:
"Schwester, es geht los!"
Vorsichtshalber wollte ich mich vor einem erneuten Telefonat erst einmal
selbst ü-berzeugen, daß ich nicht wieder einer Täuschung
zum Opfer fiel. Doch da kam ich bei meiner Patientin schlecht an. Diesmal
sei es ganz sicher, und sie würde nur den Doktor akzeptieren. Sie
machte mir deutlich, daß sie schließlich Privatpatientin sei.
Zu beruhigen war sie nicht. Und ich war zu ängstlich und konnte nicht
einschätzen, ob die Anwesenheit des Arztes wirklich notwendig war.
Ich hatte vorher versucht, Rat beim diensthabenden Arzt des Hauses zu
holen. Er meinte: "Chefpatientin? Nur bei Lebensgefahr."
Das allerdings war ja wohl wirklich nicht der Fall. Also Anruf! Der Chefarzt
war wie-der sofort da, den Kittel über dem Schlafanzug. Er stellte
leichte Ischialgie fest. "Da hilft etwas Einreibung, etwas Bewegung.
Die Liege ist hart. Sie machten mir gestern abend aber doch einen recht
erfahrenen Eindruck, Schwester." Seine Stimme klang ärgerlich.
Ein Lob war das nicht.
Nach all diesen für mich unrühmlichen Aufregungen braute ich
mir in der Stationsküche einen starken Kaffee.
"Den könnte ich jetzt auch brauchen", klang es kleinlaut
hinter mir. Die Hoch-schwangere hatte es auf der Liege nicht mehr ausgehalten.
Rücken und Bauch massierend stand sie im Nachthemd in der Küche.
Warum sollte ich ihr das ab-schlagen?
Weihnachten war für uns beide verkorkst. Beide mußten wir warten.
Sie auf das Kind und ich auf das Schichtende. Wir tranken den Kaffee im
Kreißsaal. Es war wohl eine unbewußte Vorausschau meinerseits.
Der Kaffee tat gut und machte mich wieder munter, aber anscheinend auch
das Kind. Nachdem ich mich noch etwas mit der werdenden Mutter unterhalten
hatte, trug ich das Geschirr in die Küche. Da hörte ich sie
rufen. Diesmal klang es noch dringlicher als vorher. Das Telefon!
Nein, zweimal blamieren reicht. Es blieb auch kaum Zeit zum Überlegen.
Es ging Schlag auf Schlag. Blasensprung, kaum Wehen. Schon guckte das
Köpfchen heraus, dann das ganze Christkind. Ich hatte gerade noch
Zeit, die sterilen Handschuhe über meine zitternden Hände zu
streifen. Jetzt alles tun, was notwendig ist, ging es mir durch den Kopf,
und keine Unsicherheit hinderte mich dabei. Es war, als hätte mir
jemand die Hände geführt.
An den Chef dachte ich erst später, ich hätte ihn längst
anrufen müssen. Da wird es sicher Ärger geben. Aber das war
mir jetzt egal, denn ich hörte die glückliche Mutter mit dem
Kind im Arm sagen: "Das war mein schönstes Weihnachten!"
[nach
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Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 1
Walsrode
in der Lüneburger Heide, Landkreis Soltau-Fallingbostel, Niedersachsen;
Weihnachten 1950
Willis
Heimkehr (8.761 Zeichen)
von Ernst Haß
Einer der
Transporte, die nach dem Krieg bis weit in die fünfziger Jahre hinein
Rußlandheimkehrer über das Lager Friedland nach Deutschland
zurückbrachten, erreichte im Dezember 1950 Walsrode. Ich war zu diesem
Zeitpunkt in der dortigen Landeskrankenanstalt (LKA) beschäftigt.
Von meinem Arbeitsplatz in der Telefonzentrale aus konnte ich am ersten
Weihnachtstag unsere ehemaligen Ostfrontsoldaten beim Aussteigen beobachten,
überwiegend Männer von 40 bis 45 Jahren, aber auch einige jüngere.
Etliche waren so stark abgemagert, sie hätten wohl zweimal in die
Wattejacken hineingepaßt, die sie zur Entlassung erhalten hatten.
Sie schienen sehr müde und auch psychisch am Ende zu sein. Die Augen
dieser Männer waren leer.
Nun standen sie da und wußten nicht recht, wie es weitergehen sollte.
Daß sie hier keiner anschrie und über sie bestimmte, daß
sie keine Plennys - Gefangene - mehr, sondern frei waren, hatte wohl noch
keiner richtig begriffen. Vielleicht warteten sie auf ein Kommando?
Statt dessen erschienen unsere Krankenschwestern und brachten alle Heimkehrer
in die große Turnhalle, die man als Notunterkunft vorsorglich gut
geheizt und mit Matratzen und Wolldecken ausgelegt hatte. Hier erhielten
die Heimkehrer zu essen und zu trinken. Unsere Ärzte untersuchten
sie anschließend.
Jahrelang hatten diese Männer in Rußland kein Weihnachten mehr
erlebt. Viele weinten. Fragen nach den Familienangehörigen tauchten
auf. Ich hatte in der Telefonzentrale plötzlich reichlich zu tun.
Alle wollten mit ihren Verwandten telefonie-ren. Die Mädchen in der
Telefonzentrale der Post in Walsrode waren einmalig, sie brachten die
tollsten Verbindungen zustande. Ich wurde Zeuge dieser Gespräche,
ob ich wollte oder nicht. So erlebte ich viel Freude, viel Kummer und
Leid mit.
Ein noch jung aussehender Heimkehrer stellte sich vor: Willi Mußmann
sei sein Name. Ob er telefonieren dürfe?
"Natürlich", sagte ich. Nach kurzer Zeit hatte ich die
Verbindung hergestellt. Auf der anderen Seite meldete sich eine Männerstimme:
"Tischlerei Mußmann, guten Tag."
Ich stellte mich als Mitarbeiter der LKA Walsrode vor und fragte vorsichtig:
"Sind Sie der Vater von Willi Mußmann?"
"Ja, der bin ich, aber was soll das? Mein einziger Sohn ist seit
1944 verschollen."
Ich antwortete freudig: "Das stimmt nicht, Herr Mußmann. Ihr
Sohn steht hier neben mir und will mir den Hörer aus der Hand reißen.
Ich übergebe das Gespräch!"
Nach einer Weile reichte mir der Mann den Hörer ganz verstört
zurück: "Mein Vater sagte, daß sein Sohn Willi nicht mehr
lebt und meint, daß ich ein Betrüger sei. Aber ich lebe doch
noch! Was soll ich nur machen?"
Er weinte und mir kamen auch schon die Tränen. Es war schlimm. Schließlich
konnte ich ihn beruhigen und ließ ihn erzählen. Er sprach von
seiner Kindheit in Winsen, von seiner Schwester Änni, die eines Tages
vom Apfelbaum herunterfiel. Er bekam Schläge, weil er als älterer
Bruder hätte aufpassen müssen. Wir unterhielten uns etwa eine
halbe Stunde. Danach schien mir sicher, daß dieser Willi Mußmann
echt und kein Betrüger sei. Wie konnte ich ihm nur helfen?
Zunächst schickte ich ihn in die Turnhalle zurück: "Du
bekommst von mir Bescheid, beruhige dich erst einmal!"
Ich überlegte eine Weile und entschloß mich, nochmals bei Mußmanns
anzurufen. Jetzt meldete sich auf der anderen Seite eine Frauenstimme:
"Hier Tischlerei Mußmann!"
Sicher hatte mein Anruf für Aufregung gesorgt und so versuchte ich,
die Wogen wieder zu glätten. Sie sagte: "Ja, das hat wirklich
eine ziemliche Aufregung ins Haus gebracht. Vater war sehr aufgebracht,
hat geschimpft und mehrfach ,Betrüger!' gerufen. Was ist denn überhaupt
los?"
Ich fragte sie, ob sie die Schwester von Willi Mußmann sei, was
sie bestätigte. Nun erklärte ich wie schon beim ersten Telefonat
den Grund meines Anrufs. Aber auch sie zweifelte noch daran, daß
es sich hier wirklich um ihren verlorengeglaubten Bruder handelte. Wir
überlegten gemeinsam, wie sich die Familie Gewißheit verschaffen
könne und vereinbarten, daß sie mit ihren Eltern nach Walsrode
kommen sollte. Den Bruder informierte ich nicht über diese Absprache,
es sollte eine Überraschung sein. Falls es sich um einen Betrüger
handelte, würde man ihn anzeigen.
Zu Hause sprach ich mit meiner Frau darüber. Wir waren gespannt,
wie diese Geschichte ausgehen würde.
Am nächsten
Morgen, es war der zweite Weihnachtstag, stellte sich gegen zehn Uhr die
Familie Mußmann bei mir in der Telefonzentrale ein. Gemeinsam mit
Eltern und Tochter ging ich hinüber zur großen Turnhalle, wo
die 60 Heimkehrer untergebracht waren. Beim Hineingehen gab ich den traurigen
Zustand der Heimkehrer zu beden-ken. Wir waren noch keine zwei Minuten
in der Halle, als der junge Mußmann auf-sprang. Er lief auf uns
zu und rief dabei "Änni, Änni!"
Bruder und Schwester fielen sich in die Arme. "Mein Willi, mein Willi
..." brachte Änni hervor. Sie umarmten und küßten
sich, beide weinten vor Freude. Ihren Eltern sagte Änni: "Mama
und Papa, das ist unser Willi!"
Ich beobachtete die beiden. Sie standen da wie versteinert und sahen regungslos
zu. Wollten sie nicht wahrhaben, daß dieser Mann ihr Sohn war? Auf
meine Fragen antworteten die Eltern: "Das ist nicht unser Sohn. Unser
Willi hat anders ausgese-hen. Er war viel kleiner und von schmächtiger
Gestalt, dieser Riese ist ein Schwindler!"
Wie ich inzwischen wußte, war Mußmanns Sohn mit 16 Jahren
freiwillig zum Volks-sturm gegangen. Damals war er 1,62 m groß und
wog keine 50 Kilo. Willi geriet in russische Gefangenschaft. Die schwere
Arbeit in einem sibirischen Bergwerk hatte ihn körperlich verändert.
Der damals noch nicht ausgewachsene Junge hatte jetzt breite Schultern
und eine stattliche Größe von 1,83 m.
Als Willi nun auf seine Mutter zuging, um sie in den Arm zu nehmen, wehrte
diese ab und sagte: "Sie sind nicht mein Sohn. Sie sind ein Betrüger!"
Beide Eltern schüttelten den Kopf. Diese Dramatik - es war fürchterlich!
Es ging auch mir unter die Haut! Ich glaubte, die Zeit stünde still.
