Leseprobe aus dem Buch:
Bild Schwarz über die grüne Grenze
1945-1961. Als Flucht noch möglich war
Reihe Zeitgut Band 24

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Das konnte schiefgehen

Claus Fritzsche an Schreibmaschine
1954. Claus Fritzsche bei seiner Nebenbeschäftigung - der Übersetzung technischer Literatur aus dem Russischen. Foto: Fritzsche/Zeitgut aus dem Buch "Schwarz über die grüne Grenze".

Claus Fritzsche (gekürzte Fassung)

Seit Ostern 1954 war ich stolzer Besitzer eines fahrbereiten Personenkraftwagens, dem ich den Spitznamen „Troll“ gab. Der zum Schrottpreis von 350 Mark der DDR gekaufte Grundstock eines DKW F7, Baujahr 1934, war durch sehr fähige aber auch geldgierige Freizeit-Autobauer wieder zum Leben erweckt worden und diente nicht nur zum Fahren, sondern auch als Statussymbol. Wer 1954 in der DDR einen PKW, so alt der auch war, sein eigen nennen konnte, der stellte schon etwas dar. Den stolzen Preis von 5.500 Ostmark für das neuwertig aussehende Gefährt konnte ich aus dem Honorar meiner Nebenbeschäftigung mit Übersetzungen technischer Literatur aus dem Russischen „abzweigen“.

Der „Politkrimi“, den ich hier erzählen will, begann mit Problemen der Kraftstoffbeschaffung. In jenen Jahren waren nicht nur die meisten Lebensmittel, sondern auch der Kraftstoff für Autos rationiert. Wer seine Marken, die Abschnitte der jeweiligen Monatszuteilung, verbraucht hatte, erhielt ohne Marken weder Lebensmittel noch Benzin. Ich tankte regelmäßig an der heute nicht mehr bestehenden Tankstelle am Magdeburger Damaschkeplatz. Der Inhaber dieser Tankstelle war mir sehr sympathisch. Dies nicht nur wegen seiner Position als Herrscher über Tausende Liter Benzin und Diesel, sondern auch in menschlicher Beziehung. Aus seinem Verhalten glaubte ich ableiten zu können, daß auch er gewisse Sympathien für mich hegte. So war ich nicht sehr überrascht, als er mir zum ersten Mal für eine Tankfüllung von 20 Litern nur Marken über 10 Liter abnahm und das Öl im Gemisch ganz ohne Marken abgab. Das passierte mehrmals, und wir haben uns immer nett unterhalten. Dabei erfuhr der freundliche Mann, daß ich ziemlich regelmäßig nach Berlin fuhr. Mir wiederum wurde eines Tages klar, daß er mich so großzügig bedient hatte, weil er sich auch von mir einen Gefallen erhoffte. Er fragte mich nämlich: „Fahren Sie in den nächsten Tagen wieder mit dem Auto nach Berlin?“
Ich bejahte das.
„Meine Frau möchte zusammen mit ihrer Freundin mal in West-Berlin einen Einkaufbummel machen, und da träfe es sich gut, wenn die beiden mit Ihnen fahren könnten.“
Was konnte mir Besseres passieren?
Dem Tankstellenboß einen Gefallen tun – mit dem größten Vergnügen, denn das würde sich irgendwie wieder auszahlen. Meine Fahrt war ohne Familie geplant, nur mein Freund Heinz hatte sich noch als Beifahrer angemeldet.

Treffpunkt mit den zusätzlichen Passagieren war die Tankstelle. Als die beiden Damen dort vor mir standen, schwante mir Schlimmes. Mein Eindruck, das sind zwei kaufwütige Typen, war rational nicht erklärbar, aber emotional erdrückend. Der äußere Habitus ließ erkennen, daß nicht nur die Frau des Tankstellenbosses auf einer soliden finanziellen Basis lebte, auch die Freundin ließ äußerlich daran keinen Zweifel.
Heinz muß zu ähnlichen Schlüssen gekommen sein. Er gab mir zu verstehen, daß wir die Mitfahrerinnen dringend warnen müßten, die Rückfahrt mit uns mit nicht zu umfangreichen Einkaufsbeuteln aus West-Berliner Geschäften anzutreten. Die Damen versprachen hoch und heilig sich zu bremsen. So trennten wir uns auf dem Vorplatz des S-Bahnhofes in Babelsberg, wo wir uns bei einbrechender Dunkelheit zur Rückfahrt wieder treffen wollten.

