|
08.15 - 09.40 Uhr
Welt im Aufbruch
1900 - 1913 l Dokumentation l Moderator: Guido Knopp
"Es war das Jahrhundert von Hitler und Einstein, Hiroshima und Gandhi,
Auschwitz und der Mondlandung. Es hat gezeigt, was dieser schöne
blaue Planet sein kann, wenn nicht nur Mut und wissenschaftliche Vernunft
regieren, sondern obendrein auch Menschlichkeit und Liebe. Und es hat
gezeigt, wozu die Menschen technisch und moralisch fähig sind: zu
allem. Etwa ihresgleichen auszulöschen. Nichts führt die Kontraste
dieser 100 Jahre deutlicher, bewegender vor Augen als die großen
Bilder des Jahrhunderts.
Erst das 20. Jahrhundert liefert mit dem Aufkommen von Fotografie und
Film in überreichem Maße jene Bilder, die Geschichte machten.
Erstmals in der Geschichte der Menschheit ist es möglich, ein gesamtes
Jahrhundert im Bild wiederzugeben. Fast jedes historische Ereignis, jeder
schicksalhafte Augenblick ist fotografisch dokumentiert.
Doch viele dieser Bilder sind mehr als nur Momentaufnahmen. Sie stehen
symbolisch für eine ganze Epoche und das Schicksal einer ganzen Generation.
Der erste Motorflug der Menschheit; das Attentat in Sarajewo; der "Schwarze
Freitag" in New York; der spanische Soldat im Augenblick des Todes;
das Tor von Auschwitz-Birkenau; der Junge aus Warschau, der mit erhobenen
Händen auf den Abtransport ins KZ wartet; die rote Fahne auf dem
Reichstag, genäht von einem jüdischen Schneider; der Sprung
des Volksarmisten Conrad Schumann über den Stacheldraht beim Bau
der Mauer in Berlin; das nackte Mädchen aus Vietnam auf der Flucht
vor einem Napalm-Angriff; die ersten Schritte eines Menschen auf dem Mond;
Jubel und Tränen beim Fall der Berliner Mauer - Bilder wie diese
haben sich den Menschen eingeprägt, erzählen Geschichten und
sind Geschichte.
Bilder sind mächtig und bleiben dennoch oft oberflächlich. Sie
zeigen nicht, wie Situationen entstanden sind, was nach der Momentaufnahme
geschah, was aus den Menschen wurde, die das Ereignis erlebten. Die Geschichten
hinter der Geschichte zu erzählen, die Bilder hinter den Bildern
zu zeigen - dieser Aufgabe stellt sich '100 Jahre - Der Countdown'."
Prof. Guido Knopp ist Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte.
09.40 - 10.25 Uhr
Grabenkrieg
1914 - 1919 l Dokumentation l Moderator: Guido Knopp
1914 - Das Attentat von Sarajewo
28. Juni 1914: Österreich-Ungarns Thronfolger Franz Ferdinand und
seine Frau sind zu Besuch in Bosniens Hauptstadt Sarajewo. Gerade waren
sie im Rathaus, winken aus ihrer Kutsche fröhlich in die Menge. Plötzlich
Schüsse - ein junger Mann feuert zweimal. Der Thronfolger und seine
Frau sind sofort tot. In diesem Moment ahnt niemand, dass der 17-jährige
Schüler mit dem Attentat den Ersten Weltkrieg entfacht. Er tat es
für die Unabhängigkeit Bosniens von der Donau-Monarchie. Das
brodelnde Völkergemisch auf dem Balkan ist auch am Ende des Jahrhunderts
wieder Europas größter Krisenherd.
1916
- Die Hölle von Verdun
"Ich sage euch Lebewohl, meine lieben Eltern", schreibt Soldat
Otto Heinebach. Es ist der 20. Februar 1916. Der Berliner Student weiß
genau, was ihm bevorsteht: "Wenn ich falle, tragt es bitte mit Fassung.
In Gedanken lösche ich meine Lebenslampe am Vorabend dieser furchtbaren
Schlacht. Vergesst mich nicht." Am nächsten Tag bricht der Sturm
auf Verdun los - Otto Heinebach stirbt in den ersten Morgenstunden im
Feuerhagel.
Es ist die grausamste und längste Schlacht des Ersten Weltkriegs:
Monatelang gab es keinerlei Vorankommen. 300.000 deutsche und französische
Soldaten sterben, weitere 770.000 werden verwundet. Am 2. September 1916
stellt das deutsche Heer die Kampfhandlungen vor Verdun ein - es steht
wieder in seiner Ausgangsstellung und hat keinen Gewinn von Territorium
erzielt. Bis heute steht allein das Wort "Verdun" als ewiges
Symbol für die Sinnlosigkeit des Krieges.(Foto Quelle: ZDF)
1917 - Die rote Revolution
Petersburg, 25. Oktober 1917: Im Kabinettszimmer des Winterpalais dinieren
die Minister der Regierung Kerenski. Zur gleichen Zeit stehen aufrührerische
Bolschewiki am nahen Newa-Ufer. Sie überraschen die Minister beim
Nachtisch: "Sie alle sind verhaftet", erklärt der Anführer
der Truppe. Und Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin verkündet:
"Die Geschichte verzeiht uns nie, wenn wir jetzt nicht die Macht
ergreifen."Der Sturm auf das Winterpalais - ein revolutionärer
Spaziergang. Lenin wurde der erste kommunistische Führer dieses Jahrhunderts.
Obwohl die sozialistische Welt untergegangen ist, glauben einige "Betonköpfe"
noch immer an sie - so in China und Nordkorea.
1918 - Es lebe die Republik!
9. November 1918: "Schamloser Verrat", tobt Deutschlands Kaiser
Wilhelm II. im belgischen Spa. Die Nachricht über das Ende seiner
Herrschaft ereilt ihn im deutschen Hauptquartier hinter der Front. "Die
Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe die Republik!", ruft der
SPD-Abgeordnete Philipp Scheidemann wenig später vom Berliner Reichstag
herab. Der Umsturz entstand aus der Niederlage: Im August war das deutsche
Heer geschlagen, der Erste Weltkrieg verloren. Es ist der Anfang der deutschen
Demokratie - doch ihr stehen schwere Zeiten bevor: Reparationszahlungen
an die Sieger, Hyperinflation, aber auch Umsturzversuche von rechts und
von links. Wirklich begeistern kann sich kaum jemand für diese erste
deutsche Republik: "Weimar" gilt im Rückblick als "Demokratie
ohne Demokraten".
1919 - Der diktierte Frieden
28. Juni 1919: Im Versailler Prunkschloss drängeln sich Regierungschefs.
"Führen Sie die Deutschen herein!" Den Worten des "Tigers"
folgt unheimliche Stille. Georges Clemenceau, Frankreichs Ministerpräsident,
hat wirklich etwas Raubtierhaftes. Da erscheinen sie - die Deutschen.
"Die waren todblass", so ein US-Diplomat, "erschienen nicht
wie brutale Militaristen." Kaum jemand kennt Außenminister
Müller und Kolonialminister Bell. Sie unterschreiben bedingungslos
den Friedensvertrag. Dann folgen Vertreter der 27 Staaten, gegen die das
Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg führte. Der Vertrag von Versailles
wird Sinnbild für ein nationales Trauma: Deutschland hatte alles
verloren.
20 Jahre später beginnt Deutschland den fürchterlichsten aller
Kriege überhaupt - den Zweiten Weltkrieg. Hitler schöpfte einen
Großteil seiner Macht aus dem verletzten Stolz der Deutschen.
10.25 - 12.20 Uhr
Verrückte Jahre
1920 - 1932 l Dokumentation l Moderator: Guido Knopp
1920 - Die große Prohibition
16. Januar 1920: Produktion, Transport und Verkauf von Alkohol werden
in den USA von heute auf morgen verboten. Doch der verordneten Moral folgt
maßloses Trinken: Alkoholsünder schleichen zu getarnten Kneipen,
klopfen in Hinterhöfen an unscheinbare Türen. Gucklöcher
gehen auf, Codeworte werden geflüstert. Eine halbe Million Amerikaner
werden bis 1930 verhaftet. Auch Al Capone muss vor Gericht: "Ich
verkaufe nur Bier und Whiskey an ehrbare Bürger", sagt der Gangster
den Richtern ins Gesicht. "Leute wie Sie sind meine besten Kunden."
Kriminalität, Schwarzhandel und Korruption feiern ein rauschendes
Fest. 1933 wird das Gesetz aufgehoben. Alkohol ist heute weltweit die
legale Droge Nummer eins.
1922
- Mussolinis Marsch auf Rom
30. Oktober 1922: Benito Mussolini besucht die Mailänder Scala, fährt
dann per Zug nach Rom - mit Verspätung. Pathetisch lässt Mussolini
den Bahnhofsvorsteher verkünden: "Ab sofort haben alle Züge
pünktlich zu fahren." Pünktlichkeit in Italien - die Nation
tobt vor Begeisterung. Ordnung und Sicherheit verspricht der faschistische
Frontkämpfer. Der begeisterte König erteilt Mussolini den Auftrag
zur Regierungsbildung, vom Parlament erhält er eine Generalvollmacht.
Ein tragischer Irrtum: 23 Jahre später wird Mussolini auf dem Domplatz
in Mailand von ehemaligen Gefolgsleuten gehängt. Statt zu alter Größe
führte er das Land in die Niederungen des Faschismus. Bis heute leidet
Italien unter dieser nationalen Katastrophe - und Rechtsextreme sind weiterhin
im Parlament. (Foto Mussolini; Quelle: ZDF)
1922 - Das Grab des Tutenchamun
26. November 1922: Bei Luxor, im "Tal der Könige", herrscht
ehrwürdige Stille. "Zuerst sah ich nichts", erinnert sich
Howard Carter. "Dann tauchten aus dem Staub Einzelheiten auf: Tiere,
Statuen, überall glitzerndes Gold." Der Hobby-Archäologe
entdeckt das völlig unberührte Grab des Tutenchamun, die Mumie
des vergessenen Pharao: Hände über die Brust gekreuzt, Augen
nach oben gerichtet, seit 3.300 Jahren zur Ruhe gebettet. Es ist die sensationellste
Entdeckung des Jahrhunderts. Sie beflügelt die Phantasie der Menschen
und lässt sie noch heute von vergangenen Reichtümern träumen.
Ägypten wird zum Mekka der Altertumsforscher.
1923 - Hitlers Putsch
Der Abend des 8. November 1923: Mehr als 3.000 Menschen drängeln
sich im dunklen Münchner Bürgerbräu-Keller. NS-Führer
Adolf Hitler wartet sichtlich nervös vor dem Versammlungssaal, stürmt
um 20.30 Uhr mit gezogener Browning hinein. "Er rannte zum Rednerpult,
schoss mit dem Revolver in die Decke", erinnert sich Augenzeuge Günther
Grassmann. Hitler erklärt die bayerische Regierung für abgesetzt.
Einfach so. Grassmann: "Mir kam das alles extrem komisch vor. Wie
ein Kasperltheater." Drei Monate später wird dem Putschisten
der Prozess gemacht. Das Urteil: Fünf Jahre Festungshaft. Im Gefängnis
schreibt Hitler das Pamphlet "Mein Kampf". Neun Monate später
wird er entlassen, neun Jahre später Reichskanzler: Eine Machtübernahme
mit verheerenden Folgen für Deutschland und die Welt - durch jenen
Mann, den zur rechten Zeit keiner ernst nahm.
1924 - Stalins Griff zur Macht
21. Januar 1924: Wladimir Iljitsch Lenin, erster Regierungschef Sowjetrusslands,
stirbt. Auf diesen Tag hat Josef Stalin sehnlichst gewartet. Als ZK-Generalsekretär
schaltet er alle Konkurrenten um die politische Führung aus. "Der
Stählerne" nimmt sogar Leo Trotzki, dem Gründer der Roten
Armee, alle Parteiämter, jagt ihn ins Exil und lässt ihn Jahre
später ermorden. "Stalin fühlte sich als allmächtiger,
geheimnisvoller Gott", so Schriftsteller Ilja Ehrenburg. Fast 30
Jahre ist Stalin Herrscher der UdSSR. Mit Terror erzwingt er Gefolgschaft,
lässt Millionen töten. Seine Gräueltaten zeigen, was Diktatoren
einem Volk antun können. Beispiel von heute: Nordkorea.