Als der Vater nun auch noch meinte: "Nein, das ist nicht unser Junge!"
war das Maß für mich voll. Ich mischte mich wieder ein und
sagte: "Kommen Sie bitte mit, damit wir andernorts darüber verhandeln
können."
Willi Mußmann stand mit seiner Schwester im Arm ganz verstört
da. Änni beharrte: "Ohne Willi gehe ich hier nicht weg, komme
was will!" Sie klammerte sich an ihren Bruder.
Nun redete die Mutter auf Änni ein: "Komm, mein Kind. Er ist
nicht dein Bruder!"
"Doch Mama, er ist es. Gerade hat er mir erzählt, wie ich damals
vom Apfelbaum gefallen bin und wie Papa ihn verhauen hat. Er weiß
auch, wo wir im Garten immer am liebsten gespielt haben!"
Es lag eine ungeheure Spannung in der Luft, und viele Heimkehrer standen
schon um uns herum. Ich konnte die Eltern einfach nicht verstehen. Man
muß doch sein eigenes Kind wiedererkennen, dachte ich.
Endlich stellte die Mutter Fragen an ihn, die nur ihr einziger Sohn beantworten
konnte. Plötzlich wurde sie schneeweiß im Gesicht und fiel
in Ohnmacht. Willi konnte seine Mutter gerade noch auffangen. Er küßte
sie und sie kam wieder zu sich. "Er ist es, er ist es! Er ist mein
Willi!" rief sie glücklich und legte ihre Arme um seinen Hals.
Der Vater stand immer noch ungläubig dabei und stellte seinerseits
Willi nun Fragen. Wo er in der Werkstatt am liebsten gespielt, an welchen
Holzstützen er immer Nägel mit dem kleinen Hammer hineingeschlagen
habe?
Als Willi dies alles richtig beantworten konnte, wischte der Vater sich
mit der Hand über die Augen und gab zu: "Mudder, das ist doch
unser Junge! Herrgott ich danke dir, daß du uns unseren Sohn zurückgegeben
hast!"
Er nahm seinen Sohn in den Arm, Willi hielt seine Mutter dabei fest umklammert.
Änni weinte und lachte gleichzeitig vor Glück.
Während ich dies schreibe, erlebe ich alles noch einmal - die innere
Anspannung, die heftigen Gefühle. Ich sehe die Mußmanns noch
vor mir, wie sie alle vier glücklich die Halle verlassen. Sie ließen
sich die Entlassungspapiere geben und nahmen den jungen Mann gleich mit
nach Hause.
Am anderen
Tag meldete sich Willi Mußmann noch einmal telefonisch bei mir.
Ob er etwas vergessen habe, fragte ich. "Ja, ich habe gestern vor
lauter Glück vergessen, mich von Ihnen zu verabschieden, auch Dankeschön
zu sagen! Ich bin so glücklich, wieder zu Hause zu sein. Vielen Dank
für Ihre Hilfe! Alles Gute für Sie und Ihre Familie. Und einen
guten Rutsch ins neue Jahr!"
Ich freute mich mit ihm. Damals war ich 37 Jahre alt und Willi Mußmann
nach fünfjähriger Gefangenschaft 21. Heute müßte
er also 72 oder 73 Jahre alt sein! Vielleicht führen seine Kinder
die Tischlerei weiter, und es meldet sich immer noch jemand mit "Tischlerei
Mußmann, guten Tag"?
Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 4

Heiligabend
1944 bei den Großeltern von Felicitas Schulz (die Kleine im karierten
Kleid). Glücklich über die Geschenke sitzen die Enkelkinder
vor dem Tannenbaum und lauschen aufmerksam der Erzählung des Großvaters.
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Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 4
[Berlin;
1954]
Det
Christkind is der Palast-Maxe
Hans Döpping
Es war in
Berlin, wo ich für einige Monate im Außendienst meiner Firma
tätig war. Ich hatte ein Zimmer in der Pension von Elisabeth Kopmann,
einer resoluten und sehr patenten Frau. Ihr Lieblingsausdruck war: Ach,
Jotte ooch!, und das drückte ihr großes Erbarmen für
alle Welt aus.
Neben mir
wohnte Frau Bräutigam, eine junge Lehrerin, die noch auf der Suche
nach einer geeigneten Wohnung war. Mit beiden Frauen wechselte ich oft
heitere Worte.
In der Zeit
vor Weihnachten klopfte Frau Bräutigam an meine Tür. Sie wollte
mir etwas zeigen, und so gab sie mir wortlos und lächelnd ein aufgeschlagenes
Schulheft und tippte mit dem Finger auf einige Zeilen. Sie waren sauber
geschrieben, und so las ich: Det Christkind is schon älter,
hat een Bauch, eene Jlatze, eene joldne Brille un heeßt Palast-Maxe!
Frau Bräutigam
hatte die Kinder ihrer 3. Klasse aufschreiben lassen, wie sie sich das
Christkind vorstellen. Dafür durften sie schreiben, wie der Schnabel
gewachsen war. So las ich die Zeilen mehrmals, und mein Mund wurde dabei
immer breiter. Ich rezitierte gar den Text und lachte Frau Bräutigam
an. Dann klappte ich das Heft zu und las den Namen des Besitzers Willi
Stange, Klasse 3 auf dem Umschlag.
In dem Moment
klopfte Frau Kopmann, brachte meine Post und fragte, ob sie mitlachen
könnte. So kam es, daß wir bei einer Tasse Kaffee saßen
und Frau Bräutigam die Christkindgeschichte erzählte, die sie
durch Willis Mutter Liesbeth Stange erfahren hatte:
Palast-Maxe
war der ehrenwerte Maurermeister Maximilian Jahne. Er hatte ein arbeitsreiches
Leben hinter sich und es zu einigem Wohlstand gebracht. Jedenfalls gehörte
ihm ein vierstöckiges Mietshaus. Un det is mein Juwehl,
pflegte er zu sagen.
So kümmerte
er sich auch um dieses gute Stück und hielt Ordnung in allem. An
jedem Ersten im Monat klingelte er bei seinen Mietern, kassierte die fälligen
Abgaben und quittierte das jedem im Mietbuch. Auch kontrollierte er, ob
die Treppe gebohnert und der Flur naß gewischt worden war.
Un Fahrräder jehörn inn Keller! hatte er angeordnet,
un nich inn Flur, wa! Und weil Jahne auch seinen Stolz
über sein Haus zeigte und die Ordnung darin pries, brachte ihm das
den Beinamen Palast-Maxe ein.
Liesbeth
Stange aber war mit der Miete seit einigen Monaten in Verzug geraten.
Sie wohnte mit ihren drei Kindern Horsti, Hildchen und Willichen schon
einige Jahre im vierten Stock von Maximilian Jahnes Haus und hatte stets
pünktlich bezahlt, was Herrn Jahne zustand. Jetzt aber konnte Liesbeth
nicht mehr zahlen, denn das Geld fehlte, weil Berti Stange, Liesbeths
Mann und der Vater der drei Kinder, im Kittchen saß. Da konnte er
keene Piepen mehr nach Hause bringen. Der Blödmann
hatte sich doch in sein Suffkopp zum Mausen verleiten lassen
und war dabei erwischt worden. Denn war er det heulende Elend. Awer
da war t zu spät.
Liesbeth
bemühte sich nach Kräften, mit den Kindern über die Runden
zu kommen, aber das, was sie als Aushilfe beim Pferdemetzger gleich um
die Ecke und durch Putzarbeiten verdiente, reichte nicht. So ein
schönes und weites Sozialnetz, wie wir es heute haben, gab es noch
nicht. Und Berti hatte noch länger zu brummen. Nun war Liesbeth
schon vier Monate mit der Miete im Rückstand. Der Erste des Monats
stand wie ein drohender Riese vor ihr, und das so kurz vor Weihnachten.
Jahne würde bald an ihre Tür klopfen, ach du liewer Jott ...
Und dann
stand Jahne wirklich in der Tür: ein breiter Kerl mit straffem Bauche,
der seine Melone nur in den Nacken schob. Er begrüßte Liesbeth
und nickte den Kindern zu. Liesbeth wischte mit der Schürze über
einen Stuhl.
Jahne nahm den Hut ab und legte ihn auf den Stuhl. Ne, lassen Se
man, bei Ihn n kick ick ma jerne um, ham allens propper. Nu ja,
Se wissen ja, weswejen ick jekommn bin.
Natürlich wußte Liesbeth das und sie entgegnete, daß
ihr deswegen schon seit drei Tagen schlecht sei.
Nun nahm
Jahne doch Platz. Die Kinder standen schüchtern im Zimmer, auf einen
Wink der Mutter sollten sie sich verdrücken. Aber Jahne meinte, die
sollten auch wissen, was los sei, und er bat Liesbeth, das Mietbuch zu
holen. Die junge Frau ging zum Küchenschrank und kramte hinter den
Tellern. Jahne wandte sich an die Kinder und versuchte zu ergründen,
wer von den Zwillingen Horst und wer Willichen sei. Mit zitternder Hand
reichte Liesbeth Jahne das Mietbuch.
Dieser blätterte
darin und nickte. Is ja allet in de Reihe bis dahin, wo Papa uff
Reisen jejangn is. Awer denne is Leere int Weltall! Wat machn
ma nu? Da schtehn ma nu alle Finfe un ham von Tuten un Blasen keen
Dunst. Un Schterndaler pinkelt det ooch keene.
Jahne stand
auf und ging einige Schritte auf und ab. Nu setzen Se sich ooch
ma hin, Frau Stange, des beruhicht!
Dann zückte er kurzentschlossen seinen Füller, setzte sich an
den Tisch und quittierte im Mietbuch die rückständige Miete:
Aujust erhalten, September erhalten, Oktower
erhalten, November erhalten, Dezember ooch erhalten. Na
ja, kommt ja bald der Januar da quittier ick ma eene Vorauszahlung.
So, muß noch trocknen, det Märchenbuch.
Jahne blies auf die Tinte und reichte Liesbeth das Mietbuch zurück.
Die starrte auf die Quittungen und war fassungslos: Herr Jahne,
aber Herr Jahne, awer det kann doch nich allens ...
Oh, doch, Jahne putzte seine Brille und hauchte sie an. Er
wolle Stanges als Mieter behalten, denn da wußte er, was er hatte.
Eene bessere Mieterin als wie Sie kann sich een Hauswirt jar nich
denken. Ick seh det wohl, wie Se Ihre Treppe bohnern. Da jlänzt mir
ja de Seele mit, un wenn Se den Flur jemachd ham, denn sin sojar de Bazilln
uff Völkerwanderung jejangn. Det seh ick allens. Und wenn ick
de Aborte nachgucke uff de halbe Treppe, denn riech icke förmlich,
det Se hier Hand anjeleecht ham. Da kann sojar een Kaiser druffjehn oder
ne Subrette. Der Herr Berti hat ooch ohne Federlesen zujepackt,
wo t nötisch war. Er lobte auch die Kinder, die immer
höflich Guten Tag sagten.
