Frauen an der Heimatfront Frauen an der Heimatfront
Erinnerungen 1939-1945

320 Seiten mit vielen Abbildungen, Ortsregister, Chronologie
Reihe Zeitgut. Band 26
Zeitgut Verlag, Berlin.
ISBN: 3-86614-206-0,
gebunden, Euro 13,90
ISBN: 3-86614-208-4,
Taschenbuch, Euro 10,90

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"Lassen Sie meine Frau nicht im Stich!"

Leseprobe von Erika Peters
aus "Frauen an der Heimatfront"

Niederzehren, Kreis Marienwerder*), Westpreußen; August – Oktober 1939 / 1939 – 1986  

„Mama, mach der Erika Schaumomelett“, das höre ich noch heute die Kinder der Familie Gosda rufen, wenn ich mir Eierkuchen backe. Schaumomelett war das Beste, was sie in ihrer Freude meinten, mir anbieten zu können, wenn ich sie in den Jahren 1940 bis 1944 in ihrem Dorf Niederzehren in Westpreußen besuchte. Bei ihnen hatte ich ein paar Monate des Jahres 1939 als „studentische Erntehilfe“ gelebt. Drei Wochen sollte damals der freiwillige Arbeitseinsatz bei Bauern in Westpreußen dauern. Wer von uns Studentinnen von der Hochschule für Lehrerbildung in Elbing konnte sich dieser Aufforderung zur Hilfe in der Landwirtschaft entziehen?
Tatsächlich wurde aus meinem geplanten dreiwöchigen Arbeitseinsatz eine Hilfe über mehrere Monate, der eine lebenslange Freundschaft mit der Familie Gosda folgte.
Doch der Reihe nach: Wie ich meldeten sich damals wohl  fast alle Mädchen aus meiner Klasse zur „studentischen Erntehilfe“. Es muß sie auch schon vorher gegeben haben, denn es kursierten alle möglichen Gerüchte darüber, auf was für Bauern­höfe manche Mädchen geraten waren. Doch mit meiner Arbeitsdiensterfahrung im Sommer 1938 bei Bauern in Pommern und der Neu­mark meinte ich, so schlimm könnte das nicht sein, da würde wohl manches negativ übertrieben. Zu Hause in Stolp erhielt ich dann vom Arbeitsamt Mitte Juli 1939 die Aufforderung, in ein mir völlig unbekanntes Dorf an der pol­nischen Grenze zu fahren. Im Glauben, es seien wohl noch mehr Mädchen dorthin beordert, begab ich mich zuversichtlich und neugierig zur angegebenen Dienststelle. Dort merkte ich, daß ich ganz allein nach Niederzehren geschickt worden war. Da war mir doch recht beklommen zumute: Wo würde ich landen?  

