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Endlich wieder
tanzen gehen Geschichten und
Berichte von Zeitzeuginnen.
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Leseproben
aus dem Buch [Berlin; 1946/47] Eine
betörende Stimme Es war der 5. Mai 1946. Der schreckliche Kampf um Berlin, die letzten Kriegstage und das schwere erste Nachkriegsjahr lagen hinter uns. Jetzt forderte die Jugend ihr Recht. Zu romantischen Klängen der Capri-Fischer, Sentimental journey, Ramona oder Symphonie schwebten wir über die wiedereröffneten Tanzflächen. Wir hatten großen Nachholbedarf. An diesem wunderschönen, sonnigen Frühlingstag wollten meine Freundin und ich auch wieder tanzen gehen. Zuerst suchten wir die Neue Welt in der Hasenheide auf; aber dort gefiel es uns überhaupt nicht. So beschlossen wir kurzerhand, wie schon so oft, ins Schall und Rauch am Schiffbauerdamm zu gehen. Ein ungeheurer Andrang vor dem Eingang!
Irgendwie
gelang es uns hineinzukommen. Ein Kellner führte uns durch den
dichtbesetzten Saal an den letzten freien Tisch in der hintersten
Ecke. Na, prima, dachte ich und starrte auf die Wand vor mir, hier
sieht mich doch kein Mensch. Der Abend ist gelaufen! Seinerzeit war es durchaus üblich, daß in Ermangelung junger Männer zwei Mädchen oder Frauen zusammen tanzten. So wirbelten auch meine Freundin und ich bei Rosamunde ... über das Parkett. Als wir danach zu unserem Tisch zurückkamen, stockte mir beinahe der Atem. Ich glaubte nicht richtig zu sehen: Da saß doch tatsächlich mein Tanzpartner und fragte lächelnd: Sie haben doch nichts dagegen, daß ich hier sitze? Und ob
ich was dagegen hatte, ich fand es ausgesprochen frech! Aber er tanzte
jeden Tanz nur noch mit mir. Er wich nicht mehr von meiner Seite.
Und bald war es mir auch nicht mehr unangenehm. Es war besonders seine
Stimme, die mich betörte. Damals war um 22 Uhr Sperrstunde. Als
das Lokal schloß, verabschiedeten wir uns, nicht ohne eine Verabredung
fürs kommende Wochenende zu treffen. Da verzauberte und bezauberte uns in der Tribüne Viktor de Kowa mit seinem Charme, Carl Heinz Schroth brachte uns in den Kammerspielen Jean Anouilh nahe. Heinz Rühmann begeisterte uns als Mustergatte im damaligen Theater der Film-Bühne Wien und der unvergessene Rudolf Platte saß auf der Bühne des Puhlmann Theaters, rupfte ein Huhn und sang dazu in seiner unnachahmlichen Art: Ach, Luise, kein Mädchen ist wie diese...
Kinobesuche standen ganz oben bei den Berlinern. Oft gingen wir sogar zweimal in der Woche ins Kino, auch wenn wir nicht selten nach Karten anstehen mußten. Endlich konnten wir auch amerikanische, englische und französische Filme sehen. Schon mit den ersten Filmen, die ich mit ihr sah, Das zauberhafte Land und Mädchen im Rampenlicht, begeisterte mich Judy Garland und ihre großartige Stimme! In der Deutschen Staatsoper, die seinerzeit im Admirals-Palast spielte, sahen wir Die Entführung aus dem Serail einmalig! Erna Berger und Rita Streich, zusammen mit Peter Anders. Große Namen. Und erschwingliche Eintrittspreise. Wir besuchten die Neue Scala, das Palast-Varieté und immer wieder die zahlreichen schönen, wiedereröffneten Tanz-Gaststätten. Überall spielten gute Tanzorchester; Musikbox oder Tonband-Konserve kannten wir nicht. Auf den Studentenbällen der Technischen Universität, wo mein Freund studierte, herrschte heiteres, fröhliches Treiben, wenn auch der Magen oft genug knurrte. Aber wir waren jung, voller Optimismus das Leben lag vor uns und es konnte ja nur besser werden! Das Schönste aber damals war, daß wir uns frei bewegen konnten, daß es uns völlig gleichgültig schien, in welchem Sektor jemand wohnte. Es gab nur eine Währung, die Reichsmark, nur einen Magistrat von Berlin wir waren eine Stadt. Nie wäre uns in den Sinn gekommen, daß es eines Tages anders kommen könnte!