1925
- Chaplin im Goldrausch
Die große Suche nach dem Glück: Ein Vagabund zieht in einem
Goldgräberzug westwärts - behauptet sich gegen Alaskas grimmige
Kälte und rauhe Sitten ungehobelter Kerle, besiegt den Hunger mit
seinem Stiefel, verspeist ihn mit den feinsten Tischmanieren: 1925 hat
Chaplins Film "Goldrausch" in New York Premiere. "Ein einziger
Mann auf dieser Welt kann Menschen fünf Minuten ununterbrochen zum
Lachen bringen", jubelt BBC-Sprecher Uncle Rex: "Charlie Chaplin!"
Seine Komödien bringen Hollywood Ruhm und Geld. Dieser Stadtteil
von Los Angeles steht weltweit und bis heute für die Sehnsucht der
Menschen, dem Alltag zu entfliehen. (Foto Quelle: ZDF)
1926 - Die schwarze Venus
Dem Publikum im Théatre des Champs-Élysées stockt
der Atem: Auf der Bühne steht ein Mädchen, schlank, dunkelhäutig,
fast vollkommen nackt. Um ihre Hüften wippen - Bananen! Josephine
Baker, 19 Jahre, Amerikanerin. In der Fassungslosigkeit setzt Musik ein.
Und mit ihr ein Tanz, den selbst die Pariser noch nie gesehen haben: Erotik
und Exotik pur. Der temperamentvolle Tanz trifft den Nerv der Zeit. Wie
ein Fieber verbreitet sich der Charleston über Europa - Shimmy, Foxtrott
und Onestep folgen. Die schwarze Venus wird zum Sinnbild der "wilden
20er-Jahre". Das Jahrhundert, in dem fast alle Tabus brechen, hat
begonnen.
1927 - Der erste Ozeanflug
Mitten in der Nacht steht Charles Lindbergh auf, fährt zum Flugplatz.
"Ich darf nicht länger warten", sagt er sich. Eine Wolkendecke
hängt über Long Island, der Regen hat das Flugfeld in eine Rutschbahn
verwandelt. Schwerfällig hebt die Maschine ab, knapp überwindet
sie eine Telegrafenleitung, verschwindet dann im Nebel. Lindbergh kämpft
gegen Wind, Wetter und Übermüdung - für den ersten Alleinflug
über den Atlantik. Nach einer Ewigkeit entdeckt er Fischerboote,
schreit hinunter: "Wo geht's nach Irland?" - Keine Antwort.
Nach 33,5 Stunden landet Lindbergh in Paris - die Menschen feiern seinen
Mut. Das Flugzeug wird zum fortschrittlichsten Verkehrsmittel, Kontinente
verlieren ihre Dimension. Hunderte Maschinen pendeln heute täglich
über den Atlantik.
1928 - Die Jahrhundertmedizin
Der Londoner Bakteriologe Alexander Fleming macht Urlaub. Eine Kulturschale,
in der er Bakterien angesetzt hatte, bleibt aus Versehen auf dem Arbeitstisch
liegen. Winzige Pilzsporen landen in der Kultur. Als Fleming nach drei
Wochen zurückkehrt, sind alle Bakterien in der Umgebung des Schimmelpilzes
abgestorben. Der Forscher untersucht das Phänomen - und kommt einer
Substanz auf die Spur, die viele Erreger schwerer Infektionskrankheiten
tötet. Flemings Unachtsamkeit ist die Mutter einer der größten
medizinischen Entdeckungen des Jahrhunderts: Penizillin. Im Zweiten Weltkrieg
überleben Soldaten Verletzungen, die im Ersten noch tödlich
waren. Bakterien haben ihren größten Schrecken verloren - heute
hofft die Medizin auf einen ähnlichen Glücksgriff im Kampf gegen
Viren, zum Beispiel AIDS.
1929 - Der Schwarze Freitag
New York, 25. Oktober: Leute, die gestern noch Millionäre waren,
verhökern den Schmuck ihrer Frauen. Der Grund: Die Kurse an der Börse
fallen ins Bodenlose, Panik greift um sich. Tumult auch auf der Straße:
Wütende Kleinanleger versammeln sich in der Wallstreet. An diesem
einen Tag werden mehr als 16 Millionen Aktien verschleudert, 5.000 Banken
erklären sich für zahlungsunfähig, neun Millionen Sparguthaben
existieren nicht mehr. Gesamtverlust: 50 Milliarden Dollar. Es kommt zur
ersten Weltwirtschaftskrise. Am Ende des Jahrhunderts prosperiert der
Aktienmarkt, Wertpapiere werden zur Rücklage für jedermann.
Doch der Einbruch 1987 hat erneut gezeigt: Den großen Börsen-Crash
kann es immer wieder geben.
1930 - Gandhis Salzmarsch
Der alte Mann schlägt ein Tuch um seinen ausgemergelten Körper.
Auf einen Stock gestützt bricht er auf, will zu Fuß die Küste
am Arabischen Meer erreichen, 200 Meilen in 24 Tagen: Mahatma Gandhi.
"Ich will das britische Volk durch Nicht-Gewalt bekehren", sagt
er leise, "es so zur Erkenntnis des Unrechts führen, dass man
Indien zugefügt hat." Tausende schließen sich unterwegs
an. Am Strand von Dandi angekommen, sammelt er demonstrativ Salzkristalle
auf. Mit diesem symbolischen Akt verletzt Gandhi bewusst das britische
Salzmonopol - die Kolonialmacht England wird ins Mark getroffen. Sein
Verstoß endet 14 Jahre später mit der Unabhängigkeit Indiens,
der größten Demokratie der Welt. Gandhis ziviler Ungehorsam
wurde Vorbild für viele im 20. Jahrhundert, zum Beispiel für
die deutsche Friedensbewegung - passiver Widerstand statt Randale.
1932 - Weimar am Ende
Stunde um Stunde steht der unbekannte Arbeitslose an diesem kalten Wintertag
auf der Straße. Mehr als sechs Millionen Deutsche haben keinen Job,
viele betteln vor Fabriktoren um Arbeit. Enttäuschte Hoffnung schlägt
in Resignation um. Als Hitler an die Macht kommt, gibt es in der Waffenindustrie
und im Autobahnbau plötzlich wieder Beschäftigung - eine zweifelhafte
Leistung lullt die Massen ein.
Weltweit ist heute die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit die größte
politische Herausforderung. Man hat gelernt: Ein Volk ohne Jobs fällt
leicht auf selbst ernannte Heilsbringer herein. Am Ende des Jahrhunderts
sitzen Rechtsextreme erneut in deutschen Parlamenten.
12.20 - 13.35 Uhr
Hitler an der Macht
1933 - 1938 l Dokumentation l Moderator: Guido Knopp
1933 - Hitlers Machterschleichung
Berlin, 30. Januar 1933: Ein bitterkalter Wintermorgen, Menschen in Warteschlangen
vor Wohlfahrtsküchen frieren bei minus 10 Grad. Plötzlich um
halb elf: "Heil"-Rufe unter den Passanten - erst einzelne, dann
immer mehr. In langen Mänteln fahren Hitler, Göring und Frick
im offenen Mercedes zur Reichskanzlei. Kurz vor zwölf: Hitler schwört
den Amtseid auf die Republik, Präsident von Hindenburg ernennt ihn
zum Reichskanzler. "Die Masse ist wie ein Weib", sagt Hitler
danach, "und als solche mache ich sie mir jetzt gefügig. Keine
Macht der Welt wird mich hier jemals lebend wieder herausbringen."
Den Verrückten durch Macht zu beschwichtigen, das war der vielleicht
größte Irrtum der Weltgeschichte. In Hitlers "1000-jährigem
Reich" erlebt Deutschland seine schwärzeste Phase - ein leichtfertig
verschuldetes, bleibendes Trauma.
1934 - Maos langer Marsch
Vom Berg schreit eine Stimme in den Wind: "Durchhalten heißt
siegen!" Die rote Fahne weht auf dem Gipfel, daneben steht Mao Tse-tung.
"Seht her, sogar der Schneesturm verneigt sich vor unserem Banner."
Monatelang schleppen sich 100.000 kommunistische Bauern-Kämpfer über
Chinas unwirtliche Gebirge. Zu Fuß und auf Pferden folgen sie Mao
- 12.000 Kilometer. Die Flucht vor der militärisch weit überlegenen
nationalistischen Armee wird zum Siegeszug: Mao zieht die Massen in seinen
Bann, schließlich auch die gegnerischen Soldaten. Der leuchtende
Führer der KP steht für die Scheinheiligkeit der Diktatur: Mao
selbst lebte bis zum Tode in Saus und Braus.
1936 - Im Augenblick des Todes
Die Wucht der Kugel trifft den spanischen Soldaten im vollen Lauf. Den
Bruchteil einer Sekunde scheint er zu schweben: Oberkörper nach hinten
gerissen, Arme wie ein Schmetterling weit ausgebreitet. Es sieht aus,
als will er sein Gleichgewicht noch einen Atemzug lang halten. Doch einen
Moment später schlägt sein Körper rücklings auf den
Boden. Er ist tot. Zehntausende sterben im Spanischen Bürgerkrieg.
Die nordspanische Stadt Guernica wird durch nagelneue Flugzeuge der deutschen
Legion Condor, die auf Seiten des General Franco kämpft, völlig
zerstört.
Nach dem Sieg der Nationalisten tritt Franco an die Spitze einer autoritären
Regierung, die in Spanien bis 1975 an der Macht bleibt. In seinem Bild
"Guernica" thematisiert der Maler Pablo Picasso diese erste
totale Vernichtung einer Stadt mit modernen Kriegsmitteln: die Mutter
mit zerfetztem Kind als Sinnbild des menschlichen Leids, das Pferd, das
die leidende Bevölkerung im Kriege symbolisiert, die Zunge als Granate
geformt. Picassos berühmtes Bild wird weltweit zum mahnenden Symbol
für die Schrecken des Krieges - im angebrochenen Jahrhundert der
Massenvernichtungswaffen.
1936 - Der schöne Schein
Dramatisches Finale: Im Weitsprung-Duell besiegt der schwarze Amerikaner
Jesse Owens den Deutschen "Arier" Lutz Long. Vor den Augen der
entsetzten NS-Prominenz praktizieren die beiden bei Olympia in Berlin
dann auch noch Völkerfreundschaft - umarmen sich, legen sich Seite
an Seite ins Gras, kauen Halme wie Schulfreunde. Mit viermal Gold wird
Owens zum Liebling der Massen. Nach den Spielen fällt die Fassade
der Nazis wieder: "Die Amerikaner lassen sich ihre Medaillen von
Negern gewinnen", grummelt Hitler. Erstmals werden die friedlichen
Weltspiele von politischen Ideologien überschattet - aber nicht zum
letzten Mal.
1937 - Das Zeppelin-Inferno
Leichter Nieselregen über Lakehurst bei New York. "Plötzlich
herrschte seltsame Stille", erinnert sich der Passagier Leonhard
Adelt. "Die Motoren schwiegen. Es war, als hielte die ganze Welt
den Atem an." Friedlich schwebt das riesige Schiff in 25 Meter Höhe
am Ankermast. Nur wenige an Bord hören die gedämpfte Explosion,
die das große Inferno ankündigt. Plötzlich schreit ein
Offizier: "Das Schiff brennt!" Der Bug schnellt nach oben, Passagiere
werden herauskatapultiert. Die "Hindenburg", größtes
und luxuriösestes Luftschiff der Welt, wird in Sekunden zur Fackel:
35 Menschen sterben. Roosevelt schickt Hitler ein Beileidstelegramm. Das
schnelle Ende eines neuen Verkehrsmittels: Kein einziger zahlender Passagier
reiste seit diesem Tag mehr in einem Luftschiff.
