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Die Leseproben entnahmen wir folgenden Büchern:
Bild Morgen wird alles besser
West-Deutschland 1947-1953
39 Geschichten und Berichte von Zeitzeugen
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Bild Und weiter geht es doch
Deutschland 1945-1950
45 Geschichten und Berichte von Zeitzeugen
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Geschichten zur Währungsreform 1948

Foto zur Währungsreform in Frankfurt
Währungsreform am 20.Juni 1948: Wie in Frankfurt am Main standen an diesem Tag in allen Dörfern und Städten der drei westlichen Besatzungszonen Menschen vor Banken und Geldumtauschbüros an. Foto: BfH (aus Reihe Zeitgut Band 8)

Zum Stillschweigen verpflichtet

Willi Blaudow

Zwischen Bebra und Hünfeld, Hessen; 19./20. Juni 1948

Zur Zeit der Währungsreform 1948 war ich Grenzpolizist in Hessen. Diese Reform sollte für mich zu einem besonderen Erlebnis werden. Zunächst kannte keiner das genaue Datum der Währungsumstellung, aber viele ahnten, daß so etwas bevorstand, weil die Geschäfte kaum noch Waren anboten. Es wurde alles für den großen Tag gehortet.

Auch wir Grenzpolizisten waren nicht genau informiert. Erst einige Stunden vor dem großen Ereignis bekamen wir Bescheid, daß es kein dienstfrei gäbe und wir uns mit allen Waffen im Grenzpolizeikommissariat einzufinden hätten. Dort erfuhren wir nur, daß eine strenggeheime Sache anlaufen würde. Wir durften nicht mehr in unsere Quartiere, sondern stiegen gleich in die Mannschaftstransportwagen, MTW genannt, und fuhren ohne Bekanntgabe von Gründen und Zielort los gen Westen. Nur der Fahrer wußte, wohin die Reise gehen sollte.

Als wir unseren Bestimmungsort erreichten, war es Nacht geworden. Wir dachten, daß wir nun sicherlich Näheres über unseren geheimen Auftrag erfahren würden, doch wir bekamen nichts zu hören. Aufmerksam wurden wir erst, als wir plombierte Säcke und Alu-Kästen mit der Aufschrift „DEUTSCHE BANK“ in unseren MTW laden mußten. Da dämmerte es diesem oder jenem, daß schon mal die Rede von Geldentwertung und Geldumtausch war. Auf Fragen bekamen wir selbst jetzt noch keine Antwort. Als unser MTW voll beladen war und der Fahrer, ein Bediensteter vom Kommissariat, und wir vier Grenzer zwischen den Säcken und Alu-Kästen gerade noch Platz fanden, kam ein Polizeikommissar zu uns an den Wagen und erklärte in militärisch strengem Ton: „Nun, meine Herren, Sie sind ja zum Stillschweigen verpflichtet worden! Sollten Sie diese Verpflichtung nicht einhalten, werden Sie wegen Geheimnisbruch bestraft! Merken Sie sich das gut! Laden Sie sofort Ihre Waffen durch, bleiben Sie während der Fahrt aufmerksam und schlafen Sie ja nicht ein! Und nun, Gott befohlen, gute Fahrt!“

Wir luden unsere Karabiner durch und ab ging die Post. Was muß das für eine tolle Sache sein, wenn der Polizeikommissar uns Gott empfiehlt?

Der Fahrer, sonst ein rechtes Plappermaul, blieb schweigsam wie ein Grab. Nur der Bedienstete vom Kommissariat sagte: „Ja, Kollegen, es ist was Großes im Busch, aber zerbrecht euch darüber nicht die Köpfe, ihr werdet alles noch früh genug erfahren. Sollte unterwegs wider Erwarten etwas passieren, springen wir sofort allesamt aus dem Wagen und kreisen ihn ein. Notfalls müssen wir von der Waffe Gebrauch machen und schießen, aber nur, wenn ich es befehle!“ Das war ja nun deutlich genug. Schießen auf Befehl, da mußte ja etwas sehr Brisantes in den Säcken und Kästen sein!

Endlich äußerte jetzt auch ein Kollege seine Ansicht über diesen Einsatz: „Ja, wißt ihr, ich war mal kurze Zeit bei einer Bank beschäftigt, und da haben wir immer von den Geldtransportfirmen das Papier- und Hartgeld in solchen Säcken und Alu-Kästen geliefert bekommen. Ich glaube fast, wir haben zur Zeit wohl etliche Millionen unter unseren Hintern!“
„Seien Sie ruhig! Warten Sie ab, dann werden Sie alles erfahren!“, wurde die Rede des Kollegen unterbrochen.

