Geschichte zum Muttertag

Titelbild des Programmheftes
Die Filmschauspielerin Olga Tschechowa (1897–1980), Nichte des russischen Schriftstellers A. P. Tschechow, kam 1912 nach Deutschland. Sie wirkte in zahlreichen Filmen mit, unter anderem in: „Zwei Frauen“. Die Abbildung zeigt sie, rechts, zusammen mit Irene von Meyendorff auf dem Titelbild des Programmheftes. (zur Verfügung gestellt von Hildegard Strauß)

Muttertag

Geschichte von Hildegard Strauß
Ortelsburg, Masuren, Ostpreußen 1937

Jeden Morgen gehe ich auf meinem Schulweg an dem großen Modegeschäft mit den schönen Kleidern und Mänteln vorbei. Seit Wochen liegt ganz vorne im Schaufenster ein wunderschöner blauer Chiffonschal mit weißen Tupfen. Es muß der gleiche sein, den Olga Tschechowa - sie war damals eine große Filmschauspielerin - in ihrem letzten Film trug.
In fünf Wochen ist Muttertag. Mutter ist sehr krank und kann nicht mehr aufstehen, aber mit ihren schönen schwarzen Haaren und den großen blauen Augen würde sie mit diesem Schal wunderschön aussehen, wie Olga Tschechowa!

Ich bin zehn Jahre alt. Günter, mein älterer Bruder, hat sicher schon ein tolles Geschenk. Im Gegensatz zu mir spart er immer fleißig. Doch auf diesen Schal ist er bestimmt nicht gekommen. Mein Geschenk würde ganz bestimmt das schönste sein.

1,80 RM kostet der Schal. Mein Taschengeld beträgt 20 Pfennig pro Woche. Das ergibt in den fünf Wochen bis zum Muttertag eine Mark. 40 Pfennig habe ich noch. Dann fehlen mir immer noch 40 Pfennig.
Jeden Morgen auf dem Schulweg werfe ich einen Blick ins Schaufenster. Ob er noch da ist?

Nur noch eine Woche, dann ist Muttertag, und mir fehlen immer noch 40 Pfennig! Wenigstens Blumen brauche ich nicht zu kaufen, die Tränenden Herzen und der Goldlack blühen schon im Garten. Wie komme ich nur zu den 40 Pfennigen?

Ich könnte natürlich eine Eins im Diktat schreiben, dann bekäme ich vielleicht 10 Pfennig, aber auch nur vielleicht! Eigentlich ist die Anstrengung viel zu groß für 10 Pfennig! Aber ich könnte die Briefe für unseren Hausbesitzer zur Post bringen. Manchmal gibt er mir 10 Pfennig dafür, aber auch nur manchmal!

Nur noch zwei Tage bis zum Muttertag. Der Schal liegt nach wie vor im Schaufenster und mir fehlen die 40 Pfennig immer noch. In meinem Nachttisch müßten eigentlich noch 20 Pfennig liegen, die ich als Schmerzensgeld für meine Halsschmerzen bekommen habe. Ich muß gleich mal nachsehen.

Es ist der letzte Tag vor Muttertag. Ich stehe vor dem Schaufenster. Meine Hand ist feucht und ganz fest um das kleine Portemonnaie gepreßt. Darin sind 1,60 RM.
Ich nehme all meinen Mut zusammen und gehe in den Laden hinein. "Ich hätte gerne den blauen Schal mit den weißen Punkten, aber ich habe nur 1,60 RM. Könnte ich den Rest abzahlen?" frage ich forsch.

Die Blicke, die zwischen den beiden Verkäufern hin- und hergehen, lassen mich schon viel weniger forsch dastehen. "Ich brauche ihn ganz dringend", sage ich nun schon viel bescheidener. Mein Herz klopft bis zum Hals. Wenn sie nun nein sagen? Was mache ich dann?
"Wann würdest du denn den Rest bezahlen?" fragt der eine Verkäufer. "In der nächsten Woche könnte ich den Rest von meinem Taschengeld bezahlen, ich bekomme 20 Pfennig pro Woche", antworte ich schnell und schon wieder viel lauter.

Der Verkäufer packt sehr langsam den Schal ein, sieht mich ernst an und sagt: "Dann bis zur nächsten Woche."
"Ja", sage ich und sehe ihn genauso ernst an und verspreche: "Bis zur nächsten Woche."

Auf dem Nachhauseweg presse ich das kleine Päckchen ganz fest an mich, als ob es der kostbarste Schatz der Welt wäre. Was wird Mutter wohl dazu sagen?

Es ist soweit. Muttertag. Günter steht schon vor der Schlafzimmertür, als ich mit meinem kleinen Päckchen ankomme. Wir dürfen immer erst zu Mutter, wenn sie von der Krankenschwester gewaschen und gekämmt worden ist. Günter hat einen großen verpackten Gegenstand vor sich zu stehen. Was mag da wohl drin sein?

Ich halte mein kleines Päckchen mit dem Schal auf dem Rücken versteckt. "Was hast du denn?" frage ich ihn neugierig. "Pack' es doch mal aus, Mutter kann es in ihrem Bett sowieso nicht."

Sein triumphierender Blick läßt nichts Gutes ahnen, als er ganz langsam den Packbogen löst. Ich traue meinen Augen nicht! Ein kleiner Tisch, ein Tisch, den man auf das Bett stellen konnte, damit Mutter bequem essen kann. Genau das, was Mutter braucht!
Und ich habe einen sinnlosen, lächerlichen Schal, den sie nie umbinden wird! Die Tränen laufen mir über die dicken Wangen. Dieser Günter!

"Das ist gemein", schreie ich und bin gerade dabei, voller Wut meine kleinen Fäuste in seine Seite zu schieben, als Mutter "Herein!" ruft. Ich drängele mich nicht vor, ich muß erst meine Tränen abwischen, es ist sowieso alles egal. Was ist schon mein Schal gegen seinen Frühstückstisch?

Mutter sieht schön aus wie immer. Wir stehen an ihrem Bett, Günter stellt seinen Tisch darauf und sagt in seiner korrekten Art: "Ich gratuliere dir zum Muttertag."
Mutter streicht mit ihrer kranken Hand über den Tisch. "Der ist schön, nun kann ich endlich bequem essen, ich danke dir."

Ich bin todunglücklich. Wie konnte ich nur auf die Idee mit dem Schal kommen? Vielleicht sollte ich ihn fallen lassen und nur die Tränenden Herzen schenken? Der Günter ist so gemein ...

Nun bin ich dran. Ich lege mein kleines Päckchen auf Mutters Bett und sage: "Liebe Mutti, ich wünsche mir ... nein, ich wünsche dir, daß du bald wieder gesund wirst."
Mein Herz klopft, als sie ganz langsam das Päckchen auspackt. Sie breitet den Schal aus, hebt leicht ihren Kopf und legt ihn um. "Hol mir bitte einen Spiegel", sagt sie.
Ich halte ihr den Spiegel hin, sie zupft hier und da und freut sich: "Ist der schön! Ich habe noch nie einen so schönen Schal besessen. Den werde ich niemals wieder ablegen."

Ich sitze vor ihrem Bett, den Tisch sehe ich nicht mehr. Mutter sieht so schön mit dem Schal aus - wie Olga Tschechowa! Ich bin glücklich.

Geschichte aus dem Buch "Heil Hitler, Herr Lehrer". Reihe ZEITGUT Band 13

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