1937 -
Stalin der Diktator
Das Mädchen aus Sibirien lächelt glücklich, ihre schwarzen
Mandelaugen strahlen. Vertrauensvoll schmiegt sich die siebenjährige
Gelja Marzikova an die Schulter des fremden Mannes, überreicht ihm
Blumen. Josef Stalin, der allmächtige Diktator, hat sie gütig
lächelnd auf seinen Arm genommen. Stalin, wie er sich der Öffentlichkeit
zeigt: als gutmütiges "Väterchen". Als er 1953 stirbt,
ist Gelja, inzwischen Waise, endlos traurig. "Viel später habe
ich erfahren, welch schreckliche Verbrechen Stalin begangen hat",
sagt die alte Frau heute. Erst nach Jahrzehnten erkennen die Russen die
wahre Fratze Stalins - viele jedoch glorifizieren ihn bis heute. Seinen
Gräueltaten am eigenen Volk fielen mehr Menschen zum Opfer als den
Deutschen im Weltkrieg. Auch Geljas Eltern. (Foto Josef Stalin; Quelle:
ZDF)
1938 - Der erkaufte Friede
Zufriedene Mienen bei den Nazis: Göring und Hitler sehen zu, wie
der Franzose Daladier nach dem Briten Chamberlain und dem Italiener Mussolini
das "Münchner Abkommen" unterzeichnet. Das Sudetenland
wird an das Reich abgetreten, dort lebende Tschechen müssen das Gebiet
räumen. Doch insgeheim will Hitler den Krieg. Der Streit um das Sudetenland
ist nur ein Schritt auf dem Weg an sein Ziel: Eroberung von "Lebensraum
im Osten". Hitler sucht "den Kampf lieber als 50-jähriger
als mit 55 oder 60".
Die Sudetendeutschen bereiten ihm nach dem Erfolg von München einen
triumphalen Empfang - erst viel später merken sie, dass sie nur Statisten
in Hitlers bösem Spiel waren. Nach dem Krieg rächen sich die
Tschechen: Hunderttausende Sudetendeutsche werden enteignet und vertrieben.
Das begangene Unrecht auf beiden Seiten trübt das Verhältnis
Bonn-Prag bis zum Ende des Jahrhunderts.
1938 - Die Pogromnacht
Emden am 9. November: "Es klirrt, Scheiben splittern", erinnert
sich der Überlebende Walter Philipson. "Ich höre Schreie,
sehe, wie Menschen aus Fenstern gestoßen werden." SA-Horden
brechen die Tür zu seinem Elternhaus auf, schießen seinem Vater
in die Brust. Auf Befehl des Führers zerstört und plündert
die SA jüdische Geschäfte, verprügelt und tötet die
Inhaber und ihre Familien. 30.000 Menschen werden in Lager verschleppt,
1.400 Synagogen zerstört. Mörderische Gewalt gegen Juden wird
mitten in Deutschland entfesselt - lange bevor sie in den Vernichtungslagern
Methode wird. Die zynisch so genannte "Reichskristallnacht"
ist ein weiterer Schritt auf dem Weg in die Gaskammern.
1939 - Der Überfall
Danzig im Morgengrauen des 1. Septembers: Um 4.47 Uhr gibt Kapitän
Gustav Kleikamp den Befehl: "Feuer!" Sämtliche Geschütze
des Linienschiffs "Schleswig-Holstein" feuern auf ein polnisches
Munitionsdepot - ohne vorherige Kriegserklärung. 10 Uhr: Hitler tritt
vor den Berliner Reichstag und verkündet: "Polen hat den Kampf
um Danzig eröffnet. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen."
Es wurde geschossen, doch es waren die Deutschen, die das Feuer eröffnet
hatten. Hitler hatte den Angriff auf Polen am Vortag befohlen. Er brach
damit einen Krieg vom Zaun, den er stets gewollt und immer wieder, wenn
auch unfreiwillig, verschoben hatte. Und jetzt verknüpfte er das
Schicksal Deutschlands endgültig mit seinem eigenen Lebenslauf. "Ich
habe in meinem Leben immer Alles oder nichts gespielt."
Für Hitler hieß das: Weltherrschaft oder Untergang. 3.200 Panzer
und mehr als 1,5 Millionen deutsche Soldaten rückten in Polen ein.
Vor ihnen lagen die Unterwerfung und Zerstücklung Polens, die Zerstörung
seiner Hauptstadt Warschau, eine erste Kette von brutalen Massenmorden.
Und ein schrecklicher Krieg mit Millionen von Toten, der zeigen sollte,
zu welcher bis dahin unvorstellbaren Brutalität Menschen fähig
sind.
13.35 - 15.05 Uhr
Totaler Krieg
1939 - 1945 l Dokumentation l Moderator: Guido Knopp
1939 - Der Überfall
Danzig im Morgengrauen des 1. Septembers: Um 4.47 Uhr gibt Kapitän
Gustav Kleikamp den Befehl: "Feuer!" Sämtliche Geschütze
des Linienschiffs "Schleswig-Holstein" feuern auf ein polnisches
Munitionsdepot - ohne vorherige Kriegserklärung. 10 Uhr: Hitler tritt
vor den Berliner Reichstag und verkündet: "Polen hat den Kampf
um Danzig eröffnet. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen."
Es wurde geschossen, doch es waren die Deutschen, die das Feuer eröffnet
hatten. Hitler hatte den Angriff auf Polen am Vortag befohlen. Er brach
damit einen Krieg vom Zaun, den er stets gewollt und immer wieder, wenn
auch unfreiwillig, verschoben hatte. Und jetzt verknüpfte er das
Schicksal Deutschlands endgültig mit seinem eigenen Lebenslauf. "Ich
habe in meinem Leben immer Alles oder nichts gespielt."
Für Hitler hieß das: Weltherrschaft oder Untergang. 3.200 Panzer
und mehr als 1,5 Millionen deutsche Soldaten rückten in Polen ein.
Vor ihnen lagen die Unterwerfung und Zerstücklung Polens, die Zerstörung
seiner Hauptstadt Warschau, eine erste Kette von brutalen Massenmorden.
Und ein schrecklicher Krieg mit Millionen von Toten, der zeigen sollte,
zu welcher bis dahin unvorstellbaren Brutalität Menschen fähig
sind.
1940 - Hitler in Paris
Der "Gröfaz", der "größte Feldherr aller
Zeiten", erkundet als "Tourist" Paris, besteigt den Eiffelturm,
fährt über die Champs-Élysées, verneigt sich am
Grab Napoleons. Und genießt den größten Triumph seines
Lebens: Frankreich hat kapituliert, der Westfeldzug ist beendet. In kurzer
Zeit hat er halb Europa unterworfen. Die deutsche Wehrmacht scheint unbesiegbar.
Doch der Exil-General Charles de Gaulle bleibt kämpferisch: "Unser
Widerstand ist ungebrochen." Wenige Deutsche ahnen, dass Hitlers
"glorreichstem Sieg" weitere Feldzüge und schließlich
die totale Niederlage folgen sollten. Nach dem Krieg kam es zu vorsichtigen
Annäherungsschritten zwischen den angeblichen "Erbfeinden".
Heute ist die enge deutsch-französische Freundschaft zum verlässlichsten
Motor der europäischen Vereinigung geworden.
1941 - Das "Unternehmen Barbarossa"
22. Juni 1941: Stalin wird durch die Meldung vom Angriff Deutschlands
aus dem Schlaf gerissen. Um 4.30 Uhr morgens tagt die erste Krisenrunde
im Kreml. Stalin will es nicht wahrhaben: "Alles nur Provokationen!"
Fakt ist: Hitler hat den Angriff auf die Sowjetunion befohlen. Mitten
in der Nacht bricht das Inferno auf einer Länge von 1.600 Kilometern
aus 7.000 Geschützen los.
Nachdem Westeuropa überrannt war, brechen zwischen Ostsee und Karpaten
drei Millionen deutsche Soldaten auf, um "Lebensraum" zu erobern.
Sieben deutsche Armeen, vier Panzerverbände und drei Luftflotten
dringen nach Osten vor. Im Sommer 1941 kontrollieren deutsche Truppen
ganz Europa. Nie zuvor forderte ein Krieg so viele Opfer auf allen Seiten
- mehr als 50 Millionen. Er gerät zum mörderischsten Schlachten
der neuen Geschichte, die Welt ertrinkt in einem Meer von Blut und Tränen.
Der Zweite Weltkrieg brachte die Überzeugung, dass durch Krieg niemand
wirklich gewinnen kann.
1941 - Angriff auf Perl Harbour
7. Dezember 1941: Ein klarer Sonntagmorgen auf den Hawaii-Inseln. Plötzlich
dröhnt der Himmel über dem Marinestützpunkt "Pearl
Harbor". In mehreren Wellen röhren 360 japanische Kampfflugzeuge
im Tiefflug über den Hafen, Torpedos und Bomben fallen. Eine durchschlägt
das Vorderdeck des US-Schlachtschiffs "Arizona" und detoniert
in den Munitionskammern. Die Explosion hebt den Rumpf fünf Meter
aus dem Wasser. Sechs Decketagen schmelzen im Flammenmeer, ein großer
Teil des Schiffs versinkt in der Tiefe: 1.177 Mann sterben. Im Bombenhagel
versinken Zerstörer, Kreuzer und Flugzeuge der US-Navy. Die Vereinigten
Staaten treten in den Krieg ein und mobilisieren ihre gewaltige Wirtschaftsmacht.
Die überlegene Militärmaschinerie, die in den folgenden Jahren
entsteht, fegt erst Hitlers "Drittes Reich" von der Weltbühne,
dann - durch den Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroshima - Japans Regime.
1942 - Tatort Auschwitz
Auf der "Wannsee-Konferenz" beschließen die Nazis die
"Endlösung der Judenfrage". Das Wort "Liquidation"
taucht im Protokoll nicht auf, doch Hitler spricht Tage später offen
aus, was gemeint ist: "Die Vernichtung des Judentums". Massenmord
nach Plan. Juden werden in Güterwaggons gepfercht. Die Todesfahrt
geht ins besetzte Polen. Endstation Auschwitz: Allein hier sterben eine
Million Menschen den qualvollen Tod in den Gaskammern. Erst Ende 1944
endet das Morden in den Vernichtungslagern im Osten. Die grausige Bilanz
des Holocaust: sechs Millionen Tote. Der Ortsname Auschwitz bleibt das
Synonym für mörderischen Rassenwahn. Noch heute leiden die Überlebenden
unter ihren Erinnerungen.
1943 -
Entscheidung Stalingrad
Neun eisige Winterwochen ist die sechste deutsche Armee in Stalingrad
eingekesselt. "Munition praktisch verschossen", funkt General
Friedrich Paulus nach Berlin, er will die Kapitulation. Hitler lehnt ab.
Er befördert Paulus stattdessen zum Generalfeldmarschall. Der Diktator
will den Untergang seiner Armee - neue Heldenlegenden sind ihm lieber
als eine schmachvolle Niederlage. 146.000 Soldaten sind dem Wahn an der
Wolga schon zum Opfer gefallen. "Sie starben, damit Deutschland lebe",
heißt die offizielle Lesart.
Am Ende kapituliert Paulus mit 90.000 Soldaten. Nur 6.000 von ihnen werden
- nach langen Jahren der Gefangenschaft - die Heimat lebend wiedersehen.
Die Niederlage von Stalingrad führt vielen Deutschen Anfang 1943
vor Augen, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist. Doch Goebbels schreit
in den Berliner Sportpalast: "Wollt ihr den totalen Krieg?"
Das tosende Publikum will ihn, und Deutschland wird ihn in den folgenden
beiden Jahren erleben - bis zum bitteren Ende. (Foto Quelle: ZDF)
1944 - Der längste Tag
Es ist ein Überraschungscoup: Im Schutz der Dämmerung des 6.
Juni tauchen die 4.126 alliierten Landungsboote vor der Küste der
Normandie auf. Allein an diesem Tag setzen sie 150.000 Soldaten an Land
- der Endkampf um Europa hat begonnen. Schon in der Nacht hatten alliierte
Bomber Angriffe auf die Küste geflogen, tausende Fallschirmjäger
waren von Transportflugzeuge abgesetzt worden. Hitler und das Oberkommando
der Wehrmacht hatten mit einer Invasion am Pas de Calais gerechnet.
Trotzdem tobt im amerikanischen Angriffssektor "Omaha Beach"
das Inferno. Fast 2.000 GIs fallen im tödlichen Feuer der Maschinengewehre,
die aus den deutschen "Atlantikwall"-Bunkern auf sie zielen.
Am Ende des "längsten Tages" ist der Sprung auf den Kontinent
geglückt. Der erste Schritt bei dem noch elf Monate dauernden Kampf
bis zur endgültigen Befreiung Europas vom Nazi-Terror war getan.
