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Unvergessene Schulzeit
Band 1.
1921-1945
Erinnerungen von Schülern und Lehrern
Auswahl-Taschenbuch
192 Seiten
Zeitgut Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-86614-100-1
Euro 6,90
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Unvergessene Schulzeit
Band 3.
1914-1945
Erinnerungen von Schülern und Lehrern
Auswahl-Taschenbuch
192 Seiten
Zeitgut Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-86614-120-9
Euro 6,90
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Unvergessene Schulzeit
Doppelband
1921-1962
zusammengestellt aus Band 1 und Band 2
Erinnerungen von Schülern und Lehrern
gebundener Doppelband
384 Seiten
Zeitgut Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-86614-140-7
Euro 12,90
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Ihre Fragen beantwortet gern:
Lydia Beier
Öffentlichkeitsarbeit
Zeitgut Verlag GmbH, Berlin
E-Mail: Lydia.beier@zeitgut.com
Tel. 030 - 70 20 93 14
Fax 030 - 70 20 93 22

 

Fünf kostenfreie Abdrucktexte

Foto: Irmgard Notz
1948 begann Irmgard Notz ihre Lehrtätigkeit an einer Grundschule in der Lepsiusstraße in Berlin-Steglitz. Auf diesem Foto aus dem Jahr 1952 unterrichtet sie eine zweite Klasse.
Diese Geschichten stellen wir kostenfrei zur Verfügung
1. Himbeerbrause im Speisewagen von U. Meier-Limberg, 3.655 Zeichen
2. Das Pferdekinn von E. Swiderek, 3.391 Zeichen
3. Lateinische Adverbien von H. Pacyna, 3.200 Zeichen
4. Schulwanderung von G. Bender, 3.720 Zeichen
5. Ein schlechtes Zeugnis von L. Rüth, 3.500 Zeichen

Die Fotos sende ich Ihnen in Druckqualität auf Anfrage zu.
E-Mail an lydia.beier@zeitgut.com
Bei Veröffentlichung eines der folgenden Texte bitten wir Sie, mindestens die bibliographischen Daten zum Buch mit der Webadresse des Zeitgut Verlages www.zeitgut.com abzudrucken. Beim Abdruck von Abbildungen zum Text, ist als Quelle „Zeitgut Verlag/Name des Verfassers“ anzugeben.

Bitte senden Sie uns nach Veröffentlichung ein Beleg zu. Vielen Dank.

Himbeerbrause im Speisewagen

Foto Meier-Limberg
1930 kam ich, zweite von links, in dem Städtchen Brüssow in der Uckermark zur Schule.
Ursula Meier-Limberg
Brüssow, nahe Prenzlau, 1930–1933

