Leseprobe aus dem Buch:
DDR Geschichten Band 1 Abhauen oder hierbleiben?
DDR-Geschichten. Band 1
Zeitgut-Auswahl
Taschenbuch, 7,90 Euro
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Bild Schwarz über die grüne Grenze
1945-1961. Als Flucht noch möglich war
Reihe Zeitgut Band 24

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Der 17. Juni 1953 in Gera

Foto mit Jürgen Kaufmann
"Um mich den Werbern der künftigen Nationalen Volksarmee zu entziehen, begann ich im September 1953 meine Maurerlehre bei der VEB Bau-Union in Gera. Dieses Foto aus dem Jahr 1955 zeigt die Komplex-Brigade Dübler auf der Großbaustelle Gera-Leumnitz. Der in der Mitte hockende fröhliche Mensch im dunklen Hemd bin ich", schreibt Jürgen Kaufmann zu dem Bild.

Ausschnitt aus der Zeitzeugen-Erinnerung "Abhauen statt Volksarmee" von Dr. Jürgen Kaufmann

Das Abitur ist geschafft. Offizielle Ergebnisse, vor allem die endgültigen Reifezeugnisse, liegen zwar noch nicht vor; ich erfahre aber von unserer sympathischen Rektoratssekretä­rin inoffiziell alles Wichtige, sogar meine Gesamtnote. Ich genieße das Intermediärstadium zwischen Reifeprüfung und Berufsbeginn. Zuerst besorge ich mir das heißersehnte Fahr­rad. Für 275 Mark Ost hat es mir mein Vater zum bestande­nen Abitur spendiert. Ich habe Glück, denn eben sind zehn Räder, Marke MIFA, in dem staatlichen Laden mit dem Fahr­radmonopol eingetroffen. Am fabrikneuen Rad selbst fehlen Dynamo und Beleuchtung. Ungeachtet der zu erwartenden Schwierigkeiten mit der Nachrüstung der Beleuchtung greife ich natürlich sofort zu und erwerbe das Rad. Zwei Stunden später ist der Laden dann auch leergefegt.

Politisch liegt einiges in der Luft. Man hört hintenherum, daß die Bauarbeiter an der Stalinallee in Ost-Berlin streiken und offen Widerstand gegen die von Staat respektive Partei diktierten Normerhöhungen leisten. Die Unruhen greifen an­geblich auch auf das Umfeld von Ost-Berlin über.

Ich bin an diesem Mittwoch, dem 17. Juni 1953, mit mei­nem neuen Fahrrad schon quer durch Gera unterwegs. Ein Wismutkumpel verrät mir, daß „die da oben“ seine Kollegen in den Urangruben von Ronneburg aus Angst vor einer über­schwappenden Streikwelle nach Ende der Nachtschicht un­ter Tage in den Schächten eingesperrt halten: „Die werden uns noch kennenlernen!“

Mit meinem Fahrrad bin ich mobil und sehe etwa eine Stun­de später die bis dahin unter Tage eingesperrten Wismutkum­pel in einer langen Kolonne, ungewaschen und verdreckt von der Grubenarbeit, mit ihren russischen SIS-Kipplastwagen anrollen. Sie sind mit Gewalt aus ihren „unterirdischen Ge­fängnissen“ ausgebrochen und stimmungsmäßig natürlich im höchsten Grade aufgeheizt. Ich schließe mich der Kolonne an. Erster Halt ist vorm „Haus der Jugend“, dem Sitz der FDJ-Ortsleitung und von Parteiinstitutionen. Zuerst reißen die Kumpel über die hochgefahrenen Kipperladeflächen das gro­ße Ulbricht-Bild über dem Portal herunter. Es wird sodann mit einem unbeschreiblichen Hochgefühl von uns allen zer­trampelt, eine regelrechte symbolische Hinrichtung.

Inzwischen verlassen in allen Betrieben, die ich bei meinen Kreuz- und Querfahrten passiere, die Arbeiter und Angestell­ten ihre Arbeitsplätze und formieren sich sehr diszipliniert zu Protestmärschen in Richtung Innenstadt. In den Gullys und Regenrinnen am Straßenrand entdecke ich eine Unzahl von weggeworfenen SED-Parteiabzeichen. Die Teilnehmer der Protestmärsche reißen sich diese verhaßten Symbole vom Re­vers, einer nach dem anderen, und werfen sie mit einer deut­lich erkennbaren Genugtuung auf die Straße. Einige Arbeiter zerreißen auch öffentlich ihre Parteibücher.

