Leseprobe aus den Buch:
Bild Guten Morgen, Herr Lehrer
Siegfried Kirchner, Manfred Wenderoth, Egon Busch
Drei Dorfschullehrer erzählen

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Manfred Wenderoth
Das erste Jahr im Amt: Der junge Dorfschullehrer Manfred Wenderoth am Schreibtisch in seiner Dienstwohnung. Foto: aus dem Privatbesitz des Verfassers.

Maulwürfe

von Manfred Wenderoth  //  Dreifelden, Westerwald, Rheinland-Pfalz, 1963/63

„Guten Morgen, Herr Lehrer!"
„Guten Morgen, Kinder, setzt euch!"

Da saßen sie in ihren Bänken, vorn die Kleinsten, schüchtern und abwartend, die Abc-Schützen, Neulinge, die am zweiten Schultag vom neuen Lehrer in die Schulgemeinschaft aufgenommen worden waren; hinten, lässig-souverän, die Großen, die Achtklässler; die übrigen Jahrgänge dazwischen. 23 Kinder, zusammengeführt im einzigen Unterrichtsraum ihrer einklassigen Volksschule, in gespannter Erwartung; Was hat er da vorn uns heute zu bieten? Gut vorbereitet, Herr Junglehrer?

Na, dann legen Sie mal los! Sie wissen ja, was man höheren Orts von Ihnen erwartet: Das Stoffangebot in den verschiedenen Fächern den unterschiedlichen Altersstufen zeitlich gestaffelt in kind- und altersgerechter Form und möglichst nach individueller Auffassungsgabe in wechselnden Unterrichtsformen häppchenweise nahezubringen und dabei die Lernfortschritte abzurufen und zu dokumentieren. Bitte sehr! Dabei wird Ihr Engagement und Gestaltungsrepertoire den Lernerfolg wesentlich mitbestimmen.
Ich weiß, ich weiß. Planung ist das A und O: Wer hat wann wie lange und warum und in welcher Form was zu tun ...

Die Bestätigung, ob man seine Ziele auch erreicht hat, konnte man in bescheidenem Umfang von den Kindern abrufen. Nachhaltiger aber lieferte sie das Schulleben selbst, besonders in den Augenblicken, da die Kinder aus eigenem Antrieb aktiv wurden. Wenn zum Beispiel die großen Jungen sich unvermittelt ums große Aquarium scharten und beratschlagten, ob Filter oder Wasserpflanzen ausgetauscht werden müssten, damit die Stichlinge sich wieder vermehrten; wenn sie in den Pausen die Messwerte unserer kleinen Wetterstation sorgfältig in die Tabelle eintrugen oder das Laufwerk des Windrades freilegten und reinigten. Wenn die Mädchen nicht nur die Fensterbänke mit Blumentöpfen ausstatteten, in denen sie frisch gesteckte Blumenzwiebeln zum Blühen bringen wollten, sondern auch das Lehrerpult mit Feldblumen schmückten, deren Namen sie sich hin und wieder von ihrem Lehrer bestätigen ließen: „Das hier wär’ das gemeine Schöllkraut, sagt meine Oma: Stimmt das?"
„Und das da die stinkende Nieswurz", meinte Katrin, „aber riechen Sie mal! Riechen Sie was?"

So wurde ich gleichsam mit der Nase drauf gestoßen: Hier ging’s um landläufiges Allgemeinwissen aus der Botanik. Wenn ich mich von der Vielfalt der heimischen Flora nicht überrumpeln lassen wollte, sollte ich mich wappnen und nachmittags mit dem Pflanzenbestimmungsbuch unterm Arm die Gemarkung durchstreifen und nach Gewächsen absuchen, die am folgenden Tag auf meinem Pult landen könnten. Denn spätestens nach der Schneeglöckchen-Erfahrung hätte ich wissen können, in welchem Ausmaß kindliche Eigentätigkeit das Schulleben bereicherte. Also nichts wie raus – auch auf die Gefahr hin, das weitverbreitete Vorurteil, Lehrer übten sich halbtags im Nichtstun, unter den aufmerksamen Augen der Dreifelder Bevölkerung zu bestätigen.

