Band 29
Als wir Räuber und Gendarm spielten
Erinnerungen von Kindern an ihre Spiele
1930-1968. 256 Seiten, viele Abbildungen,
Reihe Zeitgut Band 29
Klappenbroschur
ISBN: 978-3-86614-226-8
Euro 11,90

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Die erste Fahrt
auf einem luftbereiften Roller

Foto Romano C. Failutti
Die italienische Eisdiele der Failuttis an der Kienitzer-/Ecke Morusstraße in Berlin Neukölln in den 50er Jahren.
von Romano C. Failutti 
1953 in Berlin Neukölln

1953 kamen meine Mutter, mein Bruder Luciano, sechs Jahre, und ich, noch 12 Jahre alt, aus Chemnitz in Berlin-Neukölln an. Mein Vater, Italiener, hatte sich hier nur wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg als „Eismann“ eine neue Existenz aufgebaut. Gleich hinter dem Geschäft befand sich unsere Wohnung, wie es damals üblich war. So wohnte der Fleischer hinter seinem Fleischer-Laden, der Bäcker hinter oder über seiner Backstube. Jedenfalls führten meine Eltern ab jetzt die italienische Eisdiele im Neuköllner Kiez Kienitzer-/Ecke Morusstraße gemeinsam. Unser Hof war ein asphaltiertes Geviert, auf dessen Fläche links, wenn man aus der Tür des Hauses trat, das zur Morusstraße gehörte, nur zwei große Mülltonnen für Auflockerung sorgten. Sonst war alles kahl. Gegenüber, an einer vielleicht zwei Meter fünfzig hohen dunkelgrauen Wand, hielt sich die Klopfstange fest. Dahinter ragten irgendwelche Quergebäude auf. Rechts neben unserer Hoftür war die von einem Gitter eingefaßte Treppe in den Keller, aber wir mußten den Kellereingang neben der Hoftür des Hauses Kienitzer Straße benutzen. Alle vier Türen waren mit grüner Ölfarbe gestrichen – dem einzigen Grün, was hier zu sehen war – und stets verschlossen. Hier herrschte Ordnung!
Foto: Romano C. Failutti
Schon ein paar Jahre später. Mein jüngerer Bruder Luciano und ich stehen vor der Mauer vor der Klopfstange auf unserem Hof.
Nur selten gelang es einem Leierkastenmann, Hofsänger oder Gesangsduo, die ja immer auf der Jagd nach ein paar Groschen durch die Gegend tigerten, etwas Leben und Freude in diese Trostlosigkeit zu bringen. Dann hatte jemand von den Bewohnern eine Tür nicht richtig zugezogen oder nicht abgeschlossen. Wenn der erwischt wurde, durfte er von der Portierfrau oder ihrem milchbärtigen Sohn einen „Anpfiff“ entgegennehmen. Bei manchen dieser sich einschleichenden Musikanten aber hatte ich den Verdacht, daß sie sehr geschickt mit dem Dietrich umzugehen verstanden.
Auf meinen Vater schienen die Portierschen sowieso „einen Rochus“ zu haben, weil der als „Itaker“ hier einen so großen Laden führte, mit zwei großen Schaufenstern zur Kienitzer und zwei großen Schaufenstern zur Morusstraße. Und weil er mit dem Verwalter sehr gut stand, der sogar zweimal im Jahr die Hausbesitzerinnen, zwei ältliche Damen, die sich sonst nirgendwo sehen ließen, zum Eisschlecken und zur Konversation mitbrachte. Vater konnte sehr charmant sein!
Mutter hatte da einiges auszuhalten, weil die Weiblichkeit ihn heftig zu umgarnen versuchte. Jedenfalls traute sich die Portiersche nicht, gegen ihn aufzutreten. Sie mußte die Kröten, die in ihrem Körper hausten und aus ihr herauswollten, immer wieder herunterschlucken. Daran litt sie, und ihrem Sohnemann erging es nicht anders.
Als nun Mutter, mein Bruder und ich bei Vater eingezogen waren, wollte er mir gleich eine Freude bereiten. In der Briesestraße, eine Ecke weiter, saß als Meister über Fahrräder und luftbereifte Roller der Herr Fox, der auf einem Garagenhof einen Verleih betrieb. Ich durfte mir für ein paar Kleinmünzen einen schicken Roller ausleihen, aber Vater hegte Befürchtungen um mich: „Hier ist ein mörderischer Verkehr! Hier ist es nicht so, wie in der Ostzone, in Chemnitz, wo du mit deinen Freunden auf den Straßen Fußball und Völkerball spielen konntest und kaum dabei gestört wurdest.“ – Mutter ängstigte sich noch mehr, was ihr anzusehen war. – „Du leihst dir also den Roller“, fuhr Vater fort, mir Anweisungen zu geben, „such dir den schönsten aus. Dann kommst du ohne Umschweife damit her. Ich schließe dir den Hof auf. Da kannst du dann herumsausen.“