Im Stadtzentrum treffen und vereinen sich die aus allen Richtungen ankommenden Marschsäulen, ich mit meinem neuen Fahrrad und einer gewaltigen Portion Neugierde und Staunen mittendrin. Ein wenig besorgt bin ich schon, vor allem um mein neues Fahrrad. Die auf dem Platz und den angrenzenden Straßen in einer großen Zahl Versammelten bestimmen per Aufruf, kurzer Vorstellung und Akklamati­on spontan eine Gruppe von etwa fünf Leuten direkt aus ihrer Mitte und beauftragen sie, zum nahen Gebäude der Bezirksverwaltung zu gehen, dem sogenannten Hochhaus, und mit der Leitung des Bezirks zu verhandeln. Es geht zunächst um die Rücknahme der überhöhten Arbeitsnor­men und um eine verbesserte Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, Kleidung und Dingen, die über die reine Grundversorgung hinausgehen, zum Beispiel Reisen in den Westen.

Plötzlich aber kommt eine völlig neue Richtung in die er­regte Debatte. Es werden Forderungen nach freien Wahlen und der Einheit Deutschlands laut. Fürwahr, ein Qualitäts­sprung! Dies ist kein Streik, kein Arbeitskampf mehr, dies ist eine friedliche Revolution!

Während die spontan ernannten Delegierten in Richtung Hochhaus aufbrechen, erschallt der Ruf: „Polizei, Polizei!“

In der Tat nähert sich Bereitschaftspolizei in mehreren Mannschaftswagen. Sie erreicht nur die Peripherie der rie­sigen Menschenansammlung. Im Nu sind einige Polizeifahr­zeuge umgekippt. Ich sehe Polizeimützen durch die Luft flie­gen. Grobe Gewalt kann ich nicht beobachten. Es wird auch nicht geschossen. Die Polizei zieht sich in die angrenzenden Nebenstraßen zurück und verhält sich abwartend.

Am Hochhaus sind vor den Eingängen dicke, ohne Hilfs­mittel nicht zu überwindende Eisengitter heruntergelassen. Die Bezirksfunktionäre schauen im 4. und 6. Stockwerk et­was irritiert, aber unbehelligt aus den Fenstern. Die Menge auf der Straße ist wütend. Sie stürmt weiter in Richtung Gefängnis, ich hinterher. Im Gefängnis werden Tore und Zel­lentüren aufgebrochen und Gefangene befreit. Ob alle her­auskommen, ob es sich bei den Befreiten nur um „Politische“ handelt, ist nicht sicher festzustellen.

Inzwischen beunruhigt uns alle etwas anderes. Es ist ge­gen 13.30 Uhr, und man hört plötzlich Geräusche von Pan­zermotoren, die näher kommen. Ich fahre mit dem Fahrrad den Geräuschen entgegen und stoße auf der Geschäftsstra­ße „Sorge“ auf einen T34. Er hat die Luken geschlossen. Das ist kein gutes Zeichen, man kann sich so nicht durch Winken verständigen. Ich radle die Straße hinab, der Panzer rollt langsam hinter mir her. Allmählich überfällt mich Angst um mein Fahrrad, dessen Anschaffung der ganzen Familie Op­fer abverlangt hat. Ich bin verpflichtet, es heil wieder nach Hause zu bringen und sehe es in meiner Phantasie plötzlich unter Panzerketten zermalmt. So flüchte ich in die Bachgas­se, eine angrenzende Altstadtgasse. Der Panzer kann mir nun nicht mehr folgen; vielleicht wollte er das auch gar nicht, und ich habe mir die Verfolgung nur eingebildet.

Jetzt wird es erst richtig gefährlich. Bei der Weiterfahrt Richtung Platz der Republik/Trinitatiskirche höre ich Schüs­se. Dann sehe ich die Misere: Der große, von friedlich de­monstrierenden Menschenmassen angefüllte Platz wird von drei Seiten von russischen Soldaten eingekreist, die in dop­pelter Schützenkette anrücken. Die Menschen flüchten in die noch offene Richtung. Die Rotarmisten schießen aus ih­ren Kalaschnikows, offenbar überwiegend in die Luft, über die Köpfe der Menge. Einige Menschen liegen am Boden, ich vermag nicht zu beurteilen, ob es sich um die ersten Toten handelt. Jetzt heißt es, rette sich, wer kann!

Schnell weiche ich in Nebenstraßen aus, umfahre den von Lärm angefüllten Platz in möglichst großer Distanz und kom­me schließlich unbehelligt zu Hause an. Im RIAS*) hören wir dann die bitteren Nachrichten von der Tragödie, die sich ähnlich oder schlimmer als in Gera DDR-weit abspielt.
*) RIAS: Rundfunk im amerikanischen Sektor Berlins, der weit in die DDR hinein sendete.

Ich verschwinde am nächsten Tag erst einmal aus dem unru­higen Gera in mein ruhiges Hirschberg, in dem der Würge­griff der Grenzpolizei einen Aufstand gar nicht erst aufkom­men läßt. Ich hoffe, daß mich bei den Aktionen in Gera nie­mand erkannt hat oder anzeigt. Sicher kann man nicht sein, denn die Stunde der obsiegenden Unterdrücker ist ja immer auch die Stunde der Denunzianten. 

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