Also, det is det Eene. Nu ha ick noch wat for euch.
Jetzt erfuhr
Liesbeth, daß Nuschke aus dem Parterre, der so eine Art Hausknecht
oder wie die Franzen sagen Konzieersche gewesen war, ausziehe.
Da könnten sie einziehen und Frau Stange könne das Regiment
übernehmen. Die Miete sei nicht höher als oben und es gäbe
noch einen gehörigen Abschlag für die Arbeit. Bis der
Papa von de Montaasche kommt, mogeln mer uns schon durch. Auch in
seiner Wohnung müsse zweimal in der Woche reinegemacht werden. Sie
solle sich das überlegen. Dann wünschte er eine gute Vorweihnachtszeit
und verschwand.
Liesbeth
Stange saß und starrte vor sich auf den Tisch. Dann verfiel sie
in Lachen und Weinen zugleich. Sie drückte die Kinder nacheinander
und wischte die Tränen mit ihren Händen in die Schürze.
Und dabei soll sie geflüstert haben: Det war det Christkind,
det Christkind war det.
Wie immer nun das der kleene Willi verstanden hatte, er schrieb
es auf: Det Christkind is schon älter, hat een Bauch, eene
Jlatze, eene joldne Brille un heeßt Palast-Maxe.
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Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 4

Die Familie
von Margarete Pinsker (auf dem Schoß des Vaters).
1937 bekam sie einen Puppenwagen geschenkt.
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Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 4
[bei
Reichenau, Niederschlesien, heute Polen; Anfang der 40er Jahre]
Der Weihnachtshase
Hilde Flex
Es war an
einem Heiligabend, als Großmutter nörgelte: Heute wirds
wieder mal überhaupt nicht Tag. Alles grau in grau. Sie war
ärgerlich. Zweimal schon hatte sie Großvater zum Frühstück
gerufen.
Ja, ja, ist gut! sagte er und ließ sie warten. Es blieb
unklar, ob er seine Frau beschwichtigen wollte oder den Hund, den er eben
gefüttert hatte. Er strich dem Hund noch einmal über das Fell
und band ihm das Halsband um. Die Stubentür klinkte der Hund alleine
auf, das konnte er gut. Er war rein närrisch vor Freude, daß
es nach draußen ging. Großmutter hörte, wie ihr Mann
die Haustür aufschloß. Der Hund schoß in den Garten,
drehte sich ein paarmal um sich selbst, lief zum Haus zurück in der
Erwartung, Großvater würde ihm folgen. Der winkte ab. Das verstand
der Hund. Er verschwand im Nebel.
Da Großmutter
einmal beim Nörgeln war, konnte sie nicht aufhören: Mußt
du den Hund dauernd stromern lassen!
Großvater rückte sich umständlich auf der Ofenbank zurecht,
wartete, bis Großmutter Kaffee eingegossen hatte und sagte: Der
geht nicht weit.
Großmutter
bezweifelte das. Als sie vor Jahren beschlossen hatten, einen Hund zu
kaufen, hatte Großmutter zur Bedingung gemacht: einen kleinen. Sie
hatte dabei so in etwa an einen Zwergrehpinscher gedacht. Dann schleppte
Großvater den drei Monate alten Schäferhundwelpen an. Sie hatte
sich dagegen verwahrt. Einem kleinen Hund habe sie zugestimmt. Großvater
belehrte sie: Das ist noch ein ganz kleiner. Du wirst dich wundern,
wenn der ins Wachsen kommt.
Das tat sie denn auch.
Eines
Tages fängt er noch an zu wildern, äußerte Großmutter
ihre Bedenken.
Großvater schnitt bedächtig mit dem Taschenmesser die Flechtsemmel
in Stücke, die Kruste splitterte. Mein Hund Mali wildert nicht!
Großmutter
hielt es für angebracht, das Thema zu wechseln. Ihr kam gelegen,
daß vor dem Gartentor ein Motorrad hielt. Der Nachbar bringt
die Schlüssel. Großmutter war aufgestanden. Über
den Gartenzaun hinweg nahm sie dem Nachbarn die Schlüssel ab. Du
hast dich also doch entschlossen, zu den Kindern zu fahren. Das machst
du recht.
Wenns
Wetter gerade noch so ist, meinte der Nachbar, es kann jeden
Tag schneien. Morgen vormittag bin ich zurück. Ich habe am Kaninchenstall
die äußere Tür einen Spalt offengelassen, sei so gut und
schließ abends ab.
Mach ich. Großmutter sah ihm nach, bis er hinter der
Waldecke verschwunden war.
Während
sie in der Küche schaffte, versuchte Großvater im Keller, die
krumme Fichte hinzubiegen, damit sie ihm als Weihnachtsbaum keine Schande
mache.
So ein Krüppel, murmelte er, wäre ich nur
bei Tage in den Busch gegangen oder hätte besser hingesehen.
Großmutter
stand wie erstarrt am Fenster: Der Hund ...
Da sah auch Großvater das Unheil. Im Vorgarten tobte der Hund mit
einem Fellbündel umher, er beutelte es, schlug es sich um die Ohren,
verbiß sich darin. Jesses!
Großvater hatte erkannt, daß das verdreckte Bündel, mit
dem der Hund sich vergnügte, ein Kaninchen war.
Von wegen, der wildert nicht, schlußfolgerte Großmutter.
Großvater sperrte den Hund in den Schuppen. Das tote Kaninchen wollte
er auf den Küchentisch legen.
Um Himmelswillen! entsetzte sich Großmutter. Es
kann doch tollwütig sein! Sie packte alle greifbaren Zeitungen
darunter.
Nee, behauptete Großvater, tollwütig ist
das nicht. Es ist der Zuchtrammler vom Nachbarn.
Er hatte
die Tätowierung im Ohr erkannt. Da war guter Rat teuer. Stumm saßen
sie zu beiden Seiten des Tisches, zwischen ihnen ebenso stumm
lag der Weihnachtshase. Da hatte ihnen der Nachbar Hab und Gut anvertraut
und ausgerechnet durch sie kam er um seinen besten Blauen Wiener. Wie
sollten sie ihm das nur beibringen?
Sie konnten
sich ja mit dem Hund herausreden, aber das machte den Kaninchenmord nur
noch komplizierter. Inzwischen hatten sie sich überzeugt, daß
am Kaninchenstall außer der äußeren Tür auch die
Tür zur Box offenstand. Die Box war leer. Wie denn auch nicht!
Was mußtest du dem Hund beibringen, Türen zu öffnen,
warf Großmutter ihrem Mann vor.
Hab ich nicht, da ist er von ganz allein drauf gekommen,
verteidigte sich Großvater.
Mit meinem Rehpinscher wäre uns das jedenfalls nicht passiert!
Diese kleine Genugtuung gönnte sich Großmutter.
Dann hatte
sie eine Idee. Sie gingen ans Werk. Sie wuschen und putzten und striegelten
das verschmutzte Kaninchen, das unter der derben Behandlung des Hundes
arg gelitten hatte. Es war eine üble Tätigkeit, die Großmutter
zweimal unterbrechen mußte.
Es begann zu dunkeln, als sie den Stallhasen zurücktrugen und ihn
vorsichtig in seine Box setzten. An die hintere Wand gelehnt, den Kopf
manierlich auf den Vorderpfoten, schien es, als blicke er dem Betrachter
entgegen.
Am Abend
hielt Großmutter dem Hund einen längeren Vortrag. Da sie dabei
aber mit seiner Heilig-Abend-Leberwurst fuchtelte, wedelte er freudig
mit dem Schwanz. Seine Welt war in Ordnung.
Über Nacht hatte es geschneit. Gegen Mittag sah Großmutter
den Nachbarn kommen, hörte, wie er vor der Haustür den Schnee
von den Füßen trat. Karl! rief sie und dieser kam
auch sofort. Er ließ sich in der Küche auf einen Stuhl fallen.
Ich
brauch einen Schnaps! stöhnte er. Nach dem dritten war
er endlich in der Lage, über das zu sprechen, was ihn hergetrieben
hatte. Ihr werdet es nicht glauben, das kann auch kein Mensch verstehen!
Gestern ist mir mein Zuchtrammler eingegangen, und ich habe ihn, ehe ich
weggefahren bin, schnell noch vergraben. Unter den Johannisbeerbüschen.
Und heute morgen ja, bin ich denn noch normal?! heute morgen
sitzt er wieder im Stall!
Jetzt brauchten
auch Großvater und Großmutter einen Schnaps. Ihnen wurde schlagartig
klar, daß der Hund das tote Kaninchen ausgebuddelt hatte und daß
sie beide den schon begraben gewesenen Blauen Wiener geputzt und gestriegelt
hatten. Großmutter mußte sich zurückziehen. Ihr wurde
übel.
Als der Nachbar
zwischen Korn und Bier Luft holen konnte, fuhr er fort: Aber das
ist ja noch nicht das Schlimmste! Der Kerl hat auch noch abgeschlossen
hinter sich! Die Box war zu.
Na ja, meinte Großvater bedächtig, wir sind
in den Zwölfnächten, da geschieht schon manchmal Wunderliches,
aber ... Er kam an diesem Weihnachtsfeiertag nicht mehr dazu, weitere
Erklärungen zu geben. Die Flasche mit dem Korn war leer und der Nachbar
voll.
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Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 4
[südlich
von Leningrad, Rußland Obornik, Kreis Posen);
Dezember 1942]
Für
kurze Zeit dem Krieg entflohen
Waldemar Siesing
...Ab Ostern
1942 war ich Panzergrenadier in einer Panzerdivision am Mittelabschnitt
der Ostfront, bei der ich bis zum Ende des Krieges diente. Bis Dezember
1942 wurde ich dreimal leicht verwundet. Ein sogenannter Heimatschuß
war nicht dabei. Ich blieb jedesmal bis zur Genesung beim Kompanietroß.
