Geschichten aus dem wahren Leben, die Balsam fürs Gemüt sind. Hinter den Gedanken stecken liebevolle Anstöße für mehr Leben im Alter:
Späte Früchte Florentine Naylor,
Späte Früchte für die Seele
Gebundene Ausgabe
128 Seiten, Lesebändchen,
größere Schrift.
Zeitgut Verlag, Berlin.
ISBN: 3-86614-198-8, EURO 12,90

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Späte Früchte für die Seele

Drei Leseproben
Ausgewählte Geschichten von Florentine Naylor

Zeitgut / F.Naylor
Kirschen gehören zwar nicht zu den späten Früchten im Jahr, sind aber von der Autorin zum Anbeißen gut getroffen. Aquarell von Florentine Naylor.
Der alte Küchentisch

Heute Morgen ist mir etwas Seltsames passiert. Nachdem ich die zahllosen Blätter der Sonntagszeitung, den Kaffeebecher und den Teller weggeräumt hatte, griff ich zum Lappen und wischte den Küchentisch ab. "Du siehst ja ekelerregend aus", sagte ich zu ihm. "Kaffeeflecken, Krümel und sogar noch Marmelade vom gestrigen Nachmittag. Pfui!" Eifrig polierte ich die schon ergraute Fläche und traute meinen Ohren nicht, als er sich plötzlich beklagte. "Sag mal, du brauchst mich nicht zu beschimpfen. Du bist es doch, die mich vernachlässigt und nur selten liebevoll anschaut!" "Was?", fragte ich, "du kannst mich verstehen? Seit wann denn das?" "Nun, das kann ich schon länger, nur früher hattest du einen Gesprächspartner. Da wusste ich, dass deine Worte nicht mir galten. Aber jetzt quasselst du immerzu vor dich hin. Niemand ist da, der dich hört oder antwortet. Da fühlte ich mich angesprochen, und du kannst ruhig meine Meinung hören. Es ist erschreckend, wie ungeschickt und tüddelig du geworden bist! Du kleckerst und schmierst, du vergisst, was du gerade tun wolltest, du deponierst Sachen auf mir, die du danach im ganzen Hause suchst. Neulich hast du ein ganzes Gläschen Likör verschüttet und die klebrige Süßigkeit dann mit der Zunge von meiner Platte geschleckt wie eine Katze! Sag mal, weißt du eigentlich nicht, wie mir dabei zumute war? Wie das kitzelte? Igitt! Noch nie habe ich eine menschliche Zunge gespürt. Höchst peinlich! Du musst dich mehr zusammennehmen, auch wenn du allein bist!"

Ich war erschüttert. Ein sprechender Küchentisch ist noch erstaunlicher als ein sprechender Papagei. Und   wie mir scheint - im Gegensatz zum Papagei weiß er sogar, worüber er spricht. "Ich meine, du bist ziemlich ungezogen", konterte ich. "Du stehst seit Jahren da auf deinen stählernen Beinen und brauchst nichts anderes zu tun, als mir deine Platte zu bieten. Du weißt es nicht, wie sich das Leben des Menschen verändert, wenn er alt wird. Die Hände zittern, die Beine stolpern und wanken, und im Kopf geht alles viel langsamer als in früheren Jahren. Und er vergisst vieles. Das hast du ja selbst schon bemerkt. Also gib acht, wie du mit mir redest, du ungeratener Diener!"

Eine Weile war Ruhe. Ich hatte das Gefühl, ihn beeindruckt zu haben. Doch nein, da hörte ich ihn schon wieder. "Bilde dir doch nichts auf dein Alter ein! Ich selbst bin ja auch nicht mehr jung, obwohl ich bei weitem weniger Falten auf meiner Platte habe als du im Gesicht. Meine Beine sind zwar stabiler und sehr viel schöner als die deinen, aber leider doch auch nicht ansehnlich. Sie könnten wunderbar glänzen, wenn du sie mal ein bisschen putzen würdest. Eine gute Gymnastik übrigens! Und wo hast du eigentlich die netten Stühle, die früher zu meiner Familie gehörten? Den blauen, den roten und den gelben Stuhl mit stählernen Beinen, die den meinen glichen? Du hast meine Familie zerstört! Und dabei war es früher so lustig, als wir noch beieinander standen! Die Stühle, die nun bei mir stehen, mögen dir bequemer sein, aber mich langweilen sie mit ihren dummen Holzbeinen und Polstern. Pah! Sie sind mir völlig wesensfremd." Nun, das konnte ich sogar verstehen. Aber dass mein alter treuer Küchentisch so verbittert ist, erschütterte mich. Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich musste versuchen, ihn ein bisschen aufzuheitern.