„Frau, ich habe dir ein Mädchen bestellt“
Ein schlanker, junger Mann Mitte dreißig empfing mich am Bahn­hof in Marienwerder, und wir fuhren auf seinem Pferdewagen nach Niederzehren. Die Unterhaltung unterwegs war freundlich und angeregt, und als ich dann auf das Gehöft und in das sau­bere Haus kam, mußte ich lachen, daß ich mich hatte bange machen lassen. Hier war es schön, es würde mir gefallen. Vier Kinder kamen mir entgegengelaufen, sie mögen vier bis zehn Jahre alt gewesen sein. Dazu gab es noch die zweijährige Christa. Es gefiel mir immer mehr. Dann trat eine junge Frau auf mich zu und begrüßte mich – freundlich, hübsch von Ge­stalt und Aussehen, sauber und adrett gekleidet – gar nicht, wie ich mir eine Bauersfrau vorgestellt hatte. Ich habe Glück, so meinte ich, bei so netten Leuten kann ich gern bleiben.
Auch das Ehepaar Gosda hatte ihrer neuen Hausgenossin mit ge­mischten Gefühlen entgegengesehen. Das Grundstück umfaßte etwa 120 Morgen. „Zu groß, um es allein bewirtschaften zu können, zu klein, um sich mehrere Angestellte zu leisten – eine ungünstige Zwischengröße“, so hörte ich später. Es wurde nur ein älterer, etwas dümmlicher Mann als Hilfskraft beschäftigt. Die Hausfrau war darum auch im Stall tätig und mußte zu Spitzenarbeitszeiten mit aufs Feld. Das war für sie eine große Belastung, da sie für fünf Kinder, den Haushalt, den Garten und das Kleinvieh auf dem Hof zu sorgen hatte. Eines Tages war Karl Gosda aus der Stadt nach Hause gekommen und hatte gesagt: „Frau, nun wirst du es leichter haben. Ich war auf dem Arbeits­amt und habe dir ein Mädchen bestellt.“
„Wen sollen wir denn kriegen?“
„Eine Studentin!“
„Na, da werden wir ja etwas Rechtes bekommen!“ war die skep­tische, ja vorwurfsvolle Antwort. Das erzählte Alma Gosda mir später einmal lachend. Nun war die Studentin eingetroffen, sah sich um, und alles gefiel ihr. Einen ähnlichen Eindruck hatte das Ehepaar an­scheinend von seinem neuen Mädchen. Wir freundeten uns an. Ich hatte auf diesem mittelgroßen Bauernhof in Westpreußen die Aufgabe, der Bäuerin tatkräftig zu helfen und sie zu ent­lasten – allerdings nur für die Zeit der Ernte. Mir kamen dabei meine Erfahrungen und Kenntnisse zugute, die ich als „Maid“ im Reichsarbeitsdienst in Hof und Feld bei pommerschen Bauern erworben hatte. Als Tochter einer städtischen Familie und Schulmädchen bis ins zwanzigste Lebens­jahr wäre ich sonst wahrscheinlich hilflos und überfordert ge­wesen. Nun wußte ich im Stall Bescheid, hatte melken gelernt und keine Angst mehr vor Kühen und Pferden. Auf dem Feld konn­te ich das geschnittene Getreide binden und hinter dem Mäh­binder die Garben aufstellen, ich wußte auch mit Rechen und Hacke umzugehen. Kurzum, ich hatte die Ungeschicklichkeit eines Stadtkindes, das nie das Landleben kennengelernt hatte, weit­gehend abgelegt. In Haus und Garten zu helfen, war ich schon von daheim gewöhnt.  