Ich war noch keine sechs Jahre alt, als ich 1930 in Brüssow eingeschult wurde. Welch eine Freude, welch ein Glück! Nun wurde ich endlich losgelassen wie ein kleiner Hund. Ich tobte mit der Dorfjugend, kein Baum und keine Mauer waren zu hoch.
Mein kleiner Heimatort Brüssow ist zwar eine Stadt, 1259 gegründet, aber sehr dörflich. Im Sommer wie im Winter spielten wir auf einem alten Friedhof hinter der Stadtmauer. Die Grabkreuze waren verrostet und zum Teil umgefallen, die Hügel waren eingeebnet. Das Gestrüpp war ideal zum Budenbauen.
Wir lebten sehr intensiv mit den Jahreszeiten. Jede hatte ihr wiederkehrendes Ritual. Den Frühling begrüßten wir in der Caselower Heide, etwa 15 Minuten mit dem Fahrrad entfernt. Dort wuschen wir Hände, Füße und Gesicht mit eiskaltem Quellwasser, tranken es auch und aßen dazu Veilchenköpfe. Dies sollte uns das Jahr über gesund erhalten. Der Sommer fing für uns bereits am 1. Mai an. Ob es kalt oder warm war, an diesem Tag badeten wir im Großen Brüssower See.
In meiner Klasse saß Kurti Fischer. Er war erheblich kleiner als wir alle und häufig zu Späßen aufgelegt, ein Unikum. Einmal ließ er sich in den Klassenschrank einschließen und spielte während des Unterrichts den Heiligen Geist und polterte. Ein anderes Mal ließ er eine Spieluhr laufen. Zur Strafe schickte ihn der Lehrer oft vor die Tür. Auch dann machte er seine Späße, steckte Wunderkerzen durch das Schlüsselloch oder warf Stinkbomben. Das Allertollste war jedoch, daß er sich für eine Mark nackt in die Brennesseln legte und sich darin einmal herumdrehte. Dabei schrie er wie am Spieß, und wir lachten uns fast tot, denn nie hatten wir geglaubt, daß er dies tun würde. Genau so war es mit dem Regenwurmessen. Kurti aß ihn – wiederum für eine Mark! – und mir wurde schlecht.
Foto Meier-Limberg
Der erste von links ist unser Klassenclown Kurti Fischer, der für eine Mark einen Regenwurm aß.
Meine erste große Reise stand bevor. Mein Vater konnte nur im Winter, meistens im Februar, Urlaub nehmen. So erhielt ich vom Schulrat Sonderurlaub. Diese Reise und das Drum und Dran sprengten den Rahmen meiner Vorstellungskraft. Zunächst kam Fräulein Pfeiffer außer der Reihe ins Haus, um mir ein neues Kleid zu nähen – erdbeerfarben mit Plisseekragen und Plisseemanschetten – ein Traum, wie ich fand. Endlich war es soweit und die Reise ging es los, zunächst mit dem Auto bis zur Kreisstadt Prenzlau, 23 Kilometer weit. Dort stiegen wir in ein Ungetüm von Zug, nicht zu vergleichen mit unserem gemütlichen Bimmelbähnchen. In Berlin fuhren wir mit einer Taxe zu einem anderen Bahnhof. Ich verstand überhaupt nicht, daß es einen weiteren Bahnhof gab. Und dann die riesige Bahnhofshalle! Unser ganzer Ort hätte da wohl hineingepaßt. Wir stiegen in den Zug, der aus Warschau kam und nach Paris fuhr. Ich hörte viele fremde Laute, und fremd aussehende Menschen hasteten an uns vorbei. Ich klammerte mich fest an Mutters Hand, ich hatte Angst, hier verlorenzugehen. Endlich kam der Zug nach Herford. Als wir einstiegen, sah ich doch tatsächlich einen völlig schwarzen Mann! Ich flüsterte meiner Mutter zu: „Siehst du, es gibt ihn doch, den schwarzen Mann.“ Vater hatte mir einmal erzählt, daß man im Zug auch essen könne an Tischen mit richtigem Geschirr. Das habe ich ihm nicht geglaubt. Und nun saß ich mit den Eltern im Speisewagen und durfte sogar Himbeerbrause trinken. Die war für mich viel köstlicher als Mutters selbstgemachter Erdbeersaft. Das mußte ja ein Heidengeld kosten, dachte ich und fragte meine Eltern flüsternd, ob sie das alles denn überhaupt bezahlen könnten? In der Schule durfte ich dieses Erlebnis vor der ganzen Klasse in allen Einzelheiten erzählen. Man hat mir kaum geglaubt. (gekürzte Fassung)

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Das Pferdekinn

Postkarte
Das Foto zeigt unser 1903 gegründetes Deutsches Staats-Reform-Realgymnasium, eingerahmt von der katholischen Kirche und dem Rathaus von Oderberg in Mährisch-Schlesien, mit Marktständen.
Oderberger Gymnasialgeschichten gesammelt von Ernst Swiderek
Oderberg, Mährisch-Schlesien; 1932–1938

Wer könnte ihn vergessen, unseren Englischlehrer Professor Dr. Karl Pohl? – Ich sehe ihn noch vor mir, meist sorgsam einen Schal um den Hals geschlungen, leicht hüstelnd, aber von gutgetarnter robuster Gesundheit. Englisch war für ihn mehr als ein Unterrichtsfach, es war fast eine Ersatzreligion. Und Mister McCallum von Radio Wien, der dort eine Englischsendung für Schüler betreute, war sein Prophet. Im Laufe der Zeit etablierte sich eine feste Bindung zwischen ihm und unserer Klasse. Die Korrespondenz florierte. Wiederholt wurden wir in den Sendungen aus Wien lobend erwähnt. Das war jedesmal ein Festtag für Professor Pohl. Als McCallum uns schließlich sein Foto mit Widmung schickte, bekam der Radiomann den Rang eines Idols. In jeder Englischstunde lächelte uns McCallum vom Katheder per Foto freundlich zu.

