Leseproben aus den Büchern:
Bild Zwischen Kaiser und Hitler
Kindheit in Deutschland
1914-1933
Reihe Zeitgut Band 15
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Bild Morgen wird alles besser
West-Deutschland 1947-1952
Reihe Zeitgut Band 22
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1923 oder 1924: Familie Wagener in Cottbus hört die Übertragung des „Parzival" aus Bayreuth. Die Mutter liest aus dem Textheft vor. Die ersten Radiogeräte besaßen meist noch keine Lautsprecher. Deshalb haben alle Familienmitglieder Kopfhörer auf. Da es im Haus noch keinen Stromanschluß gab, standen unter dem Radio die Anode und in einem Holzkasten am Fußboden der Akku. Nachdem sich während der Sendung immer mehr Hausbewohner eingefunden hatten und die Kopfhörer nicht mehr ausreichten, wurden diese kurzerhand in die metallene Backschüssel gelegt, die den Ton verstärkte und für alle hörbar machte.
Foto: privat / Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv Frankfurt am Main F 040504-005

Hören und staunen

von Walter H. Moshammer  //  Berlin-Wedding 1923-1926

Seit 1923 konnte man in Berlin Radio hören*). Irgendwann hatte Onkel Felix einen Kristall-Detektorempfänger und ein Paar Kopfhörer mitgebracht. Die Kopfhörer benutzten wir am Anfang so, daß abwechselnd jeder einmal einen der beiden Hörer für ein paar Minuten ans Ohr halten durfte und so in den Genuß kam, die von ferne herkommenden Töne und Geräusche zu hören.

Um überhaupt etwas von den Radiosendungen empfangen zu können, hatte Onkel Felix direkt unter der Küchendecke und an den Wänden entlang eine Antenne aus Bronzelitze gezogen. Von der Antenne ging ein Draht zum Detektorempfänger und von diesem führte ein Kupferdraht zur Wasserleitung. Das war die Erdung. Sie erhöhte und verbesserte die Empfangsleistung und diente gleichzeitig als Blitzschutz. Jeden Abend hörten wir am Schluß des Abendprogrammes vom Ansager die freundliche Aufforderung: „Vergessen Sie bitte nicht, die Antenne zu erden!"

Die damaligen Empfänger mit Kristalldetektoren benötigten für ihren Betrieb keinen elektrischen Strom vom Elektrizitätsnetz. Sie funktionierten allein durch die vom Rundfunksender abgestrahlte Energie. Findige Leute, die in der Nähe des Rundfunksenders wohnten, hatten bald herausgefunden, daß man diese für die eigene kostenlose Beleuchtung nutzen konnte. Aber man kam ihnen schnell auf die Schliche.

Für den Begriff Radio bürgerte sich im Laufe der Zeit die Bezeichnung Rundfunk ein. Für mich und meine Allgemeinbildung in Kindheit und Jugend hatte der Rundfunk eine große Bedeutung. Als 14jähriger habe ich manchmal mit einem Textbuch in der Hand im Bett gelegen und Opern gehört, so zum Beispiel Otto Nicolais komische Oper „Die lustigen Weiber von Windsor". Damals gab der Opernsänger Cornelius Bronsgeest Rundfunktextbücher heraus, mit denen man Operntexte gut verfolgen konnte.

Manche Sendungen wurden bald populär, so die Couplets von Otto Reuter, vor allem seine immer wieder gern gehörten: „ Gehste weg von dem Fleck, ist der Überzieher weg!" und „Ick wundre mir über jarnischt mehr ..."

Ebenso erfolgreich war Ludwig Manfred Lommel mit seinen Sketchen „Sender Runxendorf". Lommel besaß die Fähigkeit, ohne Partner Dialoge in verschiedenen Stimmen und Stimmlagen vorzutragen. Wir hörten auch gern Willi Weiß’ wehmütiges Lied: „Die alten Straßen sind’s, die alten Häuser sind’s, die alten Freunde aber sind nicht mehr ..."

Die Zwanziger Jahre brachten uns neben dem Radio viele andere technische Neuerungen und Verbesserungen. Anstelle der düsteren Petroleumfunzel – ich mußte das Petroleum immer von der alten Gemüsefrau aus dem Gemüsekeller in unserem Hause holen – verfügten wir bald über eine Gasbeleuchtung mit hell strahlenden Glühstrümpfen. Dabei blieb es nicht. Nachdem die Glühbirne industriell produziert wurde, ist das Gaslicht durch das elektrische Licht ersetzt worden. Doch weil der Hauswirt noch kein elektrisches Licht in die Toiletten legen ließ, mußten wir bei unserem Gang zur Toilette im Treppenhaus noch immer unsere selbstgebastelte Petroleum-Notleuchte mitnehmen. Sie bestand aus einem Tintenfaß, das mit Petroleum gefüllt wurde, und einem Wolldocht. In unserer Wohnung aber und auch im Treppenhaus konnten wir jetzt per Knopfdruck helles Licht erleuchten lassen, welch ein Wunder!