Glücklicherweise passierte unterwegs nichts, die Straßen waren fast leer, und so kamen wir schnell vorwärts. Die Kollegen, die Ausblick in Fahrtrichtung hatten, sahen, daß wir an markanten Örtlichkeiten und Ortsschildern vorbei in Richtung Sowjetische Besatzungszone fuhren. Es war schon gegen Morgen, als wir die erste grenznahe Ortschaft erreichten und vor einer Bank hielten. Wir mußten nun die Säcke und Alu-Kästen in die Bank schleppen, wo sie von Bankbeamten in Empfang genommen und registriert wurden. Dann bescheinigten sie unserem Vorgesetzten, was sie bekommen hatten, und weiter ging die Fahrt zur nächsten Ortschaft im Grenzbereich zwischen Bebra und Hünfeld.

Von den Bankbeamten erfuhren wir nun auch, was dieser seltsame Geldtransport zu bedeuten hatte. Es mußten wohl Milliarden Mark sein, die wir und die anderen Kollegen transportierten.
Und es sickerte auch durch, daß es am gleichen Tage neues Geld geben würde. So war es dann auch. Es war der 21. Juni 1948, der Tag der Währungsreform. Jeder bekam vierzig Deutsche Mark ausgehändigt, das heißt, umgetauscht gegen vierzig alte Reichsmark. Da nun in den Geschäften plötzlich wieder alles in den Regalen lag, war dieses Geld schnell ausgegeben. Wir Grenzpolizisten und wahrscheinlich alle Beamten warteten nun auf unser Gehalt, das uns nun ja auch in DM ausgezahlt werden müßte. So war es dann auch.

Aus "Morgen wird alles besser", Reihe Zeitgut Band 22
80 Deutsche Mark auf die Hand ...
Hans-Heinrich Vogt

München 1948

Vielleicht genoß ich das besondere Vertrauen des alten Herrn, weil ich mich bemühte, seinen Filius über die Klippen der Schulzeit hinwegzulotsen. Ich gab ihm Nachhilfestunden.

Der Privatunterricht für lernunwillige oder lernunfähige Schüler war mein festes Standbein in den Stürmen der finanziellen Turbulenz meines Studiums. Wann immer sich Gelegenheit bot, einem Filius oder einer Filia die Grundzüge des Englischen, des Lateinischen oder der Mathematik nahezubringen, nahm ich sie wahr. Dabei spielten meine eigenen Fähigkeiten eine nur untergeordnete Rolle, lernt man doch selbst am besten, indem man lehrt. Gewiß, meine Fundamente, die ich der eigenen Schulzeit verdankte, waren nicht schlecht, aber nie habe ich Deklination oder Dreisatz so souverän beherrscht wie in meiner Zeit als Nachhilfelehrer.

Wer die Qualität meiner Bemühungen anzweifelt, tut mir unrecht. Ich bekam in der Regel eine Mark für 60 Minuten, in seltenen Fällen 1,50 Mark, und nur bei rothschildverdächtigen Eltern erlaubte ich mir, zwei Mark zu berechnen. Ich tat mein Bestes, wenngleich das Beste in Relation stand zum Honorar, zugegeben. Die Versuchung, die Gunst der Angst vor der Zeugnisausgabe zu nutzen, brachte mich dazu, pro Woche über 30 Nachhilfestunden durchzustehen, mehr als die Pflichtstundenzahl eines arbeitsamen Studienrates!

Highlights sind mir in Erinnerung geblieben. So die Trauer über die 80 Mark, die sich angesammelt hatten, als ich dabei war, einen faulen Medizinstudenten aufs Vorphysikum vorzubereiten. Just zu diesem Zeitpunkt kam am 20. Juni 1948 die Währungsreform – über Nacht. Kein Anspruch mehr auf Bezahlung. Da drückte mir beim nächsten Besuch der alte Herr Papa mit einem Lächeln 80 neue Deutsche Mark in die Hand!

Das war das Doppelte des Vermögens, das Otto Normalverbraucher am 20. Juni von Staats wegen besaß. Ich mußte damals an die Sperlinge denken, die der himmlische Herrgott trotz aller Widrigkeiten ernährt.

Ernährung – ein wichtiges Stichwort in der Ära kümmerlicher Lebensmittelrationen. Ist es ein Wunder, daß ich den Unterricht bei der Tochter des Bäckers rein zufällig immer in die Zeit der nachmittäglichen Kaffeestunde verlegte?

Ein gesättigter Pauker vermochte sein Wissen weit besser an die Frau zu bringen.

Aus "Und weiter geht es doch", Reihe Zeitgut Band 8
Hochzeit mit Hindernissen
Rudolf Schröder

Wiesbaden - Lübeck 1948

... Jeder wußte etwas anderes über die bevorstehende Währungsreform. Einige ganz Schlaue kannten nicht nur das genaue Datum, sondern auch schon den Umstellungskurs. Man hörte obendrein noch von Gaunern, die besonders älteren in Gelddingen nicht so erfahrenen Leuten Wertgegenstände abgeschwatzt hätten. Ansonsten waren die meisten der wenigen verfügbaren Waren einfach aus den Läden verschwunden. Alles wartete auf den großen Knall. Und er kam!