1945 - Die rote Fahne auf dem Reichstag
Nach tagelangem blutigem Kampf fällt Berlin. Auf dem ausgebombten
und zerschossenen Reichstag hissen Sowjetsoldaten die rote Fahne, nehmen
Besitz vom letzten Teil der Reichshauptstadt. Inszeniert wird das ganze
am 2. Mai von dem russischen Fotografen Jewegenij Chaldej als Siegesdokument
für die Rote Armee. Sowjetsoldaten hatten zuvor Etage um Etage, Raum
um Raum des Reichstags gegen den sinnlosen Widerstand deutscher Soldaten
erobert.
Noch heute finden sich auf den alten Mauern im Inneren des Gebäudes
die stolzen Graffiti der sowjetischen Eroberer. Zwei Ehrenmale, eins im
ehemaligen Ostteil, ein anderes im ehemaligen Westteil Berlins, erinnern
heute an den gewaltigen Blutzoll, den der Zweite Weltkrieg allein der
Bevölkerung der Sowjetunion abforderte: 20 Millionen Menschenleben.
1945 - Die Bombe
Sommer in Hiroshima: 27 Grad. Es ist windstill. Die Menschen auf den Straßen
ignorieren den Luftalarm. Nur drei Flugzeuge sind am Himmel zu sehen.
Die Japaner ahnen nichts von der tödlichen Fracht an Bord des Bombers
"Enola Gay". Um 8.15 Uhr klinkt Bordschütze Tom Feerebee
"Little Boy" aus - der erste Kampfeinsatz einer Atombombe. Sie
detoniert 43 Sekunden später über der 300.000-Einwohner-Stadt.
Sturm und Höllenfeuer breiten sich mit einer Geschwindigkeit von
1.200 Kilometer pro Stunde aus: 70.000 Einwohner sterben sofort, bis 1950
steigt die Opferzahl auf 200.000 an. Um den Kriegsgegner Japan endgültig
in die Knie zu zwingen, werfen die Amerikaner drei Tage später eine
zweite Bombe ab. Sie trifft die Stadt Nagasaki - durch die Explosion und
Strahlenschäden sterben bis 1950 fast 140.000 Menschen.
Kaiser Hirohito kapituliert wenige Tage nach den Abwürfen. Die Nachkriegswelt
wird von der Bombe nachhaltig geprägt: Der Atomkrieg wird zur größten
Bedrohung, der sich die Menschheit je ausgesetzt sah - paradoxerweise
aber auch zum Friedens-Garanten im Kalten Krieg zwischen Ost und West.
15.05 - 16.45 Uhr
Neubeginn
1946 - 1955 l Dokumentation
1946 - Das Tribunal der Sieger
Nürnberg: Umringt von US-Soldaten sitzen sie im Scheinwerfer-Licht
in zwei Reihen auf Holzstühlen - 20 Repräsentanten des NS-Staates,
die dem "Dritten Reich" an höchsten Stellen dienten. Darunter:
Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm
Keitel. Die Anklage: Verschwörung und Verbrechen gegen den Frieden
und die Menschlichkeit.
Hitler, Goebbels und Himmler hatten sich vorher durch Selbstmord aus der
Verantwortung gestohlen. Nur wenige Täter zeigen Reue. Ex-Außenminister
von Ribbentrop erklärt: "Jetzt kann ich meine schönen Memoiren
nicht mehr schreiben." Am 1. Oktober verkündet der Vorsitzende
die Urteile: Strang für einige, lange Haft für viele. In den
Westzonen verurteilen Militärgerichte in der Folgezeit mehr als 5.000
Angeklagte. "Warum wurden solche Prozesse nicht schon vor 1.000 Jahren
geführt? Dem Globus wäre viel Blut und Leid erspart geblieben",
schreibt Schriftsteller Erich Kästner.
1947 - Kampf um Israel
Tel Aviv: Die Nachricht aus New York löst Jubel aus. Die UN-Vollversammlung
beschließt Palästinas Teilung in einen jüdischen und einen
arabischen Teil. Unter der Davidstern-Fahne ziehen Anhänger des Judenstaates
durch die Straßen der Stadt. "Nach zwei Jahrtausenden Finsternis
bricht endlich die Morgenröte der Erlösung an", verkündet
Oberrabbiner Isaac Herzog. Doch die arabische Bevölkerung reagiert.
Sie greift zu den Waffen. Ströme von Blut werden im 20. Jahrhundert
im Heiligen Land vergossen. Ob Araber und Juden sich je als Nachbarn akzeptieren?
Die jüngste Entwicklung gibt Anlass zu Hoffnung.
1948 -
Rosinenbomber für Berlin
Berlin: Das Flugzeug von Kapitän Gail Halverson durchbricht die Wolkendecke.
Der US-Pilot sieht aus dem Cockpit im Berliner Trümmermeer den Flughafen
Tempelhof. Die Punkte am Boden: Kinder, die winkend den Flieger begrüßen.
Sie wissen, er hat ihnen etwas mitgebracht. An winzigen Fallschirmen aus
Taschentüchern schweben kleine Bündel dem Boden entgegen - mit
Kaugummi, Bonbons und Schokolade. Halverson hat neben den Geschenken wertvollen
Nachschub für Berlin an Bord. Vom 24. Juni '48 bis 4. Mai '49 sperren
sowjetische Truppen alle Zufahrtswege nach West-Berlin. Die alliierten
Rosinenbomber transportieren während der Blockade zwei Millionen
Tonnen Waren in die geteilte Stadt - per Luftbrücke. Eine neue Epoche
bricht an. Sie bestimmt 40 Jahre lang die Geschichte der Welt: der Kalte
Krieg zwischen Ost und West.(Foto Quelle: ZDF)
1949 - Die Geburt der Bundesrepublik
Bonn, 20. September 1949: Ein alter Mann wird Kanzler. 73 Jahre "jung"
ist der frühere Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer
bei seinem Amtsantritt. Vor dem Plenum des Deutschen Bundestages gelobt
er feierlich, einem Staat zu dienen, der erst vor wenigen Monaten - am
23. Mai 1949 - aus der Taufe gehoben wurde: der Bundesrepublik Deutschland.
Zeitgenosse Egon Bahr heute: "Nur wenige Menschen konnten sich vorstellen,
dass Deutschland 40 Jahre lang geteilt sein sollte." Heute ist das
ursprünglich provisorische Bonner Grundgesetz die Verfassung für
das vereinigte Deutschland.
1951 - Churchills letzte Schlacht
Winston Churchill strahlt Zuversicht aus, als er den 16. Wahlkampf seines
Lebens eröffnet. Mit der Geste, die ihn weltberühmt gemacht
hat: dem gespreizten Mittel- und Zeigefinger - "V" für
Victory. Die Wahlen vom 25. Oktober 1951 führen zur Rückkehr
einer Legende: Der Kriegspremier wird nach sechs Jahren Politik-Pause
erneut Regierungschef, mit 76 Jahren. Und ohne Selbstzweifel: "Wir
alle sind Würmer. Aber ich glaube, ein Glühwurm zu sein."
Für die Welt bleibt er der Mann, der im Zweiten Weltkrieg die Freiheit
seines Landes und Europas rettete. Auch wenn er selbst am Ende seines
Lebens klagte: "Ich habe viel erreicht. Doch zuletzt stehe ich nun
mit leeren Händen da: Das Britische Weltreich konnte ich nicht retten."
1953 - Triumph auf dem Mount Everest
29. Mai 1953, 6.30 Uhr: Das Thermometer zeigt minus 27 Grad. Der Neuseeländer
Edmund Hillary und sein nepalesischer Sherpa Tensing Norgay brechen auf
zum letzten Anstieg. 9.30 Uhr: Sie legen leere Sauerstoff-Flaschen ab.
Plötzlich vor ihnen: ein zwölf Meter hohes, steil aufragendes
Hindernis aus Felsen und Schneewechten. Doch sie entdecken eine Eisrinne
nahe am Abgrund, tasten sich rückwärts hinauf. Oben setzt sich
der Grat fort, krümmt sich nach rechts. 11.30 Uhr: Sie haben es geschafft,
erreichen als erste Menschen den höchsten Punkt der Erde: den Gipfel
des Mount Everest, 8.846 Meter hoch. "Den Schuft haben wir erledigt",
sagt Hillary. Die beiden feiern mit Limonade und genießen die Ruhe.
Doch damit ist es seither vorbei: Mehr als 700 Menschen haben bis heute
auf dem "Dach der Welt" gestanden. Spezialreisebüros bieten
die Gipfeltour an: Für 65.000 Dollar machen sie Träume wahr
- oder führen direkt in den Tod. Über 150 Frauen und Männer
kamen schon ums Leben.
1953 - Die Krönung
London Westminster Abbey: Die 25-jährige Elisabeth besteigt den Thron
von Großbritannien und Irland. Der Erzbischof von Canterbury überreicht
der jungen Monarchin in einer pompösen Zeremonie Reichsapfel und
Zepter, setzt ihr die kiloschwere Krone aufs Haupt. Die Tochter und Nachfolgerin
von König Georg VI. wird Herrscherin des Vereinigten Königreichs.
Mehr als 7.500 geladene Gäste aus 75 Staaten verfolgen die Inthronisation.
Salutschüsse verkünden dem Volk die Krönung. Zwei Millionen
Menschen jubeln ihrer Monarchin auf dem Zug zum Buckingham-Palast zu.
Heute haben viele Briten ein gespaltenes Verhältnis zur Krone. Sie
halten die konstitutionelle Monarchie für nicht mehr zeitgemäß.
Skandale und Affären haben die "Royals" zudem in Verruf
gebracht.
1953 - Steine gegen Panzer
Kettenrasseln in den Straßen Ostberlins: Das Motorengedröhn
der Sowjet-Panzer erschüttert zehntausende DDR-Bürger, die für
freie Wahlen demonstrieren. Der russische Stadtkommandant ruft den Ausnahmezustand
aus. Doch junge Arbeiter fassen sich ein Herz, marschieren den Angreifern
entgegen, schleudern Steine auf die Panzer. Ein Reporter des Westsenders
Rias berichtet: "Salven gehen los, Menschen stürzen zu Boden,
alles ruft nach Sanitätern." Zwei Tage später ist der Aufstand
niedergeschlagen: 21 Tote, 187 Verletzte, 1.200 zu Haftstrafen verurteilte
Demonstranten. Im Herbst 1989 bleiben die Panzer in den Kasernen. Es wird
Wirklichkeit, was am 17. Juni 1953 noch Utopie war: die Freiheit und Einheit
Deutschlands.
1954 - Mythos Marilyn
New York, 52. Straße, Ecke Lexington Avenue: Tausende können
sich gar nicht sattsehen an der Schauspielerin beim Drehen einer Filmszene
für "Das verflixte siebte Jahr" von Regisseur Billy Wilder.
Die Dame vor der Kamera heißt Marilyn Monroe. Sie ist das Objekt
der Begierde einer ganzen Nation - zumindest der Männer. Als das
Gebläse im U-Bahn-Lüftungsschacht den Rock des Filmstars gewollt
hochwirbelt, ist die Menge außer Rand und Band.
Nicht nur die Beine blitzen hervor. Augenzeugen berichten: "Sogar
ihr knackiger Po war zu sehen. Da hätten die Russen in Manhattan
einmarschieren können - es wäre keinem aufgefallen." Im
prüden Amerika der 50er Jahre ist das zu viel Erotik. Die Szene wird
im Studio entschärft. Norma Jean Baker - so heißt Marilyn mit
bürgerlichem Namen - wird trotzdem zum Sexsymbol Amerikas und der
ganzen Welt.
1954 - Die Bombe von Bikini
In der Nähe der Marshall-Inseln im Pazifik werden japanische Fischer
urplötzlich nach einem gigantischen Knall von einem Ascheregen bedeckt.
Einer von ihnen stirbt durch radioaktive Verstrahlungen, die anderen erleiden
unheilbare Verseuchungen. Grund: Die bis dahin größte Explosion
der Menschheitsgeschichte. Die USA zünden auf dem Bikini-Atoll ihre
Wasserstoffbombe "Bravo". Mit einer Sprengkraft von 1.000 Hiroshima-Bomben
erreicht sie das doppelte der vorausberechneten Stärke. 287 Menschen
im Umkreis von 255 Kilometern werden verstrahlt, am stärksten die
23 japanischen Fischer in 60 Kilometern Entfernung vom Explosionsort.
US-Präsident Dwight D. Eisenhower bekennt: "Die Kontrolle des
Atomtests ist unseren Wissenschaftlern entglitten." Die Strahlung
machte das Bikini-Atoll bis heute unbewohnbar. Doch der atomare Rüstungswettlauf
geht weiter. Die Sowjetunion zündet ein Jahr später eine noch
größere Wasserstoffbombe über Sibirien, trotz der unvorhersehbaren
Folgen.