"Sag mal", fragte ich, "hast du denn gar nicht bemerkt, dass auch meine Familie von mir gegangen ist? Die Kinder, die früher auf den bunten Stühlen saßen, der Herr des Hauses, der noch vor nicht allzu langer Zeit seine Suppe an dir löffelte? Das ist nun mal der Lauf der Welt. Alles verändert sich, und nichts bleibt, wie es war. Aber wir haben doch auch viel Lustiges miteinander erlebt und manches Aufregende. Kannst du dich zum Beispiel an den Sonntagmorgen erinnern, an dem wir auf dem Luftschacht der Küche das Dohlennest entdeckt hatten? Mein Mann glaubte, es von unten ausräuchern zu können. Der Luftschacht aber war mit Holz ausgekleidet und plötzlich flog nicht nur das brennende Dohlennest auf deine Platte, sondern auch die brennende Verschalung des Schachtes. Mit dem Schlauch haben wir die ganze Küche unter Wasser gesetzt, um das Holz und das Reisig des Nestes zu löschen." "Natürlich erinnere ich mich! Aufregend war es, aber nicht gerade lustig. Ich dachte, mein letztes Stündlein hätte geschlagen, und es hat lange gedauert, bis du mich endlich wieder zu meiner Zufriedenheit gereinigt hattest. Viel spaßiger fand ich es, deinen Kindern zuzuhören und zu erleben, wie sie sich zwar oberhalb der Platte um gutes Benehmen bemühten, sich aber unterhalb kniffen und mit den Füßen stießen. Ihr habt ja oftmals gar nicht gewusst, was sich da abspielte. Ich muss allerdings zugeben, dass der Vater   wie hieß er doch noch gleich   ziemlich streng war. Wie oft mussten sie noch einmal aufstehen, um sich die Hände zu waschen oder die Haare zu kämmen, denn zu lange Haare oder gar Haare, die ins Gesicht hingen, waren ein ganz heikles Thema. Darüber konnte ich natürlich nur lachen, denn Haare habe ich keine, weiß überhaupt nicht, wozu die Menschen sie benötigen. Auf meiner Platte jedenfalls oder gar im Essen finde ich sie völlig überflüssig. Eines kann ich rückblickend ja ruhig verraten: eure Kinder taten trotz aller Strenge meistens doch das, was sie wollten. Nur die Älteste war ein wirklich braves Mädchen."

Nein, wer hätte das gedacht, dass mein alter Tisch ein solcher Grantkop ist und über ein lückenloses Langzeitgedächtnis verfügt! Fassungslos überlegte ich, ob ich mir nicht für die letzten Jahre einen jungen, fröhlichen Tisch kaufen sollte, der nichts von der Vergangenheit weiß. "Nee", sagte der alte ungepflegte Bursche, "ich weiß, was du jetzt denkst, aber davon würde ich dir abraten. Diese Ausgabe kannst du dir sparen. Ich tue schon noch einige Tage meinen Dienst und werde fortan auch nicht mehr antworten, wenn du Selbstgespräche führst. Das Glück, deine kleine Enkelin an mir sitzen zu sehen und noch einmal mit ihr jung zu sein, kannst du mir doch nach all den Jahren nicht nehmen!"

Na gut. Er schien ja auch freundlichere Seiten zu haben. Ich werde über die Anschaffung noch einmal nachdenken.
Shopping

Eigentlich gab es nichts einzukaufen. Ich hatte alles im Hause. Am Morgen schon war ich von einem Freund mit dem Auto ins Städtchen gefahren worden, um das Notwendige zu beschaffen, und das war nicht viel gewesen.

Am Nachmittag hatte der Himmel alle Schleusen geöffnet. An Gartenarbeit war nicht zu denken, und die Räume meines Hauses lagen in tristem Dunkel. Es kommt zwar selten vor, aber heute wusste ich nichts mit mir anzufangen, ja, ich bekam fast Depressionen durch die schwer lastende ‚ägyptische Finsternis’ rundum. Was also tun?