Wie in alten Zeiten
Auf dem Hof in Niederzehren war alles aber ganz anders. Es war ein Gehöft im Abbau, lag ein oder zwei Kilometer vom Dorf entfernt. Darum gab es hier weder Elektri­zität noch Gas, und das schockierte mich anfangs sehr. Ich wußte nicht, daß es das Ende der dreißiger Jahre noch gab: keine Elektrizität! Immer mußte man im Herd Feuer anzünden, auch wenn man nur Kaffeewasser brauchte, oder wenn ich für Klein-Christa den Brei kochen wollte. Daran mußte ich mich erst gewöhnen, zumal in diesen warmen Monaten August und September. Es gab auch keinen Schalter, um Licht anzuknipsen, sondern wie in alten Zeiten Petroleumlampen und Kerzen. Ich war von der ungewohnten Arbeit müde und ging wie die anderen zeitig ins Bett. Aber einmal wachte ich nachts auf, weil eine Maus in meinem Strohsack knispelte. Ich er­schrak, sprang auf und tastete mich in die Küche. Doch mir war hier noch alles unbekannt und ich fand im Dunkeln kein Streichholz oder Licht. So kroch ich zur Maus zurück in mein Bett.
Natürlich konnte man auch die Wäsche nicht mit dem elektrischen Eisen bügeln. Dafür gab es wie zu Großmutters Zeiten ein wahres Monstrum von Plätteisen. Man klappte den Deckel dieses Apparates hoch und füllte glühende Holzkohle aus dem Herd hinein. War das Eisen zu heiß, schwenkte man es hin und her, bis es etwas abge­kühlt war. Dann ging die Bügelei los. Das war ein Kunststück und erforderte im wahrsten Sinne des Wortes Fingerspitzenge­fühl. Man tippte dabei mit der feuchten Fingerspit­ze auf die Unterseite des Eisens und prüfte die Hitze. Ich wurde einmal zu solcher Bügelei angestellt. Aber nur ein ein­ziges Mal, denn dieses Fingerspitzengefühl besaß ich nicht. Die schöne weiße Wäsche wurde sofort bräunlich-gelb und wies überall die Umrißspuren des Kohleneisens auf. Das war mir sehr peinlich, aber ich verstand es wirklich nicht.
Im Haus gab es auch keine Wasserleitung. Wir holten das Wasser von der Pumpe im Stall. Es war ein heißer, trockener Sommer. Das Wasser im Brunnen wurde knapp. So nahmen wir einen Handwagen, stellten Milchkannen darauf, und ich fuhr mit den beiden gro­ßen Jungen zu einer entfernten Quelle. Alle Erleichterungen, die ich aus dem städtischen Haushalt kannte, gab es hier nicht. Die Bäuerin hatte es dadurch zu­sätzlich schwer. Es war also meine Aufgabe, ihr überall zu helfen.
Hauptsächlich wurde ich aufs Feld zur Ernte ge­schickt. Ich erinnere mich aber auch, daß ich mit der Leiter hoch in die Kirschbäume kletterte und die Früchte eimerweise pflückte. Während der Getreideernte war ein so reicher Obstsegen gar nicht sehr willkommen. Die Kirschen mußten nun ausgesteint und eingekocht werden. An manchem Sonnabend wurden wir sogar zu zweit mit der vielen Arbeit nicht fertig, und ich putzte noch nachts um zwölf die Küche. Über solche mitternächtlichen Beschäftigungen amüsierten wir uns. Wir waren jung. Sich ein­mal richtig ins Zeug legen, machte Spaß.
Ohnehin hatten wir trotz der vielen Arbeit auch manche schöne Zeit miteinander. Mir schmeckte hier das Essen ganz besonders gut. Für den Sonntags­braten schöpfte die Hausfrau von der Milch ein paar Löffel Sahne ab und schmorte sie mit. Nirgends habe ich so gute So­ßen gegessen wie bei Gosdas.
„In der allergrößten Not schmeckt der Käs’ auch ohne Brot“. Das wurde mir in diesem Haus eben­falls geboten – aber es gab keine Not. Wenn für die abgelieferte Milch von der Molkerei Butter und Käse zurückkamen, dann schnitt die Mutter jedem ein dickes Stück Tilsiter ab, und wir schmierten Butter darauf. Das schmeckte! So etwas Gutes hatte ich noch nicht kennengelernt. Bei uns zu Hause in der Stadt wurden die Käsescheiben dünn aufs Butterbrot gelegt.
Und Kuchen konnte Alma Gosda backen – einmalig gut! Am Wochenende heizten wir den Backofen im Kü­chenherd, und die Hausfrau rührte den Teig. Ich hatte darin als junges Mädchen noch wenig Erfahrung. Deshalb spielte ich lieber die Putzmamsell. Die Arbeit wurde eingeteilt und dem Können nach gut verteilt. Darin waren wir uns einig. Manchmal bekam ich auch extra einen Kuchen, so zu meinem 22. Geburts­tag, den ich in dieser Zeit feierte. Die Kinder Gerdchen und Ille durf­ten ihre hübschen Sonntagskleider anziehen und gratulierten mit einem Blumenstrauß. Das magere Gerdchen war ein Springinsfeld und trieb sich lieber draußen herum. Doch an diesem Morgen war auch sie da­bei und sah niedlich aus. Als vor Kriegsbeginn die Wälder ringsum voll deutscher Soldaten lagen, war die Mutter noch eifriger beim Backen. Sie lud ein paar junge Männer zu Kaffee und Kuchen ein, damit die Erika, die so viel arbeiten mußte, einmal etwas Unterhaltung und Abwechslung erhielt. 