1955 - Die Heimkehr der Zehntausend
Die elfjährige Roswitha kennt den Mann nicht. Der Fremde vor ihr
in der Winterjacke ist ihr Vater, Karl Wawrzinek. Zögerlich, nur
auf Zureden des Großvaters wagt es das Mädchen, den Fremden
zu berühren, der immer die Worte "Endlich frei" murmelt.
Über ein Jahrzehnt hat ihr Vater als russischer Kriegsgefangener
gelitten: ausgemergelt vom ständigen Hunger, erschöpft von der
Schinderei in den sibirischen Kohleminen bei eisigen Temperaturen.
Nach der Moskaumission des deutschen Kanzlers Konrad Adenauer im Juni
rollen Anfang Oktober Züge mit den letzten 10.000 Kriegsgefangenen
in die Bundesrepublik. Die Spätheimkehrer werden mit riesigem Jubel
empfangen. Doch es gibt nicht nur Tränen des Glücks: Viele deutsche
Familien warten vergebens auf ihre Verwandten - sie kehren nie nach Hause
zurück.
16.45 - 19.00 Uhr
Kalter Krieg
1956 - 1968 l Dokumentation
1956 - Der Ungarn-Aufstand
"Wenn Du ein Ungar bist, bist Du mit uns", skandieren Zehntausende
auf dem Bem-Platz in Budapest. 200.000 rufen vor dem Parlamentsgebäude
nach dem Reformer Imre Nagy. Und auf dem Paradeplatz rückt die aufgebrachte
Menge dem Stalin-Denkmal mit Schneidbrennern zu Leibe. Die Ungarn begehren
auf - gegen den Stalinismus und die politische Eiszeit. In Budapest wird
es Frühling - mitten im Herbst: Diskussionen und Demonstrationen
durchbrechen die Mauer des jahrelangen Schweigens. Flugblätter propagieren
freie Wahlen, Neutralität für Ungarn, den Abzug der Sowjets.
Doch der Ruf nach demokratischer Freiheit wird von russischen Panzern
erstickt. Über 30 Jahre brauchen die Ungarn, um sich die politische
Unabhängigkeit von Moskau zu erkämpfen. Erst im Juni 1989 öffnet
sich der Eiserne Vorhang. In Ungarn bricht der Damm aus Stacheldraht und
Minen zuerst. Menschen strömen in die ersehnte Freiheit. Aus dem
Ostblockland von einst wird 1999 ein neues Nato-Mitglied.
1958 -
Der King des Rock 'n' Roll
Am 1. Oktober 1958 läuft die "USS Randall" mit einem weltberühmten
Passagier in Bremerhaven ein. Die Fans geraten außer sich: Der Gefreite
Elvis Presley betritt deutschen Boden, bezieht kurz darauf eine Stube
in der Army-Kaserne in Friedberg, Hessen. In Uniform verwandelt sich der
aufsässige Rebell Elvis zum fahnentreuen Staatsbürger. Noch
Mitte der 50er Jahre schockte der Superstar das sittsame Amerika mit seinem
rauhen Sex-Appeal.
Und Hits wie "Heartbreak Hotel" oder "Jailhouse Rock"
verhelfen dem Rock 'n' Roll zum Siegeszug um die Welt. Elvis verkauft
mehr als 500 Millionen Schallplatten, dreht 33 Musikfilme. Nach maßlosen
Fressorgien und exzessivem Pillenkonsum stirbt er am 16. August 1977 -
mit nur 42 Jahren. Sein Tod macht ihn zur unsterblichen Legende: Noch
heute sind Hunderttausende felsenfest davon überzeugt, dass Elvis
in Wahrheit nach wie vor am Leben ist. (Foto Elvis Presley; Quelle: ZDF)
1959 - Der Sieg des Fidel Castro
Havanna, 8. Januar 1959: Rebellenführer Fidel Castro zieht in die
kubanische Hauptstadt ein. Hunderttausende jubeln ihrem Helden zu: Er
hat den korrupten Diktator Batista außer Landes gejagt. Die olivgrüne
Uniform, die Cohiba im Mundwinkel - das sind die Markenzeichen des vollbärtigen
Revolutionärs. Parolen wie "Sozialismus oder Tod" schrecken
Politiker auf. 200 Attentatsversuche der CIA auf Castro sind dokumentiert.
Castro wird zu Kubas rotem Diktator. "Er hat sein ganzes Volk als
Geisel genommen", sagt Tochter Alina. Nach dem Zusammenbruch der
Sowjetunion 1991 ist Kuba auf sich allein gestellt. Die Massen leiden
Hunger, Unzählige fliehen in die USA. Doch der 72-jährige Castro
klammert sich starr an die Macht.
1960 - Operation Eichmann
Jerusalem, Oberster Gerichtshof: Der Mann hinter den schusssicheren Scheiben
trägt Anzug und Krawatte. Ein Mittfünfziger mit schütterem
Haar und nervösem Zucken im Mundwinkel: "Judenreferent"
Adolf Eichmann, ehemaliger SS-Obersturmbannführer. Der Herr der Todeszüge
befahl mit seiner Unterschrift den Tod von Millionen Juden. Der Gerichtsvorsitzende
trägt die Anklage vor: "Kriegsverbrechen", "Verbrechen
gegen das jüdische Volk". Dazu Eichmann: "Das Schicksal
der von mir deportierten Juden interessiert mich nicht. Mich reut nichts."
Nach dem Krieg war ihm die Flucht nach Südamerika gelungen. Der israelische
Geheimdienst spürt ihn 1960 in Argentinien auf. Eichmann wird in
allen 15 Punkten schuldig gesprochen. Das erste und einzige Todesurteil
in Israels Geschichte wird im Juni 1962 vollstreckt. Es bleibt die Hoffnung,
dass die Welt nie wieder solch grausame Verbrechen erleben wird.
1961 - Der Schock von Berlin
Berlin, 15. August 1961: Conrad Schumanns Nerven sind zum Zerreißen
gespannt. Die Maschinenpistole des 19-jährigen NVA-Unteroffiziers
wird schwer. Schweiß rinnt unterm Stahlhelm hervor. Die Zeit drängt:
Seit zwei Tagen werden Protestierende mit Gewehren in Schach gehalten.
Der Stacheldraht ist nur ein Provisorium, Betonplatten werden herangekarrt.
Der Bau der Mauer - der heißeste Tag des kalten Krieges. Conrad
Schumann fasst sich ein Herz, setzt über die Stacheldrahtrolle. Sein
Sprung macht Geschichte: Als Fanal gegen die Teilung Berlins und Symbol
für die Freiheit geht das Bild um die Welt. Aber Deutschland wird
erst drei Jahrzehnte später wiedervereint. Bis zu Willy Brandts "Es
wächst zusammen, was zusammengehört", ist noch ein weiter
Weg.
1962 - Am Rande des Atomkrieges
Seit Stunden analysiert Dino Bruigi die Luftfotos. Plötzlich entdeckt
der US-Aufklärungsspezialist Raketen sowjetischer Bauart. Am 15.
Oktober 1962 ist der CIA klar: Die UdSSR stationiert auf Kuba Mittelstreckenraketen
- nur 150 Kilometer vor der Küste Floridas. Selbst Fidel Castro ist
besorgt: "Aber wir fühlen uns aus politischer Sicht verpflichtet."
US-Präsident Kennedy befiehlt Verteidigungsbereitschaft für
die gesamte US-Nuklearstreitmacht. Die Sowjetunion versetzt den Warschauer
Pakt in Alarmzustand. 13 Tage hält die Welt den Atem an. Dann lenkt
Nikita Chruschtschow ein, der dritte Weltkrieg ist abgewendet. Doch die
Kuba-Krise lehrt: Nicht menschliche Vernunft verhindert die Katastrophe,
sondern nur das atomare Patt. Nach dem Ende der Sowjetunion rüsten
sogar Staaten wie Indien, Pakistan und der Irak atomar auf.
1963 - Der Jahrhundert-Mord
Dallas, 22. November 1963, 12.33 Uhr: Der Autokorso biegt in die Elm Street
ein. Die Kennedys im offenen Wagen: Der Präsident hatte wegen des
schönen Wetters darum gebeten. Plötzlich ein Schuss. John F.
Kennedy blickt verwundert. Gouverneur Conally dreht sich um, schreit entsetzt:
"Mein Gott, die bringen uns um!" Ein zweiter Schuss. Der Präsident
greift sich an den Hals, Jacqueline beugt sich erschrocken zu ihm. Der
dritte Schuss. Kennedys Kopf schnellt zurück. Seine Frau springt
auf, kriecht auf allen vieren über den Kofferraum der Limousine.
Ihr rosafarbenes Kostüm ist mit Blut bespritzt. In hastiger Flucht
jagt der Wagen zum nächsten Krankenhaus. Um 13 Uhr erklären
die Ärzte Kennedy für tot. Aber: Was geschah tatsächlich
in Dallas? War Lee Harvey Oswald wirklich der alleinige Mörder? Oder
KGB, Mafia, CIA? Unzählige offene Fragen beschäftigen seither
Kriminologen, Verschwörungsfanatiker und Kennedy-Fans. Kennedys früher
Tod lässt den charismatischen Erneuerer des amerikanischen Traums
zum Mythos werden. Die Tragödie der Familie Kennedy endet nicht:
Im Juli 1999 verunglückt der Präsidenten-Sohn John jr. tödlich.
1964 - Cassius Clay wird Weltmeister
"Ich bin der Größte", brüllt Cassius Clay die
16.000 Zuschauer an. Als hätten die Boxfans in der Convention Hall
von Miami daran noch Zweifel. Der 22jährige Clay hat eben den bis
dahin für unbesiegbar gehaltenen Schwergewichtsweltmeister Sonny
Liston entthront. Einen Tag später verkündet er seinen neuen
Namen: Muhammad Ali, bekennt sich zu den "Black Muslims", der
muslimischen Sekte des farbigen Amerikas. Seiner Karriere tut das keinen
Abbruch. Von 61 Profikämpfen gewinnt er 56, davon 37 durch K.o..
Dreimal holt er den Weltmeistergürtel. Doch der Preis war hoch. Seit
1984 leidet Ali an der Parkinsonschen Krankheit. Hervorgerufen wurde das
Hirnleiden durch die vielen Treffer, die der Boxer einstecken musste.
Der Kampf gegen die Krankheit ist Muhammad Alis letzter heroischer Fight.
1996 erhielt er "seine" Goldmedaille ein zweites Mal, nachdem
er, versöhnt mit alten Feinden, das Olympische Feuer in Atlanta entzündet
hatte. Sein Gold von 1960 hatte der Boxer aus Zorn über die Diskriminierung
der Schwarzen in den USA in den Ohio-Fluss geworfen.
1965 - Beatlemania
Die weiblichen Fans schreien und fallen zu Hunderten in Ohnmacht. Wo Die
legendären Beatles auftreten, versetzen sie ihr Publikum in nie da
gewesenen Begeisterungstaumel. Die vier Musiker aus Liverpool stürmen
nicht nur auf die ersten Plätze der Hitparaden, sondern schaffen
es sogar bis in den goldenen Ballsaal des Buckingham Palace: Queen Elisabeth
höchst persönlich hängt John Lennon, Paul McCartney, George
Harrison und Ringo Starr Ritterorden um. Die langhaarigen, aber adrett
gekleideten Musiker werden zu "Members of the British Empire".
Die Musik der "Fab Four" war längst Welt-Kultur. Die Magie
der Beatles hält noch heute an: Die Neuauflage ihres Albums "Yellow
Submarine" von 1966, seit wenigen Wochen auf dem Markt, findet wieder
reißenden Absatz.
1966 - Das dritte Tor
Tor? Kein Tor! In der 101. Minute des Weltmeisterschaftsfinales zwischen
England und Deutschland kracht Hurst's Schuss an die Latte und von dort
zurück auf den Boden. Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst
entscheidet: Bis heute die berühmteste und umstrittenste Fehlentscheidung
in der Geschichte des Fußballs. Die deutschen Spieler bestürmen
den Unparteiischen. Es nützt nichts. England führt 3:2 und gewinnt
am Ende mit 4:2. England ist zum ersten Mal Weltmeister. Für die
deutsche Mannschaft ist der Traum vom zweiten Titel nach Bern 1954 geplatzt.