Doch an jenem
11. Dezember 1942 war alles anders. Ich gehörte zu einem Spähtrupp,
der bei anbrechender Dunkelheit einen speziellen Auftrag zu erfüllen
hatte: ein zwischen den Hauptkampflinien liegendes flaches, langgestrecktes
Gebäude, das vor dem Krieg wahrscheinlich eine Kolchose gewesen war,
für einen vorgeschobenen Posten der Artillerie zu erkunden. Es herrschte
eisige Kälte. Wir waren bereits auf dem Rückmarsch, als wir
entdeckt wurden und ich einen Schußbruch des rechten Unterarmes
erlitt. Im Kompaniegefechtsstand wurde ich von den Sanitätern notdürftig
verbunden und von dort mit zwei anderen Leichtverletzten auf einem großen
Schlitten, der von Panjepferden gezogen wurde, zum Verbandsplatz in Marsch
gesetzt. Wir hatten wenigstens fünf Kilometer zurückzulegen,
und es herrschte ein kräftiger Schneesturm. Zum Glück besaßen
wir genügend Decken zum Wärmen. Während der Fahrt wurde
kaum ein Wort gewechselt, jeder hing seinen Gedanken nach. Wir hatten
sicher auch ein wenig Angst, daß sich der Fahrer des Schlittens
in der Dunkelheit verirren könnte. Schmerzen spürte ich nicht,
die Anspannung war wohl noch zu groß. Ununterbrochen zogen pfeifend
Granaten über uns hinweg, während das Maschinengewehrfeuer der
Russen langsam nachließ und bald völlig verstummte.
Auf dem Divisionsverbandsplatz
nahm sich in einem großen Zelt ein junger Arzt unserer Wunden an.
Wir wurden neu verbunden, wonach ich einem LKW zugeteilt wurde, der Verwundete
zum Hauptverbandsplatz brachte. Die zwei anderen, die mit mir gekommen
waren, blieben bei der Division. Langsam stellten sich bei mir auch Schmerzen
ein.
Noch vor
dem Morgengrauen ging die Fahrt mit dem LKW weiter...
Auf dem Hauptverbandsplatz angekommen, wurden wir dem Arzt vorgestellt.
Nach einer warmen Mahlzeit ging es gleich zum nahegelegenen Bahnhof, wo
schon ein Lazarettzug bereit stand. Nach einer Tagesreise wurden wir in
Posen ausgeladen und mit Lastwagen in die umliegenden Lazarette gebracht.
Ich kam ins Schloß Obornik. Rot-Kreuz-Schwestern führten uns
zum Duschen und übergaben uns saubere Tagesbekleidung und Schlafanzüge
für die Nacht.
Mein Krankenzimmer
empfing mich mit einem kleinen Tannenbaum auf einem der beiden Tische.
Große Fenster ließen viel Licht herein, und alles wirkte sehr
hell und freundlich. An der Fensterseite standen sechs Betten, dazwischen
je ein Stuhl und eine kleine Kommode. Das Bett am äußersten
Fenster war frei, denn es hing kein Namensschild am Fußende. Kurz
nachdem ich das Zimmer betreten hatte, kamen auch die Kameraden. Alle
hatten einen Arm verbunden, also war kein Schwerverletzter unter ihnen.
Nach der
Begrüßung wurde ich von einer Schwester zum Stabsarzt begleitet.
Jeder Neuankömmling mußte sich einer nervenstrapazierenden
Befragung durch den Arzt unterziehen, wobei ein Soldat fast alles, was
gesagt wurde, mitschrieb. Zum Schluß behandelte der Arzt meine Wunde,
und mein Arm kam in Gips. Dann durfte ich gehen.
Der Verbandsraum
lag im Parterre, mein Zimmer aber im zweiten Stock. Später stellte
ich fest, daß die gehbehinderten Soldaten im Parterre und im ersten
Stock untergebracht waren, während alle anderen im zweiten Stock
ihre Bleibe hatten. Auf dem Weg durch die langen Flure sah ich mehrere
festlich geschmückte Tannenbäume stehen, die dafür sorgten,
daß allmählich weihnachtliche Stimmung aufkam.
Die Kameraden
nahmen mich sehr freundlich auf. Sie erklärten mir, wie ich mich
zu verhalten hätte, um keine Schwierigkeiten zu bekommen. Als ich
mich ins Bett legte, mußte ich feststellen, daß es durch das
Fenster erbärmlich zog. Das war aber auch schon der einzige Negativpunkt
meines Aufenthaltes im Lazarett Obornik. Weit weg von todbringenden Geschossen
fand ich hier einige Zeit Ruhe und konnte dem Weihnachtsfest entgegenschlafen.
Ich erinnerte
mich an die Weihnachtstage des vergangenen Jahres, die ich in Perwomeisk
in der Ukraine verbracht hatte. Mal sehen, dachte ich, wie es hier werden
wird. Noch waren zwei Tage Zeit, um in irgendeiner Form aktiv an der Gestaltung
der Festtage mitzuwirken. Päckchen und Briefe waren schon eingegangen.
Ich wußte, daß ich keine Nachricht von zu Hause erwarten könne,
denn ich bekam erst am 23. Dezember die Möglichkeit, meiner Mutter
zu schreiben und meinem Vater, der als Küchenfeldwebel in einem Fernaufklärungsgeschwader
im Norden Rußlands stationiert war, meine neue Anschrift mitzuteilen.
Da mir der Gipsverband einige Schwierigkeiten bereitete, half mir eine
Rotkreuzschwester dabei.
Am Heiligabend
wurde es dann doch sehr feierlich, als der Weihnachtsmann unser Zimmer
betrat, sich ein Gedicht aufsagen ließ und danach kleine Päckchen
verteilte. Im Radio gab es Grußsendungen aus der Heimat, und Wilhelm
Strienz sang altvertraute Weihnachtslieder. Mein Bettnachbar, dessen Eltern
in Rumänien zu Hause waren, hatte auch keine Post erhalten. Die vier
anderen Kameraden gaben uns aus ihren Päckchen von den süßen
Grüßen aus der Heimat selbstverständlich etwas ab. Vor
dem Einschlafen erzählte jeder von seiner Familie, wie er die Weihnachtstage
einst in friedlicher Zeit verbracht hatte. Manche Träne wurde unter
der Bettdecke heimlich weggewischt. Es war eine besinnliche Nacht, eine
tief im Herzen ruhende Stille, die ich nie vergessen werde.
Zwei Tage
nach dem Fest geschah ein Wunder: Plötzlich stand ohne Voranmeldung
meine Mutter im Zimmer. Erst glaubte ich zu träumen, denn von Tagträumen
ließ ich mich oft und gern aus der rauhen Wirklichkeit entführen.
Aber meine Mutter war tatsächlich hier, ich spürte ihre Hände
und den Begrüßungskuß und hörte immer wieder ihre
leisen Worte: Mein Sohn, mein lieber Sohn!
Neben ihr
stand eine junge Nachbarin aus Magdeburg, die als Nachrichtenhelferin
in Posen stationiert war. Nach dem Erhalt meiner Post hatte meine Mutter
alle Hebel in Bewegung gesetzt, um mich im Lazarett besuchen zu können.
Die Nachbarin hatte ihr beim Auffinden des Lazaretts und bei der Quartierbeschaffung
geholfen. Jetzt waren beide Frauen bei mir. Mein Herz wagte kaum zu schlagen
vor Freude, ich war wie benebelt vor Glück, hatte ich doch plötzlich
meinen Zimmerkameraden so vieles voraus.
Meine Mutter
brachte Stollen, Strümpfe und Handschuhe mit und übergab mir
Briefe von meinem Bruder, den Verwandten und den Freunden, die noch nicht
eingezogen worden waren. Der lange Brief meiner Cousine ist mir bis heute
in Erinnerung. Sie hatte von den vielen Kaspertheateraufführungen
geschrieben, die wir besonders zu Weihnachten im Familienkreis veranstaltet
hatten. Die Gegenwart verblaßte im Angesicht von so viel Freude.
Unter den Briefen war auch eine traurige Nachricht: Ein ehemaliger Klassenkamerad
war gefallen. Schlagartig wurde ich daran erinnert, daß noch immer
der Krieg tobte und ich nur für kurze Zeit der Front entkommen war.
Als wir drei dann im Garten spazierengingen und den mit wenigen Kugeln
geschmückten Tannenbaum am Toreingang bewunderten, waren alle Daheimgebliebenen
in Gedanken bei uns.
Nach zwei
Tagen hieß es Abschied nehmen. Lange Zeit stand ich noch am Tor
dicht neben dem Tannenbaum und winkte meiner Mutter nach. Als sie schon
um die Ecke gebogen war, kam sie noch einmal zurück, um ein letztes
Mal zu winken. Sie war weit genug weg, um meine Tränen nicht sehen
zu können. Oben im Zimmer schaute ich hinter dem Fenster noch lange
den tanzenden Schneeflocken zu, wie sie Mutters Fußspuren nach und
nach zudeckten. Damit hatte sich Weihnachten 1942 von mir verabschiedet.
Ende Januar
1943 wurde ich wieder kriegsverwendungsfähig geschrieben. Ich nahm
meine inzwischen von den Schußlöchern ausgebesserte Uniform
aus dem Schrank und fuhr Anfang Februar zu meinem Ersatztruppenteil. Es
sollten noch etliche Weihnachten vergehen, bis ich im Dezember 1949 endlich
aus russischer Gefangenschaft entlassen wurde und das Fest wieder mit
meinen Lieben zu Hause feiern konnte.
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[Berlin-Grunewald;
1945]
Wie wir
Weihnachtsbäume organisierten
von Ingrid
Fimmel
Die erste
Friedensweihnacht nach dem Krieg! Alle Waffen schwiegen nun schon seit
einigen Monaten. Trotzdem waren es immer noch entbehrungsreiche Zeiten.
Ich absolvierte das zweite Jahr meiner Ausbildung zur Krankenschwester
im Martin-Luther-Krankenhaus in Berlin-Grunewald und arbeitete derzeit
auf einer Inneren Männerstation.
Am 21. Dezember
sagte unsere Oberschwester: Kinder, in drei Tagen ist Weihnachten,
und wir haben noch keine Weihnachtsbäume für unsere Krankenzimmer!
Weihnachten
wurde in diesem konfessionellen Haus immer besonders festlich und stimmungsvoll
begangen. Jede Station schmückte ihre Räume so schön wie
möglich. Auf allen Fluren hingen große Herrnhuter Adventssterne,
und in jedem Patientenzimmer stand ein kleiner Weihnachtsbaum. Nur in
diesem Jahr konnte man nirgendwo auch nur das kleinste Bäumchen auftreiben,
und der Grunewald war kahlgefegt. Unsere Oberschwester hatte eine zündende
Idee. Eine zweite Schwesternschülerin, ein Pfleger und ich bekamen
einige Matratzenschonbezüge, ein kleines Beil, ein Knäuel Strippe
wie der Berliner Bindfaden nennt und ein paar Groschen Fahrgeld
in die Hand gedrückt und gesagt: Ihr drei fahrt heute nachmittag
mit der S-Bahn hinaus in Richtung Potsdam und seht zu, daß ihr in
einem Waldstück mindestens zehn Tannenbäume ergattern könnt,
die ihr in diesen Schonbezügen möglichst unauffällig ins
Krankenhaus bringt.