Plötzlich stand mir der Lichtpalast eines Supermarktes im nächsten Badeort vor Augen. Vielleicht sollte ich mich noch einmal aufraffen, um dort unter Leuten zu sein? Ich könnte ja nur so  tun als ob … Vielleicht einen Becher Joghurt mitnehmen und im Übrigen herumschlendern, anschauen und Eindrücke auf mich wirken lassen.

Gesagt, getan. Mit Schirm und Kopftuch bestieg ich den Bus. Die Scheibenwischer hatten Mühe, die Fluten an der Windschutzscheibe zur Seite zu schieben, der Regen trommelte heftig aufs Verdeck und Wasserkaskaden spritzten bis an die Fenster, wenn wir durch Pfützen fuhren. Das Land lag aschgrau unter dem feuchten Schleier wie im Nebel. Aber der Lichtpalast wurde meinen Vorstellungen gerecht. Er empfing mich warm, gesellig und farbenfroh mit dem Duft frischer Backwaren. Ich wollte ja nichts kaufen und glaubte darum, endlos viel Zeit zu haben.

Was so ein Supermarkt zu bieten hat, weiß heute jedes Kind. Hier fing es mit Kleidung und diversen Textilien an, die mich nur wenig interessierten. Aber sie sahen doch sehr begehrenswert aus. Ich dachte an meine vielen uralten Frotteehandtücher und verglich sie im Stillen mit der flauschigen bunten Ware, die hier gestapelt lag. Ach Unsinn! Warum sollte ich mir wohl in meinem fortgeschrittenen Alter neue Tücher kaufen? Eine Weile hielt ich verzückt winzige Babysöckchen für Kinder von 0 bis 4 Monaten in der Hand. Wie niedlich! Kannte ich niemanden, dem ich sie hätte schenken können? Nein. Leider nicht. Das waren noch Zeiten, als ich sie für unsere eigenen Babys mitgenommen hätte, die inzwischen längst auf Schuhen der Größe 37 bis 40 herumlaufen. Weiter zu der riesigen Auswahl an Spirituosen. Ja, vielleicht eine Flasche Kaffeelikör? Aber nein. Ich hatte ja gerade eine geschenkt bekommen. Und allein schmecken diese Köstlichkeiten doch nur halb so gut.

Dann kamen die Haushaltswaren. Geschirr und Besteck, Küchengeräte und Plastik in allen Farben und Formen. Hübsch anzuschauen. Plastik, so habe ich mal gehört, wird   wie vieles andere mehr – größtenteils aus Erdöl hergestellt. Erdöl aber ist in Millionen von Jahren durch Zersetzungsprozesse aus winzigen tierischen und pflanzlichen Lebewesen entstanden und wird heute tief unter der Erde aus seinem Dornröschenschlaf geweckt, um als Grundstoff für tausenderlei Dinge zu dienen, die wir für notwendig erachten. Ein seltsamer Gedanke, dass gerade wir die Generation sind, der dieses ‚schwarze Gold’ zu Füßen gelegt wird. Unser Leben wäre kaum mehr denkbar ohne Erdöl. Aber vielfach vergeuden wir die unersetzlichen Schätze auch für unsinnige Dinge. ‚Was machbar ist, wird gemacht’, hat ein kluger Forscher gesagt. Das stimmt. Aber warum denkt der Mensch in erster Linie an das ‚Machen’, das Glück der Entdeckung und Erzeugung? Die Folgen, die unser unbekümmertes Tun nach sich zieht, werden erst spätere Generationen zu spüren bekommen und bewältigen müssen. Hoffentlich haben sie keinen Grund, uns zu zürnen.
 
Ich ging durch das Obst- und Gemüseparadies. Nichts, das es nicht gab! Flugzeuge hatten in Kühl-Containern Waren aus aller Herren Länder herbeigebracht. Meine Eltern würden verunsichert und misstrauisch zwischen den Mengen an Mangos und Avocados, Lidschis, Kiwis und anderen exotischen Früchten stehen, die sie alle nie zuvor gesehen hatten. Auch Erdbeeren im März aus Spanien und Mais im April aus Afrika hätten sie sehr erstaunt, denn zu ihrer Zeit wurde jetzt im Frühjahr hauptsächlich von dem gelebt, was im Sommer und Herbst an Gemüse und Obst eingekocht worden war. Und dann auch nur Ware aus ‚deutschen Landen’. Wenn zu Weihnachen bei meiner Großmutter als Höhepunkt des Festmahls eine Ananas serviert wurde, dann bekamen wir Kinder große Augen und aßen die seltene, schöne Frucht mit ehrfürchtigen Gefühlen.