Gebrochen und mit hängenden Köpfen schleichen sich die Spieler
aus dem Wembley-Stadion.
Die Wiedergutmachung gelingt erst 1996 an gleicher Stelle. Genau 30 Jahre
nach dem "Wembley-Tor" erkämpft die deutsche Nationalmannschaft
den Europameister-Titel. England war diesmal schon im Halbfinale an der
deutschen Mannschaft gescheitert. Doch wann immer und in welcher Liga
das runde Leder haarscharf auf, vor oder hinter der Torlinie aufschlägt:
In jedem Kommentar ist noch heute die Rede vom "Wembley-Tor",
das kein Tor war - oder doch?
1967 - Der Tod des Benno Ohnesorg
"Schah, Schah, Scharlatan", rufen die 2000 Studenten auf dem
Berliner Kennedyplatz. Auch der Germanistikstudent Benno Ohnesorg bereitet
dem Staatsgast bei seiner Berlin-Visite einen unbequemen Empfang. Es ist
der Schah von Persien, zusammen mit Frau Farah. Das blutige Regime im
Heimatland des Herrschers ist der Grund für die gewalttätigen
Proteste. Als sich das persische Kaiserpaar abends auf den Weg in die
Deutsche Oper macht, skandieren die Studenten "Mörder, Mörder".
Es regnet Eier, Farbbeutel und Steine. Die Polizei schlägt zurück,
drängt die Demonstranten in die Seitenstraßen. Dort trifft
Benno Ohnesorg die Gewalt der Staatsmacht. Wenig später liegt sein
regungsloser Körper auf dem Asphalt - tödlich verletzt durch
eine Polizeikugel. Sein Tod löst eine Lawine der Gewalt gegen den
Staat aus, die im Terrorismus der RAF endet.
1967 - Krieg im Heiligen Land
Der Sechs-Tage-Krieg ist noch in vollem Gang, doch die israelischen Soldaten
sind bereits am Ziel. Am 6. Juni feiern sie die Eroberung ihres Nationalheiligtums
- Ost-Jerusalem mit der Klagemauer. Die Altstadt mit ihren heiligen Stätten
war zuvor unter der Kontrolle Jordaniens. Haus um Haus erkämpfen
sich israelische Fallschirmjäger den Ostteil "ihrer" Stadt.
Der Blitzkrieg Israels ordnet den Nahen Osten neu und wird zum totalen
Triumph. Israel erobert die Golan-Höhen, den Gaza-Streifen, die Westbank
und große Teile der Sinai-Halbinsel. Nur eines erreichen sie nicht:
den Frieden. Zwar haben die Palästinenser heute autonome Gebiete
errichtet, doch Jerusalem als Hauptstadt Israels bleibt für die Araber
tabu. Auch über ihre heilige Stätte, den Felsendom, wachen noch
immer allein israelische Soldaten.
1968 - Der Todesschuss
Sie sprechen die gleiche Sprache und sind im gleichen Land aufgewachsen,
doch den Polizeichef Saigons interessiert das nicht. Vor den Kameras der
Welt erschießt er auf offener Straße einen gefesselten Nordvietnamesen.
Seine Familie war kurz zuvor von nordvietnamesischen Freischärlern
ermordet worden, und als Rache für die militärische Offensive
des kommunistischen Nordens. In dem kleinen asiatischen Land tobt ein
barbarischer Bruderkrieg. Und mittendrin die USA. Mehr als 550.000 Soldaten
sollen den Kommunismus in die Knie zwingen. Doch die Bilder der Kriegsgräuel
bewirken einen Sinneswandel im Westen. Die Einsicht, dass dieser Krieg
nicht zu gewinnen ist, kommt spät. Nach neun Jahren verlassen die
USA als Verlierer das Schlachtfeld Vietnam. Erst 1994 hebt die gedemütigte
Weltmacht die Wirtschafts-Sanktionen gegenüber dem Kriegsgegner von
einst auf. Erst 1995 werden wieder diplomatische Beziehungen aufgenommen.
1968 - Worte gegen Panzer
Emil Gallo blickt direkt in das Kanonenrohr des Panzers. Er reißt
sein Hemd auf, schreit: "Tötet mich, wenn ihr wollt. Meine Freiheit
könnt ihr mir nicht nehmen!" Es ist der 21. August: Truppen
des Warschauer Paktes marschieren in die Tschechoslowakei ein. Sie beenden
brutal den "Prager Frühling" - das Experiment eines Sozialismus
"mit menschlichem Antlitz" unter Alexander Dubcek. Seit April
gab es friedliche Demonstrationen gegen die Besatzer aus der Sowjetunion
und ihre Verbündeten. Jetzt finden 50 Menschen den Tod. Der Slowake
Gallo überlebt. Durch die unblutige "Samtene Revolution"
erhält die Demokratie 1989 eine neue Chance - mit Vaclav Havel.
19.00 - 20.40 Uhr
Welt im Umbruch
1969 - 1979 l Dokumentation l Moderator: Guido Knopp
1969 - Aufbruch zum Mond
"Okay, ich probier's jetzt", rauscht die Stimme aus den Lautsprechern
im NASA-Kontrollzentrum. "Houston, nun bin ich auf der Plattform."
Alle halten den Atem an. "Ich trete vom Mondboot runter." Kurze
Pause. Langsam senkt Neil Armstrong den Fuß. "Ein kleiner Schritt
für einen Menschen, ein großer Schritt für die Menschheit."
109 Stunden, 24 Minuten und 20 Sekunden zuvor hatte Armstrong mit seinen
Kameraden Edwin Aldrin und Michael Collins von der Erde abgehoben. 600
Millionen Menschen verfolgen weltweit den Aufbruch der Menschheit ins
Universum: Der Flug zum Mond wird das erste globale Medienereignis. 400.000
Wissenschaftler und Techniker sind an der Erfüllung des uralten Menschheitstraumes
beteiligt. Die Entwicklung der bemannten Raumfahrt rast: Jetzt wird die
"ISS" gebaut - die erste internationale Raumstation. Im Jahre
2004 werden Astronauten im Orbit ihre Arbeit aufnehmen - und dabei permanent
im All "wohnen".
1970 - Der Kniefall von Warschau
Sein Kopf ist gesenkt, sein Blick auf die gefalteten Hände gerichtet.
10 Sekunden, 20 Sekunden, eine halbe Minute. Sie scheint nicht zu enden.
Willy Brandt kniet auf regennassem Asphalt. Eine Geste, die wesentlich
zur Rehabilitierung Deutschlands in der Welt beiträgt. "Die
Last der jüngsten deutschen Geschichte ist enorm. Hiermit tue ich,
was Menschen tun, wenn Worte versagen. So gedenke ich der Millionen Ermordeter."
27 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg kniet der Regierungschef in Warschau
vor den Opfern nieder - für das deutsche Volk. Neben Auschwitz war
das Warschauer Ghetto Sinnbild für die Grauen des Holocaust. Ein
Teil der polnischen Hauptstadt war zu einem gigantischen Gefängnis
geworden. 400.000 Menschen vegetierten unter unwürdigen Umständen.
Mehr als 50.000 Juden wurden getötet. Mit dem Zerfall des Ostblocks
und der deutschen Einheit wird aus Willy Brandts "Ostpolitik"
Geschichte - und ein Stück Wirklichkeit. Gesten bringen oft mehr
als Worte.
1972 - Das Mädchen aus Vietnam
Die neunjährige Kim Phuc ist fast ohnmächtig vor Schmerz. Das
kleine Mädchen schreit um sein Leben: Es flieht mit seinen Eltern
vor den US-Bombern. Seit Mai 1972 fliegen die Amerikaner Luftangriffe
auf Nord-Vietnam. Häuser und Wälder verbrennen im Napalmregen.
Der Phosphor bleibt an Kleidung und Haut haften, brennt sich in die Körper
der Menschen. Die beiden Cousins von Kim Phuc verbrennen bei lebendigem
Leibe. Amerika steht seit 1961 im Krieg mit dem kommunistischen Nord-Vietnam.
Zwei Millionen Einheimischen und 58.000 Amerikanern kostet der Vietnamkrieg
das Leben. Am 27. Januar 1973 endlich schließen die USA und Nord-Vietnam
einen Waffenstillstand - die erste militärische Niederlage in der
Geschichte Amerikas. Der Krieg ist zu Ende, doch die Narben bleiben. Erst
1997, mehr als 20 Jahre später, eröffnen Vietnam und die USA
wieder Botschaften in Hanoi und Washington.
1972 - Das Massaker von München
Zehn olympische Tage begeistern die Sportwelt. Doch dann der 5. September
1973: Sechs Männer steigen im Morgengrauen über den Zaun des
olympischen Dorfes. Sie dringen weiter vor, Komplizen öffnen Türen.
Plötzlich ziehen sie Maschinenpistolen und Handgranaten aus ihren
Sporttaschen. Gegen halb fünf fallen die ersten Schüsse. Zwei
israelische Sportler können fliehen, zwei aber müssen sterben.
Kurz nach fünf stellen die Terroristen ihre Forderungen: Freilassung
von 200 Palästinensern aus israelischen Gefängnissen. Und: freier
Abzug mit neun Geiseln. Daraufhin tritt ein Krisenstab zusammen. Die israelische
Regierung macht Bonn allein für die Sicherheit der Geiseln verantwortlich.
Zwei Ultimaten verstreichen. Um 22.22 Uhr fliegen die Terroristen mit
den Geiseln per Hubschrauber zum Flughafen. Auf dem Rollfeld kommt der
Einsatzbefehl: Die Polizei erschießt drei Terroristen. Gegen Mitternacht
rücken Panzerfahrzeuge vor, beenden das Drama. Doch: Alle Geiseln
müssen sterben. Die Olympischen Spiele gehen weiter, aber das Fest
ist zu Ende. 1996 in Atlanta stirbt während der Spiele ein Mensch
bei einem Bomben-Attentat. Bei Olympia 2000 in Sydney soll nun noch mehr
auf die Sicherheit aller geachtet werden.
1974 - Der Kanzlerspion
24. April 1974: Im Hamburger Hotel "Atlantic" legt Ministerialrat
Klaus Kinkel ein BKA-Schriftstück neben die Kaffeetasse von Willy
Brandt. Mit Namen von Frauen, die der Kanzler während seiner Reisen
mit auf Hotelzimmer oder in Zugabteile genommen haben soll: Journalistinnen,
Zufallsbekannte, Prostituierte. Die Liste stammt von seinem persönlichen
Referenten Günter Guillaume. Der NVA-Hauptmann hatte sich 1963 als
DDR-Flüchtling ausgegeben. Tatsächlich jedoch wurde er von der
Stasi eingeschleust. Ende April '74 wird der Ost-Agent wegen Spionage
verhaftet. Regierungschef Brandt tritt am 6. Mai zurück: "Total
enttäuscht übernehme ich die Verantwortung für alle Fahrlässigkeiten
im Zusammenhang mit der Affäre Guillaume." Er setzt damit ein
Zeichen: Politiker sollten Fehler eingestehen, die nötigen Konsequenzen
ziehen.
1974 - Die Watergate-Affäre
Die Morgenstunden des 17. Juni 1972: Fünf Männer brechen in
die Wahlkampfzentrale der Demokratischen Partei ein. Der Nachtwächter
des Washingtoner Hotels "Watergate" alarmiert die Polizei: Polizisten
stellen die Eindringlinge. Darunter: James McCord, Sicherheitschef im
Wahlkampfteam des US-Präsidenten. Nixon entlässt McCord, triumphiert
bei der Wiederwahl.
Doch die Washington-Post-Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward lassen
nicht locker. Über Hintermänner gelangen sie an Geheimunterlagen
der Republikanischen Partei: Nixon selbst hatte angewiesen, den Lauschangriff
auf die Demokraten vorzubereiten. Ein Sumpf von Korruptions-, Abhör-
und Unterschlagungsaffären tut sich auf. Parteifreund Barry Goldwater:
"Nixon hat seine Frau, Familie, Freunde, Kollegen, das Volk und die
Welt belogen." Am 8. August 1974 tritt Nixon zurück: Er kommt
so einer Anklage durch das Parlament zuvor. 1999 überstand Bill Clinton
ein solches Amtsenthebungsverfahren - wegen seiner Liaison mit der Praktikantin
Monica Lewinsky.