„Lassen Sie meine Frau nicht im Stich!“
Ja, viele deutsche Soldaten campierten in dieser Gegend. Die Grenze zu Polen lag nur zwei Kilometer entfernt, und es war August 1939. Einmal zeigte Herr Gosda sie mir aus nächster Nähe. Er gab mir ein Fahrrad – o weh, ein Herrenrad! Zum Aufsteigen mußte ich es an einen hohen Chausseestein lehnen und fiel dann noch öfter herunter. Aber Herr Gosda radelte tüch­tig drauflos, und ich mußte sehen, daß ich hinterher kam. Dann waren wir an der Staatsgrenze angelangt. Zu meinem Er­staunen war das ein Feldweg, der sich zwischen Äckern und Wiesen dahinzog. Diese Seite war Deutschland, die andere Polen. Kein Grenzer, kein Zöllner, überhaupt kein Mensch zu sehen! Ich konnte nicht widerstehen, stieg vom Rad ab und berührte das pol­nische Land.
So friedlich blieb es nicht lange. Bei abendlichen Besuchen im Dorfgasthaus, wohin mich das Ehepaar Gosda mehrmals mitnahm, hörte ich einen Satz, der mir nicht aus dem Gedächtnis gegangen ist. Wenn die Männer sich untereinander verabschiedeten, riefen sie einander zu: „Auf Wiedersehen im Massengrab!“ Ein Gruß mit zuviel Galgenhumor.
Die Stimmung in der Bevölkerung war gespannt. Die Gespräche drehten sich beinahe nur um das eine Thema: Krieg!
Angst kroch hoch. Niemand konnte etwas dagegen tun. Die Menschen hockten mehr als sonst in der Schänke zusammen, und doch war jeder hilflos. Man erzählte schon von brennenden Gehöften in der Nähe längs der Grenze. Das wollten einige von geflüchteten Frauen mit ihren Kindern gehört haben. Aber keiner wußte etwas Genaues. Wie Jahrzehnte später durch die Medien zu erfahren war, handelte es sich hier und auch an anderen Grenzen um Brandstiftungen aus der eigenen Nazi-Partei, um die Kriegsstimmung anzuheizen. Doch wer wußte das damals schon?!
An einem Tag Mitte August kam ein Mann mit einem Brief auf den Hof geradelt: Es war der schriftliche Gestellungsbefehl. Der Bauer war auf dem Feld. Horst, der zehnjährige Sohn, lief hin: „Vater, du sollst sofort nach Hause kommen!“
Karl Gosda wußte, was das hieß. Die Männer mußten sich um die Mittags­stunde im Dorf sammeln und wurden noch am selben Abend in die Kasernen nach Marienwerder gebracht.
Abschied zwischen den Eheleuten, Abschied von den Kindern. Ich habe die Einzelheiten dieser aufregenden Stunden verges­sen, nur die Worte des Mannes an mich sind mir in Erinnerung geblieben: „Lassen Sie meine Frau nicht im Stich! Helfen Sie ihr! Stehen Sie ihr bei!“