Was mir auf meinen ausgedehnten Streifzügen neben der verblüffenden Vielfalt heimischer Flora auffiel, waren die vielen Maulwurfshügel auf Wiesen und Weiden. Die Jahreszeit der erwachenden Natur steigerte offenkundig, sehr zum Leidwesen der Landwirte, auch die Arbeitslust jener geheimnisvollen Tunnelbauer, von denen ich bislang noch nie ein Exemplar zu Gesicht bekommen hatte. Was für ein tolles Thema für den Naturkundeunterricht!, schoss es mir durch den Kopf: jahreszeitlich angemessen, lehrplankonform, wirklichkeitsnah und vor allem anschaulich. Musste ich zu diesem Zwecke doch nur die Schautafel einsetzen, die ich in der Lehrmittelkammer unlängst entdeckt hatte: „Nützliche Insektenfresser unter Tage", unter anderem mit einem kuscheligen Maulwurf, ausgestattet mit einem seidig glänzenden schwarzen Fell und den arttypischen Grabschaufelfüßchen. Und dieses anschauliche Bild wäre zu ergänzen durch die äußerst aufschlussreiche sprachgeschichtliche Entwicklung seines Namens: Maulwurf = Erd(auf)werfer aus dem Mittelhochdeutschen mul(l)e = gemahlene Erde.

Für diese Unterrichtsstunde die richtige Motivation zu schaffen, war eine Kleinigkeit: „Kinder, schaut mal raus aus dem Fenster über die Wiesen und Weiden hin! Fällt euch was auf?" ...
„Richtig. Sieh mal an! Was ihr schon alles wisst! Morgen wollen wir uns in Naturkunde genauer mit diesem kleinen Untertage-Arbeiter befassen."
Wie man diese Stunde strukturiert? Kein Problem.
Wann und wie man Unterrichtsmittel einsetzt? Kein Problem. Wie man dabei ergebnisorientiert vorgeht? Kein Problem. Na, dann wären wir so weit!
Zuerst die geschickte Hinführung zum Thema in wenigen Sätzen: Frühling – Wiesen und Weiden – Maulwurfshügel ...
Leichte Unruhe in den hinteren Reihen? Was ist?
„Volker und Heinz, legt sofort eure sperrigen Tüten ...! Moment mal: Was habt ihr denn da drin? Lasst mich reinsehn!"
Volker hatte seine Tüte bereits ausgekippt. Da lag er, ein kleiner putziger Kerl in seinem schwarzen Fell, leblos, auf dem Tisch.
„Oh! Ein toter Maulwurf! Wo hast du den denn gefunden?"
„Gefunden? Gefangen hab ich den."
„Nein, bitte, Volker! Doch nicht gefangen!"
Einen Schritt war ich zurückgewichen.
„Gucken Sie mal, Herr Lehrer, meiner ist größer, wahrscheinlich ein Männchen, frisch gefangen heute Morgen", verkündete Nachbar Heinz. Ein zweiter Maulwurf lag auf dem Tisch. Tot.
„Aber Heinz!"
Zwei tote Maulwürfe! Mit einem Rundumblick prüfte ich die allgemeine Reaktion. Wo ich auch hinschaute: überall verhaltenes Grinsen, das Grinsen von Mitwissern.
„Fühlen Sie doch mal! So schön weich das Fell!"
Rita war zur Stelle und strich dem Maulwurf übers Fell, hin und her, und kein Strich war zu sehen und wahrscheinlich auch nicht zu fühlen ...

Ich spürte ihre Blicke. Gerade diese naturgegebene Zweckmäßigkeit des Maulwurffells hatte ich später mit ihnen erörtern wollen. Viele Hände strichen jetzt über das Maulwurfsfell, so als wollten sie’s mir begreiflich machen: Trau dich!
Wie konnte ich angesichts meiner Gefühlswallung wieder Herr der Situation werden? Ich spielte auf Zeit: „Soso, gefangen habt ihr sie ..."
„Hier. Mit meiner neuen Falle. Noch ganz blank ist die."
Und Günter, mit einem geringschätzigen Seitenblick auf Volkers neueste Errungenschaft: „Neu, na ja. Trotzdem, Ringfallen will ich keine mehr, Schnappfallen sind besser."
„Wie bitte? Du auch, Günter?"
Ich hoffte, sie durch deutliche Missfallensäußerungen zu beeindrucken. „Wieso besser?"
„Die gucken oben aus dem Gang raus, wenn du sie gespannt hast, und du findest sie alle wieder, auch wenn mal eine verwühlt ist."
„Quatsch. Ich merke mir genau, wo meine Fallen stehen."
„Ach, dann hat, wenn ich recht verstehe, jeder von euch Jungen solche Fallen?"
„Klar. Die Großen fünf oder sechs, die Kleinen drei."
„Und was macht ihr mit den toten Maulwürfen? Hat euch bisher niemand gesagt, dass Maulwürfe überaus nützlich sind, weil sie die Schädlinge unter der Erde wegfressen?"
„Nützlich? Alle Leute im Dorf sind froh, dass wir sie fangen. Die Maulwurfshügel überall auf den Wiesen sind so groß, dass das Mähwerk beim Mähen stumpf wird oder kaputtgeht; deshalb müssen im Frühjahr die Leute über die Wiesen gehen und die Haufen glatt streichen. Also fangen wir sie. Für jeden Maulwurf gibt’s beim Bürgermeister 20 Pfennig. Der schickt die Schwänzchen ans Landratsamt und kriegt 25 Pfennig fürs Stück. Stimmt’s, Hannelore?"