1975 - Flucht aus Saigon
30. April 1975, es ist 7.58 Uhr: Die US-Botschaft im südvietnamesischen
Saigon liegt unter Beschuss der kommunistischen Truppen aus dem Norden.
Vom Dach des Gebäudes rettet ein Hubschrauber das letzte Häuflein
US-Marines aus der Luft. Während unten eine aufgebrachte Menge in
das Hochhaus eindringt. Es sind Südvietnamesen, die ehemaligen Verbündeten
der US-Army. Auch sie wollen raus aus dem Hexenkessel. Doch die vom CIA
gesteuerte letzte Rettungsaktion bringt nur die eigenen Boys in Sicherheit.
1.000 Amerikaner werden in 24 Stunden heimgeholt. Die Marines auf dem
Dach sind die letzten.
Der 20-jährige Kreuzzug gegen den Kommunismus in Vietnam ist für
Amerika zu Ende. Das Drama der um Hilfe flehenden Saigoner jedoch geht
weiter. Sie fürchten die Rache der Kommunisten und fühlen sich
von den Amerikanern im Stich gelassen. Der Vietcong siegt. Südvietnam
wird wie der Norden des Landes kommunistisch. Doch die Menschen fliehen
bis heute vor den diktatorischen Machthabern. In überfüllten
Booten treiben die "Boat-People" aufs offene Meer - und hoffen
auf ein Schiff in die Freiheit.
1976 - Aufstand der Kinder
Schüsse peitschen durch den Morgenhimmel von Soweto. Pulverdampf
und Tränengas erstickt das Schwarzen-Ghetto an jenem 16. Juni 1976:
Eine Kugel trifft den 13-jährigen Hector Pietersen mitten in den
Kopf. Weiße Polizisten erschießen den Jungen. 25 Kinder sterben
wie Hector - weil sie schwarz sind. Sie protestierten friedlich gegen
die Einführung von "Afrikaans": die Sprache der Weißen
an den Schulen. Eine Welle der Gegengewalt erfasst Südafrika. 100
Menschen werden getötet. Der Spracherlass wird zurückgenommen.
Doch erst 20 Jahre später beendet ein Gesetz die Rassentrennung in
den Schulen. Aber bis heute haben Schwarze noch immer nicht die gleichen
Bildungschancen.
1977 - Die Erpressung
Köln-Mitte, 5. September: Fünf maskierte Gestalten zerren Arbeitgeberpräsident
Hanns Martin Schleyer aus dem Dienstwagen, erschießen den Fahrer
und drei Polizisten. 50 Tage halten die RAF-Terroristen Schleyer gefangen.
Fordern die Freilassung der in Stammheim inhaftierten Gesinnungsgenossen.
13. Oktober, Linienflug Mallorca-Frankfurt: Palästinensische Terroristen
entführen die "Landshut", töten den Piloten Jürgen
Schumann. Die Spezialeinheit "GSG 9" stürmt in Mogadischu
das Flugzeug. Die Befreiung - für die Geiseln Wiedergeburt, für
die RAF Todes-Signal. Die Selbstmorde von Stammheim besiegeln Schleyers
Schicksal: Seine Leiche wird wenig später gefunden. Auch heute noch
sorgen terroristische Gruppen wie PKK, IRA oder ETA europaweit für
Unruhen.
1978 - Das Retortenbaby
25. Juli 1978, 23.30 Uhr, OP-Saal der Geburtsklinik Oldham bei Manchester:
Patrick Steptoe greift zum Skalpell. Angespannt öffnet der Frauenarzt
mit einem 20 Zentimeter langen Kaiserschnitt den Bauch der schwangeren
Lesley Brown. 23.47 Uhr: Er hält ein 2.600 Gramm schweres Mädchen
in den Händen. Louise - das erste außerhalb des Mutterleibes
gezeugte Baby. Ein Eileiterverschluss hatte bei Lesley Brown eine natürliche
Schwangerschaft unmöglich gemacht. "Ich habe nicht Gott gespielt",
so Steptoe, "sondern nur der Natur nachgeholfen." Heute ist
aus dem vielbestaunten Baby eine selbstbewusste junge Frau geworden. Die
21-jährige Louise Brown ist überzeugt: "Ich bin kein Monster,
sondern ganz normal im Bauch meiner Mutter aufgewachsen." Seit 1978
haben mehr als 300.000 Retortenbabys das Licht der Welt erblickt: Allein
in Deutschland werden jährlich 5.000 Babys durch künstliche
Befruchtung gezeugt - Tendenz steigend.
1979 - Die Macht des Ayatollah
Ein triumphaler Einzug: Sechs Millionen Menschen säumen am 1. Februar
1979 die Straßen Teherans. Ayatollah Khomeini - der Erlöser
aus dem Exil - wird frenetisch empfangen. Noch ahnt keiner das Leid, das
der Geistliche über den Iran bringen wird. Er proklamiert die "Islamische
Republik", verspricht die Abschaffung von Armut und sozialer Ungerechtigkeit.
Die Gesellschaft wird "islamisiert": Alkohol, Popmusik und West-Filme
verboten, Frauen zum Schleiertragen verpflichtet, Minderheiten verfolgt.
In den ersten drei Jahren von Ayatollahs Regentschaft fallen 12.000 Menschen
den "Säuberungen" zum Opfer. 1980 stürzt er sein Volk
in einen achtjährigen Krieg mit dem Irak. Vier Millionen Perser fliehen
aus Angst vor Verfolgung ins Ausland. 1989 spricht der Ayatollah das Todesurteil
gegen Schriftsteller Salman Rushdie aus - die "Satanischen Verse"
verletzten die religiösen Gefühle der Moslems. Drei Millionen
US-Dollar setzt er auf den Kopf des Autors aus. Wenig später - am
3. Juni - erliegt Ayatollah Khomeini einem Krebsleiden. Erst 1998 distanziert
sich die iranische Regierung offiziell von dem Todesurteil - das als religiöser
Richterspruch aber nicht aufgehoben werden kann.
20.40 - 22.20 Uhr
Wendejahre
1980 - 1990 l Dokumentation
1980 - Der Streik von Danzig
August 1980: Das blumengeschmückte, verschlossene Werkstor der Leninwerft
wird zum Wallfahrtsort. Ein verwittertes Papst-Porträt gibt den vielen
Pilgern Hoffnung. Bepackt mit Tüten und Kartons, mit Körben
und Taschen ziehen täglich hunderte die Dockstraße entlang.
Sie bringen Brot, Wurst, Tomaten, Mineralwasser und Zigaretten: Verpflegung
für die Streikenden, die das Werftgelände besetzt halten - im
Kampf gegen steigende Preise, stagnierende Löhne, sinkenden Lebensstandard.
Anführer der Industriearbeiter: Lech Walesa. Niemand ahnt zu diesem
Zeitpunkt, dass er zehn Jahre später der erste Präsident eines
neuen, freien und demokratischen Polen sein wird.
1981 - Schüsse auf den Papst
Johannes Paul II. steht winkend in seinem "Papamobil". Langsam
rollt der Jeep über den Petersplatz. Es ist der 13. Mai 1981. Tausende
haben sich zur Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom eingefunden.
Der Papst segnet Gläubige und Ungläubige. Doch plötzlich:
Schüsse aus der Menschenmenge. Schmerzverzerrt sinkt der Papst in
die Arme seines polnischen Sekretärs. Der Jeep jagt zum nächsten
Krankenhaus. Fünf Stunden kämpfen Ärzte um das Leben des
Kirchenoberhaupts. Der Einschusskanal ist nur fünf Millimeter neben
der Hauptschlagader. Doch der Papst überlebt - ein Wunder. Der Täter
Ali Agca wird noch an Ort und Stelle festgenommen und bald zu lebenslanger
Haft verurteilt. Aber wer war der Auftraggeber: Die türkische Mafia?
Der sowjetische Geheimdienst? Oder gar der Vatikan selbst? Der Anschlag
auf Papst Johannes Paul II. - bis heute ist er nicht aufgeklärt.
1982 - Der Falklandkrieg
"Die Inseln befinden sich wieder unter der gewünschten Regierung.
Gott schütze die Königin!" Mit feierlichem Pathos meldet
General Moore, Oberbefehlshaber der britischen Truppen, am 14. Juni 1982
die Kapitulation des Gegners. Der Krieg ist zu Ende. 74 Tage zuvor hatten
die Argentinier die britische Kronkolonie besetzt. 500 Kilometer vom südamerikanischen
Festland, 12.000 Kilometer von Großbritannien entfernt.
Die Schlacht im Südatlantik kostet 750 argentinischen und 265 britischen
Soldaten das Leben. Die "Eiserne Lady" Margaret Thatcher lässt
sich von den Verlusten aber nicht beirren: Nach dem Sieg stocken die Briten
ihre Millitärpräsenz auf. Erst 1998 normalisiert sich das Verhältnis
wieder: Der argentinische Präsident Carlos Menem absolviert seinen
ersten Staatsbesuch in Großbritannien.
1983 - Hitlers falsche Tagebücher
In jede Ecke, jede Nische quetschen sich Reporter. Vor dem Podium lauern
die Fotografen. Alle wollen dabei sein: bei der Präsentation von
Hitlers geheimen Tagebüchern durch den Tagebuchbeschaffer Gerd Heidemann,
die Chefredakteure Peter Koch und Felix Schmidt und den britischen Historiker
Hugh Trevor-Roper. "Die Geschichte des Dritten Reiches", so
titelt die Sensations-Ausgabe des Stern, muss "umgeschrieben werden".
Doch das Materialprüfungsamt findet im Auftrag des Bundesarchivs
in Labortests heraus: Die Tagebücher sind gefälscht. Der größte
journalistische Coup der Nachkriegszeit wird zur größten Pleite.
Der Stern erleidet einen riesigen Image-Verlust. Fälscher Kujau und
Beschaffer Heidemann müssen für über vier Jahre ins Gefängnis.
Der Journalist Heidemann lebt heute als Sozialhilfe-Empfänger in
Hamburg.
1985 - Patient Zero
Der smarte Steward Gaetan Dugas von Air Canada spielt eine Schlüsselrolle
bei der Verbreitung von Aids. Zwischen New York und San Francisco hat
der Homosexuelle viele Partner. Als Wissenschaftler die Daten der ersten
248 Aids-Opfer auswerten, stellen sie fest: Mindestens 40 von ihnen hatten
Kontakt mit dem Kanadier ("Patient Null"). Zunächst werden
nur Homosexuelle und Drogenabhängige zu den Risikogruppen gezählt.
Und erst als Bluter und Babys an Aids sterben und prominente Fälle
wie Rock Hudson und Freddy Mercury Aufsehen erregen, schreckt die Öffentlichkeit
auf.
Die Immunschwäche wird auch für Heterosexuelle zur todbringenden
Seuche. Bis heute gibt es weltweit 14 Millionen Aids-Tote, einen Impfstoff
bisher jedoch nicht. Mit einer teuren Tabletten-Therapie kann der Ausbruch
der Krankheit hinausgezögert werden. Für die mehr als 20 Millionen
Infizierten in der Dritten Welt ist die lebensverlängernde Therapie
allerdings unbezahlbar.
1986 - Die Challenger-Tragödie
Die Nacht zum 28. Januar: Ingenieure der Raketen-Herstellerfirma Morton
Thiokol entdecken schwere Sicherheitsmängel an der US-Raumfähre
"Challenger". Doch die NASA duldet keinen Aufschub des Starts.
Sie hat ihn bereits mehrfach wegen schlechten Wetters verschoben. Der
Tag des 28. Januar: Tausende Schaulustiger haben sich am Stützpunkt
Cape Canaveral und Millionen vor den Fernsehern versammelt. Sie erleben
das schwerste Unglück in der Geschichte der bemannten Raumfahrt:
73 Sekunden nach dem Start explodiert die Challenger, 17 Kilometer über
dem Meeresspiegel. Die gesamte Crew, sieben Menschen, stirbt - weil Dichtungsringe
zwischen zwei Segmenten der rechten Feststoff-Rakete brüchig waren.
Seit dieser Tragödie ist kein Mensch mehr im All ums Leben gekommen.
Ab 2004 werden Astronauten für die Raumstation "ISS" ständig
im Orbit arbeiten.