[Berlin-Grünau; 1948] Barfuß
oder Lackschuh? Wir waren Studenten im zweiten Semester und hatten uns gerade gefunden. Natürlich genügte es uns nicht, nur im Hörsaal nebeneinander zu sitzen, wir wollten auch am Sonntag beieinander sein. Wir verabredeten uns am Bahnhof Grünau. Es war sommerlich warm, aber nicht heiß. Ein Tag, wie gemacht zum Spazierengehen am Wasser. Ich lief den zum Bahnhof führenden Wiesenweg entlang und sah schon von weitem, daß mein Noch-nicht-Verlobter, der mir entgegenkam, irgendwie anders aussah. Er lächelte verliebt und ein bißchen spitzbübisch. Den Spitzbuben kannte ich noch nicht an ihm. Das hellblonde Haar fiel ihm wie immer in einer Welle in die Stirn, es glänzte in der Sonne. Für mich kam nur Blond in Frage. Dunkel war ich selbst. Die blonde Tolle wippte beim Gehen, denn der schlingernde Seemannsgang war ihm von dem kurzen Gastspiel bei der Kriegsmarine geblieben. Diese Art zu gehen hatte etwas Verwegenes, das ich sehr mochte. Er trug
für den Sonntagsspaziergang seinen Ausgehanzug, den einzigen,
den er besaß. Maßgeschneidert in Feldgrau. Noch Jahre
später jammerte meine Schwiegermutter: Warum habe ich damals
in Potsdam nicht rechtzeitig mitgekriegt, daß geplündert
wird? Als ich hinkam, waren die besten Sachen schon weg. Nur noch
feldgraue Uniformen. Die ersten Plünderer hatten es gut, die
griffen sich die Marineuniformen. Blaues Tuch! Blau! Denkt mal, was
man aus blauem Stoff alles nähen kann. Aber feldgrau? Ach, was
für einen schönen blauen Anzug hätte ich dem Jungen
davon geschneidert! Aus
dem Schaufenster, erklärte mein Noch-nicht-Verlobter und
lächelte spitzbübisch, heute abend stelle ich sie
wieder rein. [Stuttgart, Baden-Württemberg; 19461949] Endlich
wieder Theater spielen
(Auszug) ... Obwohl stark zerstört, war Stuttgart für viele Künstler ein Anziehungspunkt. Die Aufbruchsstimmung nach dem 8. Mai 1945 kann man heute kaum beschreiben. Daß ich wieder Theater spielen durfte, empfand ich als besonders befreiend. Wenn ich meine Tagebücher jener Jahre lese, so ist mir kaum mehr vorstellbar, was wir damals alles in einen einzigen Tag hineingepackt haben. Rückblickend fühle ich mich wie in einem Taumel von Proben, Vorstellungen und Geselligkeit. Die Zeit des Diskutierens hatte begonnen. Gegenüber unserem Theater in der Kleinen Königstraße hatte Werner Finck seine Mausefalle eröffnet. Finck, der sich auf kabarettistische Weise in Berlin immer wieder mit den Nazis angelegt hatte und dabei gerade noch mit Verboten und kurzen Inhaftierungen davongekommen war, startete hier seinen Neuanfang. Nach den Vorstellungen trafen wir uns in seiner Bar, wo Menschen aus allen möglichen Bereichen wie Schriftsteller, Musiker und Maler zusammenkamen. Es ging hier wild zu, es wurde durchaus mehr getrunken, als manchem zuträglich war, und doch wurden gewisse Grenzen gewahrt. Ausgelassenheit und Fröhlichkeit bestimmten unser endlich befreites Beisammensein. ... Das ist aber nur eine Seite des damaligen Lebens. Die andere hieß Schlange stehen nach Lebensmitteln, nach Heizmaterial, nach Bezugsscheinen. Auch die selbstverständlichsten Dinge waren ohne Bezugsschein oder Zuteilung nicht zu haben. Der alte Ofen in meinem Wohnzimmer qualmte derart, daß wir zu ersticken drohten. Klar, daß nur ein Raum beheizt werden konnte. Die Premiere eines amerikanischen Dreipersonenstückes lag gerade hinter mir. Meine beiden wunderbaren Partner waren Lina Carstens und Willi Leyrer. Ich spielte ein armes, gequältes Hascherl, das mit ihrem Liebsten am Ende des Stückes auf einer Schlittenfahrt so lautete der Titel freiwillig in den Tod fährt. Als ich den Bezugsschein für den erwähnten Ofen beantragte, muß ich wohl wie die Person, die ich in dem Stück gab, gewirkt haben. So dringend ich meine Bitte auch vortrug, ich erhielt den Bezugsschein nicht.