Zwar hingen
auch vor Weihnachten 1945 wieder auf allen Fluren unseres Krankenhauses
die großen Herrnhuter Adventssterne, aber ein Christfest ohne Weihnachtsbäume
konnten wir uns nicht vorstellen.
Wir mußten
mit der Berliner Stadtbahn vom britischen Sektor Berlins in die russisch
besetzte Zone fahren. Das war 1945 kein Problem. Die russischen Soldaten
kontrollierten aber gelegentlich das Gepäck der Reisenden. Wir stiegen
an einer kleinen S-Bahn-Station aus, die uns verheißungsvoll erschien.
Doch die Bäume, die wir hier sahen, waren alle viel zu groß,
um mit unserem kleinen Beil gefällt zu werden. Nach längerem
Herumwandern gelangten wir zu einer kleinen Schonung. Dort lag
oh Wunder! ein ganzer Stapel kleiner gefällter Kiefern. Es
waren zwar nicht die gewünschten Tannen, aber besser als gar nichts!
Jetzt mußten wir ganz schnell handeln, denn wir wollten doch nicht
erwischt werden!
Meine Mitschwester protestierte: Das ist doch Diebstahl! Mein Vater
ist Rechtsanwalt.
Aber sie
wurde überstimmt und wir packten in Windeseile zwölf Bäumchen
ein, und ein besonders kleines steckte ich für mich mit ein. Wir
hatten Glück und kamen wohlbehalten, ohne Kontrolle, im Krankenhaus
an. Unsere Oberschwester war zwar etwas enttäuscht, weil es nur
Kiefern waren, aber als am Heiligen Abend in jedem Krankenzimmer die geschmückten
Bäumchen aufgestellt und die Lichter angezündet waren, strahlten
die Augen unserer Patienten mit den Kerzen um die Wette. Die größte
Edeltanne der Welt hätte nicht mehr Freude bringen können.
Abends bekam
ich dann zwei Stunden frei, um meine Mutter zu besuchen, die in der Nähe
wohnte. Als einziges Geschenk hatte ich für sie das Bäumchen.
Meine Mutter schenkte mir ein Paar Schuhe, eine Kostbarkeit in jenen Tagen.
Sie waren häßlich und das harte Leder drückte, aber man
konnte darin laufen. Sie hatte die Schuhe aus einer alten Ledermappe bei
einem Schuster arbeiten lassen. Als Macherlohn erhielt er neben dem Geld
Rauchermarken, die Mutter dafür aufgespart hatte. So feierten wir
Weihnachten und waren dankbar, überlebt zu haben.

Meine Mutter
und ich, rechts, vor dem zerbombten Haus von Freunden im Herbst 1944 in
der Salzbrunner Straße. Während des Krieges war es streng verboten,
ausgebombte Häuser zu fotografieren.
Langsam wurden
die Zeiten wieder üppiger. Man konnte wieder Weihnachtsbäume
kaufen und es gab auch wieder richtige Geschenke, aber Weihnachten
1945 war schon ein ganz besonderes Fest.
[nach
oben]
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Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 4
[Venzka
bei Hirschberg/Saale, Thüringen;1945]
Das Holz
für Weihnachten
von Elisabeth Schmack
Es war kurz
vor Weihnachten 1945. Mutter und wir drei Geschwister lebten seit einigen
Wochen in einem winzigen Zimmer, der ehemaligen Kleiderkammer der Freiwilligen
Feuerwehr in Venzka. Nach vielen Monaten Flucht, Vertreibung, Lager und
Herumgestoßensein kamen wir hier einigermaßen zur Ruhe. Auch
wenn es durch Tür und Fenster zog und der kleine eiserne Ofen unser
mühevoll gesammeltes Holz schneller durch den Schornstein jagte,
als wir es beschaffen konnten, fühlten wir uns nach und nach geborgen.
In diesen Tagen versuchten wir, uns einen Holzvorrat anzulegen, um über
die Weihnachtsfeiertage frei zu haben. Ein einheimischer Nachbar,
der unser Bemühen sah, lieh uns eine Axt, denn bisher hatten wir
die trocknen Äste nur mit den Händen von den Bäumen brechen
können und über dem Knie kleingemacht.

Die ehemalige
Schule und spätere Gemeindeverwaltung in Venzka bei Hirschberg in
Thüringen. Eine Aufnahme von Anfang der 90er Jahre.
1945 war das Gebäude vollgestopft mit Flüchtlingen. Mutter und
wir drei Geschwister hausten in einer kleinen Kammer nach hinten raus.
Dort, wo das Auto steht, befand sich damals der Milchbock,
eine kleine Rampe, auf die die Bauern ihre Milchkannen zur Ablieferung
stellten. In den Abendstunden war hier das Zentrum der Dorfjugend. Die
Mehrzahl bestand aus Flüchtlingskindern. Links vom Haus führt
der Weg zur Saale hinunter, wo der Holzeinschlag erfolgte.
Alles gehörte Jahrzehnte zur 500-Meter-Sperrzone, die wir nach unserem
Wegzug aus Venzka nicht mehr betreten durften.
Mein jüngerer
Bruder und ich, 15 Jahre alt, gingen an einem kalten und schneereichen
Tag mit der Axt und dem ebenfalls geliehenen Seil ins Holz.
Die Luft war frisch und die Sonne ließ den Schnee glitzern. Doch
wir hatten kaum den Blick für die herrliche Landschaft. Da, wo wir
hingingen, hatten wir die dicksten Stubben schon ausgemacht. Hier trennte
die Saale Thüringen und Franken. Hier war auch die Trennlinie der
Ost- und Westzone. Es interessierte uns nicht, ob die Zonengrenze bewacht
sein könnte. Für uns war das Holz ebenso Lebensmittel wie die
Nahrungsmittel, die wir auf Lebensmittelkarten im Laden bekamen. Voller
Elan machten wir uns an die Arbeit, die uns zu Weihnachten eine warme
Stube bescheren sollte. Doch immer wieder sprang die Axt vom sperrigen
Holz der Baumwurzel ab, ohne etwas zu bewirken. Wir waren nicht nur schwächlich,
sondern auch unerfahren im Umgang mit einer Axt. Verbissen hauten wir
abwechselnd auf das begehrte Holz der riesigen Baumwurzel ein. Diese großen
Scheite, das wußten wir, würden viel länger Wärme
spenden als das Kroppzeug, das wir ohne Axt nach Hause brachten.
Jetzt war ich dran und schwang die schwere Axt hoch in die Luft.
Da stand
plötzlich ein uniformierter Russe vor uns, das Gewehr im Anschlag.
Ich war wie erstarrt. Nur in meinem Kopf arbeitete es wie verrückt.
Bilder sah ich wieder, die ich endlich vergessen wollte. Von den rauhen
Worten verstand ich nur ... dawei ...
Aber ich konnte mich nicht rühren.
Da sprang der Soldat auf mich zu und entriß mir die Axt. Großer
Gott ... wenn jetzt ... Und die Mutter weiß nicht mal die Stelle,
wo wir nach Holz gingen ... Was wird ...?
Da krachte
es. Ich kam wieder zu mir. Der Wurzelstock war mit einem mächtigen
Hieb gespalten. Seine Ausläufer kappte der fremde Holzhauer in kurzer
Zeit. Mit noch zitternden Knien schauten wir beide dem fast extatischen
Treiben zu. Seine Uniformjacke hatte der Soldat ausgezogen und sein Gewehr
an einen Fichtenstamm gelehnt. Wurzel um Wurzel holte er aus dem Boden.
Die langen Holzstücke warf er neben uns auf einen Haufen. Jetzt wurden
auch wir wieder lebendig und banden das Holz mit dem Strick zusammen,
um es tragen oder hinter uns herzuschleifen zu können.
An unseren
Gesichtern mußte der Soldat gesehen haben, wie erleichtert wir waren,
denn zum Sprechen fehlte uns noch immer der Mut. Natürlich war es
auch die Freude über das Holz, das uns dieser Mensch geschenkt hat.
Aber es war auch die Erkenntnis, daß Die nicht alle
so sind, wie wir es vor kurzem noch erfahren hatten.
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Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 4
[Rinteln/Weser,
Kreis Schaumburg, Niedersachsen;Weihnachten 1994]
Mein Weihnachtsvergnügen
von Romano C. Failutti
Dieses Jahr
kam ich lange nicht in diese zauberhafte vorweihnachtliche Stimmung. Obwohl
alle dafür notwendigen Utensilien vom Adventskranz bis zu
diversen Räuchermännchen aufgebaut waren und ich sogar
den Recorder im Auto mit Weihnachtskassetten fütterte, um mich auf
diese Weise entsprechend einzustimmen, es packte mich nicht wie früher.
Obs an dem warmen Wetter lag, das sogar die Gänseblümchen
hervorlockte, an der allgemeinen Hektik, den Horrormeldungen aus der ganzen
Welt von Kriegen und Gewalttaten, Gemeinheiten in nah und fern?
Bekanntlich
kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen
Nachbarn nicht gefällt. Obs daran lag?
Oder verdarb mir dieser rosa eingefärbte Plastikweihnachtsrummel,
der immer mehr über den großen Teich zu uns hereinschwappt,
die Vorfreude auf das große Fest?
Also, dieses
Jahr war ich wohl ziemlich stimmungsresistent. Lags daran, daß
man älter geworden ist und die Tochter aus dem Haus ist?
Aber so abrupt?
Na, es läßt
eben mit der Zeit alles nach. Stimmt aber auch nicht ganz. In Manchem
bin ich sogar verrückter geworden, zum Beispiel im Notizenmachen.
Ich notiere alles! Und ich räume viel auf!
Aber nicht alles, nee, nur was mir Spaß macht. Das jedoch voller
Leidenschaft. Meine Marianne behauptet allerdings, ich würde überhaupt
nicht aufräumen. Ich stellte alles, was ich in die Hand nähme,
nach eingehender und langwieriger Betrachtung von einem Platz auf den
anderen. Was willst du? Ich bin eben ein kontemplativer Mensch,
verteidige ich mich dann.
Und sie spottet: So kann man das auch nennen. Aber ich sehe in dir
mehr den Chaoten.
Immerhin,
die Stimmung kam doch noch, wenn auch spät, als ich vor dem Fest
ein paar Urlaubstage nahm, mich in meine alten Klamotten warf, mir eine
liebliche Weihnachtsmusik auf den Plattenteller legte und mich meinen
Bücherschränken widmete. Ich gebe zu, ich traf auf eine Anzahl
langvermißter, lieber alter Freunde, in denen ich erst ein wenig
herumschmökern mußte, einige auch aussortierte, um ihnen später
noch intensivere Aufmerksamkeit angedeihen zu lassen, was sich in neuen
Stapeln manifestierte und meine Frau, die ihren Weihnachtsputz vorantreiben
wollte, in die Nähe eines Nervenzusammenbruchs brachte. Dafür
wollte ich ihr ja ein Fläschchen Frauengold unter den
Weihnachtsbaum legen. Als Aufbaumittel, damit sie es mit mir aushielt.
