Autoren-Informationen  Fortsetzung

Den nachstehenden Brief hat der Zeitgut-Herausgeber Jürgen Kleindienst an einen Zeitzeugen geschrieben, der über seine dramatischen Erlebnisse bisher nur im persönlichen Gespräch erzählt hatte. Wenn Sie auch noch keine Schreiberfahrungen haben, können Ihnen die Hinweise und Tipps in diesem Brief vielleicht helfen. Wenn Sie weitere Fragen haben, schreiben Sie bitte direkt an Jürgen Kleindienst:  j.kleindienst@zeitgut.com.


Sehr geehrter Herr Müller,

weil Sie noch kein Manuskript geschickt haben, fällt es mir schwer, zu Ihren E-Mails Stellung zu nehmen. Am Anfang jeder Zusammenarbeit mit Zeitzeugen-Autoren steht nun einmal das Manuskript. Da hat es wenig Sinn, wenn uns ein Autor mitteilt, er (oder man) könnte ein Buch über seine Erlebnisse schreiben. So lange es nicht geschrieben ist, können wir es weder beurteilen noch bearbeiten, und schon gar nicht können wir Stellung dazu nehmen.

Ich hatte Ihnen bereits geschrieben, dass ich das Thema der Zwangsumsiedlung aus den Grenzgebieten der DDR grundsätzlich für wichtig und interessant halte. Die Thematik kenne ich aus unterschiedlichen Schilderung von anderen Zeitzeugen. Der von Ihnen geschilderte Fall Ihrer persönlichen Flucht und der daraus resultierenden Zwangsumsiedlung Ihrer Eltern von der thüringischen Grenze an die Oder ist für mich aber beispielslos. Von der Zwangsumsiedlung als einer Variante der Sippenhaftung in der DDR höre ich erstmals.

Umso mehr würde ich es begrüßen, wenn Sie sich daran machten, Ihre persönlichen Erlebnisse in der Ich-Form aufzuzeichnen. Vermutlich werden Ihre Eltern selbst die eigenen Erlebnisse nicht mehr aufschreiben können. Es wäre daher gut, wenn Sie deren Schicksal in getrennten Kapiteln in der dritten Person erzählen würden. Um einen chronologischen Überblick zu behalten könnten die Kapitel im Buch zwischen Sohn- und Eltern-Schicksal abwechseln.

Vielleicht sollten Sie erst einmal ein Konzept erstellen und versuchen, sich zu erinnern oder zu ermitteln, welche Episoden Sie überhaupt aus Ihrer persönlichen Sicht oder aus der Sicht Ihrer Eltern erzählen könnten. Diese Art der Planung ist allerdings bei der Gedächtnisarbeit oft nicht sehr ergiebig. Viele Zeitzeugen erzählen, dass sie erst beim eigentlichen Schreiben wahre Erinnerungsschübe erlebten, die sie ursprünglich bei sich selbst nicht für möglich gehalten hätten. Erinnern ist ein eigentümlich komplexer Vorgang, der nur schwer vorhersehbar und kaum planbar ist. Den meisten Menschen gelingt das ohne einen einfühlsamen Gesprächspartner erst beim eigentlichen Prozess des Schreibens.

Vor diesem Erfahrungs-Hintergrund bleibt mir als Herausgeber der »Reihe ZEITGUT« und der »Sammlung der Zeitzeugen« eigentlich nur, Ihnen zu empfehlen, auf eigenes "Risiko" zu schreiben zu beginnen. Ob das Ergebnis befriedigt können alle Beteiligten erst beurteilen, wenn Ergebnisse - auch Zwischenergebnisse - auf dem Tisch liegen.

Ich hoffe, dass meine Hinweise Sie ermuntern können, mit dem Schreiben zu beginnen. Es ist für die meisten Menschen ein sehr erleichternder und spannender Prozess. Sie sollten es einfach versuchen, indem Sie damit anfangen.

Wenn Ihnen mein Schreiben geholfen hat, aber auch, wenn Fragen offen geblieben sind, schreiben Sie mir bitte kurz?

Mit freundlichen Grüßen aus Berlin
Ihr Jürgen Kleindienst


Nachtrag

Sehr geehrter Herr Müller,

ergänzend will ich Ihnen noch zu den Stasi-Dokumenten einen Hinweis geben. Die Akten können und sollen natürlich mit eingesetzt werden. Dafür gibt es die Möglichkeit, einzelne Seiten als Abbildung im Original abzudrucken, was allerdings dazu führt, dass die übliche A4-Aktenseite auf das Format einer Druckseite gebracht werden muss. Dabei wird die Aktenseite auf etwa 50% verkleinert. Das führt zu einer schlechteren Lesbarkeit. Vielfach sind die Akten allerdings bereits als Fotokopie in Origialgröße nicht allzu gut lesbar. Dann muss auf jeden Fall der gesamte Dokumententext noch abgeschrieben und als Buchtext abgedruckt werden.

Ergänzend oder alternativ können Sie natürlich Akten abschreiben und als Zitat in der Satzschrift in Ihren Text einfügen. Sie sollten dabei aber beachten, dass die Stasidokumente über längere Strecken für einen Außenstehenden meist nicht sehr spannend zu lesen sind. Die persönlich Betroffenen sehen das natürlich anders. Letztlich können Sie die Stasidokumente also hervorragend als Ergänzung und Zusatz-Illustration verwenden. Sie sollten aber nur in seltenen Fällen über längere Strecken als Ersatz für die Schilderung mit eigenen Worten eingesetzt werden.

Mit freundlichen Grüßen aus Berlin
Ihr Juergen Kleindienst


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