Freie Fahrt voraus – Neuanfang in Gladbeck (Auszug)
Else Klein

Gladbeck, Kreis Recklinghausen, 1946

... Gladbeck gehörte zur britischen Besatzungszone und wurde von britischem Militär kontrolliert. So hatte auch Papa als Direktor einen englischen Vorgesetzten: Mr. John Humble aus Newcastle on Tyne, der in seiner Heimat als Bergwerksingenieur beschäftigt gewesen war. Er war ein sehr sympathischer Engländer, der sich mit Papa anfreundete. Häufig kam er zu uns zu Besuch. Wenn Hände und Füße für die Verständigung nicht ausreichten, mußte ich dolmetschen. Er mochte meine Tochter Heinke sehr gern, weil sie ihn an die eigenen Enkelkinder erinnerte. Eines Tages kam ein Paket aus England mit einer wunderschönen Puppe, die zum Schutz in einen alten Pullover eingewickelt war. Er war aus einer wunderbar weichen Wolle, wie wir sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatten. Ich zog ihn gleich auf und strickte etwas Neues für Heinke daraus.

... Anfang 1946 beschloß ich, Autofahren zu lernen. Papa hatte als Dienstauto einen uralten Hanomag, und der Wunsch, ihn auch fahren zu können, wurde immer stärker. So meldete ich mich bei der Fahrschule Raupach an und nahm meine ersten Fahrstunden bei Schnee und Glatteis, was mir aber überhaupt nicht geschadet hat. Im Gegenteil, ich fühle mich noch heute im Winter beinahe so sicher im Fahren wie im Sommer. Bereits am 22. März legte ich meine Fahrprüfung ab und bin seitdem viele tausend Kilometer gefahren.

Reiseabenteuer per Anhalter

Mich packte im Sommer 1946 die Reiselust. Ich wollte zu gern meine liebe, alte Freundin Hertha Schröder wiedersehen, die in Veerßen bei Uelzen wohnte. Gereist wurde immer noch per Anhalter. Also stellte ich mich an die Straße und kam mit den verschiedensten Fahrzeugen auch glücklich bei Hertha an. Wir verlebten schöne Tage miteinander, gingen viel spazieren, sammelten Pilze und beschlossen eines Tages, zum Breitenhees zu fahren, um dort in den ausgedehnten Wäldern Blaubeeren zu pflücken. Ein Auto nahm uns mit, und auch unser eifriges Sammeln war schon bald von Erfolg gekrönt, ein großer Wassereimer war voll mit köstlichen Beeren. Nun also zurück!

Zu Fuß wäre das ein Problem geworden, denn immerhin waren es etwa 15 Kilometer. Auf unser Winken hin hielt ein Auto, in dem zwei junge Männer saßen. Im Verlauf unseres Gesprächs sagte einer von ihnen, er käme aus dem ehemaligen Deutsch-Südwest-Afrika. Von dort kam doch auch Minchen Salpeter, eine frühere Arbeitsmaid, die ich im Herbst 1939 kennengelernt hatte. Als ich ihren Namen nannte, stellte sich heraus, daß der Mann ein guter Bekannter von Minchen war. Die Welt ist doch ein Dorf, dachte ich und freute mich, zu erfahren daß es Minchen gutging, und auch ihre Eltern den Krieg wohlbehalten überstanden hatten.