Solche
Stapel hast du voriges Jahr um diese Zeit auch aufgebaut, um dich ihnen
dann besonders zu widmen, zeterte sie, und dann bist du nicht
hindurchgekommen, und manche stehen heute noch da! Seit damals!
Ich bringe das alles wieder in Ordnung, versprach ich. Während
der Feiertage ist doch Muße, alles zu ordnen.
Das ist es ja! Du tust es mit Muße, das heißt, du verzettelst
dich!
Wie wenig du doch von mir weißt! schmollte ich beleidigt.
Ich beschäftige mich im Gegenteil sehr intensiv mit meinen
Dingen. Ich bitte dich, mir meine Weihnachtsfreude nicht zu verderben.
Du weißt, ich mache das seit über 25 Jahren so.
Und ich leide seit 25 Jahren darunter, stöhnte Marianne,
und immer in der Weihnachtszeit! Du schaffst es einfach nicht, deine
Bücher zu ordnen, wie du es dir immer vornimmst. Du bleibst an ihnen
hängen!
Meine Güte! Das ganze Jahr renne ich herum, wie ein Irrer.
Nun gönne mir doch wenigstens diese paar Tage!
Ich gönne sie dir ja, aber bist du nicht selber enttäuscht,
wenn die Zeit vergangen ist und du gar nichts von dem geschafft hast,
was du wolltest?
Was wollte ich denn?, fragte ich dumpf.
Na, aufräumen, deine Bücher ordnen und mal entstauben!
Das mach ich schon! Das bekomme ich nebenbei hin! Doch sieh mal,
wenn du einen guten Freund triffst, dann sprichst du erstmal mit ihm,
und dann erst klopfst du ihm den Staub ab, wenn er sich schmutzig gemacht
hat. Du gehst nicht bloß auf ihn zu, entstaubst ihn und läßt
ihn laufen!
Das ist kein Vergleich!, wurde meine Marianne jetzt laut,
und ich konnte sie gut verstehen. Wenn du wenigstens in deinem Zimmer
bliebest mit deinen Papierhaufen ...
Was heißt hier ,Papierhaufen? Das sind Werke großer
Geister!
... aber du nimmst die ganze Wohnung damit in Beschlag!
Haben wir dieses Thema nicht schon seit Jahren immer um diese Zeit?
Eben, eben! Langsam reicht es! Ich will auch mal wie andere Leute
unterm Weihnachtsbaum sitzen und nicht immer bloß eingerahmt von
meterhohen Bücherstapeln, rechts, links, vorn, hinten
!
Sie wird sich wieder beruhigen, denke ich. Und ich werde ihr dafür
sogar zwei Flaschen Frauengold auf den Gabentisch legen. Dazu
habe ich mich fest entschlossen. Schließlich war ich jetzt endlich
in der richtigen Stimmung.
[nach
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Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 4
[Gelsenkirchen,
Ruhrgebiet, Nordrhein-Westfalen; 1966]
Die große
Enttäuschung
(Diese Geschichte wurde leicht
gekürzt)
von Margit
Kruse
Die Vorweihnachtszeit
war für uns Kinder die schönste Zeit im Jahr. So auch im Jahre
1966, das für unsere Stadt Gelsenkirchen ein besonders schlimmes
Jahr war. Die Bergbaukrise hatte gerade ihren Höhepunkt erreicht.
Trotz großer Proteste wurde die Förderung der Zeche Graf Bismarck
eingestellt und über 7000 Bergleute verloren ihre Arbeit. Das war
für unsere Familie sehr hart, da auch mein Vater auf dieser Zeche
beschäftigt war.
... Wir Kinder
fragten uns täglich, ob unsere Wünsche auch in Erfüllung
gehen würden. Ich hatte mehrere Wünsche Rollschuhe, eine
Puppenküche und auch andere ich wollte mich da nicht festlegen.
Auf unserem langen Schulweg redete ich mit meiner Freundin über das
bevorstehende Fest, und wir rätselten, was wir wohl diesmal bekämen.
Auch sie wollte sich in diesem Jahr, genau wie ich, überraschen lassen.
Wir hörten von unseren Eltern immer wieder, daß es in diesem
Jahr mit den Geschenken zu Weihnachten nicht so rosig aussehen würde.
Deshalb war es uns egal, was zu Weihnachten unter dem Baum liegen würde.
Wichtiger war, daß unsere Väter wieder eine neue Arbeit gefunden
hatten.
An einem
verschneiten, grauen Nachmittag in der ersten Adventswoche hatte ich Langeweile,
nachdem meine Mutter mit der Nachbarin zu einem Stadtbummel aufgebrochen
war. Ich sah aus dem Fenster und träumte vor mich hin. Würde
sie etwa nach meinem Geschenk Ausschau halten?
Mein Vater
war noch bei der Arbeit und so beschloß ich, mal auf dem Dachboden
zu stöbern. Ich nahm den Schlüssel aus dem Schlüsselkasten,
verließ unsere Wohnung, stieg die Treppe nach oben zum Dachboden
und öffnete die Tür. Sofort schlug mir eine ungemütliche
Kälte entgegen. Der Dachboden war nicht ausgebaut und man konnte
jede einzelne Dachpfanne erkennen. Ganz in der Ecke links war unsere Dachkammer.
Ich bahnte mir den Weg zwischen steifgefrorener Bettwäsche und schloß
das kleine Vorhängeschloß auf. Als ich den winzigen Raum betrat,
fiel mir sofort eine Kiste auf, die mit einem großen Laken bedeckt
war. Hatte ich es doch geahnt! Das war bestimmt mein Weihnachtsgeschenk!
Mein Herz
schlug schneller. Ich öffnete die Kiste vorsichtig und riskierte
einen Blick hinein: Eine wunderschöne Puppenstube befand sich in
diesem Karton. Ich konnte von oben zwei Zimmer erkennen, ein Schlafzimmer
und eine Wohnstube, beide mit Möbeln ausgestattet. Schnell verschloß
ich den Karton wieder, legte das Laken ordentlich darüber und verließ
eilig den Dachboden.
... Die Adventstage
zogen dahin und immer, wenn ich allein zu Hause war, konnte ich der Versuchung
nicht widerstehen. Ich machte ständig einen Abstecher zum Dachboden.
Beim zweiten Mal hob ich mit aller Kraft die Puppenstube aus dem Karton,
um alles genauer betrachten zu können. Diese winzigen Möbel
aus honigfarbigem Holz waren ein Kunstwerk. In den Betten lagen kleine
karierte Oberbetten. Die Wohnstube hatte einen Ofen und einen Kamin. An
den Fenstern, die sich sogar öffnen ließen, hingen geblümte
Gardinen und auf den Fensterbänken standen winzige Blumentöpfe.
Ich taufte sogar schon die drei Bewohner niedliche bekleidete Püppchen
, die nun bald mein eigen sein sollte. Ich träumte nur noch
von dieser Puppenstube. Obwohl ich mir eigentlich gar keine gewünscht
hatte, gefiel mir der Gedanke, bald damit spielen zu können. Meine
Abstecher in die Dachbodenkammer schienen niemanden aufzufallen. Ich versuchte
auch, möglichst keine Spuren zu hinterlassen und war immer sehr vorsichtig.
Endlich war
es soweit. ... Vor Aufregung hatte ich dieses Mal kaum etwas essen können.
Ich freute mich, daß ich nun endlich offiziell mit der Puppenstube
spielen konnte und mich nicht mehr heimlich in die eiskalte Dachkammer
schleichen mußte.
... Dann
ging endlich die Tür zum Wohnzimmer auf. Die Flammen der Wachskerzen
spiegelten sich in den silbernen Kugeln und Vögeln wieder. Unter
dem Tannenbaum standen, fast wie in jedem Jahr, die prallgefüllten
bunten Teller. Daneben auf dem Tisch lagen, wie immer, die Geschenke.
Doch was war das? Wo war denn die Puppenstube?
Auf dem kleinen Tisch stand neben einigen bunt verpackten Geschenken ein
Kaufladen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Wieso Kaufladen?
Ich betrachtete
ihn und mußte zugeben, daß es ihm an nichts fehlte. Eine große
rote Kasse stand auf dem Ladentisch, daneben eine richtige kleine Wage
mit winzigen Gewichten. Viele verschiedene Päckchen, Kartoffeln und
Obst aus Marzipan lagen in den Fächern und auch kleine Tüten
zum Verpacken in verschiedenen Größen fehlten nicht. Alles
war perfekt und doch war ich tief enttäuscht. Wo war meine Minifamilie?
Wo die herrlichen Zimmer mit den schönen Holzmöbeln? Was wurde
hier gespielt?
Ich sah meine Mutter mit Tränen in den Augen an.
Ja, gefällt er dir denn nicht?, wollte sie wissen.
Doch schon, stammelte ich. Aber die ...!
... Ich verstand
die Welt nicht mehr. Beim Anblick des Kaufladens kam keine Freude auf.
Ich vermißte die Puppenstube, traute mich aber nicht danach zu fragen.
Was hätte ich auch sagen sollen? Etwa, daß ich heimlich bereits
damit gespielt hatte? Und daß ich wußte, daß es gar
kein Christkind gibt?
Am nächsten
Tag war meine Laune noch nicht besser. Ich hatte den Kaufladen bisher
kein einziges Mal angerührt. Auch der bunte Teller und das tolle
Fernsehprogramm verschafften mir keine Ablenkung. So zog ich meine warmen
Sachen an und ging nach draußen, in der Hoffnung, der frischgefallene
Schnee würde meine Laune bessern. Dort traf ich meine Freundin, die
im Hause gegenüber wohnte. Sie saß auf ihrem Schlitten und
zog ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Sie erzählte mir, daß
sie sehr enttäuscht sei. Sie hätte das falsche Geschenk bekommen.
Das
falsche Geschenk?, fragte ich sie verwundert.
Sie hätte sich so sehr einen Kaufladen gewünscht, ja, sie hatte
sogar schon heimlich damit gespielt, nachdem sie ihn im Keller entdeckt
hatte. Bei der Bescherung stand da plötzlich eine Puppenstube, die
sie überhaupt nicht haben wollte!
Endlich fiel
bei mir der Groschen. Ich fing an zu lachen und konnte mich gar nicht
mehr beruhigen. Als ich ihr erzählte, daß ich ihren Kaufladen
bekommen hätte, fing ihr Gesicht an zu strahlen. Das hatten sich
unsere Mütter ja fein ausgedacht. Weil sie wußten, daß
wir neugierig waren und vorher schon immer überall herumschnüffelten,
hatten sie die Geschenke in diesem Jahr zuvor einfach getauscht, damit
es für uns am Heiligabend eine echte Überraschung werden sollte.