Man denke nun nicht etwa, dass in meinem Einkaufswagen inzwischen tatsächlich nur ein kleiner Joghurtbecher stand. Nein, keineswegs. Ich ärgerte mich bereits wieder, dass ich den großen Beutel nicht mitgenommen hatte. Ein Spiel, ein T-Shirt, Rosinenbrot, Obst und Naschkram, der große Einkaufwagen nahm alles willig auf und ließ mich das Gewicht nicht spüren, das ich doch später nach Hause würde schleppen müssen.

Weiter zum Fleischstand. Bei dem nahrhaften Geruch fing mein Magen an zu knurren. Ohne hungrig zu sein, bekam ich Hunger. Ich sah mir die schön angerichteten Dinge in der Theke an und fühlte mich nicht einen Augenblick daran erinnert, dass das frische Fleisch und der appetitliche Aufschnitt von einst lebenden Tieren stammt. Man hat es großartig verstanden, diese Eindrücke zu verwischen. Zwischen Petersilien-, Zwiebel- und Knoblauchdekoration lachen fröhliche Gesichter, Dinosaurier und ähnliche Bilderbuchfiguren von den Scheiben großer Würste, und die aufgetürmten Berge von Mett- ,Leber-, Zungen-, Kohl- und Wienerwürsten sind einfach eine Augenweide. Ich will absolut kein Spielverderber sein. Auch ich esse gern Fleisch und gelegentlich auch Aufschnitt. Nur hatte ich gerade einen mich sehr überraschenden Ausspruch von Leonardo da Vinci gelesen: ‚Es wird ein Tag kommen, an dem die Menschen über die Tötung eines Tieres genauso urteilen werden, wie sie heute die eines Menschen beurteilen. Es wird die Zeit kommen, in welcher wir das Essen von Tieren ebenso verurteilen, wie wir heute das Essen von unseresgleichen, die Menschenfresserei, verurteilen.’

Diese Meinung vertrat der große Maler vor 500 Jahren! Wird sie sich je bewahrheiten? Bei den heutigen Verhältnissen erinnert diese Hoffnung schon fast an die Hoffnung auf Christi Wiederkehr.

Das Angebot an Tiernahrung stimmte zuversichtlich. Hunde und Katzen scheinen es geschafft zu haben. Niemand in deutschen Landen denkt daran, sie zu schlachten. Aber sie wurden ja auch früher bei uns nicht gegessen. Auch der Pferdeschlachter hatte es immer schwer, Kunden zu finden. Da gibt es tatsächlich gewisse Tabus. Beim Anblick der Gartenzwerge und anderer Figuren fürs heimische Paradies, fiel mir der Bus ein, der mich wieder nach Hause bringen sollte. Ach du Schreck, nur noch zehn Minuten! Ich schaffte es im letzten Augenblick.

Auf der Rückfahrt wurde ich mir dessen bewusst, dass dieses Einkaufserlebnis mich an die allerersten Einkäufe meines Lebens erinnert hatte. Mit sechs Jahren legte ich stolz ein ‚Fünferle’ auf den speckigen Holztisch des Krämerladens und nahm glücklich eine kleine spitze Papiertüte mit mindestens zehn Bonbons im Empfang. Keine Notwendigkeit, aber Erfüllung meiner Träume, Befriedigung meiner Lust. Es kamen lange Jahre, in denen Einkauf wirklich nur dem Notwendigen diente und so gut wie nichts mit Lust zu tun hatte. Ich sah in Gedanken meine Mutter ermüdet vom schwer beladenen Fahrrad steigen, wenn sie in der Stadt für die kleine Familienpension eingekauft hatte. Nach dem Essen saß sie grübelnd über dem Büchlein, in dem sie sorgenvoll Ausgaben und Einnahmen notierte. Und dann kam der Krieg. Das Einkaufen auf Bezugsscheine, das ewige Anstehen, um überhaupt etwas zu bekommen und der stille Tausch der wenigen Habseligkeiten ‚unterm Tisch’, der ‚Schwarze Markt’.