Doch nicht von unserem Äther-Flirt mit dem englischen Radiodozenten soll hier die Rede sein, sondern von einem in der Geschichte des Englischunterrichtes wohl einmaligen Experiment. Ausgangspunkt war der sogenannte „but“-Laut, jenes dunkel eingefärbte phonetische Mittelding zwischen a und e, wie es im englischen Wort „but“ (= aber) vorkommt. Laut Pohl konnte man diesen Laut einwandfrei nur hervorbringen, wenn man ein Pferdekinn besaß. Da solche Kinnpartien in Mitteleuropa selten seien, meinte er, müsse man eben versuchen, wenigstens Annäherungswerte an diese anatomische Besonderheit vieler Engländer zu erreichen. Zu diesem Zweck erfand Professor Pohl eine wohlausgeklügelte Kinn-Gymnastik. Im Kern bestand sie darin, Kinn und Unterkiefer in kurzen Intervallen ruckartig, fast schon krampfartig vorwärts und rückwärts zu bewegen.
Konfirmation 1936
Nach der Konfirmation in der evangelischen Kirche in Teschen Ostern 1936. Ich stehe in der zweiten Reihe von oben als vierter von links, zu erkennen an dem kräftigen Haar.
 Ob sich Knochen, Sehnen und Muskeln durch so eine Übung wirklich verändern lassen, ist sicher mehr als zweifelhaft – Pohl glaubte daran. Und deshalb begann ab sofort jede Englischstunde bei uns mit fünf Minuten Kinn-Gymnastik – heute würde man sagen: eine Art Aerobic des Unterkiefers. Hingebungsvoll und völlig lautlos widmeten wir uns dieser Gymnastik. Oben auf dem Katheder betätigte sich Pohl ebenso lautlos als Vorturner der Kinnmuskulaturübungen. Allmählich war uns die Prozedur so vertraut, daß wir sie ganz mechanisch ausführten.

Eines Morgens öffnete sich unvermutet die Tür des Klassenzimmers. Im Türrahmen stand Direktor Günzl. Wie immer in solchen Situationen blickten alle, der Professor eingeschlossen, in einem kollektiven Reflex zur Tür. Und niemandem fiel es ein, mit der Kinngymnastik aufzuhören. Direktor Günzl sah deshalb annähernd 30 Schüler und einen Lehrer, die ihm – in gespenstischer Lautlosigkeit – mit rhythmischem Schwung den Unterkiefer entgegenstreckten. Was damals im Geiste unseres Direktors vorgegangen sein mag, kann man nur ahnen. Vermutlich glaubte er, in eine Irrenanstalt geraten zu sein. Wortlos retirierte er vor der Phalanx der vorwärtsschnellenden Kinnbacken.

Wenige Minuten später kam Schuldiener Peter mit der Nachricht, Professor Pohl möge sich doch bitte zum Herrn Direktor begeben. Den Inhalt des Gesprächs zwischen den Herren Günzl und Pohl haben wir nie erfahren. Danach war es aber aus mit der Kinn-Gymnastik. Eigentlich schade!
Vielleicht hätte der eine oder andere von uns im Laufe der Zeit wirklich ein Pferdekinn bekommen?

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Lateinische Adverbien

Hasso Pacyna
Berlin 1943

Die nächtlichen Fliegeralarme beherrschten das Leben. Wenn die Sirenen auf und ab heulend, ertönten, mußten wir Kinder schnellstens unser stets bereitstehendes Notgepäck schnappen und in den Luftschutzkeller hinunter. Dabei hatten wir die hintere Treppe zu benutzen. Wir eilten vorbei an Wassereimern und Feuerpatschen, die auf jeder Etage standen. Auch Säcke mit Löschsand lagen bereit. Das waren die vorgeschriebenen Sicherheitsvorkehrungen.

Fliegeralarm dauerte meist Stunden. Oft schliefen wir im Keller in fast unmöglichen Lagen und quälten uns, wenn die Sirenen durch einen langanhaltenden Dauerton Entwarnung gaben, wieder nach oben. Schnell krochen wir in unsere Betten und schliefen weiter. Es gab Nächte, in denen sich das Ganze ein- bis zweimal wiederholte. Daß wir wie gerädert waren, wenn wir nun wirklich aufstehen sollten, hat niemanden verwundert. Zwar fing der Unterricht nach solchen Alarmnächten später an, aber sonst ging alles seinen fast normalen Gang.