Den Gasherd, der den Kohleherd ersetzt hatte, behielten wir allerdings auch nach dem Verlegen der Stromleitungen bei und ersetzten ihn nicht durch elektrische Kochplatten. Mein Leben spielte sich hauptsächlich in der Küche ab, und so wurde ich Nutznießer all dieser Neuerungen, die die Hausarbeit vereinfachten. Da ich fast den ganzen Tag allein in der Wohnung bzw. in der Küche zubrachte, mußte ich die Geräte oft selbst bedienen. Meine Mutter war eine Kriegerwitwe des Ersten Weltkrieges und arbeitete, um uns zu ernähren, als Zinkbecherlöterin 48 Stunden in der Woche in einer Fabrik. Dadurch war sie sehr belastet.

Technische Verbesserungen gab es in diesen Jahren nicht nur in den Haushalten. Auch das alltägliche Leben veränderte sich. Früher war jeden Abend der Laternenanzünder durch unsere Straße gegangen, um die mit Leuchtgas betriebenen Straßenlaternen anzuzünden. Er trug zu diesem Zweck eine lange Stange, an deren Ende sich ein Haken befand, mit dem er den Gashebel der Laternen betätigen konnte. Jetzt, nachdem die Stadtbeleuchtung auf Elektrizität umgestellt war, wurden die Laternen vom Elektrizitätswerk zentral durch wenige Handgriffe ein- und ausgeschaltet.

Bei der Eisenbahn tat sich manches. So wurde die 4. Klasse abgeschafft: einfache Waggons, an den beiden Längsseiten mit je einer harten Sitzbank ausgestattet und vor allem für die Mitnahme von schwerem Gepäck und Lasten gedacht. Sie hatten sich besonders bei den Hamsterfahrten während des Krieges und in der Nachkriegszeit bewährt. Die Stadt selbst veränderte fortwährend ihr Aussehen, besonders durch den Zusammenschluß von Außenbezirken und die Schaffung von Parkanlagen und Wohnsiedlungen in den Arbeitergegenden. In Berlin waren die Zwanziger Jahre voller Aktivität – im guten wie im weniger guten Sinne.

*) Der erste offizielle deutsche Rundfunksender „Funkstunde" nahm am 29. Oktober 1923, um 20 Uhr, den Betrieb auf. Er war im VOX-Haus in der Potsdamer Str. 4 in Berlin beheimatet. Er sendete mit einer 30 m langen Antenne auf Frequenz 750 Khz (400 m).

Das neue "Möbelstück"

von Dorothea F. Voigtländer
Bonn/Rhein, Nordrhein-Westfalen; Dezember 1952–Juli 1954

Der Tannenbaum mußte zum ersten Mal erleben, daß er 1952 nicht im Mittelpunkt unserer vorweihnachtlichen Freuden stand. Die ganze Familie, allen voran unser Vater, der geradezu informationsversessen war, sprach nur noch von der neuen Errungenschaft: dem Fernsehen. Tagelang kamen und gingen die Männer von dem nahen Elektrogeschäft durch unser Haus, Leitungen wurden verlegt, der Strom überprüft, und unsere Eltern suchten nach dem richtigen Platz für das neue „Möbelstück".

Dann war es da. Es wurde gegenüber der Wohnzimmertüre auf einen kleinen Tisch mit bunter Decke gestellt, wo es wie ein Fremdkörper wirkte und Aufregung verbreitete. Uns drei Kindern war es streng verboten, dieses Ding zu berühren. Wir müßten gut aufpassen, denn es könnte ja herunterfallen, wenn wir, wie sonst üblich, im Wohnzimmer herumtobten. Also näherten wir uns dem neuen „Möbelstück" auf Zehenspitzen, bestaunten die graue Scheibe, unter der ich den Schriftzug „Telefunken" las.

„Seid vorsichtig", hallte es immer wieder, „das Ding hat 1000 Mark gekostet." Das war sehr viel Geld damals.

Der im danebenliegenden Erker stehende arme Tannenbaum war immer noch nicht geschmückt. Er tat mir leid, zumal ich mit dem neuen „Möbelstück" noch nichts anfangen konnte. Ich war damals neun Jahre alt. Als dann die Elektriker – man sprach noch nicht von Fernsehtechnikern – den Apparat schließlich anschalteten, sahen wir zuerst nur Tausende flimmernde Punkte und hörten ein schnarrendes Geräusch, bis dann weihnachtliche Chormusik zu vernehmen war und endlich die ersten Bilder über den „Schirm" flimmerten. Das war am Abend des ersten Weihnachtstages 1952. Erst danach wurde der Tannenbaum geschmückt, die Geschenke wurden ausprobiert und für schön befunden, doch unser Vater war ganz „fernsehjeck", wie unsere Mutter schmunzelnd verlauten ließ.

