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Die Geschichte "Verbotenes Tun" steht in dem Buch
Unsere Heimat - unsere Geschichten
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Foto aus Privatbesitz
Die „Fräulein vom Amt“ – meine Tante Gisela Würz im Kreise ihrer Kolleginnen 1955. Sie ist die blonde Dame vor dem Klappenschrank. Die Schwester meiner Mutter war bis 1969 Telefonistin in Hachenburg und Altenkirchen. Foto: Anne Wilhemi-Bitsch

Geschichte von Anne Wilhelmi-Bitsch

Hachenburg im Westerwald; 1953

Verbotenes Tun

Geschwind huschten wir über die Flure des Hachenburger Postamtes. Dabei spähte die Tante in alle Ecken und zog mich eilends hinter sich her. Es sollte doch niemand sehen, daß sie ihre fünfjährige Nichte mit auf ihre Arbeitsstelle nahm. Wir hatten wieder mal Glück, niemand bemerkte uns, und wir schlüpften rasch in das große Dienstzimmer des Fernamtes, in dem Tante Gisela als Telefonistin arbeitete und dafür sorgte, daß Menschen, die über weite Entfernungen hinweg miteinander telefonieren wollten, die richtige Telefonverbindung bekamen. Mein Vater rümpfte zwar die Nase und meinte gelegentlich, immer nur am Telefon sitzen, das müsse doch langweilig sein, aber die Tante war mit ihrer Arbeit zufrieden, und auch ich konnte mir keinen schöneren Beruf vorstellen. Denn in einer Zeit, in der Ferngespräche im Postamt noch von Hand vermittelt werden mußten, saß die Tante als „Fräulein vom Amt“, wie es damals hieß, an der Quelle aller wichtigen Informationen:
Sie erfuhr über das Telefon zuerst, daß unweit der Stadt die Kleinbahn mit einem Traktor zusammengestoßen war, und daß der alte Dorfschullehrer im Lotto gewonnen hatte. Sie war es auch, die uns als erste am Telefon mitteilte, dass wir ein Schwesterchen bekommen hatten. Immer überraschte sie uns mit Neuigkeiten, und so war ich auch diesmal gespannt, welche aufregenden Ereignisse uns über das Telefon zugetragen würden. Voll gespannter Erwartung betrat ich den Dienstraum.

Stimmengewirr empfing uns. Tantes Kolleginnen, die ich von früheren Besuchen bereits kannte, waren eifrig damit beschäftigt, das telefonische Mitteilungsbedürfnis  der Westerwälder zu befriedigen. Trotzdem fanden sie noch Zeit, uns zu begrüßen oder freundlich zuzunicken. Tante Gisela setzte mich auf einen Stuhl neben sich, und ich schaute mich in dem mir schon vertrauten Raum um.

Ein riesiges Möbelstück erregte immer sofort meine Aufmerksamkeit. Es war eine Art großes Klavier, die Tante nannte es „Klappenschrank“, vor dem die Frauen saßen. Die Frontseite des „Klaviers“ war durchlöchert. In einigen dieser Löcher steckten bunte Stecker, von denen immer zwei durch Kabel miteinander verbunden waren. Da, wo bei einem richtigen Klavier die Tasten sind, befanden sich viele kleine Hebel und Lämpchen. Die Telefonfräuleins hatten Kopfhörer aufgesetzt und trugen vor ihrer Brust einen gebogenen Trichter, ein Mikrofon, in das sie hineinsprachen. Glühte am Klappenschrank ein Lämpchen auf, dann steckten sie einen Stöpsel in eines der Löcher und begrüßten den Teilnehmer am Telefon mit den Worten: „Hier Fernamt, welchen Anschluß wünschen Sie?“

Nach einer Pause fuhren sie fort mit: „Achtung, ich verbinde.“ Sie steckten daraufhin die Stecker in der löchrigen Wand um, und nun konnte der Telefonteilnehmer mit seinem Freund, seiner Frau oder wem auch immer nach Herzenslust sprechen, solange er wollte.  

Meine Tante setzte nun auch einen Kopfhörer auf und hängte sich ein Mikrofon um. Vorher gab sie mir ein Bilderbuch und forderte mich auf, brav zu sein und die Kolleginnen nicht bei der Arbeit zu stören. Ich war mucksmäuschenstill und betrachtete scheinbar voller Interesse mein Bilderbuch, und doch wartete ich nur auf eines. Ich wußte, wenn ich sehr, sehr brav war, dann ...

Ich schielte erwartungsvoll zur Tante und richtig, sie öffnete den Mund und fragte: „Willst du mal ein Gespräch mithören?“
Genau darauf hatte ich gewartet. Natürlich wollte ich Telefongespräche mit anhören, das war doch das Allerschönste an meinen Besuchen im Fernamt. Nun bekam auch ich einen Kopfhörer und einen Trichter und Tante Gisela verschaffte mir eines dieser interessanten Telefonate; nicht ohne sich zu vergewissern, daß das Mikrofon auch ausgeschaltet war. Sie tat gut daran, denn ich begnügte mich bald nicht mehr mit der Rolle der Zuhörerin, sondern vertiefte mich immer mehr in dieses Pingpongspiel aus Fragen und Antworten. Ich verfolgte angespannt, was sich die Leute alles an Neuigkeiten zu erzählen hatten, ihren Liebeskummer, den Ärger mit den Nachbarn, den Kindern, dem Ehepartner, Klatsch und Tratsch und schließlich war ich mittendrin gefangen, fühlte mich einbezogen. Ich gab Antworten, stimmte zu, bedauerte, freute mich mit ihnen, und wenn ein Gespräch beendet war, bestürmte ich die Tante: „Hol mir noch einen Telefonierer!“

Einmal, so erinnere ich mich, wurde ich Ohrenzeugin eines Gesprächs, bei dem ein Teilnehmer einem anderen einen ganz wichtigen Sachverhalt erklärte: „Also, wenn meine Frau dich fragt, wo ich am Samstagabend gewesen war, dann sagst du: Wir waren von 20 Uhr bis Mitternacht beim Kegeln. Hast du mich verstanden?“
Laut rief ich: „Ja, ja!“ in den Trichter, denn ich hatte genau zugehört und alles verstanden. Da sprang die Tante entsetzt auf und riß mir schnell den Trichter vom Hals. Was war geschehen?
Sie hatte dieses Mal vergessen, das Mikrofon auszuschalten. Nach solchen Besuchen mahnte sie mich immer eindringlich, nie im Leben jemals irgend jemandem zu erzählen, daß ich hier im Fernamt Gespräche mit anhören durfte, denn das sei strengstens verboten. Ich versprach es ihr, obwohl ich mich sehr wunderte, denn ich hielt meine „Lauschangriffe“ auf die Telefone der Westerwälder für ein harmloses Vergnügen. Ich tat damit doch niemandem etwas zuleide, so glaubte ich. Doch hielt ich mein Versprechen jahrelang.

Viele Jahre später, die Tante war inzwischen längst gestorben, machte ich mir in einer stillen Stunde klar, daß die Sache nun schon lange verjährt sein müsse, und von da an nahm ich es mit dem Verbot nicht mehr so genau.

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