Das Geschenk meiner Freundin wurde bei uns auf den Dachboden aufgehoben,
und meines im Keller bei der Freundin. Die beiden Mütter wollten
auf Nummer Sicher gehen. Ganz schön raffiniert, fand ich.
Wir beschlossen,
uns nicht damit zufriedenzugeben und gingen zuerst zu meinen und dann
zu ihren Eltern. ... Schlußendlich bekam ich die geliebte Puppenstube
und meine Freundin den ihr schon bekannten Kaufladen. Und so gab es für
unsere Väter, unsere Familien und ganz besonders für uns beide
doch noch fröhliche Weihnachten.
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Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 1 + 3
Frößeln,
Gemeinde Wipperfeld bei Wipperfürth im Bergischen Land, Nordrhein-Westfalen;
Weihnachten 1935
Der Kaufladen
von Elisabeth Kirch-Schuster

Solch ein schöner großer Kaufmannsladen war der Traum vieler
Kinder. Bescherung bei Familie Exo in Recklinghausen 1927.
Aus: Zwischen Kaiser und Hitler. Reihe ZEITGUT, Band 15.
Daß
ich Weihnachten mit allem Drumherum jedes Jahr aufs Neue so intensiv erlebe,
liegt vielleicht daran, daß ich am Heiligabend geboren bin. Wenn
sich auch im Laufe der Zeit so vieles rund um das Fest verändert
hat, bleibt doch das Wichtigste, der Sinn der Weihnacht, erhalten: Gott
selbst ist aus Liebe zu uns in dieser Nacht Mensch geworden, und die Menschen
sollten es ihm gleichtun.
Wann sich
das Jahr der Weihnachtszeit zuneigte, erkannten wir damals an ganz anderen
Vorzeichen als heute. Waren die Runkelrüben im Keller und die Stoppelrüben
abgeerntet, ein Teil des Getreides gedroschen und der Weißkohl im
Steintopf zu Sauerkraut eingelegt, war schließlich das Schwein geschlachtet,
dann ja, dann konnte Weihnachten werden.
Strümpfe,
Socken, Handschuhe und Schals wurden gestrickt, und am Abend im Dunkeln
wurde der Rosenkranz gebetet. Und Mama sagte fast täglich: Kinder,
wenn ihr nicht brav seid, bekommt ihr nichts vom Christkind.
In einem
Jahr, ich war sieben Jahre alt und meine Schwester Martha neun, wünschten
wir uns zu Weihnachten zusammen einen Kaufladen. Wir hatten schon immer
gern Kaufen und Verkaufen gespielt, mit allen Dingen, die es in unserem
Haushalt gab. Bezahlt wurde mit Erbsen und Bohnen in verschiedenen Größen
und Farben. Wenn wir fleißig den Rosenkranz beteten, so hieß
es, würde sich unser Wunsch vielleicht erfüllen. Das wollten
wir gern tun.
Nun schliefen
wir zwar gemeinsam in einem breiten Bett, waren aber durch unsere Lebhaftigkeit
am Tage abends so müde, daß wir viel zu schnell einschliefen.
Unsere große Schwester dagegen blieb noch lange wach und betete
viele Male. Da sannen wir auf einen Ausweg: Wir nahmen jeder eine Stecknadel
mit ins Bett, und sobald eine von Müdigkeit übermannt wurde,
pikste die andere sie mit der Nadel. So hielten wir uns gegenseitig munter
und waren ganz stolz, bis Weihnachten mehr Rosenkränze geschafft
zu haben als unsere ältere Schwester. Also hofften wir in kindlichem
Glauben auf den Kaufladen vom Christkind.

Elisabeth Kirch-Schuster als Siebenjährige
kurz nach der Einschulung 1935.
Weihnachtsmorgen.
Bescherung war erst nach der Christmette, die meistens morgens, ganz in
der Früh, um 5 Uhr in unserer Pfarrkirche stattfand. Papa und Mama
sangen mit uns gemeinsam ein Lied, dann machten wir uns als erstes über
unseren bunten Teller her: Blankgeputzte Äpfel, Nüsse, selbstgebackene
Plätzchen und ein Weckmann*). Später gab es auch schon mal eine
Tafel Schokolade oder eine Apfelsine, die wir beide uns teilen mußten.
Dann sahen wir uns unsere Geschenke an. Hausschuhe hatten wir bekommen,
und in jedem Paar lag vorn ein Rosenkranz aus bunten Glasperlen drin.
Wir Mädchen hatten sogar alle drei ein neues, gleiches Kleid bekommen,
darüber freuten wir uns sehr.
Plötzlich
entdeckten wir zwischen unseren Tellern eine Kaufladenwaage mit niedlichen
Gewichtssteinen. Suchend sahen wir uns um, denn wir glaubten, wo eine
Waage ist, müßte auch ein Kaufladen sein. Wir schauten in alle
Ecken: unter den Tisch, unter die Bank, hinter den Herd und neben den
Schrank. Nichts, und wieder nichts!
Papa war
gerade in den Stall gegangen, um die Tiere zu füttern, Mama befand
sich im Schlafzimmer, um sich vom Kirchgang umzuziehen. Martha und ich
liefen zu ihr hinein und bestürmten sie mit der Frage, wohin das
Christkind unseren Kaufladen gestellt hätte. Da sagte sie fast tonlos:
Es reichte nicht für einen Kaufladen.
Nun weinten
wir beide los, denn wir dachten, sie meinte, all die Rosenkränze
hätten nicht gereicht. Zu spät bemerkten wir, daß unsere
Mama nur mühsam ein Schluchzen unterdrücken konnte.
In diesem Moment kam Papa hinzu. Mit rauher Stimme sagte er: Jetzt
hilft alles nichts, wir müssen es euch sagen. Das echte Christkind,
den Gott, der für uns Mensch geworden ist, das gibt es, und dadurch
werden wir alle reich beschenkt, aber das versteht ihr noch nicht richtig.
Jedenfalls,
die Sachen auf dem Weihnachtstisch, die müssen wir kaufen, und dafür
müssen Mama und ich hart arbeiten und sparsam leben; und für
viele notwendige Anschaffungen reicht das Geld nicht. Eigentlich
wollte ich für Mama ein neues Kleid kaufen, stattdessen hat sie aus
dem Stoff für euch Mädchen die neuen Kleider nähen lassen!
Wir waren
tief beschämt. Mit Kartons und allerhand Krimskrams spielten wir
weiter Kauffrauen, natürlich nicht ohne die Waage vom Christkind.
Zwar waren
wir um eine Illusion ärmer, aber es fiel uns von da an leichter,
unsere Wünsche den gegebenen Umständen anzupassen. Und wir bemühten
uns, mit selbstgefertigten Handarbeiten auch unsere Eltern zu beschenken.
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Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 1 + 3
Köln,
Nordrhein-Westfalen; Dezember 1946
Das Tretauto
von Hans
Engels
Es war noch
zu der Zeit, als man das, was man gerne besitzen wollte, selber machen
mußte. Man konnte es nicht kaufen; sei es, daß man kein Geld
hatte, sei es, daß es überhaupt nicht käuflich zu erwerben
war. Ein solches Es war ein blaues Tretauto.
Mein Vater
hatte es gebaut für meinen älteren Bruder. Gebaut
ist eigentlich nicht das richtige Wort. Er schuf es vielmehr, so wie Gott
die Welt erschaffen hatte aus dem Nichts.
Denn es war
ja nichts da, oder richtiger, fast nichts. Und aus dem wenigen, das da
war, entstanden unter den Händen meines Vaters die wunderbarsten
Dinge.
Er war dann
fern jeder Hektik, die Ruhe selbst, eine geheimnisvolle, aber auch bergende
Ruhe, die uns in seinen Bann zog. Sehr zum Leidwesen der Mutter, die diese
himmlische Ruhe jedesmal aus der Fassung brachte: Wie konnte ein Mensch
nur eine solche Geduld haben!
Während
dieses schöpferischen Tuns kam nicht ein unbeherrschtes oder gar
böses Wort von seinen Lippen. Ich glaube, daß sein Wesen mich
damals anrührte, denn noch heute steht für mich fest: Alle guten
Dinge gedeihen in der Stille, sie benötigen Geduld und Güte
und nicht der großen Worte. Leider entschwindet diese Weisheit mir
allzuoft, und ich laufe Gefahr, mir selber untreu zu werden.
Das Tretauto
wuchs also heran, bis es vollständig war, bis es gleichsam geboren
war ein Wunderwerk an Eleganz und technischer Raffinesse. Und man
weiß nicht, wer mehr erstrahlte, ja wessen Augen mehr glänzten,
die des Erbauers oder die des Fahrers.

Das blaue Tretauto mit meinem Bruder 1942. Er war damals vier Jahre alt
und starb im März 1945 im Alter von sieben Jahren.
Doch lange
währte das Glück nicht. Vater mußte an die Front. Und
als er wiederkam, war mein Bruder gestorben.
Es dauerte
lange, bis mein Vater den Schmerz überwunden hatte. Ob er je da hinausfand,
weiß ich nicht. Das Schweigen war ihm immer schon sein Zuhause gewesen,
und er öffnete nur ganz selten die Tür zu seinem Innern einen
Spalt und ließ einen Blick zu. Und wenn es einmal geschah, dann
war es weniger ein Wort als vielmehr ein Blick, ein Lächeln oder
auch nur ein tiefer Atemzug oder eine Gebärde.
Aber nun
stand dieses Wunderwerk von einem Auto im Keller. Doch aller Glanz war
von ihm gewichen. Staub bedeckte den glatten Lack, und an den Rädern
klebte noch der Schmutz von seiner letzten Fahrt. Einmal trat ich in den
Keller und erschrak ein wenig, denn Vater stand an seinem Werk, eine ganze
Weile.
Schließlich
strich er mit seiner linken Hand über den Lack, ja er streichelte
das Gefährt, und die schöne blaue Farbe leuchtete, von der Staubschicht
befreit, und zeigte erst jetzt ihre glänzende Schönheit.
Als er mich
bemerkte, blieb er unsicher stehen. Schließlich ging er in die Knie
und drückte mich, der ich näher gekommen war, an seine Brust.
Ein kühler Tropfen fiel auf meine Hand. Wir redeten nicht miteinander,
und auch später hätte jedes Wort unser Geheimnis zerstört.
Es ging gerade
auf Weihnachten zu, und insgeheim wünschte ich mir, Besitzer des
Tretautos zu werden; aber ich wagte ja nichts davon zu sagen. Es wäre
wohl ein besonders günstiges Geschenk für mich. Das Christkind
brauchte jedenfalls kein Geld auszugeben, das Auto war ja schon da.
