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Bild Hätten wir doch Flügel

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Der erste flüchtige Blick: Ein Briefwechsel eines ganz gewöhnlichen Ehepaars unter ungewöhnlichen Bedingungen. Nach dem zweiten Blick die Frage: Was ist eigentlich "gewöhnlich", oder anders gefragt: Was macht diesen Briefwechsel außergewöhnlich und damit auch die, die er verbindet, und damit wiederum dieses Buch?
Es geht um Martha und Werner Döring - 1940 haben sie geheiratet, und 1946 schreibt Walter aus der Gefangenschaft, dass sie in ihrer nun sechsjährigen Ehe noch keinen Alltag zusammen erlebt haben. Hinter lapidaren Feststellungen wie dieser verbirgt sich das Außergewöhnliche, das Bücher wie dieses lesenswert macht.
Walter Döring war im Frühjahr 1945 in französische Gefangenschaft geraten; es geht ihm dort vergleichsweise gut, wie man aus heutiger Sicht sagen kann -"vergleichsweise gut", nicht "gut". Seine Frau kommt im Sommer 1945 nach mehrwöchigem Fußmarsch mit zwei kleinen Kindern aus dem tschechischen Maršov (Marschendorf) zurück nach Berlin. Was sie unterwegs erlebt hat, kommt in den Briefen nicht zur Sprache, man muß es sich aus dem Allgemeinwissen zusammenreimen und das Beste hoffen.
Aber immerhin, man lebt - und weiß noch wochenlang nicht, ob auch der Partner den Krieg überlebt hat. An regelmäßigen Postverkehr ist nicht zu denken, und den ersten Briefen merkt man an, dass sie mit einer Mischung aus Hoffnung und Angst losgeschickt wurden - ins Blaue hinein. Es dauert Monate, bis man weiß, wo der andere ist, und wie es ihm geht.
Nun beginnt ein Briefwechsel, wie es sicher viele gegeben hat, und von denen jeder auf seine Art ebenso bemerkenswert war wie das Leben der Schreibenden.
Was den hier abgedruckten Briefwechsel außergewöhnlich macht, steht meist zwischen den Zeilen: Die Briefe wurden zensiert, das wußte man, und sie mußten auf Vordrucken verfasst werden, durften also eine bestimmte Länge nicht überschreiten. Wenn allerdings der Schriftsetzer Döring kalligraphisch gestaltete Gedichte für seine Frau oder Zeichnungen für seine Kinder beilegte (eine ganze Reihe davon sind im Buch abgedruckt), drückte der Zensor offenbar ein Auge zu. Dass in diesen Beigaben viele unzensierte Mitteilungen versteckt waren, liegt nahe, aber als Uneingeweihter errät man sie erst, wenn Martha in ihrer Antwort auf einen Brief Bezug nimmt auf etwas, das im "offiziellen" Brief nicht erwähnt wurde.
Aber auch die Inhalte der "offiziellen" Briefe, schätzungsweise 300 aus zwei Jahren, sind das Lesen wert. Und auch hier steht das Wichtige oft zwischen den Zeilen - eine Konsequenz der Zensur, aber auch der Situation: Man wollte den anderen nicht mit Sorgen belasten, an denen er nichts ändern konnte. Nur manchmal bricht die Verzweifung durch, vor allem bei Werner, der fürchtet, dass das Leben seiner Frau an ihm vorbeizugehen droht - Sätze wie "Was soll ich Dir sagen? Zum Antworten hab ich nichts, im Lager geschieht auch nichts", können Bände sprechen.
Aus Marthas Briefen spricht eine andere, handfestere Art von Not, auch wenn sie das Schlimmste offenbar nicht schreibt. Was sie schreibt, ist allerdings auch schon starker Tobak: Ein kaputter Ofen bei 20 Grad unter Null zum Beispiel, oder eine Lungenentzündung des kleinen Sohnes. Oder die Freude, die ein Päckchen mit Brot bereiten kann oder das Eintreffen von Küchengeräten. Oder auch die wochenlange generalstabsmäßige Planung, die dem Aufenthalt eines Kindes bei Bekannten auf dem Land vorangeht. Man bewundert diese Frau, wie sie unter diesen Bedingungen ihren Alltag bewältigt und zwei kleine Kinder durchbringt.
Beiden Briefeschreibern ist klar, dass ihnen vieles von dem verborgen bleiben muß, das den anderen bewegt, bei aller Einfühlung und aller Phantasie. Grotesk etwa der gutgemeinte Rat des Vaters, das erkrankte Kind mit Penicillin zu behandeln (1946 in Berlin!) - und rührend seine Erkenntnis, dass es doch "so viel Kleinigkeiten [gibt], die ich gar nicht ahnen und erkennen kann".
"Uns blieben Briefe, in die fremde Augen noch hineinschauen", schreibt Werner einmal bitter. Irgendwie bekommt man ein schlechtes Gewissen, wenn man das liest, auch wenn man nicht gemeint ist. Aber die Veröffentlichung der Briefe ist sinnvoll: Sie vermitteln auf eine ganz eigene Art etwas von dem, was die Generation unserer Eltern und Großeltern durchlebte, und sie tun das auf eine sehr unmittelbare Weise, ganz anders als dies Erinnerungen tun, die ja immer erst durch einen bewußten oder unbewußten Filter gelaufen sind.
"Bescheidene Dokumente eines großen, katastrophischen Jahrhunderts, [...] Tropfen aus einem Meer von Texten, in denen sich die Zeitgenossen ihrer selbst versicherten", schreiben die Herausgeber von "Mitten ins Menschliche", einer Sammlung von Briefen des 20. Jahrhunderts aus prominenten Federn. Sie könnten mit diesen Sätzen auch diesen Briefwechsel gemeint haben.
weiser111 / aus amazon.de

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