Nun waren wir zwei Frauen allein auf dem Hof – Alma Gosda, Ende zwanzig; ich 22 Jahre alt. Noch so jung!
Wir hatten oft Angst. Die Nachbarhöfe waren mehrere hundert Meter ent­fernt, die Staatsgrenze zu Polen in zwei Kilometer Nähe, im Haus fünf kleine Kinder. Oben auf dem Dachboden hauste der dümmliche Knecht, von dem wir keine Hilfe erwarten konnten, vor dem wir uns sogar manchmal fürchteten. Das war eine bange Situation. Wir waren beide vollkommen aufeinander angewiesen.
Tagsüber kamen wir nicht zum Nachdenken. Wir hatten viel zu tun. Die Getreideernte war noch nicht beendet. Horst, der Älteste, half uns willig und verständig. Aber wenn der Abend und die Nacht kamen, wurde uns unsere hilflose Lage bewußt. Wir verrammelten zuerst einmal die Haustür, klemmten einen dicken Balken zwischen Bodentreppe und Tür. Die ließ sich so leicht nicht öffnen. Paul im Oberstübchen war nicht zu sehen, half uns nicht, er hatte sich verkrochen. Er hatte wahrscheinlich mehr Angst als wir Frauen. Die Kinder schickten wir ins Bett. Sie sollten unsere bangen Gedanken nicht bemerken. Ich durfte die entlegene Hinterstube verlassen und mit ins Elternzimmer zie­hen. Doch an Schlaf mochten wir nicht denken. Wir pusteten das Licht aus, setzten uns ans Fenster hinter die Gardinen und warteten. Worauf?
Das wußten wir nicht. Die gleichmäßi­gen Atemzüge der Kinder erfüllten den Raum und beruhigten uns allmählich. Außerdem: Wir waren müde, todmüde. So gaben wir es auf zu wachen.
Am anderen Morgen weckten uns die Sonne und die Tiere in Hof und Stall. Es war nichts passiert. Die Ar­beit begann wie immer, es kam der gewohnte Rhythmus in Gang. So verging die Woche, aber die Unruhe blieb. Was würde werden? Was konnte hier so dicht an der Grenze geschehen?
Etwas Sicherheit gab uns die Tatsache, daß die Wälder ringsum voller deutscher Soldaten waren. Sie kamen auf den Hof, wollten sich einmal richtig im Stall waschen, kauften Milch oder ein paar Eier. Auch weiterhin lud Frau Gosda sonntags zwei Männer zu Kaffee und Kuchen ein. Aber erzählen konnten die uns wenig, sie wußten selbst nichts. Die Unruhe ließ uns nicht los; und so bezogen wir beide jeden Abend im Dunkeln unseren Platz hinter der Gardine.
Einmal pochte es plötzlich ans Fenster. Wir schra­ken zusammen und sahen uns entsetzt an. Dann hörten wir eine Stimme: „Erschrecken Sie nicht! Wir sind deutsche Soldaten und gehen nachts Patrouille um Ihr Haus.“
Das war beruhigend, aber auch er­schreckend: Was ging hier vor? Wir mußten etwas tun. Würden wir evakuiert oder müßten wir fliehen?
Am anderen Morgen machten Horst und der dumme Paul den Leiter­wagen lang und trugen eine Truhe, Holzkisten und ein kleines Schränkchen auf den Hof, aus denen ich mit Seifenlauge Spinnweben und Staub herausscheuerte. In der Sonne soll­ten die Behälter gut trocknen. Die Bäuerin hatte im Haus zu schaffen. Wahrscheinlich suchte sie Betten, Kleider und Wä­sche zusammen – alles für eine Flucht. Gerdchen und Ille spielten in der Nähe mit ihren Puppen. Klein-Christa schlief drinnen in ihrem Bettchen. Wo war Willein? Er war nicht zu sehen.  