Und tatsächlich,
eines Abends war das Auto weg. Aber ich brauchte nur dem Duft der frischen
Farbe nachzugehen. Blitzeblank stand es in einem Bretterverschlag, die
Stoßstangen waren neu gestrichen, mit schwarzer Farbe und die Radfelgen
mit gelber. Ich war fest davon überzeugt: Das war mein Weihnachtsgeschenk.
Wenige Tage
vor Weihnachten hielt ein LKW vor unserem Haus, damals ein nicht alltägliches
Ereignis, aber an diesem Abend ein wunderbares zugleich.
Der
LKW brachte Kartoffeln. Sechs Säcke voll Kartoffeln! Sechs Zentner!
Eine herrliche Sache. Wir konnten zu Weihnachten Kartoffeln essen!
Die Männer schafften die Kartoffelsäcke in den Keller, einen
Sack nach dem anderen. Meinen Vater sah ich nicht in der hereinbrechenden
Dunkelheit.
Und dann trugen die Männer das blaue Tretauto aus dem Keller, über
den Hof, zur Straße und schoben es in den dunklen Laderaum.
Das Auto verschwand.
Ich habe
Vater an diesem Abend nicht mehr gesehen, erst am nächsten Abend,
als er von der Arbeit kam. Mutter hatte Kartoffeln gekocht und dann mit
Zwiebeln gedämpft. Dies mußte mit Wasser geschehen, denn Fett
gab es keines.
Aber an diesem Abend schmeckten die Kartoffeln nicht; und das lag nicht
nur daran, daß Mutter sie hatte anbrennen lassen.
Später,
ich glaube, es war zwei oder drei Jahre danach, baute Vater wieder ein
Tretauto, ein grünes mit roten Kotflügeln. Aber es fuhr nicht
so gut wie das blaue, und das war keine Einbildung!
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Aus "Unvergessene
Weihnachten" Band 1 + 3
Hamburg-Wilhelmsburg;
7. Mai Heiligabend 1923
Mein Weihnachtswunsch:
Ein Vater
von Ernst
Haß
In Hamburg-Wilhelmsburg,
am Obergeorgswerderdeich Nr. 9, bin ich aufgewachsen. Das Haus, das wir
bewohnten, war eine Kate mit Strohdach. Man nannte diese Fachwerkhäuser
auch Häuslings- oder Kötnerhaus. Wir waren zu Hause zwei Brüder,
mein Bruder August, Audi genannt, 1914 und ich, 1913 geboren. Alle Kinder
bei uns am Deich hatten einen Vater, nur wir nicht. Ich litt sehr darunter
und fragte: Mutti, warum haben wir keinen Vater?
Mutter sah
mich mit großen Augen an, aber eine Antwort bekam ich nicht. Manchmal
weinte sie, wenn ich wieder davon anfing. Als ich gut sechs Jahre alt
war, erzählte unsere Mutter endlich, warum wir keinen Vater hatten.
Unser Vater war bei der Kriegsmarine. Sein Schiff ging 1917 unter, und
dabei ist er ertrunken. So, Jungens, nun wißt ihr, warum ihr
keinen Vater habt, endete sie. Dabei kamen ihr die Tränen,
und sie lief ins Schlafzimmer, um allein zu sein.
Es hat lange
gedauert, bis ich dies alles begriff. Ich ging zu Mutter ins Schlafzimmer,
umarmte sie und weinte mit ihr um unseren Vater. Dann lief ich aus dem
Haus, setzte mich am Deich nieder und weinte weiter. Ich verfluchte diesen
Krieg, der uns den Vater genommen hatte.
Am 7. Mai
1923 wurde ich zehn Jahre alt. An diesem Tag sagte ich zu Mutter: Ich
wünsche mir zu Weihnachten einen Vater!
Mein Bruder wollte lieber eine Eisenbahn haben. Ich konnte ihn aber umstimmen:
Er wollte nun zu Weihnachten auch einen Vater haben. Wir umarmten unsere
Mutti und versprachen, daß wir ihr keinen Kummer mehr bereiten wollten.
Normalerweise stellten wir jeden Augenblick etwas an, und nicht immer
ging es gut aus. Unsere Mutter konnte uns kaum mehr in Schach halten,
eine feste Hand mußte her.
Als Audi
und ich eines Tages von der Schule nach Hause kamen und den Deich hinunterliefen,
hörten wir unsere Mutter singen. Das Stubenfenster war offen. Mein
Bruder und ich lauschten am Fenster. Wir hatten unsere Mutter noch nie
in dieser Art singen gehört. Was hat das zu bedeuten?
Schließlich gingen wir hinein, fielen Mutter um den Hals und schmusten
mit ihr. Mutti, du kannst aber schön singen, das haben wir
gar nicht gewußt!
Unsere
Mutter schmunzelte und meinte nur: Es hat auch seinen guten Grund!
Aber verraten hat sie uns nichts. Wir brauchten nicht lange zu bitten,
dann sang sie uns abends mit ihrer wunderschönen Sopranstimme in
den Schlaf. Mein Lieblingslied war Stolzenfels am Rhein, weil
darin ein gefallener Soldat vorkam. Ich mochte auch das Lied vom Fremdenlegionär,
der in maurischer Wüste gefangen war.
Unsere Mutter
veränderte sich in dieser Zeit. Sie lief neuerdings immer dem Postboten
entgegen. Wenn er mit einem Brief für sie kam, war sie glücklich
und hat ihn sofort gelesen. Hinterher sang sie den ganzen Nachmittag wie
eine Nachtigall.
Der Monat
Dezember rückte näher, es ging auf Weihnachten zu. Mutter fragte
uns Jungen: Was wünscht ihr Euch zum Weihnachtsfest?
Mein Bruder sagte nun doch wieder, daß er sich eine Eisenbahn wünsche.
Als ich an der Reihe war, antwortete ich: Mutter, was ich mir wünsche,
weißt du schon.
Ja, Jungens, sagte Mutter, dann wollen wir mal sehen!
Endlich war
Heiligabend. Morgens durften wir Jungen den Weihnachtsbaum schmücken.
Mit Buntpapier und Kartoffelmehl, aus dem wir Kleister anrührten,
hatten wir Ketten angefertigt und in den Tannenbaum hineingehängt.
Er sah schön aus! Mutter lobte uns und freute sich. Wir waren stolz
auf unser Werk. Dann mußte sie noch einmal schnell weg, um in Niedergeorgswerder
etwas einzukaufen.
Lange dauerte
es, bis sie völlig außer Atem wieder nach Hause kam. Es wurde
schon dunkel. Immer wieder sahen mein Bruder und ich den Deich hinauf
aber der Weihnachtsmann kam und kam nicht, es war nicht mehr auszuhalten!
Mutter meinte,
daß der Weihnachtsmann nun bestimmt bald käme. Er hätte
soviel zu tun hat, daß er gar nicht all die vielen braven Kinder
besuchen könne. Bei uns wollte er aber auf jeden Fall vorbeikommen,
wir seien ja artig gewesen, was wir auch hoch und heilig versprochen hatten.
Wir hatten am Heiligtag wirklich nichts ausgefressen.
In dem Augenblick,
als Mutter plötzlich aufstand und die vier Lichter am Baum anzündete,
wummerte es an der Haustür. Mein Bruder bekam nun doch Angst und
versteckte sich blitzschnell hinter dem Sofa. Mutter sah mich mit ihren
großen Augen an und sagte: Erni, mein Junge, dann laß
mal dein Weihnachten herein!
Sie hätten
sehen sollen, wie schnell ich zur Tür flitzte und sie aufriß!
Draußen stand aber nicht der Knecht Ruprecht, sondern ein großer
Mann, der einen Seesack auf dem Rücken trug. Mutter stand hinter
mir und forderte mich auf: Laß ihn man herein! und gab
dem Mann einen Kuß.
Unglaublich
mein Weihnachtswunsch war in Erfüllung gegangen: Dieser große
Mann wurde unser neuer Vater!
Wir waren glücklich, denn nun hatten auch wir endlich wieder einen
Papa, so wie alle Kinder bei uns am Deich. War das ein Weihnachten!
das schönste Weihnachtsfest, das ich je zu Hause erleben durfte.
[nach
oben]
Klare
Anweisungen
Maike Gretencord
Eine Erkenntnis,
zu der Ehefrauen im Laufe kürzester Zeit gelangen, soll jetzt auch
schon wissenschaftlich untersucht und untermauert worden sein: Der normale
Mann braucht eindeutige Handlungsanweisungen für das, was frau
von ihm will. Freundlich vorgetragene Bitten, die den Zeitpunkt der gewünschten
Erledigung nicht klar umreißen, werden garantiert nie erledigt.
Ein Mann vermag nicht zwischen den Zeilen zu lesen!
Seit mir
das zur klaren Erkenntnis wurde, bin ich vom Du könntest mal
... zum Du mußt jetzt ... übergegangen, was
übrigens das Mahnverfahren geradezu überflüssig macht.
Da ich trotz
meiner fortgeschrittenen Jahre noch immer ein kindlich weihnachtsgläubiger
Mensch bin und nach den kleinen Überraschungen dieser Zeit giere,
habe ich, um vergeblichem Hoffen zu entgehen, zur Selbsthilfe gegriffen.
Wenige Tage vor Weihnachten erinnere ich regelmäßig meinen
mir Anvertrauten an die weihnachtstypischen Kalendertage, wobei sich die
schriftliche Form am besten bewährt hat. Natürlich wegen der
Vergeßlichkeit!
Ich legte
also meinem mir Anvertrauten einen Zettel folgenden Inhalts in die Butterbrotdose:
In schwierigen Fällen sollte man vielleicht darauf hinweisen, daß
diese Herren kleine Gaben mit sich führen in der freundlichen Absicht,
diese zu verteilen. Diese Tatsache sollte allerdings auch in der Welt
des Mannes hinreichend bekannt sein.
Da Nikolaus
und Weihnachten zwar allgemeine und feststehende gabenbringende Festlichkeiten
sind, können sie aber doch dem Gedächtnis des normalen Mannes
zum fraglichen Zeitpunkt entfallen. Dieses durch meinen diskreten Hinweis
in Betracht ziehend, wollte mein mir Anvertrauter seinen Kollegen Gutes
tun und offenbarte ihnen in der Mittagspause rechtzeitig vor dem Nikolaustag
meinen Erinnerungszettel aus der Butterbrotdose.
Damit hatte
er offensichtlich des Pudels Kern getroffen, denn geradezu neidvoll entfuhr
es einem wohl leidgeprüften Kollegen: Hast du es gut! Meine
Frau läßt mich immer ins offene Messer laufen!
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