Bei der standesamtlichen Trauung am Sonnabendvormittag waren nur die Trauzeugen und einige Freunde anwesend. Meine Schwiegermutter und eine Tante mußten sich um das Hochzeitsessen kümmern. Mein Schwiegervater hatte sich um einen hübschen Brautstrauß bemüht. Er erhielt ihn mit der Auflage, die Blumen nach der Geldumstellung in der neuen Währung zu bezahlen. Die Reichsmark war zwar noch gültig, doch niemand wollte sie mehr annehmen.

Der Hochzeitsschmaus war bescheiden. Ich glaube, es gab eine Suppe, dann wohl Fisch, weil der in Lübeck leichter zu beschaffen war, und einen Nachtisch. Der mitgebrachte Wein wurde allseits geschätzt.

Nach den Bestimmungen konnte das alte Geld, die Reichsmark (RM), in das neue umzutauschende Geld, die Deutsche Mark (DM), gewechselt werden. Vorgesehen war eine Währungsumstellung von zunächst 60 Reichsmark im Verhältnis 1:1. Jeder Einwohner konnte sich sofort sein „Kopfgeld“ von 40 DM abholen. Die restlichen 20 DM sollten im August ausgegeben werden. Jeder, ob Greis oder Säugling, war also für kurze Zeit gleich arm oder reich.

Für uns hatte der Umtausch allerdings einen Haken. Ausgerechnet am Tag X waren wir in einer fremden Stadt praktisch ohne Geld. Man bekam die 40 DM nämlich nur am Wohnort, der im Personalausweis eingetragen war. Um den zu erwartenden Riesenandrang des Umtausches schnell zu bewältigen, wurden die Lokale für das Wechseln schon am Sonntag früh geöffnet. Doch was nützte es uns?

Meine Frau wohnte in der französischen Zone und ich war in der amerikanischen Besatzungszone gemeldet. Eine gemeinsame Wohnung hatten wir noch nicht. Unsere Rückfahrkarte war zum Glück bezahlt, doch wie sollten wir die Fahrt und die ersten Tage nach der Heimkehr ohne einen Pfennig überstehen?

Viele kinderreiche Familien hatten nicht genug Geld zum Umtausch zur Hand. Das wurde in gewisser Hinsicht unsere Rettung. Schwager und Schwägerin bekamen mit drei kleinen Kindern 200 Deutsche Mark. Sie hatten als Flüchtlinge aus Pommern jedoch kaum Geld. Ich konnte ihnen etwas von unserem geben. Dafür gaben sie uns, gewissermaßen als Überbrückungshilfe, das für zwei Kinder eingetauschte Kopfgeld. Nach unserer Rückkehr wollten wir dann sofort Geld eintauschen und ihnen das geliehene zurückzahlen. Es klappte alles. Auch die Schwiegereltern gaben uns zu gleichen Bedingungen noch einen geringen Betrag. Gleich am Tage nach unserer Ankunft schickten wir das geliehene Geld postwendend zurück.

Ein Wunder war geschehen: Mit dem Währungsschnitt füllten sich über Nacht Warenlager und Schaufenster. Es gab wieder Dinge zu kaufen, an die sich viele kaum noch erinnern konnten. Nun ging es wirtschaftlich wieder aufwärts.

Allerdings holte mich der Wechsel von der Reichsmark zur Deutschen Mark nach 20 Jahren noch einmal ein: Eine Tante hatte nach dem Krieg in Franken mit Heimarbeitern eine kleine Fabrikation von Einkaufstaschen aus Bast begonnen. Sie machte damals recht gute Geschäfte in Reichsmark. In meinen letzten Studienmonaten hatte sie mir einmal tausend Reichsmark gegeben, nicht geliehen; nur wenn es mir gutginge, dann könnte ich sie ja zurückgeben, sonst sollte die Sache vergessen sein. Später zahlte ich ihr, wie in der Verordnung für den Geldumtausch festgelegt, für dieses Geld 100 DM zurück. Von Zinsen war nicht die Rede gewesen.

Nun also rief mich ein mir völlig unbekannter Herr an. Er wäre ein Bruder der Tante und von ihr beauftragt, von mir die geliehenen tausend Mark, nebst Zinsen, einzuziehen. Er bitte um Überweisung.
Meine Überraschung war perfekt! Immerhin konnte ich das unverschämte Anliegen unter Hinweis auf die Umtauschkriterien und meine Rückzahlung gleich zurückweisen. – Damit war nun für meine Frau und mich die Währungsreform endgültig gelaufen.

Aus "Und weiter geht es doch", Reihe Zeitgut Band 8


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