Als ich einige Tage später zurück nach Gladbeck wollte, stellte ich mich erneut an die Straße und hoffte, daß mich bald jemand mitnehmen würde. Nach einiger Zeit hielt ein alter DKW, der nach Hannover fuhr. Der Fahrer lud mich ein mitzufahren. Es war meine Richtung und ich freute mich, daß es verhältnismäßig schnell geklappt hatte. Doch als wir ein paar Minuten gefahren waren, kamen mir Zweifel. Die Straße war nicht sehr breit, uns kamen viele Militärlastwagen entgegen. Mein Fahrer fuhr sehr weit auf der linken Fahrbahnseite. Bei jeder Begegnung sah ich uns schon mit dem anderen Fahrzeug zusammenstoßen. Ich versuchte, ein Gespräch mit ihm zu führen und erfuhr, daß er von seinem Schwager kam, den er seit Kriegsbeginn nicht mehr gesehen hatte, und daß sie beide soeben eine ganze Flasche Schnaps geleert hatten. Nun war mir einiges klar. Als er den Wagen an den Fahrbahnrand lenkte, weil er erst einmal eine Runde schlafen müsse, sagte ich ihm, daß ich auch fahren könne und seit kurzem einen Führerschein besäße.

Er schaute mich erstaunt an, doch seine Müdigkeit war wohl größer als seine Skepsis. So wechselten wir die Plätze. Kaum war ich losgefahren, da schlief er bereits. Ich saß zum ersten Mal am Steuer ganz allein, und das in einem mir völlig fremden Wagen. Die seltsame Lenkradschaltung machte mir zu schaffen, doch der Wagen lief, und wir erreichten glücklich Celle. Vor der Allerbrücke mußte ich halten, weil ein Polizist mir die Weiterfahrt versperrte. Und da passierte es: Zunächst war der Gegenverkehr an der Reihe. Dann konnten die Autos auf unserer Seite fahren. Ich stand als erstes Fahrzeug – doch ich hatte den Motor abgewürgt!

Als der Schutzmann meine Fahrtrichtung freigab, brachte ich den Wagen nicht wieder in Gang. Hinter mir hupten einige unentwegt. Doch das half nichts, der Motor sprang nicht an!
Langsam quälten sich die anderen Fahrzeuge an mir vorbei. Als ich nur noch ganz allein da stand, kam der Polizist endlich von seinem erhöhten Platz herunter und fragte, ob ich Probleme hätte. Ich sagte, daß ich den Wagen nicht wieder zum Laufen brächte, ihn aber auch nicht kenne, weil er dem Herrn neben mir gehöre. Der Polizist rüttelte den Mann neben mir wach, und dieser brachte den Motor wieder zum Laufen. Nun wollte er wieder fahren, doch darauf verzichtete ich. Bald fand ich ein anderes Gefährt, das mich der Heimat weiter näher brachte.

Bei dieser Art zu reisen lernte ich die seltsamsten Typen kennen. Das komfortabelste Fahrzeug, das mich einmal mitnahm, war ein „Buick“. Am Steuer saß ein älterer Herr, der seine Schuhe ausgezogen hatte und in Pantoffeln fuhr. Der Wagen hatte ein holländisches Kennzeichen, und der Besitzer war der Inhaber der weltbekannten Likörfabrik „Bols“, wie er mir ganz beiläufig erzählte. So bequem war ich zuvor noch nie gefahren.

Einmal nahm mich ein extrem schweigsamer Mensch kurz vor Hannover mit, bei dem ich heilfroh war, wieder aussteigen zu können.

Das gefährlichste Erlebnis war ein „Beinahe-Unfall“ mit einem englische Lastwagen, als ich meinem Prinzip untreu wurde, keine Militärfahrzeuge anzuhalten. Ich stieg ein, und los ging’s. Die Autobahn bei Herford war noch nicht wieder ganz von den Kriegsspuren befreit. Wir waren noch keine fünfhundert Meter gefahren, als der Fahrer sich zu mir nach links wandte – es war ein englischer Wagen mit Rechtssteuerung –, um mich etwas zu fragen. Dabei drehte er das Lenkrad zu weit nach rechts, der Wagen kam von der Straße ab und kam wie durch ein Wunder an einem großen Holzstapel zum Stehen. Fluchtartig verließ ich das Fahrzeug und war auch nicht zu bewegen, wieder einzusteigen.
Bild Aus: Endlich wieder tanzen gehen
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