Meine Nonna, die Großmutter, hatte mir so manches Mal erzählt, wie Vater als Kind war: sehr brav, sehr höflich, sehr zurückhaltend, mit künstlerischer Veranlagung. Nie trieb er sich mit Gassenjungen herum. Ein fast vornehmes Kind! Deshalb meinte er jetzt wohl auch, mir würde, als Äpfelchen von seinem Stamm, das trostlose Geviert unseres Hofes genügen, wenn ich dort nur „herumsausen“ könnte. Auch ich war bescheiden und so glücklich, mit dem tollen Gefährt „luftbereift“ rollern zu dürfen, obwohl: Da gab es noch Tretroller bei dem Herrn Fox, aber die kosteten zehn Pfennige mehr die Stunde. So einen verkniff ich mir. Mein Ausgewählter bedeutete doch schon einen gewaltigen Fortschritt!
Bisher kannte ich nur Holzroller, die meistens schiefe Räder hatten. Die waren ebenfalls aus Holz und nur mit einer dünnen Hartgummiwulst versehen. Außerdem wußte ich von Mutter, daß Vater sich in seiner Kindheit sehnsüchtig einen „Holländer“ gewünscht hatte, so ein vierrädriges Vehikel, das durch Hin- und Herbewegen eines Knüppels mit Armkraft angetrieben wurde. Sein Traum blieb unerfüllt. „Nonno“ Venanzio, mein Großvater, hatte trotz eines eigenen Terrazzo-Betriebes in Chemnitz dafür kein Geld. Vier Kinder, die Töchter Elena, Mafalda und Jolanda und auch das Söhnchen Umberto, das endlich den Nachwuchs komplettierte und die alle nach den italienischen Königskindern getauft wurden, waren ihm schon „caro“ genug. „Caro“ hat im Italienischen  zwei Bedeutungen: „lieb“ und „teuer“. Und das waren sie ihm. Zudem mußten bedürftige Angehörige „in der Heimat“ von Fall zu Fall unterstützt werden; man war schließlich eine ordentliche italienische Familie.
Schnurstracks also kehrte ich mit einem rotlackierten Leihroller zu unserer Eisdiele zurück, wo Vater mich in Empfang nahm. Ich hatte den Eindruck, er hätte am liebsten gleich selber „eine Biege“ gedreht, so schaute er aus. Er schloß mir den Hof auf, ließ mich in das kahle Geviert hinein und schloß wieder hinter sich zu, nicht ohne mich ermahnt zu haben: „Aber sei nicht so laut! Daß du niemanden störst, hörst du!“ Ich war allein. Wie sollte ich laut sein und jemanden stören, wo ich nur diese beiden Mülltonnen und mein geliehenes Fahrzeug zur Gesellschaft hatte! Wo dessen Pneus jedes Geräusch verschluckten!
Es gab nicht die kleinste Unebenheit in dieser Tristesse, durch die vielleicht das Schutzblech oder und wenigstens einmal der kleine Gepäckträger ins Summen geraten wären.
Ich hatte noch keine zehn Runden gedreht, und langweilig wurde mir auch schon ein bißchen, da steckte die Portiersche ihren dauergewellten Ballon aus dem Fenster und keifte: „Och wenn du Failuttis Sohn bist, haste nischt uff den Hoff zu suchen!“
Und hinter ihr erschien ihr milchbärtiger Sohn und tönte: „Frechheit det! Wat die sich allet rausneh’m! Mach, det de vaschwind’st, Itaker-Balch!“
Das war die Rache der Verlierer!
Mutter tröstete mich später mit den Worten; „Mach’ dir nichts draus, das ist doch der Neid der Besitzlosen und Kleingeister! Die haben doch in ihrem Leben nichts anderes gesehen als ihren traurigen Hof!“ Ich hatte von dem öden Rundendrehen ohnehin genug. Wie aber sollte ich mich „vom Hoff machen“, da er abgeschlossen war? Ich entdeckte, daß unser Küchenfenster nur angelehnt war. Vorsichtig schob ich es auf, denn ich wußte, immer stand Geschirr zum Abwaschen auf der breiten Fensterbank. Es ging jedoch ohne Bruch und Geklirr ab, und ich kletterte hindurch. Als ich dann in der Eisdiele auftauchte und mich wie ein Kunde, der eine Eistüte, Waffel oder Wiener Schale kaufen wollte, wartend vor den Konservator stellte, bis ich an der Reihe war und sagen konnte, warum ich hier durch den Glasaufsatz der Verkaufstheke blinzelte, wurde Vater richtig traurig. Er sprach nur von „dummen Leuten“. Wenn ich verspräche, ganz vorsichtig zu sein, „hier ist viel mehr Verkehr als in der Ostzone“, wiederholte er warnend, dann dürfe ich auch auf der Straße rollern. „Aber so, daß wir dich immer sehen können. Und fahre keine alten Frauen um!“ Das schärfte er mir ein.
Die Kienitzer ein Stück herunterzufahren und in die Morus einzubiegen, das machte Spaß!
Die mir verbleibende Zeit war viel zu schnell vorbei. Herr Fox wäre zwar bestimmt nicht ärgerlich gewesen, wenn ich die Ausleihdauer gegen Bares verlängert hätte, aber bei mir klimperte kaum noch etwas in der Hosentasche.

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