Nein, Einkaufen ist nicht gleich Einkaufen. Das haben mich die 80 Jahre meines Lebens gelehrt. Darum spreche ich auch lieber von ‚Shopping’, weil unsere heutige Art des Einkaufens, auch wenn sie mich an das Glücksgefühl meiner Kindheit erinnert, doch erst auf das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg zurückzuführen ist. ‚Kauf mir was, kauf mir was, Kaufen macht doch so viel Spaß!’ Unter dem Motto darf man heute seine Beutel und Taschen füllen. Es fällt uns nicht schwer, die moderne Einkauf-Technik zu beherrschen, denn Kaufen ist Freude, Geselligkeit, Licht und tiefe Befriedigung unserer Sinne und Träume. Konsum ist erwünscht und wichtig. Konsum schafft Arbeitsplätze und macht uns alle glücklich. Warum also sollte ich mich schämen, dass es nicht beim kleinen Joghurtbecher blieb? Im Gegenteil!. Ich hatte es richtig gemacht und durfte mir innerlich auf die malträtierte Schulter klopfen, nachdem ich die Last im Hause niedergesetzt und die eingeschlafenen Hände schüttelnd wieder zum Leben erweckt hatte. Und das tat ich dann auch und biss in einen wundervoll frischen riesigen Schaumkuss.
Heupferd um Mitternacht

Also, meine Zeitung! Ich kann sie nicht genug loben! So fand ich kürzlich folgende Meldung aus Wuppertal auf einer der aktuellen Seiten und war lange damit beschäftigt, über diese Mitteilung nachzudenken. Vorab sei angemerkt, in Wuppertal habe ich liebe Freunde, und alles, was dort passiert, ist für mich von höchstem Interesse! Also:
„Zwei Frauen suchten in Wuppertal bei der Polizei Zuflucht, weil sie sich vor einer Kakerlake in ihrem Auto fürchteten. Die Beamten gewährten den beiden Asyl und durchsuchten das Auto, fanden aber nur eine tote Motte. Sie rieten den Frauen zu einer Grundreinigung des Autos.“
Ja, ist denn das nicht optimal? Das, gerade das ist es, warum ich meine Zeitung so liebe. Sie übersieht nichts, was zur Information ihrer Leser wichtig ist! Und sie trägt mit solchen Mitteilungen weit über ihre Grenzen hinaus zur Bildung ihrer Leser bei.
Jeder von uns weiß nun, dass man sich bei Gefühlen von Panik und Angst, und sei es auch nur vor einem kleinen Käfer im Auto, an unsere tüchtige Polizei wenden kann. Diese tritt sofort auf den Plan und würde auch, sofern sie ihn fände, furchtlos auf das grässliche Insekt treten, denn dafür ist sie unter anderem ausgebildet worden. Außerdem begeistert der kluge Hinweis, das Auto mal einer Grundreinigung zu unterziehen. Wenn jetzt noch die Mitteilung käme, dass die Beamten sowohl das Asyl-Gewähren als auch ihren mutigen Einsatz und den klugen Hinweis ohne weitere Kosten ausführten, so würden mir die Tränen kommen. Donnerwetter, was für eine Polizei in Wuppertal! Vorbildlich auch für alle Beamten bei uns! Wie sehr es wieder mein Vertrauen in unsere Ordnungshüter stärkt!        
Auf meine diesbezügliche Schilderung hin, antwortete umgehend ein lieber Freund, der in einem kleinen Dorf hoch im Schwarzwald wohnt: „Mit Kakerlaken verhält es sich ähnlich wie mit dem Schwimmen. Die Landsleute hier kennen keine Kakerlaken, sie gehen auch nie ins Freibad. Wir aber kennen sie gut. In Duisburg, im Zentrum, lebten und vermehrten sie sich im Keller. Fremdenfeindlichem Denken zufolge stammten sie vom ‚Chinesen’, der nebenan sein muffiges Lokal betrieb. Vor ihm flüchteten sie und wanderten durch alle Häuser, denn die Wände waren durchbrochen für die Fernheizung. Gruselig, auch nur das Fahrrad heraufzuholen. Wenn man Licht machte, blickte man in das erschrockene Rennen und Fliehen. Nachts stiegen sie durch den Lüftungsschacht herauf; sie plumpsten in die Badewanne, wo sie hilflos wurden. Wenn man in der Früh noch heiteren Gemütes gern geduscht hätte, saßen sie dort und blickten verlegen. Kammerjäger zu beauftragen war sinnlos; die ganze Straße hätte es ja gleichzeitig machen müssen. Das Gesundheitsamt der Stadtverwaltung lehnte ab. Kakerlaken stehen nun mal nicht in der ‚Liste deutscher Schädlinge’. Erst auf die Drohung hin, dass ‚Bild’ oder ‚Spiegel’ sich den Spaß nicht entgehen lassen würden, kam dann doch Bewegung in die Angelegenheit.“