Mein fragender Blick ging die Bankreihe entlang, da saß sie, die Hannelore, des Herrn Bürgermeisters Enkelkind, und nickte. Ja, so war das. „Kinder, über alles, was ich hier höre, kann ich mich nur wundern."
Peter meldete sich: „Herr Lehrer, einmal hab ich Geld kassiert für Maulwürfe, die ich gar nicht gefangen hab."
„Wie das?"
„Ich hab‘ dem Bürgermeister drei Maulwürfe gebracht und das Geld dafür gekriegt. Danach bin ich aber nicht gleich heimgegangen, weil ich einen Verdacht hatte."
„Einen Verdacht?"
„Ja, einen Verdacht. Ich hab‘ nämlich gesehen, wie der Bürgermeister gleich wieder aus der Stalltür rausgekommen war und was auf den Mist geworfen hat."
Ich stutzte, die andern kicherten.
„Sofort bin ich hingeschlichen und hab‘ sie gefunden."
„Was hast du gefunden?"
„Die Maulwurfschwänzchen. Ich glaube, der schickt die gar nicht alle nach Westerburg."
„Mein lieber Peter, jetzt habe ich einen Verdacht."
Der lachte: „Richtig, am nächsten Tag hab ich sie noch mal abgeliefert."
Selbst Brigitte traute sich jetzt, ihren Beitrag zum Thema zu liefern: „Meine Tante hat gesagt, für einen Kostümkragen braucht sie zehn oder zwölf Fellchen.

Auch wenn mich das mörderische Treiben auf Wiesen und Weiden mehr und mehr entsetzte: Jetzt musste die ganze Wahrheit auf den Tisch!
„Dann sagt mir noch eins: Wann und wie oft kontrolliert ihr eure Fallen?"
„Jeden Morgen, zwischen 5 und 6 Uhr."
„Wie bitte?"
„Klar, dann graben sie. Weiß doch jeder."
„Auch heute Morgen, im dicksten Regen?"
„Klar, dann graben sie noch mehr – wegen der Regenwürmer."
„Und anschließend geht’s sofort in die Schule?" – Mein prüfender Blick richtete sich auf Schuhwerk und Hände der Kinder. „Moment: Und womit grabt ihr? Mit bloßen Händen?"

Bis dahin hatte ich mir nicht im Traum vorstellen können, einmal Schulkinder auf saubere Hände und Fingernägel kontrollieren zu müssen, vom Schuhwerk ganz zu schweigen. Aber da gab es kein Versteckspiel; alle Maulwurfsfänger streckten mir freimütig ihre Extremitäten entgegen; Gerd verstellte mir gar demonstrativ den Weg mit seinen Gummistiefeln: „Gucken Sie, die sind sauber, die hab ich vorm Kuhstall mit dem Schlauch abgespritzt, obendrauf und unter der Sohle. Hier!"

Keine Chance für mich, sie in punkto Sauberkeit zur Rede zu stellen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich als gewissenhafter Staatsdiener auf meinen Lehrauftrag zu besinnen und für den Rest meiner Maulwurfsstunde ein Hohelied auf den unschätzbaren Nutzen dieses possierlichen Tierchens als Larven- und Insektenvernichter anzustimmen. Welchen Eindruck ich damit bei meinen Kindern hinterließ, war in diesem Augenblick nicht auszumachen. Jedenfalls gab ich ihnen die Gelegenheit, bei der Abfassung ihres Berichtes unter der Überschrift „Der Maulwurf – ein nützlicher Insektenfresser" über das Gehörte nachzudenken – sofern ihr Jagdtrieb ihnen Zeit dazu ließ.

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