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Und weiter geht es doch
Deutschland 1945-1950

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Bildquelle Waltraut Westphal
Schwesternschülerinnen beim Basteln. Waltraut Westphal ist die dritte von rechts. Eine Aufnahme aus ihrer Ausbildungszeit im Emilia-Schiffmann-Haus in Ringenwalde, 1942

Im Laufe der Menschheitsgeschichte gab es immer wieder mal gefährliche Seuchen. Im Mittelalter war es die Pest. Nach dem mörderischen Zweiten Weltkrieg sind es Diphtherie, Ruhr, Typhus und Tuberkulose. Nur wenige Kilometer von der Ostsee entfernt, im wunderschönen Schloß Kalkhorst - zu dieser Zeit Typhus-Krankenhaus - beginnt Waltraut Westphal am 20. Januar 1946 ihren Dienst als Schwesternhelferin.


"Nebel", Nachtdienst und Plagegeister

Geschichte von Waltraut Westphal (gekürzte Fassung)
Barendorf, Kreis Grevesmühlen, Mecklenburg-Vorpommern

Vom 5. Dezember 1945 an lebe ich mit meinen Eltern und meiner Schwester im mecklenburgischen Barendorf, einem kleinen Ort an der Lübecker Bucht, unsere Flucht aus Pommern ist zu Ende.  Gleich zu Beginn des neuen Jahres hören wir, daß im Typhus-Krankenhaus Schloß Kalkhorst dringend Pflegepersonal benötigt wird. Als gelernte Schwesternhelferin bewerbe ich mich sofort und habe Glück. Mein Dienstantritt wird auf den 20. Januar 1946 festgelegt.
Bis dahin ist noch viel zu tun. Da ich keine Parasiten ins Krankenhaus einschleppen darf, muß meine gesamte Wäsche von Kleiderläusen befreit werden. In unserer Heimat Kannin, Kreis Schlawe, kannten wir die Kleiderlaus nicht einmal vom Hörensagen. Jetzt haben uns diese üblen Parasiten schon ziemlich im Griff. Ein simpler Strohsack ist uns auf der Flucht zum Verhängnis geworden.
Im Laufe des Vormittags habe ich mich zum Dienstantritt im Typhus-Krankenhaus zu melden. Mein Vater begleitet mich auf dem Weg dorthin und trägt den größten Teil meiner armseligen Habe.

In der Nachkriegszeit herrschen auf dem Gebiet der Krankenpflege besondere Gesetze. Normalerweise läuft der Neuling zunächst so nebenher mit. Ich hingegen muß von Anfang an eine erfahrene examinierte Krankenschwester ersetzen, obwohl ich gerade erst 22 Jahre alt und nur Schwesternhelferin bin. Meine Stationsschwester weist mich kurz in den Umgang mit Typhuskranken ein und erklärt mir, mit welchen Vorsichtsmaßnahmen ich mich gegen eine Ansteckung schützen könnte. Die Einweisung erfolgt zwischen Tür und Angel; zum einen aus Zeitnot und zum anderen, weil kein freier Raum zur Verfügung steht. Außer unserem Eßraum sind sämtliche Räume mit Kranken belegt.
Zunächst mache ich Dienst in der Frauenabteilung. Ich habe den Eindruck, mit Patientinnen aus einer Nervenklinik umgehen zu müssen. Die Kranken, darunter auch ein junges Mädchen, sind durch das hohe Fieber in einem Zustand der völligen Verwirrung. – Das Wort Typhus ist griechischen Ursprungs und bedeutet Nebel. – Unendlich beglückend ist es für uns Pflegende, wenn sich die Krankheit nach Wochen bessert, wenn der „Nebel“ weicht.

Nach vierzehn Tagen übernehme ich die Nachtwache. Weil das Krankenhaus zu wenig Personal hat, bin ich für alle 115 Patienten des Hauses verantwortlich. Um mit Puls- und Fiebermessen bis um 6 Uhr, dem Beginn der Tagschicht, fertig zu werden, muß ich schon gegen 1.30 Uhr beginnen.
Zu meinen Aufgaben gehört auch, nach den Sterbenden zu sehen und die Nachtgeschirre zu leeren.
Leider müssen 20 Kinder mit vier bis fünf Nachttöpfen auskommen. Selten hat ein Kind ein Bett für sich allein. Vorschulkinder müssen sich sogar zu viert ein Bett teilen. Zwei Kinder liegen am Kopf- und zwei am Fußende des Bettes. So schlafen sie friedlich nebeneinander. Ich staune über die Kleinen, die trotz hohem Fieber, 40° oder sogar 41° C sind die Regel, im dunklen Raum immer ihr Töpfchen finden.