Zur vereinbarten Zeit traf zuerst ich ein, dann kam Heinz und dann … gingen uns die Augen über!
Unsere Mitfahrerinnen näherten sich ächzend unter der Last riesiger Reisetaschen und schienen auch an Körperfülle seit dem Morgen um ein Erhebliches zugenommen zu haben. Aus der Nähe betrachtet, erwies sich ihre Beleibtheit als Summe mehrerer Schichten übereinandergezogener Oberbekleidung. Die Damen mußten in West-Berlin ein kleines Vermögen ausgegeben haben!
Meine erste Reaktion nach äußerst kühler Begrüßung war: „Sehen Sie zu, wie Sie nach Hause kommen, in meinem Auto werden Sie nicht nach Magdeburg fahren. Ich habe Ihnen gesagt, daß unterwegs Kontrollen zu erwarten sind, und wenn wir geschnappt werden, bin ich genauso dran wie Sie!“
Das war nicht geflunkert. Die Kontrolleure der Volkspolizei fragten nicht danach, wer im Westen was eingekauft hatte. Die Ware wurde konfisziert und alle Insassen eines derart gefledderten Fahrzeuges auch noch mit einer saftigen Strafe belegt. Erschwerend kam hinzu, daß ich Unterlagen in meiner Aktentasche mitführte, die den Stempel „Vertrauliche Dienstsache“ trugen. Das waren sowjetische staatliche Standards (GOST), die mir in Berlin im Amt für Standardisierung zur Übersetzung übergeben worden waren. Mit derartigen Dokumenten durfte man die Westsektoren nicht passieren.
Aus Erfahrung wußte ich bereits, daß bei den Kontrollen auf der Chaussee zwischen Potsdam und der Autobahn-Auffahrt Michendorf immer nur nach West-Waren gesucht wurde. Niemals hatten die Filzer oder meist Filzerinnen in meine Aktentasche geschaut. Wenn wir aber mit diesem von den Damen herangeschleppten Warenlager aufflogen, dann würde es Leibesvisitationen geben; von jeder Tasche, der kleinsten Tüte das Innerste nach außen gekehrt werden. Nicht auszudenken, welch bürokratischen Sturm die Entdeckung der vertraulichen Unterlagen in russischer Sprache auslösen würde! Noch bei meinem neuen Arbeitgeber – dem Amt für Standardisierung – würden davon die Fensterscheiben klirren! Mir war völlig klar, daß ich dann von diesem Amt nie wieder einen Auftrag erhalten würde.
Die Gefahr, in die die Frauen auch uns Männer mit ihrer Einkaufswut bringen konnten, ließ sie völlig ungerührt. Im Gegenteil, sie wurden aggressiv, nannten uns beide – Heinz und mich – Betrüger und Mistkerle, und das taten sie mit erstaunlicher Lautstärke, so daß ein zufällig vorbeikommender Vopo sich hätte bemüßigt fühlen können, nach dem Grund der Auseinandersetzung zu fragen.
Es war Heinz, der den Versuch wagte, mich zu beruhigen: „Es ist doch schon ziemlich spät. Der größte Strom der West-Berlin-Besucher ist doch längst durch, und die Kontrollorgane haben ihr Soll bestimmt schon erfüllt.“ ... „Dein Wort in Gottes Ohr“, ließ ich resignierend verlauten, und so begannen wir, die Taschen und die aufgeplusterten Weibsbilder in dem nicht sehr geräumigen F7 zu verstauen. Der kleine Kofferraum reichte für die riesigen Reisetaschen nicht aus, denn ganz mit leeren Händen waren auch Heinz und ich nicht aus West-Berlin zurückgekommen. So saßen dann die Damen im Fond eingequetscht zwischen den Ergebnissen ihrer Einkaufswut, und meine einzige Genugtuung war der Gedanke daran, wie fürchterlich die Damen da hinten schwitzen würden.
Endlich bewegte sich die Fuhre, anders konnte man das überladene Gefährt nicht nennen, auf der Straße gen Süden, die aus Potsdam heraus eine nicht unerhebliche Steigung aufweist. Der „Troll“ quälte sich im zweiten Gang den Berg hinauf, wo an der „Paßhöhe“ gewöhnlich die rote Lampe aufleuchtete und der Fahrer unmißverständlich zum Halten am rechten Straßenrand aufgefordert wurde. Die minimale Geschwindigkeit war mir angenehm, wurde doch dadurch der befürchtete Augenblick noch etwas hinausgeschoben. Wir erreichten die Höhe und – kein Stoppzeichen! Heinz hatte recht behalten; die hatten ihren Kontrollposten bereits abgebaut! ...