1986 - Der Super-Gau von Tschernobyl
26. April, 1.23 Uhr in der Nacht: Ingenieure des Atomkraftwerks Tschernobyl
beginnen mit der Simulation eines Notfalls. Sie schalten vier Hauptkühlpumpen
ab. Was folgte, war eine Katastrophe. Sofort schießt die Reaktorleistung
auf das 100-fache. Rohre bersten. Die Wucht der Detonation schleudert
den Reaktordeckel in die Höhe. Der weltweit älteste Reaktortyp
hat keine Sicherheitshülle aus Stahlbeton. 70 Tonnen Nuklearbrennstoff
steigen auf.
Wie ein unsichtbares Leichentuch breitet sich die tödliche Strahlung
aus - die 200-fache Radioaktivitätsmenge der Atombomben von Hiroshima
und Nagasaki. Direkt betroffen: 135.000 Menschen im Umkreis von 150 Kilometer.
Millionen in der Ukraine und Russland. Die radioaktiven Niederschläge
erreichen sogar Westeuropa, den Balkan und Vorderasien. Nach eiligen Reparaturarbeiten
klaffen heute bereits wieder Risse in der Reaktorruine. Tschernobyl -
immer noch eine tickende Zeitbombe.
1987 - Der Fall Barschel
11. Oktober, Genf, Hotel "Beau Rivage", Zimmer 317: Die Tür
ist nicht versperrt, auf dem Bett liegen Notizzettel. Im Bad: CDU-Politiker
Uwe Barschel - in der mit Wasser gefüllten Badewanne, bekleidet,
tot. Wenige Wochen nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident
Schleswig-Holsteins. Im Körper Barschels finden sich Giftstoffe.
War es Selbstmord? Mord? Immer neue Enthüllungen über Wahlkampf-Manipulationen,
Stasi-Machenschaften und Waffenschiebereien belasten Barschel schwer.
Doch die Wahrheit bleibt auf der Strecke. 1998 werden die Ermittlungen
eingestellt. Bis heute sind die Umstände des mysteriösen Todes
nicht geklärt.
1988 - Das Drama von Gladbeck
1989 - Das Wunder von Berlin
9. November: Günter Schabowski, Sprecher des SED-Zentralkomitees,
tritt vor die Presse. Um 18.57 Uhr fragt ihn ein Journalist nach dem neuen
"Reisegesetz". Seine Antwort: "Privatreisen ins Ausland
können ohne Voraussetzungen beantragt werden. Genehmigungen werden
kurzfristig erteilt." "Ab wann gilt das?" Schabowski blättert
in seinen Unterlagen: "Nach meiner Kenntnis ... sofort." Irrtum
- das Gesetz sollte erst später in Kraft treten. Aber sofort beginnt
ein Massenansturm auf die Grenzübergänge. Um 22.30 Uhr bleibt
den DDR-Posten nur ein Ausweg: die Öffnung der Schlagbäume.
Auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor tanzen Menschen aus Ost und West
im Glückstaumel, feiern den Triumph des Volkes über die steinerne
Grenze. 28 Jahre lang hat die Mauer die deutsche Hauptstadt geteilt, ihre
Bewohner unmenschlich voneinander getrennt. Sektkorken knallen, "Mauerspechte"
hämmern kleine Stücke aus dem "antifaschistischen Schutzwall".
Aufbruchsstimmung überall: Der Weg in die Einheit ist frei. Die quälende
Unfreiheit der DDR-Bevölkerung ist nach 28 Jahren zu Ende. Doch mit
der "Mauer in den Köpfen" haben West- und Ostdeutsche auch
jetzt, zehn Jahre später, noch immer zu kämpfen.
1990 - Die deutsche Einheit
Schelesnowodsk im Kaukasus, es ist der 15. Juli 1990: Leger gekleidet
spazieren die Staatsmänner Helmut Kohl und Michail Gorbatschow mit
einer kleinen Gruppe nahe dem Gebirgsdorf Archysam am Fluss Selemtschuk
entlang. Sie lassen sich an einem klobigen Holztisch nieder, reden fröhlich,
lachen herzlich. Sprechen über die Schönheit der Landschaft,
das gesunde Klima. Und nebenbei über die Zukunft Deutschlands. Später
schreibt Gorbatschow in seinen Memoiren: "Dort besiegelten wir die
deutsche Einheit."
Tags darauf erklärt der Kanzler: Das vereinte Deutschland wird Mitglied
der NATO. Die UdSSR zieht alle Truppen aus der DDR ab. Und Deutschland
verspricht der UdSSR wirtschaftliche Hilfe in Milliardenhöhe. Der
Weg zur deutschen Einheit ist frei: Bald folgt die Währungsunion,
die Siegermächte treten von ihren Besatzerrechten zurück, die
DDR-Volkskammer erklärt den Beitritt zur Bundesrepublik. Bis die
Lebensverhältnisse in Ost- und West-Deutschland angeglichen sind,
wird es allerdings noch Jahre dauern.
22.20 - 23.40 Uhr
Welt im Wandel
1991 - 1998 l Dokumentation
1991 - Operation Wüstensturm
August 1990, der irakische Diktator Saddam Hussein besetzt Kuwait: "Wir
werden die Ölfelder im Feuer versinken lassen." Saudi-Arabien
ruft die USA zu Hilfe. Bald steht eine Streitmacht von 26 Nationen in
der Wüste: mit 2.673 Panzern und 1.740 Flugzeugen. Januar 1991: Ein
High-Tech-Krieg beginnt - die alliierte Luftmacht schlägt mit chirurgischer
Präzision zu. 100.000 Soldaten und 10.000 Zivilisten sterben auf
irakischer Seite. 343 Alliierte lassen bei der "Operation Wüstensturm"
ihr Leben. Februar 1991: Saddam lenkt ein. Im März 1991 ist der Golf-Krieg
beendet. Doch die späte Wirkung der irakischen Gift- und Kampfstoffe
tötet in den Folgejahren hunderte von US-Veteranen. Und auch heute
noch produziert Hussein vermutlich lebensgefährliche ABC-Waffen.
1991 - Putsch in Moskau
Ein trüber Tag. Fast hunderttausend Menschen versammeln sich am 19.
August vor dem russischen Parlament. Rufe hallen über den Platz:
"Jelzin, Jelzin!" Er ist der einzige, dem die Menschen vertrauen.
"Russland, Russland". Panzer rollen auf Moskaus Straßen.
Doch Boris Jelzin klettert auf einen der Panzer - mutig und ungeachtet
der postierten Heckenschützen. Er ruft die Bevölkerung zu aktivem
Widerstand auf. Tausende Bürger demonstrieren für ihre demokratischen
Rechte. Jelzin soll ihr Land von den Putschisten befreien, die am Morgen
durch einen Staatsstreich gegen Michail Gorbatschow die Macht übernommen
haben.Es gelingt: Durch den Widerstand des Volkes verläuft der Putsch
binnen weniger Tage im Sande. Volksheld Jelzin wird der neue starke Mann
Russlands. Heute ist Jelzin ein kranker Präsident - und das organisierte
Verbrechen hat die Macht im Staate übernommen.
1992 - Die bosnische Tragödie
Frikret Alic ist nur noch Haut und Knochen. Der 22-jährige Muslim
aus Westbosnien hat im Lager Trnopolje über 30 Kilo abgenommen. Wie
tausende seiner Landsleute wird auch er in der Haft geschlagen und gefoltert.
"Mit diesem Krieg wollen die bosnischen Serben die Muslime in Bosnien
auslöschen", sagt Kriegsberichterstatter Ed Vulliamy. Im April
'92 erklärt sich die Republik Bosnien-Herzegowina für unabhängig.
Wenig später übernehmen Serben gewaltsam die Macht. Die serbische
Armee sprengt Moscheen in die Luft, macht muslimische Friedhöfe und
Wohnviertel dem Erdboden gleich, beschießt Sarajevo Tag und Nacht
mit Granaten. Die Landbevölkerung wird eingesperrt - Lebensmittel
gibt es für sie nicht. Zur Hinrichtung ruft man die Gefangenen nach
draußen. Viele sterben vor Entkräftung, an Krankheiten und
unter Schlägen. Mehr als 300.000 Todesopfer fordert der Krieg mitten
in Europa. Das Pulverfass schwelt noch immer. Und bis heute entziehen
sich Kriegsverbrecher ihrer Strafe.
1993 - Debakel in Somalia
Ein Kind ergibt sich seinem Schicksal: kraftlos vor Hunger und Durst,
ohne Hoffnung. Eine Hungerkatastrophe bringt tausendfachen Tod über
das ostafrikanische Land. Kriegerische Auseinandersetzungen rivalisierender
Clans fordern Hunderte von Opfern.
Der Bundestag billigt den Einsatz deutscher "Blauhelme": 1.700
Bundeswehrsoldaten beteiligen sich an der Aktion "Neue Hoffnung".
Doch die UN-Mission gerät außer Kontrolle. Die Friedenstruppen
helfen gegen die Hungersnot, scheitern aber bei der Entwaffnung der Bürgerkriegsparteien.
Immer noch ist Krieg in Somalia, noch immer verhungern Menschen.
1994 - Mandelas Sieg
Nelson Mandela, eine Friedenstaube in seiner Hand. Frieden - sein lebenslanges
Motto. "Ich kämpfe für das afrikanische Volk. Und das Ideal
einer demokratischen und freien Gesellschaft." Im Mai 1994 wird er
der erste schwarze Präsident Südafrikas. 1951 hatte der Rechtsanwalt
die ANC-Jugendliga ins Leben gerufen und Anti-Apartheidskampagnen organisiert.
Er wird festgenommen, zu lebenslanger Haft verurteilt. 27 Jahre verbringt
er im Gefängnis. 1990 kommt er frei, erhält '93 den Friedensnobelpreis.
Mitte Juni '99 tritt Mandela 80-jährig von seinem Amt zurück.
Sein Nachfolger Mbeki versucht, seine Politik der Versöhnung von
Schwarz und Weiß fortzuführen.
1995 - Mord im Heiligen Land
Trauer um den Mann, den die Kugeln eines Fanatikers töteten. Am 4.
November wird Yitzhak Rabin von einem 27-jährigen Rechtsradikalen
erschossen. Bei einer Friedenskundgebung löste sich der junge Mann
aus der Menge, zog seine Neun-Millimeter-Beretta, feuerte dreimal. Der
Mörder wollte den Friedensprozess stoppen. Als Ministerpräsident
hatte Rabin eine neue Ära arabisch-israelischer Beziehungen eingeleitet.
Am Sarg ihres Großvaters ruft Noa Ben-Artzi weinend: "Opa,
du warst mein Feuer. Jetzt bin ich ohne Fackel in der Finsternis."
"Die Jugend wird weitermachen", verspricht die Witwe Lea Rabin.
"Der Terror kann jeden treffen, aber den Weg zum Frieden wird er
nicht versperren."
1997 - Tod einer Prinzessin
Paris, Hotel "Ritz", 30. August: Die Prinzessin von Wales und
der ägyptische Milliardärssohn Dodi al Fayed kommen von einem
intimen Dinner. "Heute kriegt ihr uns nicht!" ruft der Chauffeur
Henri Paul den Fotografen zu. Der Mercedes rast mit dem Liebespaar davon.
Paparazzi nehmen die Verfolgung auf. "Fahren Sie schneller",
befiehlt al Fayed dem Fahrer. Paul tritt aufs Gaspedal. Mit 1,7 Promille
Alkohol im Blut und mit 140 Kilometer pro Stunde jagt er die Limousine
in den Tunnel Pont de l'Alma. Der Wagen schießt frontal auf einen
Betonpfeiler zu. Fayed, Paul und Diana sterben, Leibwächter Rees
überlebt. Ein Unglück? Mord? Oder eine Verschwörung? Bis
heute ist Dianas Tod nicht aufgeklärt.
1998 -
Der Präsident und das Mädchen
6. November: Zur besten Sendezeit überträgt das US-Fernsehen
Präsident Clintons Geständnis. Mit zerknirschter Miene beichtet
er seine "unangemessene" Beziehung zu Monica Lewinsky. Entschuldigt
sich bei der Nation, seiner Frau, seiner Tochter. Immer pikantere Details
der Affäre waren an die Öffentlichkeit gelangt: ob nun Spermaspuren
auf einem Cocktailkleid oder der Starr-Report im Internet. Die Folge:
Der US-Präsident gibt sich weltweit der Lächerlichkeit preis.
Und eine Praktikantin wird zur tragischen Kultfigur. Lewinsky vermarktete
ihre Geschichte für viele Millionen Dollar. (Foto Quelle: ZDF)
|