Da die Wilmersdorfer Treitschkeschule von Brandbomben getroffen worden und die Zahl der Schüler durch private „Landverschickung“ geringer als normal war, wurde der Unterricht in eine andere Schule am Stadtpark verlagert. Es könnte die Hindenburg-Schule gewesen sein. Zu dieser Zeit hatte ich so meine Probleme mit dem Lernen. Besonders schwer fiel mir Latein. Das war mir ein Greuel. Dr. Johannes Brücken, alias Bully, hatte wahrlich keine Freude an mir. Einmal rief mich Bully in seinem typischen Rheinländer Dialekt auf: „Pattschina, Menneken, Menneken, komm ens vör die Front! Häste ding Adverbie jeliert? Äh, wat sachen isch, kannste ding Adverbie? Ze liere bruchste se net! Könne mußte se!“

Hasso Pacyna Ich bin gerade aufgerufen worden. Hinter mir steht unser Lateinlehrer Dr. Johannes Brücken, dem wir den Spitznamen Bully gaben. Er war bei meiner ersten Kinderlandverschickung unser Lagerleiter in St. Joachimsthal, Erzgebirge.

Doch bei der Abfragerei kam nicht viel heraus, und Bully, ein durchaus väterliches Exemplar von Pauker, geriet wieder einmal außer sich. Sein ohnehin meist rotgefärbtes Gesicht wurde glühend, sein Blutdruck stieg sichtlich, bis er schließlich platzte.
„Zentgraf, schreibe mal auf!“ schrie er. – Carl Zentgraf war in unserer Klasse beauftragt, alle zu ahndenden Missetaten seiner Kameraden zu notieren. – „De Pattschina bringt morje en Onderschriff vun singem Vatter!“
Zu mir: „Pattschina, hol ens ding Kladde eruss!“
Und dann wurde mir folgender Text diktiert: „Ich lerne mit konstanter Bosheit meine lateinischen Adverbien nicht!“

Ziemlich bedrückt bat ich am Abend meinen Vater, seine Unterschrift unter diesen Satz zu setzen. Er aber schüttelte den Kopf: „Das mache ich nicht, schließlich brauche ich keine Adverbien zu lernen!“
Nun diktierte er mir eine Neufassung: „Ich habe davon Kenntnis genommen, daß mein Sohn Hasso mit konstanter Bosheit die lateinischen Adverbien nicht lernt.“
Diesen Text unterzeichnete er.

Als Bully am nächsten Tag nach der Unterschrift fragte, schmunzelte er angesichts des abgeänderten Textes, sagte aber kein Wort. Zur Strafe mußte ich die Adverbien auch noch sechsmal abschreiben. Das war eine Mordsarbeit, die ich, Hefte waren damals knapp, auf einem riesigen, fast tafelgroßen Packpapierbogen erledigte. Das änderte trotzdem nichts daran, daß ich ständig mit Adverbien und dem Latein auf Kriegsfuß stand und bei Dr. Brücken nie gut abschnitt.

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Schulwanderung

Gisela Bender
Deudesfeld/Eifel, Rheinland-Pfalz; 1950–1958

An sonnigen Frühlingstagen, an denen das Wetter zu schön war, um sie hinter den dicken Mauern des Schulhauses zu verbringen, setzte unser Lehrer des öfteren eine Wanderung auf den Stundenplan: Heimatkunde in der Natur. Unser Lehrer unterrichtete in einem Raum acht Klassen gleichzeitig. Für die 60 Schülerinnen und Schüler unserer Dorfschule war die Freude dann jedesmal groß. Mit lautem Juchhei strömten alle, Große und Kleine, von der ersten bis zur achten Klasse, ins Freie. Draußen gab der Lehrer kurze Anweisungen, die Größeren hatten mit auf die Kleinen aufzupassen; dann ging es diszipliniert, aber fröhlich schwatzend zum Dorf hinaus. Immer wieder blieb der Lehrer stehen und zeigte auf Pflanzen oder Blumen, alle standen drum herum und mußten sagen, um welche Pflanze es sich handelte. Im Wald wurde Rast gemacht, die dazu genutzt wurde, Tanne, Fichte oder Buche an der Rinde zu erkennen. Wer gut aufgepaßt hatte, konnte  sogar das Alter der Bäume schätzen. Oben auf dem Berg, von dem man den schönsten Blick auf das Dorf hat, setzten wir uns im Kreis zusammen.