„Ich bleibe hier!“
Da kam die Postfrau auf den Hof und übergab mir einen Brief. Nanu? Ein Schreiben vom Arbeitsamt Marienwerder:
„Ihr studentischer Ernteeinsatz ist hiermit beendet. Packen Sie sofort Ihren Koffer und melden Sie sich morgen bei uns auf Zimmer Nr. ... zwecks Empfang einer Fahrkarte zur Rückkehr in Ihren Hei­matort.
Nachsatz: Bei Verspätung Ihrerseits könnte Ihre Eisenbahn­strecke nicht passierbar sein. Wir würden dann dafür sorgen, daß Sie von Königsberg aus mit dem ‚Seedienst Ostpreußen’ in Ihre Heimat gebracht werden.“
Da saß ich nun mit dem Blatt Papier in der einen und dem Putzlappen in der anderen Hand auf einer Kiste und begriff erst allmählich, was der Inhalt bedeutete: Sofort alles hin­werfen und nach Hause fahren. – Das ging doch nicht!
Ich konnte die Frau und ihre Kinder jetzt nicht alleinlassen. Gleich würde Krieg sein!
Aber die Eltern zu Hause! Sie ängstigen sich. Mein Gott, was sollte ich tun?
Ich starrte vor mich hin. Die Tränen liefen, ohne daß ich es wollte oder beachtete.
„Mama, Mama, komm! Die Erika weint!“  
Ich hatte es nicht gemerkt, daß die kleinen Mädchen herge­laufen waren und mich anschauten. Augenblicklich stand auch die Bäuerin neben mir und nahm mir den Briefbogen aus der Hand. Sie las und stöhnte: „Was soll nun werden? Jetzt bin ich ganz allein!“
Und ihre Tränen wogen schwerer als die meinen.
Da kam ich zu mir: Ich hatte dem scheidenden Bauern mein Versprechen gegeben und beschloß: Ich bleibe, gleichgültig, was kommen mag! Auch Abenteuerlust – wie manchmal in meinem Leben – überkam mich, als ich den Treckwagen, die Kisten und Kasten sah: Pferdchen lenken! Ich war jung und wußte noch nicht, was Krieg und Flucht bedeuteten. Ich lachte und rief: „Ich bleibe hier!“
Die Kinder hatten gemerkt, daß hier etwas Schlimmes vor sich ging. Nun sprangen sie herum und jauchzten: „Die Erika bleibt hier!“
Die Mutter lächelte glücklich und umarmte mich. Damit war die Sache erledigt, und jeder ging weiter an seine Arbeit. – Dies war wohl der eigentliche Beginn unserer lebens­langen Freundschaft.
Einige Tage später kamen plötzlich Militärautos, Panzerwagen, Kriegsgerät auf den Hof gefahren. Soldaten waren geschäftig, liefen umher. Pferde wieherten, Lärm, Bewegung und Rufe. Unsere Kinder überall dazwischen, Jungen wie Mädchen. Sie hatten ihre große Zeit, wußten nichts vom Ernst der Lage. Auch wir beiden Frauen wurden von diesem Trubel aus der Bahn geworfen, mußten nur sehen, daß wir abends zur rechten Zeit das Vieh fütterten und die Kühe molken.
Ganz früh am nächsten Morgen waren wir schon wieder auf den Beinen. Die Pumpe im Stall streikte. Wir hatten kein Wasser: „Schnell, ihr Jungen, wir müssen an die Quelle fahren, Was­ser holen!“
So lief ich mit den beiden Großen davon. Wir waren nicht lan­ge fort – eine Viertelstunde, zwanzig Minuten. Als wir wieder auf den Hof kamen, war er leer – kein Auto, keine Kanone, kein Pferd, kein Wagen – überhaupt kein Mensch mehr. Wo waren alle geblieben? Weg! Ganz plötzlich!
Es war der Morgen des 1. September 1939 – Krieg! Der Beginn des Zweiten Weltkrieges! Der Anfang des schrecklichen Endes!
An den folgenden Tagen war Bewegung auf der Chaussee, die in geringer Entfernung am Gehöft entlangführte. Ununterbrochen zogen die Kolonnen der Soldaten vorbei in Richtung polnische Grenze bei Garnsee. Es war heiß in diesen Septembertagen, die Sonne brannte. Die Männer waren verstaubt und durstig. Die Kinder liefen an die Straße, schrien und winkten. „Kinder, bringt ihnen etwas zu trinken, sie haben Durst!“
Auch ich rannte den Ausweg entlang, weg von der Abwasch­schüssel, manchmal noch das Trockentuch in der Hand, wenn die Kinder riefen: „Erika, komm schnell!“
Dann kehrte draußen wieder Ruhe ein. Nur vereinzelt fuhr ein Auto vorbei, ritt ein Soldat auf der Chaussee entlang. Die Front war weit ins polnische Land vorgedrungen. Wir merkten nichts mehr davon und räumten die Fluchtsachen ins Haus zu­rück. Der Leiterwagen wurde auf seine normale Länge gezogen und in den Schuppen gefahren. An Flucht brauchten wir nun nicht mehr zu denken, auf dem Bauernhof begann wieder der Alltag mit all seinen Arbeiten.
Ende Oktober 1939 kam der Hofbesitzer Karl Gosda nach Hause. Ich fuhr nach einigen Tagen zu meinen Eltern nach Stolp zu­rück. Die „Erntehilfe“ war erfüllt, die Semesterferien neigten sich dem Ende zu. 