An jenem ersten Weihnachtstag bestaunten wir im Fernsehen ein kölsches Krippenspiel und Volkstänze, die aus Köln direkt in unser Wohnzimmer ausgestrahlt wurden. In der Zeitung stand am nächsten Tag, daß es in ganz Nordrhein-Westfalen „schon 300 Gerätebesitzer" gäbe. In Norddeutschland und Berlin waren es doppelt soviel. Aus den improvisierten Studios in Hamburg und Köln kam bis zum 31. Dezember ein getrenntes Programm, erst danach funktionierte die Fernsehbrücke zwischen den beiden Städten. So konnten wir in Nordrhein-Westfalen ab Januar die am 26. Dezember von Hamburg erstmals produzierte Nachrichtensendung „Tagesschau" empfangen. Das war für uns eine neue Vokabel.

Dreimal wöchentlich saß die ganze Familie überpünktlich, schon zehn Minuten vor Sendebeginn, vor dem neuen Apparat, das punkt 20 Uhr die ersten Bilder und Meldungen und danach einen Film bot. Heimkino pur. – Daß ich eines Tages selbst als Redakteurin beim Fernsehen arbeiten würde, hätte ich mir zu dieser Zeit nie und nimmer träumen lassen.

Doch es blieb nicht bei der Familie. Verwandte, die uns sonst immer mal am Sonntag nachmittags zu Kaffee und Kuchen besucht hatten, fanden sich plötzlich abends ein, Nachbarn und Freunde kamen und brachten meist etwas Schönes mit, auch für uns Kinder, so daß wir ihnen gerne die Korridortüre öffneten und die „Fernsehgeschenke" entgegennahmen: selbstgebackene Plätzchen, Schokolade oder eine Flasche Wein, nach der natürlich unser Vater die Hand ausstreckte. Das Wohnzimmer füllte sich immer mehr, auf allen Sesseln und Stühlen, auf den Fußbänkchen von Oma und Tante Kathi, auf herbeigeholten Küchenstühlen, überall saßen die „Fernsehnarren". Zum Glück war unser Wohnzimmer groß genug. Und wer zu spät kam, der mußte eben stehend „fern"-sehen, was auch besser war, denn die „Mattscheibe" war damals doch recht klein.

Daß wir nach den Nachrichten, also nach der Tagesschau, immer sofort das Wohnzimmer verlassen mußten, ärgerte uns Kinder am meisten. „Ins Bett mit euch!" hieß es von Mutti, die da immer ganz streng war. Denn jetzt kam der Film für die Erwachsenen. Oftmals hörten wir aus dem Wohnzimmer grölendes Gelächter, sogar Beifall brandete auf, als ob da eine Bühne wäre. Oder verlegenes Schnüffeln, wenn der Liebesfilm gar zu traurig war.

Ein riesiges Faß Bier brachte der Nachbar von nebenan mit, als das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft am 4. Juli 1954 aus Bern übertragen wurde. Da durften sogar wir Kinder zuschauen. Auf dem Fußboden zwischen den Beinen der Großen liegend, blinzelten wir auf das weit entfernte Fußballfeld und schrien begeistert den Namen des deutschen Mannschaftskapitäns Sepp Herberger und den unseres Lieblings Fritz Walter. Für uns war es immer noch ein Wunder, alles live miterleben zu können. Noch ein Wort, das wir damals neu lernten. Als dann das entscheidende Tor fiel und Deutschland Weltmeister wurde, umarmten sich alle, es wurde gejubelt und das Faß Bier geleert. Wir Kinder tranken soviel Limonade, bis wir Bauchschmerzen bekamen.

Mit der Zeit gewöhnten wir uns daran, es gehörte einfach dazu, die fernen Neuigkeiten aus aller Herren Länder im eigenen Zuhause zu sehen.

In den nächsten Jahren kamen mehr und mehr neue Fernsehsendungen hinzu, das Programm wurde vielfältiger. Aber es war immer noch in Schwarz-weiß. Allerdings ging es bei uns im Wohnzimmer bald nicht mehr so gemütlich zu, denn nach und nach hatten sich auch die Nachbarn und Freunde Fernsehapparate angeschafft. Jeder verfolgte jetzt in seinem eigenen Reich, was draußen in der großen weiten Welt geschah. Irgendwie war das schade. Wir Kinder luden jedenfalls gerne unsere Freunde zu „Lassie" oder „Fury" ein, denn in der Gemeinschaft war es doch am schönsten.

Bald gehörte das Fernsehen zum Alltagsleben in unserem Land. Als ich dann später beim Zweiten Deutschen Fernsehen, das ab dem 1. April 1963 auf Sendung ging, als Redakteurin arbeitete, war mir das Medium Fernsehen schon zur lieben Routine geworden. 1967 hielt schließlich das Farbfernsehen Einzug, das sich sehr rasch verbreitete. Die Veränderungen rund um die Medienlandschaft nahmen und nehmen kein Ende.  

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