Die Raststätte Michendorf lag noch keine zwei Kilometer hinter uns, da schreckte uns ein rotes Blinklicht aus der Siegessicherheit. Noch wollten wir nicht an eine Kontrolle glauben. Heinz versuchte, uns zu beruhigen: „Da kann nur ein Unfall passiert sein. Die lassen doch Fahrzeuge auf der linken Spur vorbei.“
Vom Erkennen des Blinklichtes bis zur Ankunft am Ende der Fahrzeugschlange verging weniger als eine Minute, und während dieses kurzen Zeitraumes wurde uns schon klar, in welche Falle wir hineingeschlittert waren. Neben dem Träger der Lampe standen zwei Polizisten mit geschultertem Karabiner, und ein vierter, offenbar ein Offizier, schien jeweils an die Fahrzeuge heranzutreten und Entscheidungen über Weiterfahren oder nicht zu treffen.
Bremsen, Zündung aus, linkes Seitenfenster runterkurbeln, zum Stehen kommen und warten.
Die Dreiergruppe mit dem Lampenhalter rückte uns gemächlich entgegen. Unser Vordermann in der Schlange war ein PKW mit West-Berliner Kennzeichen. Der Offizier näherte sich diesem Wagen und – winkte ihn heraus auf die linke Spur zum Weiterfahren. Nun war einiges klar: Die Kontrolle richtete sich nur gegen DDR-Bürger, und es war sehr unwahrscheinlich, daß bestimmte Personen gesucht wurden. Mit Sicherheit ging es hier um „Bannware“, also Einkäufe aus West-Berlin. Na, dann Prost!
Der vierte Mann, es war tatsächlich ein Offizier, wandte sich unserem „Troll“ zu und fauchte mit angsteinflößender Stimme: „In der rechten Spur bleiben und nachrücken!“
Sprach’s und wandte sich dem Fahrzeug hinter uns zu. Wie in einem modernen Stau quälten wir uns nun im Stop and Go Meter für Meter vorwärts, während die Anhaltemannschaft hinter uns im Dunklen verschwand. Da wir uns nun unbeobachtet fühlten, erwachte Heinz zu neuen Aktivitäten: „Ich gehe mal nach vorn und sehe nach, was da eigentlich vor sich geht.“
Quälende Minuten vergingen, bis er wieder auftauchte und seinen Bericht erstattete: „Vor uns stehen fast 40 Fahrzeuge, alle aus der DDR. Vorn sind mindestens zehn Mann dabei, die Fahrzeuge zu filzen. Die lassen alles, aber auch alles, ausräumen und sogar die hinteren Sitze rausnehmen. Alles muß auf die Straße gepackt werden, und da machen sich Frauen in Uniform darüber her.“
Heinz stieg wieder ein, er machte einen total geschockten Eindruck. Dann, zu den Damen gewandt, schimpfte er: „Wenn wir denen mit unserer ganzen Ladung in die Hände fallen, blüht uns was! Am besten schmeißen Sie den ganzen Babel in den Wald neben der Autobahn, oder Sie verpissen sich zu Fuß zum nächsten Dorf. Ich habe keine Lust, Ihretwegen Strafe zu bezahlen oder eingelocht zu werden.“
Es war ihm anzumerken, daß er nicht spaßte. Heinz war selbständiger Kleinspediteur und ernährte seine Familie mehr schlecht als recht. ... Er hatte berechtigte Angst, und ich glaube, er hätte die Damen mit Gewalt aus dem Wagen gezerrt und mit Fußtritten in den Wald befördert, wenn – ja wenn – sich die Situation nicht auf andere Weise hätte klären lassen.
Angst hatte ich auch. ... Zudem hatte ich öfter munkeln hören, daß bei Schiebereien – und diesen Tatbestand hätte man uns angelastet – auch das Transportfahrzeug konfisziert worden sei. Oh weh! Den „Troll“ verlieren, den wir unter so vielen Entbehrungen „aufgezogen“ hatten?
Nein, bloß nicht das!

Alle diese Betrachtungen spulten meine Gehirnwindungen im Zeitraffer ab, während die zweite Ebene meines „multifunktionalen Bio-Computers“ krampfhaft nach einem Ausweg aus der mißlichen Lage suchte. Ein Blick in den Außenspiegel zeigte, daß sich die Anhaltetruppe wegen des Mißverhältnisses zwischen hinten auffahrenden und vorn abgefertigten Fahrzeugen sehr weit von uns entfernt hatte. Besser gesagt, sie war nicht mehr im Blickfeld, weil die Autobahn an unserem Standort eine leichte Biegung machte. Auf der linken Spur an uns vorbei rollten in ziemlich dichter Folge westdeutsche und West-Berliner LKW und PKW. Selbst bei weit aus dem linken Seitenfenster herausgestrecktem Kopf und nach vorn gerichtetem Blick konnte ich die Filzertruppe an der Spitze der stehenden Kolonne ebenfalls nicht mehr ausmachen.
Der „Troll“ stand mit laufendem Motor, der erste Gang war eingelegt, weil wir gerade wieder um eine Fahrzeuglänge vorrücken konnten. Im Blickfeld des Innenspiegels zeigte sich auf der rollenden Spur ein, wie mir vorkam, riesiger LKW, und der rollte offensichtlich mit geringer Geschwindigkeit. Der Vordermann in unserer Spur hatte schon vorgezogen, und zwischen seinem Heck und unserer Front gab es eine Lücke von vielleicht sechs bis acht Metern ...
Was dann passierte, war das Ergebnis eines blitzartigen Entschlusses, dessen möglicherweise negative Folgen überhaupt nicht erwogen worden waren. ...

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