Leseprobe aus dem Buch:
Zeitgut Band 15
Zwischen Kaiser und Hitler
Kindheit in Deutschland
1914-1933
Reihe Zeitgut Band 15

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Bildquelle Liselotte Haak
 Klassenausflug in den Grunewald im Sommer 1926 – mit unserer alten Lehrerin. Noch lange schwärmen wir von „Trissi", dem jungen Vertretungslehrer. Ich (Liselotte Haak) sitze im Matrosenkleid in der zweiten Reihe ganz links.

Händchen auf den Tisch
und Köpfchen frisch!

von Liselotte Haak  //  Berlin-Prenzlauer Berg 1924/25
gekürzte Fassung

Mein sechster Geburtstag lag gerade hinter mir, als meine adrett gekleidete Mama mit mir zur Schulanmeldung ging. Das große, graue Schulgebäude kannte ich schon vom Sehen.
„Wenn der Rektor dich nach deinem Namen fragt, sagst du Anna Ottilie Liselotte Haak", hatte mir meine Großmutter eingetrichtert, „und wenn er nach deinem Vater fragt, gibst du zur Antwort: Er hieß Willi Haak, ist im Krieg gefallen und war Bankbeamter."
Na, das war leicht zu behalten.
Über dem Eingangsportal in der Thorner Straße stand: „272. Gemeindeschule". Auch den merkwürdigen Namen des Rektors hatte ich schon erfahren. Er hieß „von der Kammer" und war ein kleiner, rundlicher Herr. Als ich mit lauter Stimme meine drei Vornamen herausposaunt hatte, lachte er und sagte: „So genau will ich es nicht wissen!"
Das ärgerte mich, und die folgenden Antworten kamen nur zögernd und leise. Auf seine Frage, ob ich mich auf die Schule freue, antwortete ich strahlend: „Ja, sehr, ich will doch endlich lesen lernen, das L und das A kenne ich schon!" Damit waren wir entlassen, und ich hüpfte fröhlich die drei Eingangsstufen hinunter.
„Warum habt ihr mir Anna Ottilie beigebracht?" beschwerte ich mich. „Nun hat er mich deswegen ausgelacht!"
Mutter lachte und erklärte mir, daß ich die beiden Taufnamen nach meinen Patinnen, den beiden Großmüttern, erhalten habe.

Am ersten Schultag erhielt ich eine große, bunte Schultüte voller Süßigkeiten und mein Bruder eine kleine. Die Fibel liebte ich sehr, wenn mir auch nicht alle Bilder gefielen. Da war ein Hund abgebildet, der wie ein böses Wildschwein aussah. Zu den ersten fünf Bildern brachte uns unsere Klassenlehrerin, Fräulein Sommer, passende Verse bei, die ich schnell lernte:
„Heini, Heini, ach, ist Heini dumm:
stippt mit allen Fingerchen im Tintenfaß herum!"
Übrigens waren wir nur Mädchen in der Klasse, 30 an der Zahl, auch später im Lyzeum.
Schon in der 1. Klasse wurden wir je nach Leistung in eine bestimmte Rangfolge gesetzt. In den Grundschuljahren war ich meist die Erste. Es machte mir aber auch nichts aus, wenn ich Dritte wurde, was durch mein Versagen im Kopfrechnen des öfteren vorkam.
Dann hieß es: „Zwei runter mit Mappe und Frühstück!" Ärgerlich wurde ich nur, wenn die Lehrerin ungerecht handelte, was leider auch vorkam. Einmal hatte ich auf Fräulein Sommer eine regelrechte Wut, weil sie mich in die Ecke stellte. Mein Vergehen: Ich hatte gegähnt, ohne mir die Hand vor den Mund zu halten. „Du hast keine Manieren", schimpfte sie. Ich weinte und beobachtete dabei fasziniert die Tränen, die an meiner roten, rauhen Wolljacke wie Perlen hängenblieben.
Aber mit meinen Leistungen war die strenge Lehrerin zufrieden. Oft mußte ich Worte mit Kreide an die schwarze Wandtafel schreiben, ansonsten benutzten wir ABC-Schützen Griffel auf Schiefertafeln. Nachdem wir die großen Buchstaben in Druckschrift beherrschten, ging es an die Sütterlin-Schrift. Obwohl ich Linkshänderin war, lernte ich das Schreiben mit der rechten Hand schnell. Nur beim Basteln machte es sich negativ bemerkbar. Schon in der ersten Woche stellten wir ein Armband aus aufgefädelten Apfelsinenschalenstücken her, das mir nicht so gut gelang. Aber ich trug es ebenso stolz wie meine Klassenkameradinnen.
An ein besonderes Lob meiner ersten Lehrerin erinnere ich mich noch ganz genau. Wir mußten den Beruf des Vaters angeben. Meine beste Freundin, Erika Körnig, schwieg. Da meldete ich mich und sagte: „Herr Körnig ist Expedient."
Fräulein Sommer staunte und fragte mich, ob ich auch wüßte, was ein Expedient zu tun hätte. Auch das konnte ich ihr beantworten, weil meine Mama es mir erklärt hatte. Daraufhin lobte die Lehrerin: „Da haben wir ja eine kleine Wortgewaltige in der Klasse. Du hast das Zeug zu einer Schriftstellerin!"
Mit diesen Worten konnte ich noch nichts anfangen, aber ich wußte, daß es ein Lob war.

Jeden Morgen machte ich mich zusammen mit Erika auf den Schulweg. Sie war einen Kopf größer als ich, sehr dünn und sehr ruhig. Hand in Hand trabten wir los, die schweren, braunen Lederschulmappen mit den baumelnden Schwämmchen für die Schiefertafel auf dem Rücken. An der Ecke drehten wir uns noch mal um, um meiner Mama, die am Fenster stand, zuzuwinken. Am Nachmittag kam Erika oft zu uns, und meine Mama übte mit uns Diktate. Auch in der Schule hatte ich da immer null Fehler. Sorgfältig schrieben wir mit Tinte und Federhalter in Sütterlinschrift: Mama, Bubi, Lene, Hose, Nase, Leine, Pilz, Schirm, Kohlen, Tinte, Feder, Rose.
Die Schulspeisung liebten wir alle sehr. Da die meisten Kinder in den Kriegs- und Nachkriegsjahren zum Teil sehr schlecht ernährt waren, bekamen die Ärmsten unter uns jeden Tag als zusätzliches Frühstück einen Becher Milch und ein Rosinenbrötchen. Beides stammte aus Geldspenden der amerikanischen Quäker. Wie beneideten wir anderen die Dünnen um diese Zukost!
Oft blieben Brötchen übrig. Die zerschnitt die Lehrerin in vier Teile und warf die Stücke, mit dem Gesicht von uns abgewandt, über ihren Kopf in die Klasse. Das gab jedesmal viel Jubel, wenn man ein Stück fing und es essen durfte.

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