    Diese Antwort hat mir so gut gefallen, dass ich sie hier gern der Allgemeinheit zur Kenntnis gebe. Ich antwortete meinem Freund, dass wir zum Glück bei uns hier auch keine Kakerlaken haben, dafür aber, besonders in diesem wunderbaren Sommer mit anderen Schrecken konfrontiert worden sind: Vor zwei Tagen kam ich gegen Mitternacht in mein Schlafzimmer und freute mich auf das frisch bezogene Bett. Schon von fern bemerkte ich mit meinen leicht getrübten Augen, dass da etwas auf dem hellblauen Laken lag, und ich überlegte, was ich wohl dort hingeworfen haben könnte. Meine Uhr? Ein Lesezeichen? Die Nagelschere?
    Vorerst kümmerte ich mich nicht darum und ging ins Bad, wo ich um der großen Hitze willen (29 Grad) alle Hüllen bis auf die Unterhose fallen ließ. Und so stand ich dann in hilfloser Blöße einem riesengroßen grünen Heupferd gegenüber, das mich ebenfalls ‚verlegen’ anblickte. Wie konnte es nur dahin gekommen sein, wo doch alle Fenster mit Gaze versehen sind? Ein Heupferd von der Größe meines Handtellers hatte ich zudem hier schon jahrelang nicht mehr gesehen.

Kein tatkräftiger Mann mehr greifbar, alle Nachbarn schon im Tiefschlaf. Jetzt fiel mir die Wuppertaler Polizei ein. Sollte ich den Notruf wählen ‚110’? Nein, die Dreistigkeit der beiden Wuppertaler Damen hatte ich dann doch nicht. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit meinem Heupferd selbst gütlich zu einigen, denn es musste jetzt – sofort   entschieden werden, wer in dem frisch bezogenen Bett schlafen durfte, der Heuschreck oder ich! Versuchen wolle ich es wenigstens, mich durchzusetzen und näherte mich vorsichtig mit einem vasenähnlichen Glas. „Bleib sitzen, Heupferd! Bitte bleib sitzen!“, sprach ich ihm gut zu und musste zu meiner größten Erleichterung feststellen, dass das Tier schon eingeschlafen war. Na ja, um Mitternacht! Begreiflich! Ohne viel Mühe konnte ich ihm das Glas überstülpen und von unten mit einer Karte verschließen. Jetzt ließ sich mein Gast noch einmal gut betrachten. Wunderschön und sehr beeindruckend nahm er sich bei Lampenlicht aus in seinem grünen Frack mit den schillernden Flügeln. Dazu die langen, seinen ganzen Körper überspannenden Fühler und die großen Augen an seinem Pferdekopf. Trotzdem, in meinem Bett hatte er nichts zu suchen! Ohne Rücksicht darauf, wer mich in meiner Nacktheit hätte beobachten können, riss ich das nächste Fenster auf und ließ ihn fliegen oder springen oder nur fallen. Diese Tiere sind sehr vielseitig. Noch immer recht verunsichert, ob er wohl der einzige seiner Art in meinem Zimmer war, schaute ich noch in jeden Winkel, bevor ich glücklich mein erobertes Bett bestieg.

Inzwischen hörte ich, dass man diese Tiere sogar mitten in Großstädten antreffen kann, wo sie in Baumkronen wohnen. Auch dort tauchen sie unversehens in Konferenzräumen, Büros, Krankenzimmern oder Restaurants auf, wo sie erheblichen Schrecken hervorrufen und damit ihrem Namen alle Ehre machen. Ja, manche Menschen leiden sogar unter einer Phobie gegen solche Kabbeltiere. Ich aber fand gerade eine Karte mit der Abbildung eines schönen Heupferdes, unter der stand: ‚Alles ist ein Wunder, wird es mit den Augen von Liebe und Verstehen betrachtet’. Ja, das ist wohl die Haltung, um die man sich bemühen sollte.
Florentine Naylor,
Späte Früchte für die Seele
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