Es war ein schönes Dörfchen. Mittendrin ragte groß und stark die Kirche heraus. Bis hier oben drang die Geschäftigkeit des Dorfes. Vielerlei Geräusche waren zu hören: Eine Kreissäge quälte sich schrill durch das Holz, hier und da brüllte eine Kuh, wohltuend tönten die Hammerschläge auf dem Amboß der Schmiede herauf. In diesem oder jenem Eckchen bellte ein Hund, und von überall krähten die Hähne, sich über alle Geräusche behauptend.
Leben im Dorf
Das Leben im Dorf war von der traditionellen kleinbäuerlichen Struktur geprägt. Ein Kuh- oder Ochsengespann gehörte zu jedem Hof. Kühe waren Arbeitstiere und Milchlieferanten zugleich.
Rings um das Dorf herum ackerten die Bauern, und das waren außer dem Lehrer und dem Pastor alle Dorfbewohner, auf ihren Feldern. Die Frühjahrsbestellung war in vollem Gange. Gemächlich zogen die Gespanne nebeneinander Furche um Furche. Hin und wieder wurde eine Verschnaufpause gemacht, mit dem einen oder anderen Nachbarn ein Schwätzchen gehalten. Das gab dem Bauern und seinem Gespann dann wieder neuen Antrieb.
Alles hatte seine Ordnung, dem Nachbarn zur Linken ging es gleich wohl wie dem zur Rechten, ihre Welt war im Gleichgewicht bei diesem schönen Wetter.

Wir Kinder erkannten von hier oben nicht nur unsere Häuser, sondern ebenso unsere Felder und Gespanne. Unter jedem Dach, auf das wir hinunterblickten, wohnten Leute, die wir kannten. Wenn wir hier saßen, spielten wir oft „Häuserraten“. Einer nannte eine Person, Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter, dann mußten die anderen raten, welche Familie im Dorf das war. Dieses Spiel wurde uns nie langweilig. Um mitzukommen, mußte man die Familien im Dorf gedanklich durchgehen, nur so hatte man stets alle im Kopf. Es gab nicht viel, was der eine vom anderen nicht wußte, das ganze 450-Seelen-Dorf war eine Großfamilie. An allen großen und kleinen Ereignissen nahmen alle teil.

Mehr als vier Jahrzehnte sind seither vergangen, und es zieht mich an jenen Ort zurück. Rastend verweile ich und lausche auf die in der Erinnerung lebendig gebliebenen Geräusche des Dorfes. Doch so angestrengt ich auch lausche, es brüllt keine Kuh, es kräht kein Hahn, und auch die Hammerschläge aus der Schmiede sind verstummt.

Es ist Frühjahr, und ich halte Ausschau nach der Frühjahrsbestellung. Vergeblich schaue ich über die Feldflur – kein Gespann zur Rechten, keines zur Linken. Einsam zieht ein einzelner Traktor seine Furchen für die Frühjahrssaat. Ich sehe auf die Häuser, gehe sie in Gedanken durch. Und obwohl ich hier wohne, kenne ich verschiedene Hausbesitzer nicht. Da steht die alte Schule, längst wird sie anderweitig genutzt. Unser Dorf ist geblieben, aber wir haben uns verändert, wir alle wollten kein Schmied und kein Bauer sein. Wenigstens die Kirche, die haben wir noch im Dorf gelassen.
Foto Gisela Bender Meine Klasse vor dem Niederwald-Denkmal in Rüdesheim/Rhein beim Jahresausflug 1955. Das ganze Jahr über freuten wir uns schon darauf. Wir finanzierten diese Ausflüge durch das Sammeln von Waldbeeren und Einnahmen aus Theaterspielen.

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Ein schlechtes Zeugnis

Luise Rüth
Bonn am Rhein; 1950

Vater war gerade erst krank aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Unsere wirtschaftlichen Verhältnisse waren sehr bescheiden. Vater mußte neu eingekleidet werden; die schäbige Gefangenenkleidung wollte er nicht mehr tragen. Seine alte Kleidung war zum Teil den Bomben zum Opfer gefallen. Und wir hatten auf der Flucht nichts mitnehmen können. Mutter meinte, sie hätte ihm sowieso nicht mehr gepaßt.