Abschied vom Bauern, Abschied vom Hof
Polen war besiegt und besetzt. Die Bauern wurden heimgeschickt, damit sie ihr Land bestellten und ihr Vieh besorgten. Karl Gosda hat das nicht lange tun können. Er hatte sich in der Hitze der Tage und der Kälte der Herbstnächte bei dem Kriegsvormarsch erkältet und bald darauf eine Lungenentzün­dung zugezogen, die sich zur Schwindsucht ausweitete. Er starb im folgenden Jahr 1940, als sein ältester Sohn Horst noch ein Kind von elf Jahren und der Hoferbe Willi Gosda zehn Jahre alt war. Ein furchtbares Unglück, das die Familie traf. Wie sollte es auf dem Hof weitergehen?
Alma Gosda trug nun alle Verantwortung, alle Last und Arbeit allein. In den Jahren 1940 bis 1944 besuchte ich sie mehrmals. Noch fünf Jahre, dann ereilte die Familie dasselbe Schicksal wie alle Deutschen damals im Osten: Sie flohen 1945 vor der heranrückenden Front oder wurden in den folgenden Jahren aus­gewiesen. In diesen Wirren verloren auch wir uns aus den Augen – Alma Gosda mit ihren vier überlebenden Kindern und ich, ihre damalige Studentin Erika. 

Freundschaft über den Tod hinaus
Doch irgendwann entstand wieder eine Verbindung von Sachsen nach Thüringen und später ins Birkenfelder Land, wohin ich mich mit meiner Familie ein zwei­tes Mal auf die Flucht begeben mußte. Die briefliche Verbin­dung blieb, und die Freundschaft dauerte bis zum Lebensende von Alma Gosda im Jahre 1986.
Doch die Geschichte dieser Freundschaft reichte über den Tod der Mutter hinaus. Die Gosda-Kinder vergaßen ihre Erika nicht. Ich glaube, das lag daran, daß die Mutter die Briefe ihres einstigen Studenten-Mädchens immer zum Lesen bereit legte, wenn die Kinder zu ihr zu Besuch kamen.
Ich wußte nichts davon. Ich erfuhr aus Almas Briefen wohl vom Ergehen und Schicksal ihrer Kinder. Aber ich hatte keine Vor­stellung und kannte nicht das Land, in dem sie im äußersten Zipfel der DDR bei Görlitz lebten. Zudem war mein eigenes Le­ben mit Arbeit und Sorgen um meine Familie erfüllt. Es blieb wenig Zeit für Gedanken um das Leben der anderen. Doch die Wurzeln der Freundschaft lebten wohl im Verborgenen weiter und trieben plötzlich neue Blüten, als die Mauer zwischen Ost und West 1989 fiel – ein Geschenk der deutschen Einheit für uns!
Ilse – die „süße Illemaus“ von damals – hatte nach Mutters Tod die Verbindung nicht ganz abreißen lassen. Aber nun setzte sich Gerdchen – damals die „wilde Hummel“ – einfach in den Zug, fuhr die ganze Nacht hindurch und stand am Morgen in Idar-Oberstein auf dem Bahnhof. Würden wir uns wiedererkennen?
Sie war für mich immer noch das kleine, dünne Mädchen vom Bauernhof in Niederzehren, jedoch: Fünfzig Jahre waren vergangen. Dann passierte etwas Eigenartiges: Sie wurde meine kleine Schwester. Es kam durch einen indischen Perlenhändler, dem ich – allein schon wegen der Sprachschwierigkeiten – die Vorgeschich­te nicht erklären konnte, auch nicht wollte. Auf seine Frage bei einem geschäftlichen Gespräch gab ich intuitiv zur Antwort: „Sie ist meine jüngere Schwester!“ Wir sahen uns vor der Tür fassungslos an und fielen uns in die Arme. Eine alte Freundschaft zwischen Bäuerin und Studentin war zu einer verwandtschaftlichen Beziehung geworden, später in beglückendem Einverständnis aller Geschwister.

*) heute Czarne Dolne und Kwidzyn in Polen

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