Es war naiv von mir zu denken, im Krankenhaus von der Kleiderlaus verschont zu bleiben. Ich muß jeden Abend meine Tageskleidung auf diese Parasiten hin untersuchen. Das ist Dienstvorschrift. Ich bin wohl zusammengezuckt, als mich die Stationsschwester bei der Einweisung dazu aufforderte. Auch das noch!
Wegen Erkrankung von Pflegepersonal sind wir ohnehin schon doppelt gefordert. Meist falle ich nach Dienstschluß hundemüde ins Bett!

Der Rat eines jungen Pflegers hilft uns Schwestern weiter. Er behauptet, die Läuse machten sich immer um das Brustbein herum bemerkbar. Er hat, was mich betrifft, recht. Juckt es um das Brustbein herum, finde ich bei der Kleider- und Wäschekontrolle unweigerlich dieses Ungeziefer, das man im Gegensatz zum Floh aufnehmen und vernichten kann. Nachdem ein Krankenpfleger innerhalb weniger Tage an Fleckfieber gestorben ist – der Erreger des Fleckfiebers benutzt die Kleiderlaus als Übertragungswirt – bin ich ängstlich geworden und passe besser auf.
Der Pfleger, der uns den guten Tip gegeben hat, ist von Beruf Maurer. Er baut uns einen großen Ofen, in dem die Läuse abgetötet werden. Einmal zeigt er mir ein Wäschestück. Es ist übersät mit schwarzen Punkten, bestehend aus verkohlten Läusen. Seine Worte sind mir noch heute im Ohr: „Wenn der Mensch Läuse hat, dann mag es noch angehen, doch, wie in diesem Fall, wenn Läuse erst den Menschen haben, ist das entsetzlich!“

Es genügen nämlich wenige Läusestiche, um an Fleckfieber zu erkranken.

Aber auch mit der Kopflaus haben wir im Krankenhaus zu kämpfen. Ein mit Kopfläusen Befallener bekommt deshalb sofort die sogenannte Läusekappe auf.

Eines Abends wird eine stark fiebernde Patientin bei uns eingeliefert. Der Korridor ist nicht geheizt. Wir haben gerade Stromsperre und kein Licht, um den Kopf der Patientin näher zu untersuchen. Guter Rat ist in dieser Situation teuer. Die Patientin wird auf Ehre und Gewissen gefragt, ob sie Läuse hätte. Sie verneint.
Am nächsten Morgen fragt unsere Stationsschwester die Patientin erneut. Ihre Fragerei geht mir auf die Nerven. Ich empfinde sie als diskriminierend. Die Patientin trägt eine blütenweiße Nachtjacke, damals eine große Seltenheit. Aus Protest komme ich beim Bettenmachen dem Kopf der Patientin ganz nahe. Ich will ihr damit zeigen, daß ich ihren Beteuerungen Glauben schenke. Als die Sonne ins Zimmer scheint, wird der Kopf der Patientin gründlich untersucht – und siehe, das hübsche, dichte Kopfhaar wimmelt nur so von Läusen! Ich habe meinen Teil abbekommen und muß mir nun das Anlegen der Läusekappe gefallen lassen. 

Nach dem Krieg mußten drastische Maßnahmen ergriffen werden, um diese Ungeziefer unter Kontrolle zu bekommen. In der sowjetischen Besatzungszone galt folgende Anordnung: Nur der Bürger, der frei von Kopfläusen ist, bekommt auf dem Bahnhof eine Fahrkarte. Wer eine Reise plante, mußte wohl oder übel die Gemeindeschwester aufsuchen. Fand sie kein Ungeziefer in den Haaren des Reisewilligen, konnte sie ihm die begehrte Bescheinigung ausstellen.
Als der Frühling sich mit seinen höheren Temperaturen ankündigte, befanden sich viele unserer Patienten auf dem Weg der Besserung. Wir waren glücklich darüber. Ein besonderer Dank hierfür gebührt sicherlich den Verantwortlichen der Sowjetischen Militär-Administration. Während Millionen Deutscher buchstäblich am Hungertuch nagten, wurden alle, die an einer Infektionskrankheit bis hin zur Tuberkulose litten, optimal verpflegt. Nur so war eine Pflege in den Krankenhäusern überhaupt sinnvoll, andernfalls wäre jedes Krankenhaus mit Sicherheit zum Sterbehaus geworden.

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