Vater war zwölf Jahre lang, mit nur kurzer Urlaubsunterbrechung zu Beginn des Krieges, von uns fortgewesen. Hunger und Entbehrungen hatten seinen Körper gezeichnet. Er hatte starkes Untergewicht. Als wir ihn auf dem Bahnhof abholten, erkannten Mutter und ich ihn nicht wieder. Als junger Mann war er gegangen, und als uralter kam er zurück. So sah er jedenfalls in meinen Augen aus. Es machte uns sehr traurig. Ich war acht Jahre alt. Wir bemühten uns, alles zu tun, daß Vater immer satt wurde und sich vielleicht wieder wohl fühlte. Daher mußten wir unsere eigenen Bedürfnisse weit zurückstellen.

Nun war der Frühling in diesem Jahr sehr früh gekommen und außergewöhnlich warm. Es schien, als wollte uns die Natur für die Entbehrungen der zurückliegenden Jahre entschädigen. Meine Winterschuhe, klobige Lederschnürschuhe, einige Nummern zu groß, was mit dicken selbstgestrickten Socken ausgeglichen wurde, waren jetzt einfach zu warm.

Mutter holte meine Sandalen aus dem vergangen Jahr vom Speicher. Schon im letzten Jahr waren sie mir etwas zu klein gewesen. Beim Anprobieren stellten wir mit Entsetzen fest, daß meine Zehen bestimmt zwei Zentimeter über die Schuhe hinausragten. Was tun?
Barfuß konnte ich nicht zur Schule gehen. Wir wohnten in der Stadt, und vielen Leuten ging es damals schon wieder recht gut.
Luise Rüth 1950 Das bin ich als Schulkind etwa 1950. Ich besuchte die Karlschule in der Dorotheestraße in Bonn.
Mit diesen Sandalen war ich am ersten Schultag dem Gespött meiner Klassenkameraden ausgeliefert. Sie liefen johlend hinter mir her und lachten mich aus.

Ich war traurig, aber noch mehr wütend, und schämte mich. Tränen liefen mir über die Wangen, ein ganz schlimmer Jähzorn erfaßte mich. Ich zog die Sandalen aus und schlug damit wild um mich. Dabei traf ich eine Schulkameradin am Kopf. Sie trug eine Platzwunde davon, die heftig blutete. Zu Tode erschrocken lief ich nach Hause.

Am nächsten Tag wurde ich mit Mutter zur Lehrerin bestellt. Mutter wußte Bescheid. Ich hatte ihr abends alles erzählt, weil mich das schlechte Gewissen nicht einschlafen ließ.
Die Lehrerin machte mir heftige Vorwürfe und drohte mit Strafe. Warum es überhaupt zu diesem Vorfall gekommen war, wollte sie gar nicht wissen.
Darüber empört, begann Mutter, mich zu trösten.
Zu meinem großen Pech war die verletzte Mitschülerin der Liebling der Lehrerin. Die Eltern des Mädchens hatten nämlich ein Lebensmittelgeschäft, und jeden Tag fiel etwas für die Lehrerin ab: mal etwas Wurst, mal etwas Schokolade oder Kaffee. In diesen Zeiten mußte man eine solche Beziehung pflegen, das wußte die Lehrerin. Und so legte sie keinen Wert darauf, meine Begründungen zu hören. Ich hatte keine Chance.

Mutter suchte sich eine Putzstelle. Von ihrem ersten Geld bekam ich neue Sandalen, zwei Nummern zu groß, damit sie noch im kommenden Sommer paßten.
Mein nächstes Zeugnis war auffallend schlecht, und mit dem Vermerk versehen: „Luise ist bösartig und stört ständig ihre Mitschülerinnen“.
Mutter meinte nur, es kämen auch wieder andere Zeiten, und dann würde auch mein Zeugnis wieder besser. Es blieb das schlechteste Zeugnis meiner ganzen Schulzeit.

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Band 1 Unvergessene Schulzeit. Band 1
Eine Geschichte:
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Zusammengestellt aus Band 1 und Band 2
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Himbeerbrause im Speisewagen
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Eine Geschichte:
Das Pferdekinn


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