Kurz danach begannen für mich die Proben zu Werfels Juarez und Maximilian, in dem ich die Rolle der Kaiserin Charlotte hatte. Wieder ging ich zur Bezugsscheinstelle und stand demselben Beamten gegenüber, nur jetzt bat ich nicht mehr, sondern forderte, und zwar ganz energisch. Kaiserlich geübt, fiel es mir jetzt nicht mehr schwer. Erst nachdem ich die Beeinflussung der privaten Sphäre durch die Rollen abgelegt hatte, erinnerte ich mich dieses prägnanten Beispiels. Der Winter 1946/47 war lang und kalt. Immer wieder entdecke ich in meinem Tagebuch: Temperatur minus 18 Grad, minus 21 Grad. Lebensmittel waren äußerst knapp. Oft war das Schlangestehen, das ich gleichzeitig zum Lernen meiner Rollen nutzte, vergeblich, da das Begehrte bereits ausverkauft war. Ich bekam ein Hungerödem am Bein, das bei der Kälte sehr schmerzhaft war. Auch wurde ich entgegen meiner Veranlagung immer fülliger. Ich war aufgeschwemmt, wie mir der Arzt versicherte, ich müsse meine Ernährung verändern und Fleisch und Gemüse essen. Auf meine Frage, wie ich das denn bewerkstelligen solle, hatte er auch keine Antwort. ... Im Sommer
1947 stand eines Tages ein junger Mann vor der Tür unseres Oberspielleiters
Fred Schroers. Vom Fenster im oberen Stockwerk aus erkundigte sich
seine Frau, was er denn wolle. Daraufhin wandte sie sich an Schroer
und sagte: Du, da unten steht ein junger Mann in unsern Tomaten
und fragt, ob du einen jugendlichen Helden brauchen kannst. ... Das vielerorts spürbare, starke Bedürfnis der Menschen nach Freiheit griff auch auf das Private über und brachte nicht selten persönliche Beziehungen durcheinander. Paare fanden zueinander, von denen man es nie für möglich gehalten hätte, Ehen gerieten in die Krise, Eheleute trennten sich. Spontane Gefühlsausbrüche führten zu unüberlegten Handlungen, so daß ich einmal eine Freundin gerade noch festhalten konnte, als sie sich aus dem Fenster stürzen wollte. Ihr Mann hatte ihr mitgeteilt, daß er sie und die kleine Tochter verlassen wolle, um eine andere Frau zu heiraten, die ein Kind von ihm erwarte. Das war
kein Einzelfall, denn die im Krieg oft übereilt geschlossenen
Ehen mußten sich nun unter ganz anderen Bedingungen bewähren.
Ich stand nicht nur staunend vor der neuen Ehe meines Vaters, sondern
oft erschrocken vor dem turbulenten Geschehen im Freundeskreis. HO, wie ich meinen neuen Partner hier nennen will, war 22 und über seine Jahre hinaus bereits gereift. Ich war sieben Jahre älter, doch keineswegs reifer als er. Wir stimmten in unserm Denken so überein, wie ich das zwischen Mann und Frau nicht für möglich gehalten hatte... [Hirschberg/Saale, Thüringen; 1947] Wie
Hans im Glück
Die Arbeit in der Lederfabrik in Hirschberg war schwer, schmutzig und stinkig. Ich war in der Abteilung Chromgerberei beschäftigt und bekam einen Stundenlohn von 39 Pfennigen. Es war so wenig, wie es sich anhört. Aber da es zu dieser Zeit noch nicht viel zu kaufen gab, reichte es gerade so für die Waren auf Lebensmittelkarten. Außerdem war es für mich die einzige Arbeitsmöglichkeit am Ort.
Eines
Tages wurden wir fünf Frauen der Abteilung für unsere Arbeit
prämiiert. Nicht mit Geld, sondern jede mit einem Paar Schuhe.
Das war eine große Freude in einer Zeit, da es nur zugeteilte
Waren auf Bezugscheine gab. Ich war 17 Jahre alt und nahm überglücklich
die wunderschönen, roten Sandaletten in Krokoprägung in
Empfang. Bei einem Bauern tauschte ich die Schuhe gegen 2 kg Roggenkörner, die ich zum Müller nach Dobareuth, ein Dorf in der Nähe von Hirschberg, brachte und bekam dafür Mehl. Das wiederum nahm der Bäcker in Venzka, wo ich damals wohnte, und ich erhielt im Tausch ein duftendes, knuspriges Vier-Pfund-Brot. Mit dieser Extrakost unterm Arm, lief ich zufrieden und glücklich heim. Ich fühlte mich wie Hans im Glück. |
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